Über das Neue

Berliner Seiten als Theorie

In den 70ern entstanden die Stadtzeitschriften. Gegenkulturen, die einst anderes Leben politisch entwickeln wollten, lieferten nun neue spezialisierte Freizeitwelten: Programmkinos, Szenekneipen, Gastronomie und Selbsterfahrung. Irgend jemand mußte da Tips geben und die Geheimnisse der Großstadt ausplaudern – damit man wußte, wo und wie man diese kaufen kann. In den nächsten Jahrzehnten explodierte die Zahl der (Gegen-)Milieus. Die Schamfrist sank, in der sie für sich und marktfern blieben und sich um die leere Intensität interner Mikrodebatten scharten; in gleichem Maße wurden aber die Kommunikationshürden höher, die sie gegen die Nachbarmilieus errichteten. Um den scheinhaften Unterschied für die Ausstattung der sogenannten Identität besser verkaufen zu können und die Gründe für kulturelle Ratschläge an Neueinsteiger und Ahnungslose wichtiger aussehen zu lassen, wurden diese Kommunikationsbarrieren stetig erhöht. Kulturelle Segregation griff um sich. Niemand konnte und wollte etwas dagegen tun, weil das einzige Mittel gegen diesen Markt der unüberbrückbaren, aber doch käuflichen Unterschiede darin zu bestehen schien, noch einen weiteren Unterschied einzuführen. In welchem Namen auch sollte man diese Segregation bekämpfen?

Die „Berliner Seiten“ erwarben sich ihren größten Verdienst dadurch, daß sie diese Segregation praktisch kritisierten. Sie brachten alle wieder mit allen ins Gespräch: Jede Subkultur, aber auch jede unbeachtete Praxis des Lebens und Denkens, die nie „sub“, „anders“ oder „gegen“ sein wollte, die aber trotzdem niemand verstand – von der Vogelkunde bis zum Lamaismus. Aus allen möglichen Ecken des Konkreten und Empirischen tauchten Autoren auf, die sich die Augen rieben und zum ersten Mal nach langer Zeit wieder einen artikulierten Diskurs an Menschen außerhalb ihres kulturellen Kleinmilieus richteten. Natürlich brauchten auch die „Berliner Seiten“ eine Begründung, eine implizite Legitimation, in deren Namen das alles stattfand. In ihrer besten Zeit hielt man die aber erfolgreich im Impliziten. Es handelte sich um die auch andernorts als diskursiven Hoffnungsträger gehandelte Idee der Stadt als letzte Instanz konkreter, beobachtbarer Auseinandersetzungen und politischer Konflikte, als letztes Gesicht von Demokratie.

Natürlich gab es immer die Gefahr, die konkrete Stadt, Berlin, zu überhöhen, sich an ihren Repräsentanten zu sehr zu reiben oder gar das blöde Stadtschloß allen Ernstes bauen zu wollen. Doch solange die „Tausend Theorien“ noch lebten, die die praktische Kritik der Segregation auch theoretisch weiterführten, und bevor mit der Formatstutzung und Umstrukturierung der Anfang vom Ende sich abzeichnete, waren die „Berliner Seiten“ ein komplett neues publizistisches Modell. Die einzige Zeitung, die den relativ großen Fundus gemeinsamer Lebenswelt, die die Bewohner einer Stadt teilen, nutzte, um die üblichen Grenzen der Öffentlichkeiten zu ignorieren – die der Subkulturen ebenso wie die zwischen Feuilleton und Polizeibericht, zwischen scheinobjektivem Service und persönlichster Meinungsäußerung, zwischen Belletristik und Banalität.

Zuweilen konnte man hören, daß diese so gewonnene Öffentlichkeit die bürgerliche in ihrem besten Sinne sei. Leider gehört es aber zur Dialektik dieser Klasse, ihr Selbstverständnis anhand von Idealen zu formulieren, die von seiner Wirtschaftsordnung ebenso als Legitimation hervorgebracht wie in der Realität permanent unterminiert werden. Die bürgerliche Öffentlichkeit, die die „Berliner Seiten“ zu rekonstruieren versuchten, hat in ihrer anderen Gestalt als grenzenloses Konkurrenz- und Verwertungsprinzip nun zu ihrem Ende beigetragen. Das ist sehr traurig. Da müßte man was gegen tun. Aber was? Nun, vielleicht wählt man diesmal eine proletarische Kampfform: zum Beispiel den Streik. Doch wer sollte, um wen unter Druck zu setzen, streiken? Nun, vielleicht die Kollegen vom Wirtschaftsteil dieser Zeitung. Wenn sie solange solidarisch in den Ausstand treten, bis die „Berliner Seiten“ weiter erscheinen dürfen, in ihrem ursprünglichen Umfang, dann müßte man auch als Marxist konzedieren, daß sie funktioniert, die bürgerliche Öffentlichkeit.