Vier Sampler aus dem alternativen Milieu. „Unsere Szene“. „Wir sind die, die wir sagen, um damit eine Gruppe von Leuten zu bezeichnen, die niemanden ausschließen.“ – „Doch, die, die andere ausschließen wollen.“ – „Ich will sowieso nicht bei euch mitmachen.“ – „Doch, zu uns gehören ganz viele, die bei uns nicht mitmachen wollen. Wir setzen uns aus vielen Ichs zusammen. Und einigen Nichtichs.“ – „Mich werdet ihr nicht in eure Scheiße reinintegrieren.“ – „Wir haben aber geile Paradoxa.“ – „Aber meine Paradoxa sind paradoxer. Ich will nicht zu eurem Wir gehören, weil es nicht ausschließt, auszuschließen. Ich will aber weder eingeschlossen noch ausgeschlossen werden.“ – „Dann kannst du dich nicht zu uns verhalten.“ – „Ich bezahl halt nicht.“ – „Dann bist du eben von Herzen willkommen.“
Der Threadwaxing Space in SoHo, New York ist ein Indie-Rock-Ort, der darauf spezialisiert ist, Bildende Kunst nicht auszuschließen. Dafür ist er berühmt, diese eroberte Marktlücke hat ihn mittlerweile trendfähig gemacht. Mir gefallen auf dieser Traumcompilation für Spex-Leser (Threadwaxing Space Live: The Presidential Compilation 1993-1994, Zero Hour 1995) einmal The Sea And The Cake, wie sie Grateful Dead darstellen, und das erstaunlich entschlossene „I Am A Scientist“ von Guided By Voices. (Der Rest ist das übliche narzißtische Geschrängel.)
Das leitet leicht über zu Red Hot + Bothered, einer Zeitschrift-cum-10-Inch-EP (Red Hot + Bothered (The Indie Rock Guide To Dating), Red Hot / Kinetic Records 1995), die junge Leute über Safer Sex informiert und darauf hinweist, daß Paare nerven („saugen“), denn dort spielt Freedom Cruise, eine Breeders/Guided-By-Voices-Supergroup neben den mich wieder mal kalt lassenden Grifters, Liquorice, Folk Implosion (mit Lou Barlow) und den hier leider nicht an den Humor ihrer EP anknüpfenden Kinderstars von Beastie Boys Gnaden, Noise Addicts.
Das netteste Lied von der eigenen Platte der Noise Addicts, „I Wish I Was Him“, covert Kathleen Hanna wiederum für die neue Compilation (Rock Stars Kill, Kill Rock Stars 1995) der radikal-unabhängigen Kill-Rock-Stars-Organisation, der interessantesten Platte in diesem Haufen. Sie bleibt nahe am Star-mordenden Thema, obwohl auch sie die leichte Ambivalenz in dieser Evan-Dando-Veralberung – natürlich sind wir Fans, auch Fans von Evan – auf feine Weise erhält. Ansonsten gefallen die Tourettes, Helium w/The Bird Of Paradise, süffiger Sozialrealismus von Team Dresch, netter Haß von den Mukilteo Fairies und die Agit-Ska-Hymne von Rancid. Auf einer Bonus-7-Inch gibt es dann nochmal sechs Songs, darunter ein großer Rap von God Is My Co-Pilot, und süße Pfeifgeräusche von Fifth Column. Zwar ist auch hier der Rest Geschrängel, aber die Dichte, die aus den Paradoxen des Indie-Zusammenhangs, den narzißtischen Nöten, den mikropolitischen Kämpfen und dem einstürzenden Großen Ganzen gewonnen wird, hat mich wieder ein wenig mit Indie-Rock, zumindest seiner erweiterten Version, versöhnt.
Der Wicker-Park-Sampler (Experience the NOW Sound of Chicago’s HOT Wicker Park, Terminal Projects 1995) definiert sein „Wir“ als ein gewesenes, schon historisches, das aber jederzeit dort wiederherstellbar sei, wo bestimmte günstige Rahmenbedingungen vorliegen. Die Blüte dieses Boheme-Stadtteils von Chicago ist vorbei, die Spekulanten haben ihn übernommen. Erst im Rückblick darf man die Energie einer Community benennen und dokumentiert verkaufen. Ein richtiger Schritt, der sozusagen allen jetzt existierenden und noch nicht öffentlich dokumentierten Communities gewidmet ist. Verwirklicht wurde auch das Ziel, „Diversity“ darzustellen: Von Lärm über Jazz aller Epochen, „E-Musik“, „A-Musik“ bis zu Klassik ist hier alles vertreten, oft auf hohem Niveau. Das Durchhören hinterläßt die Diversity manchmal nur noch als formales Prinzip: homogen heterogen. Wir sind die, die so verschieden sind, daß sie nichts gemeinsam haben. Außer eben das.