„Sunday Morning, Early Dawning“ und „Beginning To See The Light“: Das Licht haben sie schon am Anfang gesehen. All das, wofür Künstler normalerweise alt und wahnsinnig werden müssen, hatten sie schon ganz am Anfang. Schwer, damit weiterzumachen. Die Ergebnisse kennt man. Vor diesem Hintergrund sind aber die Aktivitäten von Cale, Reed, Tucker, auch Nico und Warhol, und das nicht überbewertete lange Schweigen des Sterling Morrison noch höher einzuschätzen. Logisch, daß wer am Höhepunkt angefangen hat, noch mal dahin zurück muß, auch wenn das Aufgehen der Einfluß-Saat vor zehn, fünf Jahren sicher interessanter zu beobachten ist als heute.
Wir ziehen es aber vor, Velvet Undergrounds Wiedererscheinen nur im Hinblick auf ein Konzert an einem Juni-Abend in Hamburg zu thematisieren, nicht über Unappetitlichkeiten wie „Rückkehr einer Legende“ – dazu gibt es im Prinzip nur eines zu sagen. Gilt für Velvet, was für alle Reunions der letzten Zeit gilt? Abzockerei, uncooles Altwerden? Und ist das Gegenbedürfnis, einen Mythos Mythos sein zu lassen, eine Erinnerung nicht stören zu lassen, auf feste Werte zu beharren, nicht viel reaktionärer und dümmer in seiner Vertrauensbruchgefühlsduseligkeit als jede Reunion?
Velvet zeigten aber in Hamburg, daß sie sich darauf überhaupt nicht einließen, waren also entweder meta-abgewichst oder übercool: keine Ansagen, kein „It’s good to be back …“ (sie waren ja auch noch nie da), statt dessen: „See you again!“ Sie hökerten nicht mit dem Legendären, wie noch Cale und Reed so peinlich bei Songs For Drella, sondern machten einen äußerst lebendigen Vorschlag, wie sie ihre Musik geschichtlich eingeordnet sehen wollen. Maureen Tucker hat einfach recht, wenn sie sagt: „Wir waren noch nicht fertig, wir hatten nicht genügend Zeit.“ Ja, wir wissen, daß wir nur Vorläufige sind, und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes. So der deutsche Songwriter Brecht. Wider den Kult des Fragmentarischen!
Das Größte war, daß wir nach 23 bzw. 19 Jahren Velvet-Underground-Hören endlich verstanden haben, was diese ewige Formel bedeutet: Velvet Underground hätten Rock und Minimal-Music verknüpft. „I’m Waiting For The Man“ in einem gegen die Legende schmuddelfreien Sound, gesungen von John Cale, der auf dem Piano nicht die Akkordprogression spielte, sondern – minimalistisch – nur einen Akkord, dazu Sterling Morrisons Rhythmusgitarre: Das war das Ei des Jahrhunderts, die selten so klar und komprimiert dargebotene Essenz dieser Jahrhundertidee: Rock’n’Roll plus Minimalismus. Das war das lebende Argument gegen das Frühverstummen. Wobei noch einmal auffiel, wie interessant es doch ist, daß die „Kunst“-Figuren des VU-Kults abwesend waren, der schwule Künstler und die irre Frau, die Fragilsten und Nervösesten geblieben sind und das eigentliche Rock’n’Roll-Leben samt Schande und Demütigung und Auf und Ab in einem viel extremeren Maße erlitten haben, während die Ahnen allen sophisticateten Garagen-Rocks alle solide Familie-Existenzen geworden sind (wenn auch nach diversen Umwegen): so daß das Beherrschbare an Velvet zwar heute zum Glück und gegen alle Fragmentmystik beherrschbar ist, aber zwei Leute mal wieder ausgeschieden werden mußten, sterben mußten, bis es so weit war. Dann zeigte sich die Band als geniale Dröhn-Rock-Band. Velvet Underground waren immer dann atemberaubend, wenn entweder John Cale sang (bei allen Nico-Songs etwa) oder man sich in langen, experimentellen Dröhn-Passagen erging, die tatsächlich klangen, als hätte Velvet bei allen Stadien ihrer Imitations- und Rezeptionsgeschichte mitgehört und mitgemacht und setzten nun beim neusten Stand an. „Hey Mr. Rain“ war ein solcher Genuß, und die konzentrierte, ausgefeilte Fassung des im Original so „liebenswert unordentlichen“ „Black Angel’s Death Song“ war diesem in manchem voraus. Schwächen hatte das Kollektiv nur, wenn es um die „literarischen“ Balladen, die großen Erzählgedichte Lou Reeds ging. Da hatte man meistens das Gefühl, daß junge Imitatoren deren Geist heute besser erfassen: Niemand ist von einem überschwenglichen „Wine in the mornig and breakfast at night / I’m beginning to see the light“ weiter entfernt als Lou Reed, niemand weiter von „There are problems in these times, but none of them are mine“ als der Vaclav-Havel-Verehrer und Todesstrafenbefürworter. Aber diese Songs waren nicht nur unglaubhaft, sie profitierten im Gegensatz zu „The Gift“ („große Sensation!“), „Sunday Morning“, „Hey, Mr. Rain“, „Sticking With You“ oder „After Hours“ auch nicht davon, weitergedacht und ausformuliert worden zu sein, waren schon 1972 fertig.
Unangenehm wurde es nur, wenn Lou Reed mit seinem seit ca. zehn Jahren praktizierten, verkniffenen Knarz- und Actors-Studio-Ausdrucks-Gesang seine Solo-Hits zelebrierte („Sweet Jane“, „Rock’n’Roll“), da wurde die einzige Schwachstelle dieser wirklich vielversprechenden Band von 50-Jährigen deutlich: der Leadsänger. Da sollte man für Lou Reed Ersatz finden, als Gitarrist darf er bleiben, sollte aber unbedingt dem wunderbaren Sterling Morrison noch mehr Platz lassen.
Velvet Underground sind nicht erledigt, auch wenn der eine neue Song nicht unbedingt der stärkste war. Die Zeitreise hatte den gegenteiligen Effekt, sie zeigte Velvet-Songs nicht als Nostalgie-Material mit Patina, sondern als ausbaufähige, transparente Formeln, ein klarer, von jeder Sentimentalität befreiter Bausatz. Der trotzdem Platz für die Sentimentalität und die Gerechtigkeit läßt, John Cale Nico würdigen zu lassen. Danach wollten wir Marble Index oder Vintage Violence wiederhören. Aber die neuen Versionen sind vielleicht einfach die besseren.