Video – Tanz – Geld. Friesenwall 120, Ludwigstraße 11, Aachener Str. 40-44, sowie Marktstraße und Leopoldstraße

Wie das Leben so spielt: neulich beim Bordeaux im Bordrestaurant des ICE auf dem Wege nach München blättere ich in dem Katalog Das andere Gedächtnis, der gerade zu einer Frauenausstellung in Hamburg erschienen war, die sich mit Künstlerinnen-Karrieren auf lange Sicht beschäftigen wollte. Darin begegnet mir ein Interview mit Hilka Nordhausen (vgl. „Nachschub“ 6/91) und ihrer (anti-)konzeptkünstlerischen Arbeit mit ihrer „Buch Handlung Welt“ während der 70er Jahre in Hamburg. Ich selber war auf dem Wege zu einem DJ-Gastspiel in der (neo-)konzeptkünstlerischen „Ludwigstraße 11“. Das ist eine in München laufende Ausstellung der beiden Kölner Stephan Dillemuth und Josef Strau, die hier unter dem Namen „Friesenwall 120“ an dieser Adresse eine Art News-Room als konzeptkünstlerisches Projekt betreiben (vgl. „Nachschub“ 7/91), wo man sich zu Underground-Video-Abenden trifft, Schriften der RAF oder alte Nummern von i-D, Konkret oder Twen ausleiht oder kleine dokumentarische Ausstellungen betrachtet (oder einfach nur abhängt und antifaschistisches Bier trinkt). Der Mäzen Daxer (sein Geld kommt irgendwie von Porsche, die Aktivisten kommen von der anderen Seite: das fast schon vergessene, pikant-klassische Mäzen-Künstler-Problem), der in München seit ein paar Monaten Kölner progressive Konzept-Kunst aus dem Dunstkreis der Galerie Nagel in seinem Non-Profit „Kunstraum Daxer“ zeigt, hat die Sommermonate dem Friesenwall zur Verfügung gestellt, der dort analog eine „Ludwigstr. 11“ errichtete, mit Videovorführungen, Jugendarbeit, Autoreifen und neben vielem mehr meinem „Dreadbeat“-Ragga-Gastspiel. Hilka Nordhausen sagt über ihre Buch Handlung Welt: „Buch Handlung Welt war genau das, was ich meinte! Mein Slogan war: die Bewegung geht vom Buch aus. Durch Bücher kann man sich aus seiner Prädisposition befreien. Das war eigentlich das, was ich meinte, mein ganzes Autodidaktentum, das war darin auch präsent. Die Erkenntnis, daß man durch Bücher Handlungsfreiraum kriegt, Handlungsspielraum. Da steht sie, die deutsche Subkultur, 300 Alternativ-Zeitschriften! Das war ein einmaliger Überblick über das Geschehen in der autonomen Szene.“ Heute braucht man dazu alte revolutionäre Positionspapiere, ein Video über Oswald Wiener, eines über Hendrix und ein anderes über Raymond Pettibon, die im Friesenwall liegen, aber im Gegensatz zu Hilka Nordhausens Büchern nicht verkauft werden und daher zumindest, wenn sie auf Tour gehen, einen Mäzen brauchen. Die Buch Handlung Welt war damals Ende der 70er am Entstehen der Hamburger Karolinenviertel-Szene, ihren Künstlern und Punk-Bands beteiligt. Die Einflüsse des Friesenwall treffen noch auf eine wesentlich kleinere, für Aktivismus weniger bereite Kölner Szene, aber was nicht ist … Die Jugendarbeit-Kids aus München wollen lieber „harten Hip-Hop“ als dieses „Dr.-Alban-mäßige“ (Raggamuffin). Ich spiele London Posse, Daddy Yod im Hip-Hop-Mix, „The Wickedest Sound“. „Nein, so harten Rap zum Tanzen, so wie De La Soul.“ Hä? Einer ist wenigstens begeistert, denn „vom Tiger bin ich ganz ein großer Fan.“ Die sprichwörtliche Schickeria schaukelt sich in den Groove. Nie hätte ich gedacht, je beim Plattenauflegen in das irgendwie pessimistische Gesicht von Galerist Schöttle schauen zu müssen, nie, daß mir Ex-Kunstvereinsdirektor Zdenek Felix zu einem gelungenen Mix anerkennend zunickend gratuliert. Später kommen ein paar Party-People und tanzen. Hilka Nordhausen erzählt: „Als ich ’71/72 in die Kunstseminare ging, da hat man mir Fluxus als Kunstgeschichte verkauft, und das war noch nicht mal 10 Jahre her! Ich hab überhaupt nicht begriffen, daß 10 Jahre nichts sind. Für mich war’s Geschichte. Ich habe dann plötzlich mitgekriegt, daß die Leute alle noch leben. Da hab ich mich darüber gewundert und auch daß die immer noch weitermachen, aber überhaupt nicht mehr aktuell sind, daß die schon wieder weg sind. Damit war die Kunstgeschichte eher eine Art Falle, der ich mich entziehen wollte. Fluxus war out, Konzept Art war in, Ende der Kunstgeschichte. Was nicht präsent ist, ist nicht da. (…) Und die Geschichte mit dieser kopflastigen Konzept-Kunst, wo jeder Kunsterzieher sein Examen mit einer Konzeptarbeit machte, das war ja geradezu lächerlich. Da noch ’ne Fotosequenz und da nochmal mit Wasser und Sand gespielt. Dieser ganzen Geschichte wollte ich einen Tritt versetzen. Keine Ausstellung von Einzelarbeiten, sondern das Erstellen einer Arbeit, ein Werk, ein Zusammenhang. Darum ging’s. Eine Wandarbeit, projiziert auf den Raum, in dem was passiert. Buch Handlung Welt war keine Galerie, kein alternativer Ausstellungsort. Das Konzept der Wand war der Ausdruck einer neuen Position.“ Wo von Dieter Roth bis Oehlen/Büttner Leute eine Wand gestalteten, die dann vom nächsten übermalt wurde. „Dabei ging es auch darum, die Kunst wieder für die Malerei zu öffnen.“ Was ja bekanntlich gelang. Bei „Friesenwall 120“ geht es eindeutig darum, die Kunst wieder für die verschütteten, ins Leben eingreifenden potentiellen Brisanzen der Konzept-Kunst zu öffnen. B-H-W gehört vielleicht deswegen zu Punk-Rock wie F-120 zu Ragga? Holger Hiller, der gerade in München an einer neuen Sache von Dorau arbeitet, und damals im Karo-Viertel mit dabei, wünscht sich mehr „discomäßiges“ Zeug und tanzt dann zu „Tribal Base“. Der heiter aufgeräumte Mäzen gibt mir ein großzügiges Trinkgeld. Gepa von „Sphinxbeat“ freut sich zu Recht an der Stimme von Devon Russell. Auf der neuen Tribe Called Quest ginge es so zu: keine Samples, deepe Roots. Im „Babalu“ geraten später Maxim Biller und Stephan Geene wegen eines Biller-Satzes, „Kunstraum Daxer ist bekannt für häßliche Mädchen“, aneinander. Eine Szene wie von mir ausgedacht. Nachher über die „Love Parade“: Tekkno – deutscher Fluch oder entgrenzender Segen? Hilka: „Zu Beginn der Siebziger, wo die Kopierer aufkamen, man begann seine Sachen selber zu machen, da gab es sehr viele Zeitschriften. (…) Die Macht der Verleger zu umgehen, man ist es selbst, die eigenen Bücher … Also trägt man sie in die Buchhandlungen. Vertriebspunkte mußten her, wie auch Rip Off z. B., die was Ähnliches gemacht haben im Musikbereich, selbstproduzierte Musik als erste in Hamburg angeboten haben …“ Im Kölner „Friesenwall 120“, der während der Münchner Zeit geschlossen hat, stehen vorne im Schaufenster Antiquitäten aus der Daxer-Sammlung. Das sagt auf sehr anschauliche Weise, daß eigentlich überall, wo gerade nicht Aktivisten aktiv sind, objektiv Antiquitäten herumstehen. Totes Geld, lebendes Geld, Ragga-Hip-Hop all night long.