Wie jung sind Merz, Merkel, Wulff?
Eine neue Politikergeneration ist uns vor die Tür gespült worden, von den lehmigen Fluten der letzten Verfehlungen und Fisimatenten der sogenannten politischen Klasse. Sei es „Bürste“ Merz, sei es „Scarface“ Koch. Seien es semi-prominente Sozialdemokraten wie Sigmar Gabriel oder abstoßend autoritäre Persönlichkeiten wie der wetterfest-konservative Wulff. Ist an ihnen etwas signifikant jung und anders? Wollen wir sie irgendwo hereinlassen? Und vor allem: Was sage ich dazu, schließlich sind sie doch meine Generation?
Halblang. Wie das Haar von Frau Merkel und die Sätze von Herrn Wulff. Welchen Sinn hat die Kategorie der Generation, wenn sich für das Gewerbe der Betreffenden keine generationenspezifische Erfahrung benennen lässt? Schon Helmut Kohl hatte bekanntlich nicht mehr und auch noch nicht gedient (weißer Jahrgang); und alle weiteren haben den Krieg noch weniger mitgemacht – also was sonst sollte ihre Generationenerfahrung sein? Mal sehen.
Ich teile nicht die These von Florian Illies (Generation Golf), dass seine Generation, die heute etwa 30-Jährigen, eine Bande apolitischer Spießer sei und dies eine Neuigkeit. Schon meine Generation – bin Jahrgang ’57 – war eine Bande apolitischer Spießer. In meiner Klasse gab es drei Linke, vier SPD-Wähler und dreißig andere. Selbst die Generation davor war eine Bande von Spießern, wenn auch nicht ganz so apolitisch, weswegen es auch eine Kontinuität von Volker Rühe zu Christian Wulff gibt: in der Härte der Hässlichkeit der Halbmacht. Diese beiden Mentalitäten weichen doch kein kulturelles Nanometer voneinander ab; der einzige Unterschied besteht in der mit der Präzision von Jahresringen über den eigenen Verbrauch an drittellebendiger Vitalität Auskunft gebenden Gesichtsverschlissenheit. Zwei unterschiedlich alte Typen aus derselben Baureihe, bei geringfügigen Komfortverbesserungen bei der neueren Version (Nackenstütze).
Nein, die Nachkriegsgenerationen sind weitgehend ähnlich komponiert. Davon unterscheiden sich lediglich die Lebensläufe der fünf Prozent Abenteurer, Abtrünniger; aber auch durchaus die der opportunistischen, von Berufs wegen zu experimentellen Existenzen genötigten Kulturarbeiter. Und die einiger anderer Randfiguren. Klar, die Grenze zwischen Rand- und Zentralfigur wurde nach und nach semi-permeabel. Dennoch waren es nur die im Maße der Bereitschaft „ein Anderer zu werden“ erlebten Abenteuer, die die Biografien in einem historischen Sinne unterschiedlich werden ließen: Ein Abenteuer war zum Beispiel 1968 immer zu einem großen Teil auch ein politisches, konnte aber 1980 schon ein dandyistisches sein und war 1995 aller Wahrscheinlichkeit eher ästhetischer und/oder introspektiver Natur. Nur für diese wenigen greift die Geschichte maßgeblich in die Biografie ein. Und nur die schreiben Romane oder Essays über die Unterschiede ihrer Romane und Essays zu denen der Vorgängergeneration.
Für die meisten ist dagegen kaum mehr als eine langsam greifende Lockerung der deutschen Gehorsamskörper, eine relative Enthemmung der Jugend und eine Erweiterung des kulturellen Angebots zu spüren gewesen: zu langsam, um als geschichtlich erkannt oder erlebt zu werden. Wer sich heute über Extremsport, sexuell vermeintlich freizügige, serielle Monogamie und gesteigertes Kulturinteresse um ein kultiviert-differenziertes Persönlichkeitsprofil müht, bricht keinen Konformitätsrahmen – ja, dieser Rahmen musste sich in den vergangenen Jahren gar nicht so sehr strecken. Vielleicht sind aus den fünf Prozent Abweichlern inzwischen zwei Prozent geworden, aber das ist auch nicht der Schlüssel dafür, warum sich in der heute zur Macht strebenden Politikergeneration so wenig Unterschiede zu den Vorgängern und so wenig Reste von den Träumen ihrer Jugend erkennen lassen.
Ich teile aber auch nicht die These von Gustav Seibt (in der Zeit), dass die Jugend von heute nun ganz und gar äußerlich und dünkelhaft geworden sei. Und dass das eine mit dem anderen zusammenhänge. So dass wir fortysomethings und unsere CDU-Politiker die letzten Inhaltlichen wären. Schon meine Generation kannte eine, durchaus auch schon an Markennamen orientierte, rein äußerliche Sprache der Moden, Riten und Oberflächen – nur hatten diese Vokabeln der Erscheinung eine Semantik und eine Grammatik. Sie verwiesen auf Positionen, und das tun sie noch heute.
Lediglich in der verkrampften Extremform des sogenannten popkulturellen Quintetts (Tristesse Royale), ist diese Sprache so tautologisch auf den Hund gekommen, wie Seibt es generell den Jugendstilen vorwirft. Nur hier zeigen die Zeichen und ihre Differenzen auf fast nichts anderes als auf Preise und Statusvereinbarungen, die eben nicht mehr auf Positionen und Behauptungen, sondern nackt auf die finanziellen Verhältnisse (nicht einmal die kulturellen wie bei anderen bürgerlichen Distinktionsstrategien) der Eltern verweisen. Es ist also nicht die Sprache, die falsch ist oder ganz und gar äußerlich, sondern ein bestimmter Gebrauch dieser Sprache.
Auch dass vieles, was einst zum Abenteuer und zur Abweichung taugte, heute als Urlaubspaket käuflich im Angebot ist, ändert nicht viel am prinzipiellen Befund. Dass Differenz und Abweichung heute in gewissen Branchen bekanntlich Exzellenz anzeigen und Jobmöglichkeiten verbessern, Disziplin und Gehorsam dagegen an Ansehen verloren haben, ändert nichts daran, dass auf der nächsthöheren Ebene eine relativ stabile Konformismus/Nonkonformismus-Verteilung herrscht.
Gut, ein größerer Teil der Bevölkerung hat gelernt, eher mit locker vereinbarten als mit offiziell verordneten kulturellen Konventionen ihr soziales Terrain auszuhandeln; aber all diese Verschiebungen an der kulturellen Oberfläche lenken doch nur den Blick davon ab, dass im wesentlichen das Kleinbürgertum sich wie eh und je kulturell ins Zeug legen muss, um sich zu behaupten. Der Unterschied zwischen Gehorchen und sich freiwillig Identifizieren ist nicht groß, wenn auch der Rede wert.
Nur Menschen, die erlebt haben, dass sich durch politische, geschichtliche oder kulturelle Einschnitte eine abtrünnige, riskante Biografie massiv verändert oder eine bisher angepasste zur abtrünnigen wird (oder umgekehrt) – nur solche Menschen sind zu den politischen Leidenschaften fähig, die eine Generation von einer anderen unterscheidet. Das sind, beim Stand der Dinge und auf deutschem Boden, die 68er; und es sind Leute, die in der DDR lang genug aufgewachsen sind, um erste politische Wurzeln zu schlagen.
Jene 68er aber, die früh den Weg in eine Organisation wie die SPD gefunden haben, werden emotional nivelliert und zum Politikaster standardisiert wie Schröder, der ja auch mal ein Linksradikaler war (was man heute immer nur von Fischer hört). In einer informellen Gang-artigen Struktur konnte die politische Leidenschaft länger leben – wie bei Fischer, wo sie heute noch immerhin erkennbar flackert. Und Angela Merkel hat sich die unausgesprochene, politische Utopie der DDR erhalten, nämlich den (alten, ideologischen) Westen (aus dem Kalten Krieg) verwirklichen zu wollen. Fischer und Merkel sind als generationenspezifische Politiker zu erkennen, die anderen nicht.
Natürlich ist es mindestens so grotesk und illusionär, in der CDU den Westen verwirklichen wie mit der SPD sozialistische Politik machen zu wollen. Doch ohne Leute, die sich in der völligen Verkennung der Lage solche Ideen erhalten und sich dafür verschleißen lassen, können die Parteien einpacken. Oder sie müssen sich einen elektronischen Herbert-Wehner-Avatar basteln lassen, der Robert T-Online in tausend Pixel zerschmettert.
Politiker war früher aber immer auch eine Karriere, die mitunter genau in der Mitte zwischen einem riskanten und einem spießigen Entwurf verlaufen konnte, eine Hintertür zu Glück, Glanz und Ruhm. Heute sind Politiker erkennbar arme Schweine, die sich als Staat gegen ein Kapital stemmen, das Tendenz und Trend auf seiner Seite zu haben scheint, das frech in die Fernsehkameras jammert und den ganzen Weg zur Bank lacht. Begabte Typen, die früher in die Politik gegangen wären, gehen heute gleich in den Kapitalismus und holen sich ihren Glanz und ihre Machtkicks von der „Subkultur“ (Mark Siemons) der Banken ab, vom Lob der wahren Eliten, von ihren irren Ritualen, ihren wahnsinnigen Zeichensystemen, die den Vorteil haben, semantisch so was von gedeckt zu sein, von Milliarden, Billionen und Aberbillionen. Nur die dritte Garnitur hält ihre Gesichter in die CDU. Die anderen kaufen sie sich.