Violent Femmes

Die Violent Femmes kommen also auch ohne neues Produkt auf Tour. Sie haben die zwei LPs und Maxis wirken lassen und sich so rundum bei Hip-Jedermann durchgesetzt. Jeder weiß, daß sie wie Velvet Underground und Jonathan Richman klingen, jeder weiß, daß sie angefreeten Jazz mögen, der sich manchmal in die Songs hineinfräst und darin herumwühlt. Und jetzt hat sogar noch die alte Rock-Legende und Velvet-Schlagzeugerin Mo Tucker bei einem Konzert den Femmes live ausgeholfen.

Ja alles, was man seit Jahren predigt, geht in Erfüllung und hält sogar den Qualitätsstandard; live und auf Platte sind sie großartig geblieben, wachsende Country- und fast schon unbesiegbare 60er-Akzeptanz machen das Tor ganz, ganz weit auf für diesen verspielten, rustikalen Punk.

Aber es ist wichtig zu sagen, daß die Femmes im Gegensatz zu vielen der neuen US-Bands weitergehen, als sich an die Musik zu erinnern, die sie als Kind im Autoradio gehört haben. Sie verleihen diesen querschädeligen, prälogischen Strömungen des amerikanischen Bewußtseins neue Stimmen. Was sie da aus schlechtem Gewissen, Sexgier, selbstausgedachten Instrumenten und humoriger Coolness zusammengebastelt haben, hat eine Gültigkeit für das Amerikanische, im tieferen Sinne, wie es die Musik von The Band oder Dr. John in den frühen siebziger Jahren hatte.

In Amerika gibt es keine Zukunft, weil es keine Weltverbesserung gibt, und es gibt keine Weltverbesserung, weil man Utopia dort nicht denken kann, wo per Selbstdefinition bereits Utopia herrscht. Und in Amerika gibt es keine Vergangenheit, weil es keine gibt, außer einer weggemordeten. Das Andere, das bei uns in schöne philosophische Methoden wie Dialektik eingeht, bleibt unausgelöst und dunkel im gigantisch versponnenen Oberbau einer fortgeschrittenen, aber unaufgeklärten Nation.

In diesem Spannungsfeld stehen und lachen diese drei rührenden Femmes. Sie singen von Jesus und Vatis Auto, das man für sein Mädchen braucht, um ihr zu sagen, wie häßlich sie ist.

Daß im Vorprogramm die Associates auftreten, spricht für den Humor des Veranstalters, oder für seinen Geschmack. Das feucht-schwüle, barockmelodiöse Entertainment von Billy MacKenzie und seiner Bar-Band ist so erzeuropäisch, wie sich nur denken läßt. Das einzige, was beide Bands gemeinsam haben, ist ihre gegenwärtig herausragende Qualität.