Dieses Buch richtet sich nicht an alle und keinen, sondern an sehr konkrete, aber unterschiedliche LeserInnen. Da es sowohl aus brandneuen wie auch aus überarbeiteten, bis zu sieben Jahre alten Texten1 besteht, die darüber hinaus für sehr unterschiedliche Foren verfaßt wurden – Pop-Musik-Spezialzeitschriften, akademisches Vortragspublikum verschiedener Fachrichtungen, liberale und linke Tageszeitungen, vorwiegend politisch oder vorwiegend künstlerisch interessiertes Publikum etc. –, wechseln auch Tonfall und Darstellungsform. Vor dem kleinen, aber intensive und häufige Diskussionen gewohnten Zirkel kann ich voraussetzungsreicher sprechen, in der Tageszeitung sehe ich mich gezwungen, zuweilen in gedrängter Form zu rekapitulieren, was anderswo schon oft durchgesprochen wurde. Die notwendig verschiedenen Töne zu vereinheitlichen wäre aber nicht nur deshalb ein Fehler gewesen, weil es die ideale oder allgemeine Kommunikationssituation auch für ein Buch nicht gibt: Es gibt sie gerade unter denen, die hier sprechen oder angesprochen werden, nicht. Und weil das Verschwinden gemeinsamer Horizonte ein Thema dieses Buches ist, wäre es absurd, einen solchen kontrafaktisch auf stilistischer Ebene zu suggerieren.
Eine These dieses Buches behauptet, daß die Verbindung von Kultur und Politik trotz gegenteiliger Bekenntnisse zunehmend verloren geht. Die Vervielfältigung kultureller Milieus und als „Realität“ empfundener Einzugsbereiche von Weltanschauungen haben nicht nur Stimmen und Ausdrucksmöglichkeiten vermehrt, sondern gleichzeitig auch die selbstverständlichen Verbindungen zwischen kulturellen und politischen Orientierungen gekappt. Dies wird aber durchaus auch von denen, die diese Vervielfältigungen begrüßen, als Verlust empfunden und durch einen gesteigerten Konsum warenförmiger Weltbilder oder ein dauerhaftes Sich-Einrichten in der kognitiven Dissonanz kompensiert: Was ich gerne tue, muß nicht mehr richtig sein. Auch in Deutschland nicht.
Auf öffentlicher Ebene konnte man in den letzten Jahren die Lancierung eines Stadt- und Urbanismus-Diskurses auf der einen und eine Inflation von Pop-Diskursen auf der anderen Seite beobachten. Oft auch eine Verbindung von beiden. Diese öffentlichen Redeweisen sollten – so argumentiere ich im ersten Kapitel – den Verlust des gemeinsamen Gegenstandes, des politischen Horizontes kompensieren, und sie wurden dabei für die Interessen der verschiedensten Akteure eingesetzt. Doch sie gipfeln darin, eine neue Nation mit deutschem Pop und Hauptstadtarchitektur als neue deutsche Wirklichkeit „in den Herzen“ zu verankern – und dazu bedarf es neuer anschaulicher Vorstellungen. Dies ist nicht zuletzt auch im Interesse einer Stimulanz- und Kulturindustrie, die Gegenwartserlebnisse im Vokabular eines allgemein verbindlichen Weltbildes verkaufen muß, sonst werden die Produktionskosten zu hoch und die Stückzahlen zu gering. Kultur, die nicht im Gespräch ist, verliert ihre Attraktion. Und schließlich partizipiert auch eine oppositionelle Kultur notgedrungen an der Produktion von Stadt- und Pop-Diskursen, die politisch darauf angewiesen ist, daß die verschiedenen oppositionellen Lifestyle- und Polit-Sekten sich auf etwas einigen können oder wenigstens Bündnisse schließen.
Denn die Gegenläufigkeit der Interessen hat nicht verhindert, daß die Beteiligten – nolens volens – oft gemeinsam Diskussionen und Vorstellungen zum Kursieren bringen, die z. T. mächtiger und selbständiger wurden als die ursprünglich mit ihnen beabsichtigten Zwecke. Das gilt für all die starken Bilder von Elend und Karriere in der großen Metropole, der geilen Gefahr des Ghettos, der Rekonstruktion des Kampfes an der Innenstadtfront, der Veranschaulichung von Vertreibung und Privatisierung öffentlicher Räume etc., die – egal ob mit kritischen Absichten oder als konsumierbare Produkte oder als beides – in die Welt gesetzt, in Filmen, Köpfen, Kokainräuschen und Klischees ihr einflußreiches Eigenleben führen. Gleichzeitig waren Stadt und Pop auch Felder, an die man zu Recht Hoffnungen und Forderungen knüpfte, weil hier noch am ehesten Konflikte ausgetragen und Verhandlungen geführt werden konnten.
Während die an Pop und Stadt geknüpften Vorstellungen das Heilmittel für verlorene Anschaulichkeit, verlorene Gemeinsamkeit und verlorene Selbstverständlichkeit werden sollen, sind diese natürlich gleichzeitig Differenzmaschinen. Sie produzieren durch jedes neue zusammenfassende, verknüpfende, klarstellende (Denk-)Bild neue Differenzen, die genau die Uneinigkeit darüber, was wirklich, was relevant und was ich und wir sind, perpetuieren, die sie doch auffangen sollen. Doch während diese paradoxen Auseinandersetzungen und Produktionen toben, „eilt die Ökonomie vorbei“, wie die Zeitschrift Starship schreibt, und der Gang der Geschichte geht seltsam unbeeindruckt voran – geradewegs auf ein schwarzes Loch zu, von dem alle Themen und Felder, von denen hier die Rede ist, angezogen werden.
Dieses schwarze Loch ist Mitte. Der Berliner Stadtteil gleichen Namens, wo der deutsche Techno-Aufbruch begann, wo die Volksbühne wirkt und letzte gemeinsame Jugendidole wie Schlingensief hervorgebracht hat. Hier sprießen Galerien und Gasthäuser, sympathisch halbseidene Projekte und ehrgeizige kulturelle Produkte, Innovation und Niedertracht, elektronisch-kollektive Modernität und Genies ganz alter Bauart aus dem Boden. Dabei sind all diese Entwicklungen schon zu ihrer Geburtsstunde von einer gnadenlosen und häßlich-banalen Käuflichkeit geküßt – der man nur mit viel Freundlichkeit und Willen zur intellektuellen Novelty das Kompliment des „Postheroischen“ machen kann. Ja, und dann wird hier die Bundesregierung hinziehen. Gerhard Schröder freut sich schon auf die Flucht aus dem „Bonner Treibhaus“ und wünscht sich ein Holocaust-Denkmal, vor dem die „Berliner und Berlinerinnen keine Angst zu haben brauchen“. Denn hier gründen sie die Berliner Republik. Und die ganze Vielfalt, von der hier die Rede ist, konzentriert auf minimalem Raum, wird schließlich restlos aufgesogen von der Gravität pragmatischer Politik und Kann-nicht-anders-Kapitalismus. Seiner nationalen und kapitalistischen Schwerkraft kann anscheinend kein subkulturelles Milieu widerstehen. Man kommt sich sogar schon komisch vor, wenn man noch „sie“ schreibt, sich selbst von diesem Vorgang ausnehmend. Die neue Mitte.
Der lange Weg dahin ist dreifach besetzt. Zum einen ist es der „long, strange trip“ (Grateful Dead) einer langen Sub-und Gegenkulturbeobachtung, an dessen Ende man sich schwer vorstellen kann, daß er jenseits des schwarzen Lochs Mitte noch weitergeht. Wird er aber. Dann ist es der „Lange Weg nach Derendorf“, von dem die Gruppe Mittagspause sang (vgl. den „Krankheitsgewinn der Revolution“ in diesem Band): das Scheitern eines politischen Aufbruchs an der nächsten Straßenecke, die Erschießung des RAF-Mannes Willy Peter Stoll in einem China-Restaurant als Allegorie des Nicht-weit-Kommens. Schließlich ist dieser Weg die Schlußetappe meiner 90er-Jahre-Trilogie, die mit Freiheit macht arm (1993) begonnen und mit Politische Korrekturen (1996) fortgesetzt worden war. Ihre Themen – Hip-Hop, Re-Politisierung und elektronische Kultur, Pop-Inflation und Stadtdiskussion – scheinen an ein Ende gekommen zu sein. Wie man weitermacht, hängt sicher auch davon ab, wie man dieses Ende, das man in Berlin so so gut ansehen kann, versteht. Es ist die Frage des hier vorliegenden dritten Teils.
Doch die allgemeine Diagnose eines Endes wird immer wieder widerlegt, wenn man sich auf Einzelheiten einläßt. Diese ergeben zwar in der Summe eher Deprimierendes, aber vielleicht ist einfach das Prinzip der Addition falsch. Daher gehe ich ins Detail und versuche rund um die Trope von Stadt und Pop, von Sound und City, Wege und Ereignisse zu beschreiben, die nicht kommensurabel sind mit den Konsequenzen der per Addition ermittelten Summe. Im zweiten Kapitel – „Der Sound“ – sind das anhand von veröffentlichten und unveröffentlichten Plattenkritiken, Vorträgen und Essays dargestellte Entwicklungen der Pop-Musik in den letzten fünf Jahren. Aus solchen Momenten des unmittelbaren Kontaktes geht immer etwas Anderes hervor als aus dem Genre der Diagnose. Dann folgt eine kurze Sammlung – „Und“ – von im Hinblick auf Kalifornien entstandenen Texten, die konkrete Biographien, Städte und Kunstwerke auf ihren Umgang mit Macht und Freiheit untersuchen: Wie Übergänge und Kontinuitäten, Gleichzeitigkeiten und Ausgeprägtheiten politisch, architektonisch und ästhetisch organisiert sind. Im vierten Kapitel sind nahe und ferne Beobachtungen aus Stadt- und Szene-Diskussion zusammengetragen, von der Farce bis zur Geschichtsschreibung. Das fünfte Kapitel – „Die 90er, und dahinter die Unendlichkeit“ – sieht sich das Jahrzehnt, in dem alles Pop wurde, als Ganzes an. So wie das zweite Kapitel mit dem Nachruf auf einen Disco-Musiker beginnt, endet das letzte mit einem Nachruf auf einen Folk-Singer/Songwriter.
Ein gutes Drittel der Texte ist unveröffentlicht, weitere waren bisher nur mündliche Vorträge oder sind lediglich auf Englisch erschienen, der Rest ist in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen publiziert worden, nämlich in A.N.Y.P., Die Beute, Daidalos, Konkret, Spex, Süddeutsche Zeitung, Tageszeitung, Texte zur Kunst. Man spricht immer wieder von anderen Orten; im Namen eines Außen zum Inneren der Gruppe; als Vertreter der Gruppe, diese instrumentalisierend, zu einem imaginären Außen – oder als ganz auf sich gestellte Einzelfigur oder ganz absorbiert von der Gruppendiskussion. Zunächst aber spricht man immer mit den AuftraggeberInnen und RedakteurInnen, denen ich zuerst danken möchte: Manuela Bojadzijev, Cosima von Bonin, Sabeth Buchmann, Bice Curriger, Ralph Christoph, Andreas Fanizadeh, Stephan Geene, Isabelle Graw, Sabine Grimm, Thomas Groß, Cathy Gudis, Christoph Gurk, Carl Hegemann, Wolfgang Höbel, Tom Holert, Kasper König, Brigitte Kölle, Anetta Massie, Christian Nagel, Walter Prigge, Juliane Rebentisch, Anne Schmedding, Wolfgang Schneider, Claudius Seidl, Christian Storms, Mark Terkessidis, Uwe Viehmann, Kai Völcker, Astrid Wege, Christopher Williams, Thomas Winkler. Des Weiteren gilt mein Dank all denen, die sich mit diesen Texten oder ihren verschiedenen Vorläufern öffentlich auseinandergesetzt haben, insbesondere Marius Babias, Helmuth Draxler, Harald Fricke, Stephan Geene, Rainald Goetz, Thomas Groß, Sabine Grimm, Christian Höller, Ulf Poschardt, Felix Reidenbach, Christian Schröder und Annette Weber. Und all denen, die durch (private) Anregungen und Kritik zu ihren jetzigen Fassungen beigetragen haben: die OrganisatorInnen der Ausstellung „Baustop.randstadt,–“ Alice Creischer, Dietmar Dath, Detlef Diederichsen, Clara Drechsler, Michael Dreyer, Caroline Fetscher, Isabelle Graw, Tom Holert, Jutta Koether (die an einem Text auch mitgeschrieben hat), Ariane Müller, Albert Oehlen, Roberto Ohrt, Klaus Ronneberger, Andreas Siekmann, Mark Terkessidis, Mayo Thompson. Schließlich gilt mein besonderer Dank denen, ohne die diese Texte sich nie zu einem Buch versammelt hätten: Christoph Gurk, Helge Malchow, Martin Prinzhorn und vor allem Juliane Rebentisch.
Köln/Berlin, Herbst 1998
- Die Jahreszahlen unter den Texten beziehen sich jeweils auf die Erstfassung und damit auf die historische Realität, die jeweils zugrunde liegt. 1991 konnte ich noch nicht wissen, daß Eintracht Frankfurt ab- und wieder aufsteigen würde. Die veröffentlichten Texte sind zwar zum Teil stark überarbeitet, aber immer im Hinblick auf meine Position und den Stand der Dinge zur Zeit ihrer Erstfassung. ↩︎