Vorwort

Das Schönste am Leben sind die Pausen.
Das ist schon in der Schule so.

Roy Black & Anita, 1974

I may not have a job, but I have a good time.

Wham, 1982

Freiheit ohne Bedingungen, Freiheit statt Sozialismus, Freiheit der Presse, der Unternehmer, der Berufswahl. Freiheit war bis 1989 der Kampfbegriff westlicher Politik, nach innen wie nach außen. Jetzt ist diese Freiheit durchgesetzt worden: als Armut, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Bezugslosigkeit, Anomie. Die Reaktionen darauf wollen entweder die alten Bezüge – Obdach, Familie, Arbeit – einfach so rekonstruieren, oder sie wittern in der falschen Freiheit die Chance, die richtige zu verwirklichen, so wie noch Wham oder Malcolm McLaren in den frühen Achtzigern glauben konnten, Massenarbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit enthielten die Chance, alte situationistische („ Nie wieder Arbeiten!“) oder Hipster-Forderungen zu erfüllen. Beide Möglichkeiten fallen aber aus, sind Bezugnahmen auf einer der beiden Seiten des falschen Begriffs.

Die neue, realisierte Freiheit ist das vom Kapitalismus hinterlassene Schlachtfeld seiner Bereicherungen, die nun nur noch schlecht funktionieren. Die verödeten und ausgepreßten Gegenden, Menschen, Kulturen werden barbarisiert. Dazu wird dann allenthalben ein neues altes Gerede von der Bestie Mensch angestimmt. Der Begriff Gewalt soll Unvergleichbares gleichmachen. Rassisten und Rassismus-Opfer, Sexisten und Sexismus-Opfer und überhaupt Täter und Opfer über einen Kamm scheren, der nur eine Konsequenz zuläßt: die Bestie Mensch einzäunen, zähmen, aussperren, kurz: ohne lästige linke Einwände unterdrücken.

Nichts klebte so sehr an diesem Begriff der Freiheit wie Rock’n’Roll. Seine Stärke wie seine Schwäche war immer, daß er die westlichen Ideologien und ihre Propaganda beim Wort nahm, in seinen besten Momenten ihre kollektiven Phantasien realisiert wissen wollte. Baute man in Amerika Highways, um architektonisch und landschaftlich zu verwirklichen, was man dem Individuum wider die eigene Propaganda meist vorenthielt, Beweglichkeit, Chancen, Überraschung, Abenteuer, stand Rock’n’Roll für das widerrechtliche und zu schnelle Befahren dieser Highways. Das stabilisierte die Propaganda genauso wie es sie destabilisierte, mit unterschiedlichen Ergebnissen unterm Strich. Mit dem Ende des Freiheitsversprechens und seiner Demaskierung als Desintegration fallen auch die antiintegrationistischen und antisozialen Forderungen des Rock’n’Roll aus. Seine antisozialen Szenarien können nicht mehr Vorschein eines besseren Sozialen sein, sondern nur noch asoziale Realität. Wenigstens sind seine Psychomonster, die folgerichtig heute Rock’n’Roll-Texte bevölkern, ehrlicher und wahrhaftiger als die anderen Figuren der Gegenwartskultur, die noch irgendwelchen Schimären nachjagen: Helden der elektronischen Einsamkeit. Soviel zum Ende von Rock’n’Roll als Perspektive. Rock ist in eine High-Art und eine Low-Art zerfallen, deren Ergebnisse zwar noch von seiner besonderen Geschichte gekennzeichnet sind, aber kaum noch mit aktuellen, kollektiven Dynamiken verknüpft sind.

Die Musik der Gegenwart ist Hip-Hop. Und alle anderen Stile, die nicht von einem Ideal ausgehen (Freiheit), das dann in der individuellen wie in der kollektiven Geschichte nicht erreicht wird (Vereinnahmung, Karriere, schönes Scheitern, Selbstmord), sondern von einem perspektivlosen Ist-Zustand (Ghetto, elektronische Einsamkeit, Segregation), der eigentlich nur noch besser werden kann, aber wahrscheinlich schlimmer wird. Hip-Hop ist von Anfang an schon immer verstrickt. Für die Gegenkulturen, die ihn tragen oder von ihm fasziniert sind, bedeutet das einen anderen Politik-Bezug. War Rock’n’Roll verknüpft mit Utopien, mit Kommunismus ebenso wie parlamentarischen Demokratismus, anfällig für christliche, sexualpolitische oder individualistische Verheißungen und Aufbrüche, auch Tabubrüche, steht im Mittelpunkt von Hip-Hop die Rettung des Bestandes, im Zweifelsfall des eigenen Lebens. Drogen stehen nicht für den schnellen Weg zur Ekstase, sondern für den illusionslosen, einmal eingeschlagenen Weg, den Tag erträglich rumzubringen. Ob Leute jenseits des Optimismus schlauer werden, ob sie ohne Illusionen schneller begreifen, ihre Lage in die Hand zu nehmen, ist äußerst zweifelhaft. Hip-Hop ist die Musik einer allgegenwärtigen Segregation auf allen Ebenen, von elektronischer Überwachung der Städte, Sicherung von Vorstädten durch private Sicherheitsdienste bis zur Segregation durch Kultur und Bildung. Und es ist die einzige Musik, die manchmal diese Segregation überspringt.

Mit immer weniger Erziehung, Bildung, Material werden andererseits immer mehr und immer reichere kulturelle Produkte hergestellt. Die chaotische Produktivität im immer größeren Kultursektor, der immer mehr Überschneidungen mit dem Feld des gesellschaftlich Überflüssigen aufweist, ist ungebrochen und vielleicht, wenn überhaupt irgend etwas, das Reservoir einer besseren Explosion. Aber auch der Verdacht liegt nahe, daß Kultur und konventionelle Bildung als Beschäftigungstherapie und Ersatzökonomie in dem Maße zugelassen und erweitert werden, in dem nur noch das immer unzugänglichere Geheimwissen einer Informatik- und Techno-Elite die Partizipation an der Macht erlaubt. Die Ähnlichkeit der Arbeits- und Lebensformen der Arbeitslosen und der Künstler wird immer auffälliger. Marginal sein, heißt heute zum einen egal sein, immer häufiger aber auch für den Rest-Konsens als bedrohlich eingestuft zu werden. Die Krisen-Propaganda des Spiegel, aber auch mancher linker Universitätslehrer, sagt immer nur das Eine: Es wird ungemütlich werden bei uns. Zuerst durch Ausländer und andere „Fremde“ und dann immer mehr durch all diejenigen, die uns auf die Tasche fallen. Dagegen bewaffnen sich die verängstigten Spießer jeder auf seine Art: mit Bestie-Mensch-Ideologien, Krypto-Rassismen oder Aufrufen zur Kürzung von Sozialausgaben oder mit dem Baseballschläger. In der Lage ist es sträflich, irgendeine andere Perspektive einzunehmen, als die Interessen der Marginalisierten zu vertreten, zumal sie sich von den eigenen so sehr auch nicht unterscheiden. Da werden wir noch so manches Abenteuer durchzustehen haben.

Der Politikbezug von Gegenkulturen muß unter diesen Bedingungen einige Spagats leisten: von einem dringend erforderlichen Pragmatismus zur Beibehaltung von Maximalforderungen, von einer Präsenz im Diskurs zur klandestinen Militanz. Man darf sich von der Illusionslosigkeit nicht den Verzicht auf alle Forderungen an sich und die Welt diktieren lassen, aber ebensowenig, vor lauter linksradikaler Gedankennot, handlungsunfähig werden. Und man sollte zumindestens damit rechnen, daß all die Leute, die nicht mehr gebraucht werden, die nicht einmal mehr ausgebeutet werden, ein Bewußtsein entwickeln, in dem mehr angelegt ist, als sich das die kulturpessimistische Linke in ihrer Angst vor ungemütlichen Zeiten und von deterministischen Neurosen gebannt ausgerechnet haben will.

Die hier gesammelten Texte sind in einer Zeit entstanden, in der ich andere Arbeitssituationen ausprobieren wollte. 1990 gab ich meine Redakteurstätigkeit bei Spex auf und arbeitete mehr an Hochschulen, für Symposien, Kongresse, Treffen. Unis, vor allem Kunsthochschulen, aber auch politische Zusammenhänge übernahmen die Funktionen, die früher alle gebündelt von der Redaktion erfüllt wurden. Der Titelsong dieser LP wurde im letzten Moment aus Platzgründen entfernt: Er wuchs bei jeder Überarbeitung, bis er den Rahmen zu sprengen drohte und sich gleichzeitig als Grundstein für das nächste Projekt anbot. Dennoch blieb der Titel. Mit ihm begann ich eine zweisemestrige Vortragsreihe an der Frankfurter Städel-Hochschule vom WS ’91/’92 bis zum SS ’92. Aus dieser Reihe stammt auch „Subversion“, „Breakfast For Children“ und „Tribes And (Communist) Parties“, die alle unveröffentlicht sind (ein Teil von „Breakfast For Children“ erschien im Züricher NZZ Folio). „Lost In Music“ steht am Anfang, weil es der Text war, der meinen Abschied von der Redaktionstätigkeit beschreibt und ein neues Leben für mich in Aussicht stellt. Er wurde, wie die Ice-T-Reportage, für Spex geschrieben und dort im Oktober 1990 veröffentlicht. Letztere erschien im Mai 1992. Beide Texte wurden stark überarbeitet. „Spirituelle Reaktionäre und völkische Vernunftkritiker“ ist die überarbeitete und erweiterte Version von „Spiritual Reactionaries“, das 1992 im Herbst in der Nummer 62 der amerikanischen Zeitschrift October erschien. Von „Schwarze Musik und weiße Hörer“ erschienen frühere und wesentlich kürzere Fassungen in Symptome, Bochum (1991), und Diskus, Frankfurt am Main (1992). „Aus dem Zusammenhang reißen / in den Zusammenhang schmeißen“ erschien in Texte zur Kunst, Nummer 8, Dezember 1992. „Virtueller Maoismus“ war ein Beitrag zu einem Ausstellungskatalog des Münchner Kunstverein, „Malen ist Wahlen“, auch von 1992, und ist als einziger Text kaum überarbeitet worden. Die vierte Fassung von „The Kids Are Not Alright“ hat mit ihren Vorläufern aus Spex 11/92 und dem Sammelband Neue Soundtracks für den Volksempfänger nur noch wenig gemein und sammelt eher die Ansätze, die zur Zeit in der Diskussion um gegenkulturelle Politik auch auf den Veranstaltungen der Wohlfahrtsausschüsse diskutiert wurden und werden, als sie abschließend bearbeiten zu wollen. Eine Folge 5 muß ich mir also vorbehalten.

Das wär’s. Love & Respect. Ihr wißt, wer ihr seid.