Sound, Klang, Geräusch – der auditiven Seite von Kunst und Kommunikation wird eine neue Aufmerksamkeit entgegengebracht. In den letzten Jahren häuften sich Ausstellungen wie „Sonic Boom“ in London, „sonambiente“ in Berlin, „Frequencies (Hz)“ in Frankfurt oder „Sonic Process“ in Barcelona und Paris, die allesamt auf neue Art klangliche Phänomene in den Mittelpunkt setzten. Zugleich kann man beobachten, wie das Klangliche gegenüber dem Musikalischen in Popmusik und Neuer Musik, aber auch bei Filmsoundtracks ein Eigenleben gewinnt. Fächer wie „Sound Studies“ oder „Akustische Kommunikation“ tragen der klanglichen Produktivität jenseits des etablierten Musikbegriffs und mithilfe von digitalen Tools, die sich oft nur wenig von den Benutzeroberflächen visueller Gestaltungsprogramme unterscheiden, Rechnung und etablieren sich gerade an deutschen Kunst- und Gestaltungshochschulen.
In dieser Situation widmete sich eine Projektgruppe an der Merz Akademie, Hochschule für Gestaltung Stuttgart, dem Stand der Dinge im Reich des Sounds. In einem sogenannten Theorieprojekt unter der Leitung von Prof. Diedrich Diederichsen kamen Studierende aller Studienrichtungen – Neue Medien, Film und Video sowie Visuelle Kommunikation – zusammen und sichteten das Feld. Man unterteilte das Gebiet in fünf Bereiche: 1.) Sound als Gegenstand in der Neuen Musik der Nachkriegszeit, seine Autonomisierung bei Cage bis hin zur Entstehung der Sound Art durch Max Neuhaus und andere in den mittleren 60er Jahren, 2.) Ästhetik der Sound Art als Fall von Installationskunst, die sich klanglich mit dem Raum beschäftigt – im Gegensatz zur Zeitkunst Musik, 3.) Sound im Film, 4.) Sound als sich autonomisierender Bestandteil von (besonders digital produzierter) Popmusik, 5.) Sound und Urbanität: von der Klangökologie zur Allgegenwart von Sound als Werbe- und Kommunikationsmittel.
Im sogenannten Theorieprojekt, das an der Merz Akademie alle Studierenden einmal im Laufe ihres Studiums besuchen, werden kulturelle, künstlerische und wissenschaftliche Themen, die für ein Kunst- und Gestaltungsstudium von Bedeutung sind, so erarbeitet, dass die Studierenden sich schriftlich-theoretisch in Essays und Vorträgen und künstlerisch-gestalterisch auf den jeweiligen Gegenstand beziehen. In diesem Falle entstand eine vielbeachtete und erfolgreiche Ausstellung in den Galerieräumen des Stuttgarter Clubs „Rocker 33“.
Die dort ausgestellten Arbeiten beschäftigten sich mit der ganzen Bandbreite von Sound Art und auditiver Kommunikation: von der Reflexion auf die Audio-Dimension eines „stillen“ Museums, Canned-Laughter-Konserven in Billigserien, Sampling als Zitiermaschine, einer Eisenbahnanlage als Sequencer bis hin zu einer in grafischer Notation dargestellten Soundspur eines alltäglichen Frühstücks. Und vieles mehr.
Alle Arbeiten aus dieser Ausstellung sind in diesem Katalog und auf seiner beiliegenden DVD dokumentiert. Darüber hinaus veröffentlichen wir sieben Essays, die im Projekt entstanden sind. Um alle zu veröffentlichen, fehlte der Platz. Es gab allerdings noch einige mehr, die es verdient hätten. Die Auswahl wurde schließlich thematisch getroffen. Die Bereiche Sound Art, Klangökologie und Filmsoundtracks wurden in den Mittelpunkt gestellt, weil gerade zwischen diesen Bereichen im Verlauf des Semesterprojekts ein starker inhaltlicher Zusammenhang entstand, der so nicht vorhersehbar war und viel mit den Interessen von Studierenden in den Studienrichtungen zu tun haben dürfte, die an der Merz Akademie gelehrt werden. Daneben gab es noch eine Fülle brillanter Texte zu Neuer Musik, Popmusik, Popvideo und Sound-Kommunikation, die aber die intertextuelle Dichte gesprengt hätten, die auch dadurch entstand, dass die hier gedruckten Essays miteinander diskutieren.