Wer dazugehören will, muss sich abgrenzen

Kulturelle Moden: Fans von Harry Potter freuen sich über Gleichgesinnte; wer die TV-Serie The Wire mag, versteht sich eher als Individualist: Was der Umgang mit Kultur über gesellschaftliche Gruppenzugehörigkeit aussagt

Als Georg Simmel vor über hundert Jahren seine Philosophie der Mode schrieb, galt seine Aufmerksamkeit einem scheinbar paradoxen Phänomen: Über dieses Medium, so beobachtete er an den entstehenden Sitten und Gebräuchen der Bewohner großer Städte, befriedigten diese zwei eigentlich entgegengesetzte Bedürfnisse: Zugehörigkeit und Abgrenzung, Anpassung und Eigenart. Das Spiel mit diesen Funktionen, ihre Beziehung aufeinander macht demnach die Dynamik der Styles und Kleidermoden aus, verpflichtet sie zu dauerhafter Bewegung. Heute wissen wir, dass wir nicht nur bei unserer Kleidung unser Inneres nach außen kehren, private Vorlieben veröffentlichen und zur Diskussion stellen, sondern dass diese Mechanik gerade auch für unsere künstlerischen und kulturellen Vorlieben gilt. Wir setzen Unterschiede, um uns mit anderen Unterschiedenen gemeinsam und nach der gleichen Logik zu unterscheiden.

Lange verfügte die bürgerliche Kultur allerdings über eine Reihe von harten und weichen Institutionen, die diese Logik entweder außer Kraft setzten oder zumindest unsichtbar machten: nämlich zum einen über offizielle Kunsttempel, zum andern über verinnerlichte Schönheitskriterien. Museen und Opernhäuser arbeiteten mit dem Mittel der Kanonisierung. Werke machten Karriere, blieben oben und im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn sie oben angekommen waren. Kritik und Gegenbewegung wollten seltener das Prinzip dieses Wettstreits der Kunstwerke, der kulturellen Produkte außer Kraft setzen als vielmehr andere Kandidaten durchbringen, vielleicht auch andere Inhalte, anders begründete Werke, andere Formen. Doch die hierarchische Architektur des künstlerischen Olymps wurde nicht angetastet.

Mainstream hat ausgedient

Die – meist jugendlichen – Subkulturen und die nicht europäisch bestimmten, postkolonialen Kunstgemeinschaften, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts antraten, dieses Gefüge auch strukturell herauszufordern, basierten nun auf starken sozialen Gründen. Sie waren weltanschauliche oder auch, meist diasporische, Herkunftsgemeinschaften. Ihr ganz bestimmter anderer Gebrauch kultureller Produkte wollte nicht das Ergebnis freier Wahl und kultureller Selbstdekoration sein, sondern streng folgerichtig aus der politischen und weltanschaulichen Orientierung hervorgehen.

Beides gibt es heute nicht mehr: weder den strengen Weltanschauungsgeschmack, er hat sich schon in den 80er Jahren in eine seitdem sich weiter ausdifferenzierende Geschmacksmultikultur aus Nischen und lockeren Subkulturen vervielfältigt. Noch gibt es den kulturellen Kanon des Bürgertums mit seinem Anspruch universeller Gültigkeit, dem populäre, nicht westliche und rebellische Kulturen hierarchisch nachgeordnet waren. Nein, es gibt nicht mal mehr das sozusagen säkularisierte Nachfolgemodell des alten Kulturuniversalismus, den sogenannten Mainstream, der lange als Name für jede Art von größeren kulturellen Formationen in Gebrauch war.

Stattdessen ergibt sich heute folgendes Bild einer Mischung: Zunächst wäre da eine gehobene Massenkultur, die sich inhaltlich gar nicht universalistisch gibt, sondern sich eher durch Obskurantismus und Mystizismus auszeichnet, bei einer gleichzeitig global verständlichen und verstandenen künstlerischen Sprache. Dies ist die Welt, die von Harry Potter über World of Warcraft, The Chronicles of Narnia quer durch Literatur, Actionkino und Computerspiel bis zum Herrn der Ringe reicht, aber natürlich auch andere Abenteuer einschließt, die nominell nicht in Fantasywelten spielen, de facto aber doch. Die Anhänger dieser Kultur sind sich in der Regel einig, ihre große Zahl ist für sie kein Problem, sondern ein zusätzliches Stimulans. Die hohe Verständlichkeit und Verbindlichkeit der künstlerischen Mittel müssen sie aber damit bezahlen, dass das, was es zu verstehen gibt, eher Quatsch ist.

Die richtige Kombination

Den zweiten Teil der Nachfolge bürgerlicher Kunst bestreiten die gehobenen Subkulturen, die sich für HBO-Fernsehserien ebenso interessieren wie für gediegenen Indierock oder auch für Hip-Hop mit höherem Production-Value, etwa von Kanye West. Dieses Publikum hat durchaus ein Problem mit seiner großen Zahl und verknüpft Scheineinigkeiten und Parallelen des Geschmacks mit einem großen Bemühen um Abweichung und Distinktion – es bemüht sich, genau das Problem zu lösen, das Simmel als das der Mode angegeben hat. Zwar gibt es auch hier, wie in der Harry-Potter-Welt, gemeinsame künstlerische Sprachen, aber die Betonung in dieser Welt liegt eher auf dem Geschmack, mithin der Bestätigung einer bestimmten und genau bestimmbaren Individualität, nicht auf Kommunikation und Verstehen einer Sprache. Man kommuniziert in allen Beteiligten verständlichen Beispielen vor allem den jeweiligen Unterschied.

Dass man sich auf The Wire und Ricardo Villalobos einigen kann, darf man nur so lange für sich stehen lassen, wie man, durch andere, spezifischere Vorlieben ergänzend, erklären kann, wie man diesen Geschmack kontextualisiert. Natürlich geht es auch in dieser Welt des Geschmacks nicht um einen komplett singulären Standpunkt, sondern um die richtige Kombination aus zeitgenössisch-allgemeiner Konstante und total-idiosynkratischer Variable, die am besten auch noch aufeinander zu beziehen sind und sich gegenseitig erklären. Diese Welt braucht also einen Kontakt zu einer zweiten, niemals zur universellen Kultur aufsteigenden Welt, zur durch Nischen, Retro-Kulte, Geheimwissen geprägten Welt der Mikro- und Subkulturen – hier eignen sich auch künstlerische Avantgarden, Experimente oder Vergessenes als exquisite Ergänzung.

Eine dieser Mikro- und Nischenkulturen ist, etwas überspitzt gesprochen, die alte bürgerliche Hochkultur und was von ihr übrig ist. Heutiges Opernpublikum besteht zu einem allerdings nur noch sehr knappen Viertel aus Spezialisten, fast zur Hälfte aus einem bald aus Altersgründen ausscheidenden, daher kulturpolitisch und ökonomisch irrelevanten Traditionspublikum, mit dem das Kulturmanagement auch nicht rechnet, und schließlich, zum dieselben Manager froh machenden vierten Teil, aus genau jenen Indierock/HBO-Freunden, die sich als zu wählenden Zweitkontext eben auch Bürgerlichkeit und Altabendland vorstellen können – aber nicht aus traditionellen Gründen, sondern weil er das Interesse für Six Feet Under und Vampire Weekend interessant kontextualisiert.

Dominante Nachfolgekultur

Von den beiden Hälften der dominanten Nachfolgekultur einer verbindlichen westlichen Kulturszene ist mithin die erste zwar praktisch-organisatorisch universalistisch, aber inhaltlich befindet sie sich auf einem Mittelaltermarkt und beschäftigt sich mit Astrologie, Lebenssinn und Esoterik – wenn auch meist ein bisschen ironisch, aber das macht in diesem Zusammenhang keinen so großen Unterschied. Die andere Hälfte rekonstruiert eine Mittelschichtenkultur weniger aus dem Stoff als aus der Methode der eigenen Subkultur- und Szenesozialisation. Als Jugendliche haben sie erlebt, wie man auf geteilten emphatischen Kunst- und Kulturerfahrungen Kollektive aufbauen konnte, als Erwachsene lernten sie, wie man diese Gemeinschaften schließen kann, wie man sie exklusiv und kompetitiv macht.

Dennoch greift auch der Standardvorwurf von der Seite eines Vulgär-Bourdieuismus zu kurz, all diese Kulturkonsumenten würden nur nach Distinktion streben: Das macht zwar effektiv eine Seite ihres Handelns aus, sagt aber nichts über das aus, was für Kultur sich jeweils dafür eignet und was man sonst mit ihr anfangen kann. Klassischerweise erklärt ja die Geschmackssoziologie der Bourdieu-Schule die ästhetische Disposition des bürgerlichen Umgangs mit Kunst generell zur Voraussetzung der Distinktionspolitik.

Heutiger Umgang mit kulturellen Objekten verläuft aber gerade nicht so sehr entlang dieser klassisch-bürgerlichen Idee ästhetischer Erfahrung – für die Interesselosigkeit des Rezipienten und die Gebrauchswertferne des Kunstobjekts entscheidend sind –, sondern entlang ausgestellt persönlicher, hochidentifizierter Praktiken. Um sich distinktiv zu inszenieren, muss man zeigen, wie nahe man den exotischen und spezifischen Kulturen ist, die man zur Ergänzung seiner allgemeinen Neigungen auffährt: eben im Habitus der alten Subkulturen, nicht im Habitus der noch älteren Hochkultur.

Rechthaberei im Internet

Nun steht aber einer so konstruierten kulturellen Mittelschicht, also den Nachfolgern der kulturtragenden Kleinbürger und Bürger, eine Unterschicht oder untere Kleinbürgerschicht gegenüber, die tatsächlich universalistisch denkt und empfindet. Natürlich sieht sie auch Harry Potter, aber ihr Denken, ihre kulturelle Produktion und Reproduktion zeigt sich typisch eher dort, wo sie in Internetforen diskutiert und sich zu einer Rechthaberei aufschwingt, die bei den Mittelschichten verpönt ist.

Deren Mehrere-Welten-Modell wird von einem milde relativistischen Agnostizismus gerahmt. Es gibt halt verschiedene Trips und Sprachspiele, das wissen wir, und zu endgültigen Einschätzungen kommen wir nie. Was wir dagegen können, jederzeit, ist dafür einen für uns und nur für uns gültigen Umgang definieren. Dieser Umgang funktioniert aber gerade dadurch, dass er sich auf uns beschränkt. Wäre es möglich, Urteile mit größeren Gültigkeitsdimensionen zu fällen, würde das unseren spezifischen Gebrauch von Kulturprodukten oder Kunstwerken gefährden.

Demgegenüber ist der Unterschichtsnetzkommentator geradezu süchtig nach einer endgültigen Verurteilung oder – seltener – danach, jemanden oder etwas oberhalb von jeder Kritik zu positionieren. Entscheidend ist nicht nur das Bedürfnis, Relativität und Dissonanz zugunsten einer Einstimmigkeit mit sich selbst aus der Welt zu schaffen, also sich psycho-sozial als widerspruchsfreie Einheit zu definieren – während die Mittelschichtstype gerade ganz gern mit ihrer Widersprüchlichkeit kokettiert und sich kunstvoll aus konsensfähiger Konstante und exzentrischer Variable komponiert. Am wichtigsten an der Struktur des Weltbilds des Internetkommentars ist, dass sein Geltungsbereich nicht eingeschränkt sein soll. Und das ist bekanntlich zentrales Kennzeichen jedes Universalismus. Aber kann das angehen? Der rechthaberische, meist etwas stumpfe und reaktionäre Stänkerer von Spiegel online oder Welt online soll der wahre Universalist unserer Tage sein?

Ein Thema fürs Partygespräch

Vielleicht kann man ihn durch den Fan im Allgemeinen ersetzen: also durch Leute, die sich mit ihrer Kultur nicht nur aus sekundären Motiven umgeben, sondern das, was sie rezipieren, dringend zu brauchen scheinen, und daher auch auf Urteile nicht verzichten können. Und nur Urteile halten eine lebendige kulturelle Debatte am Leben. Sie tragen nicht, wie ein modischer, pseudonobler geisteswissenschaftlicher Gestus meint, zum patriarchalen Abschneiden der Debatte bei – diese Macht der Kanonbildung hat kein Urteilender mehr. Sie produzieren erst den Widerspruch zweiter und dritter Urteile, die eine Debatte braucht, die überhaupt eine sein will, also mehr als das Ausstellen von Präferenzen.

Dazu gehört aber noch etwas anderes: Die verfeinerten Vertreter müssen vielleicht lernen, dass in ihrer aus Stand- und Spielbein konstruierten Geschmackskultur das Standbein wichtiger wird als das Spielbein. Ist das gemeinsame Partygesprächsthema HBO-Serie nicht ein Geschenk der Götter nach Jahrzehnten der Ausdifferenzierung und des Nischenwesens? Sind nicht Modelle gemeinsamer Kultur, wie sie The Wire, Breaking Bad, Treme oder auch The West Wing vorgelegt haben, wichtiger zu diskutieren als nur vorzuführen, dass und wie ich noch etwas aufgetrieben habe, das niemand außer mir kennen wird?

Letzteres ist ja nicht einmal mehr distinktionspolitisch bemerkenswert: Das Internet ist voll von Dingen, die eigentlich nur den interessieren, der sie hineingestellt hat. Auch diese Art von Obskurität bildet den Mainstream einer Konsumkultur, die immer öfter das Gesicht von Produktion und Partizipation hat. Distinktiver sind eigentlich die raren Momente des Konsensus, nämlich der Einigung auf Gesprächsgegenstände – als Voraussetzung eines relevanten Dissensus.