Wer ist die Gehirnpolizei?

Was diskutiert wer und mit welchem Recht in Spex und worüber konnte Spex in der Vergangenheit mit welchen strategischen Mitteln diskutieren? Und warum der alte Indie-Konsens zerbrochen und PC der neue Punk ist.

1. ES ÄNDERT SICH WAS

Jubiläumsnummern werden von langer Hand geplant. Strategische Vorgespräche unter Einbeziehung eines die Redaktion erweiternden Gremiums von Freunden, Inspiratoren, Altredakteuren und Gesellschaftern erwägen die geeignete Form der Begehung solch wiederkehrender Anlässe der Selbsthuldigung. Dieser Schreiber sitzt mittendrin und vereinigt einige der oben erwähnten Funktionen (Herausgeber, Altredakteur, Inspirator) und bekommt einen Auftrag. Der wird zunächst vage im Vertrauen auf ein wechselseitiges Einanderschonverstandenhaben formuliert, eine Erwartungserwartung, die zusammenbricht, wenn die erste Zeile formuliert sein will. Doch man ist nicht aus der Welt. Man fragt nach. Das Thema nimmt konkrete, aber nun von Gremiumsmitglied zu Gremiumsmitglied abweichende Form an: Political Correctness, Schreibweisen bei Spex im Wandel der Zeiten, die Gurk/Terkessidis/Grether-Debatte, warum schreiben Ruff, Drechsler heutzutage wenig oder gar nichts, bis zur Frage, in welchem Alter man alte Männer notschlachten sollte. Ich wehrte zunächst ab: Was soll sich denn geändert haben, Fraktionen gab es bei Spex immer. Und sie legitimierten sich stets über eine je außermusikalische, „politische“ Stellung zur Musik und eine durch außermusikalische Positionen legitimierte Auswahl von bestimmter Musik als relevant oder gut.

2. DANN LAS ICH ALTE NUMMERN VON SPEX …

… und sah ein, daß doch einige nennenswerte Veränderungen stattgefunden haben. Wenn man beschreiben will, wie sich Schreibweisen im Rahmen einer „Institution“ verändert haben, also innerhalb eines Ortes, wo ausgesprochene und unausgesprochene Regeln befolgt werden, sollte man Grenzen suchen, damit sich unterscheiden läßt, was gesagt werden konnte und heute nicht mehr gesagt werden kann. Nur so läßt sich auch ableiten, was damals nicht gesagt werden konnte (nämlich unter anderem das, was heute stattdessen gesagt wird).

Um nicht andere zu denunzieren, hier ein paar Beispiele aus eigenen Texten, die zeigen, daß andere Zeiten herrschten. In einem Vergleich zwischen ihm und anderen Musikern des Bebop nenne ich 1988 das Leben Charlie Parkers ein „Niggerleben“, meine damit, daß er wie ein „Nigger“ behandelt worden ist. 1986 nenne ich eine bestimmte Pose einer schwarzen (afro-britischen) Sängerin „ganz Frau, ganz Neger“, im Glauben daran, so ein spezifisches Posenhaftes zu kritisieren. Und, ich glaube, 1987 hatten wir als running gag unseres stets von einem bis mehreren running gags geprägten Inhaltsverzeichnisses AIDS-Witze gebracht (weil uns die Präsenz von AIDS in den Medien auf die Nerven ging). Ich nenne diese Beispiele – es gibt Massen davon – weder, um Reue über gewesene Unkorrektheit zu demonstrieren noch, um standhaft dabei zu bleiben, daß ich ich bin und die Gauck-Behörden dieser Welt mich mal können. Ich versuche nur drei Beispiele zu nennen, die geeignet sind, Rahmenbedingungen des Spex-Diskurses von 1985-90 (als ich verantwortlicher Redakteur war) offenzulegen, und gleichzeitig die Grenzen und Probleme der jetzigen Situation zu beleuchten.

3. AUSDRÜCKE VON DER DUNKLEN MECHANIK DER VERHÄLTNISSE LEIHEN? WOFÜR?

Ich habe damals ja keineswegs etwas nach heutigen Maßstäben inhaltlich Unkorrektes ausgesagt, wenn man sich an einer einfachen zweiteiligen Form-Inhalt-Struktur orientieren will. Ich habe im ersten Beispiel das rassistisch Unterdrücktsein Charlie Parkers ein „Niggerleben“ genannt, durchaus um poetischerweise in der Sprache der Beschreibung nachzuvollziehen, was dieses Wort im Alltag eines afroamerikanischen Künstlers in den 40er Jahren als unmittelbarer gewalttätiger Sprechakt bedeuten konnte. Damit stellte ich mich – gerade bei der Darstellung historischer, damals aber auch bei der Darstellung aktueller Geschehnisse ein durchaus übliches Verfahren – außerhalb des Verhältnisses, wo einer „Nigger“ sagt, einer so behandelt wird und ein Dritter, in diesem Falle Dizzy Gillespie, diesem Problem durch eine Strategie des Widerstands entgeht. Ich als Beschreibender nahm für mein Gefühl eine vierte Position ein. Heute weiß man, daß aber ein bestimmter Sprachgebrauch, erst recht, wenn er besonders locker aus der Feder fließt, durchaus schon eine Stellungnahme in einem solchen Machtkampf indiziert.

Daß ich das heute nicht mehr so sagen würde, liegt also nicht daran, daß ich heute glaube, Charlie Parkers Leben sei im Vergleich zu Dizzy Gillespie gar nicht so unselbstbestimmt abgelaufen, sondern daß ich heute weiß, daß auch die deskriptive Verwendung des N-Worts ein geheimes, leises, eben gerade formal-ästhetisches Einverstandensein mit seiner expressiven Leistungsfähigkeit und damit auch mit den Verhältnissen transportiert, die es als Schmähwort in die Welt gesetzt haben. Indem ich Parkers Leben so nenne, sage ich zum Beispiel, daß es so etwas gibt, und damit auch, daß es etwas Schicksalhaftes, Natürliches, Fatal-Richtiges oder meinetwegen Tragisches hat, das auf eine ferne Legitimität hinweist. Ich bin also heute besser aufgeklärt über diese Dimension von Signifikation. Was nicht heißt, daß man durch eine Selbstreinigung diesen Fallen der Expressivität entgehen kann. Um eine Wahrheit zu formulieren, die trifft, braucht man die von den dunkelsten Mechaniken der Verhältnisse geliehenen Mittel der Drastik. Daß es zu so einer Falle wie oben beschrieben kommt, liegt am undurchdachten, unkünstlerischen Einsatz eines zu eindeutigen, zu wenig mir gehorchenden, zu stark eindeutig codierten Wortes oder Textes.

Das ist das Eine. Das Zweite ist, daß ich heute – und das ist möglicherweise die wichtigere Änderung beim Verfassen von Texten – an die Möglichkeit denken kann, daß andere Leute mit einem Wort, mit eben genau jenen zusätzlichen Dimensionen von Signifikation, andere Erfahrungen gemacht haben, als mit seinem deskriptiven Vermögen. Dies wäre die Dimension von Macht und Politik in jedem Wort und jedem Text. Voraussetzung für diese Feststellung ist allerdings nicht nur, die Möglichkeit anzuerkennen, daß Worte Taten sind, sondern darüberhinaus potentiell jeden Menschen, vor allem aber sogenannte Andere, sich als Adressaten seines Textes vorzustellen. Das war früher in Spex definitiv nicht der Fall. Man sprach wenigstens seit ’83 – dem Moment, wo Punk-Aufbrüche, Revolten und Soul Rebels zu relativ friedvoller Indie-Statik erstarrten – mit einem scheinbar nicht näher definierten Haufen von Seinesgleichen. In Wirklichkeit aber war das eine sehr klar definierte Gruppe von relativ verfeinerten, narzißtischen, männlichen Oberschülern und Studenten mit der psychsosexuell gestörten, infantilistischen Neigung zum Schallplattensammeln.

4. DIE WELT BESTEHT AUS SYMBOLEN, DIE SICH GEFAHRLOS AUFMUFFELN LASSEN (1985-90)

Wenn man durch die Jahrgänge blättert, fragt man sich, mit wem und über was kommuniziert wurde. Durchgängig gab es einen linksradikalen Gestus, der sich außerhalb jeder praktischen Politik, aber auch außerhalb jedes politischen Verhältnisses zur zeitgenössischen Politik aufhielt. Die Welt ist total falsch kapitalistisch dominiert, und wir haben daher keinerlei Verpflichtung, uns politisch dazu zu verhalten. Wir können nichts „ändern“, wer was machen und ändern will, wird schon ein „Sozialdemokrat“ (Schimpfwort Nummer 1) sein. Wir machen keine Kompromisse.

Dieser Linksradikalismus sicherte sozusagen die politische Flanke eines ansonsten hemmungslosen, leicht regressiven Faktenkonsumgenusses ab. Gerade weil er so utopisch-idyllisch im Ferienlager stattfand (Ferien von Geschichte, in die einen bekanntlich eh nur reaktionäre „zurückrufen“ wollen), kannte dieser Faktenkonsumgenuß natürlich auch einige sympathische, poetische und progressive Seiten (und auch einige krypto-rechte). Aber im Wesentlichen sah er so aus, daß man sich vor Publikum ein Detail, Faktum, Akkord, Buch, Poem, Song, noch ein Datum, noch einen Verweis nacheinander reinzog und verspeiste – und nicht verdaute, sondern zwecks Archivierung ablegte. Die ganze Welt war eine lustige, große, groteske Inszenierung. Das Spektakel eben, wie uns Debord soufflierte (der dazu natürlich ein dialektischeres Verhältnis hatte), eine falsche Totalität, die man aber als postmoderner Linksradikaler nicht nur traurig verzweifelt ablehnen, sondern auch genießen konnte.

In dieser falschen Totalität gab es keine Existenzialität mehr, nur Sekundarität. Und darum konnte man zwar über AIDS-Witze so herzlich lachen, weil der Virus keine Plattensammlungen befiel und man darüberhinaus niemandem wirklich begegnete. Andererseits haben die real stattgefundenen Leben innerhalb der Sekundarität wenigstens die Erkenntnis bei allen Beteiligten hinterlassen, daß das Existentielle im Sekundären auf Dauer nicht verschwindet und daß Rahmen, Vermitteltheiten, Komplexitäten nicht das Leben entleeren, wie der Kulturpessimist zu beobachten vermeint, sondern bereichern. Es ist die alltägliche Gewalt gegen die Wucherungen, die ein kompliziertes Leben ausmachen, die es schwer machen.

5. POLITISCHE, ÄSTHETISCHE, TECHNOLOGISCHE EINSCHNITTE (UM ’88)

Das Klima änderte sich um 1988 herum. Drei Dinge waren geschehen: Hip-Hop, SST und elektronische Datenverarbeitung – man hatte bei Spex die Textverarbeitung per Computer eingeführt. Letztere ruinierte die aus Punk-Zeiten herübergerettete (und längst falsch an Tempo-Schreiber – die den gerechten Zorn des kurzen, klaren Satzes mit der Mimesis an ihre Arbeitsbedingungen verwechselten – gefallene) Apodiktik und vertauschte sie mit der neuen Liebe zur Selbstreflexivität (die zum selben Zeitpunkt ja auch anderswo, etwa in der Bildenden Kunst Konjunktur hatte): Endlos veränderbare Texte wurden nie fertig und boten sich der Autodekonstruktion dar. Den mäandernden, nie abgeschlossenen Sätzen entsprachen die unfertig komplexen, improvisierten Sounds von SST. Sie gefährdeten aber auch die stillschweigend vorausgesetzte Annahme eines problemlos kommunizierbaren Dialogs zwischen Autoren und Lesern. In der Folge wurde die bis dahin unerkannte Unterscheidung zwischen Anwesenden und Abwesenden und Eingeschlossenen und Ausgeschlossenen virulent.

Dem bis zur fraktalen Ausfransung erweiterten Spex-Kollektiv-Ego setzte Hip-Hop die unüberhörbarste Demonstration der Existenz einer anderen Seite entgegen. Hip-Hop ruinierte die feine Abgeschlossenheit der durch die Welt herumprojizierenden, über alles symbolisch verfügenden „linksradikalen“ Kleinbürgergourmets durch die lauten Stimmen, die mit agitatorischem Ernst und uncooler Unversöhntheit Forderungen echter Menschen aufstellten, die nicht symbolisch zu befriedigen waren und auf die paradoxe, „unverständliche“ Forderung nach Integration bei gleichzeitiger Ablehnung von Integration hinausliefen. „Hip-Hop spielt nicht in der Welt der Musik, sondern in der Welt“, lautet ein vielkolportiertes Zitat von Max Roach. So brachte Hip-Hop via Musik wieder Welt in die Welt derer, die vorher via der Behauptung, die Welt sei Musik, die Welt erfolgreich via Musik ausgeblendet hatten. Knowwhati’msayin?

Es gab aber auch eine Sehnsucht nach einem Jenseits der Signifikation, einen Selbstbestrafungswunsch nach Ende der dauernden Ferien, nach realer Präsenz – so wie es parallel dazu im echten Feuilleton-Leben einen Historiker-Streit und andere Überbau-Vorbereitungen des Ernst- und Mauerfalls von ’89 gab. Die Freude an der Relevanz, Authentizität und Infragestellung der Indie-Idyll-Autonomie durch Hip-Hop hatte nicht nur „progressive“ Züge, sondern auch andere, wie die partielle Kongruenz mit der George-Steinerschen Sehnsucht nach „realer Präsenz“ andeutet.

6. DU BIST DU, ABER ER IST DER ANDERE (ICH BIN DAS WALROSS)

Mir geht es nicht darum, einmal mehr die 93er-Diskussionen darüber zu beleben, wie und ob man unkorrekte, aber gute Musik/Texte genießen kann/soll. Schon in der Art wie „Genießen“, „Geilfinden“ und „Empören“, „Verbieten“ als Gegenüberstellungen konstruiert werden, liegt ein Fehler, wo noch die Spuren von der ungestört idyllischen Verfügungsgewalt über die Zeichen nachklingen, wie sie die Jahre ’85 bis ’90 kennzeichnet hat. Man nimmt über Kulturprodukte und Artefakte ein Verhältnis zur Welt auf: Diese tauft man mit Namen, die den Grad des Genuß bestimmen, statt den Kommunikationsvorgang, der Genuß oder Faszinieren auslöst, zu untersuchen, seine stillschweigenden Voraussetzungen, in diesem Falle die, daß alles, was der Fall ist, sich in genießbare Symbole restlos umwandeln läßt.

Die Stimme des Rappers verweigert zwar die Identifikation – den Anteil an Indie-Musikgenuß, den, wenn nicht von alleine hergestellt, Spex als Service lieferte also –, aber sie verweigerte nicht die Genießbarkeit. Dies war eine neue Art von Genuß. Er bestand nicht mehr darin, sich in einem Anderen wieder oder von ihm verstanden zu finden, wie von Prefab Sprout bis Cat Stevens bei bürgerlicher Popmusik aller Niveaus und zwar dialektisch: Du bist ganz einzigartig, deine Gefühle hast du allein, aber gerade deswegen bist du nicht alleine in deiner Einzigartigkeit – die da draußen sind durch den Genuß dieses Songs genauso einzigartig allein wie du. Ihr seid viele (eure Zeitung heißt Spex!).

Bei Hip-Hop funktioniert der Genuß gerade über das Nichtgemeintsein, über das numinose GANZ ANDERE der armen, ausgebeuteten schwarzen Menschen. Darin ist er dem Genuß am Horror nicht unähnlich: Ich stabilisiere mich durch die Erfahrung oder Erkenntnis, daß es etwas/eine/n ganz anderen gibt. Er reproduziert sich über die halb kleinbürgerlich schuldbewußte, halb selbstbewußt erleichterte Sicherheit, nichts damit zu tun haben zu können. Der Gangster war im Gegensatz zu den diversen Exzentrikern zwischen Death Metal und Cpt. Beefheart, Kim Fowley und John Cale inkommensurabel für den Indie-Genuß.

Spex als die Zeitschrift, die schließlich davon lebte, Folien für und Wege zu diesem Genuß zu verkaufen, mußte sich also etwas ausdenken. Aus dem Gangster, dessen Innenleben nicht nachvollziehbar war, der nur von außen erklärbar gewesen wäre, mußte ein ANDERER werden, der als solcher zumindest faszinieren konnte. So verhalf die Hip-Hop-Erschütterung, nach einer kurzen Verunsicherung, etwa 1988-1992 ‚ durch die Stiftung der stabilen, berechenbaren Position des Anderen zu einer noch größeren Stabilität. Diese in Spex häufig auftretende, an Alterität orientierte, natürlich zuschreibende, stereotypisierende und auch anderweitig irrende Beschreibungsweise ist dennoch nicht prinzipiell einer objektivierenden, objektivistischen unterlegen. Denn die schleppt andere, teilweise noch größere Probleme der Distanzierung, des Reduktionismus und unfreiwillig kolonialistische mit sich herum. Das Problem ist nur, daß Spex, als Organ der Mitfühlenden, eh keine andere Wahl gehabt hätte.

7. ICH NICHT VERSTEHEN? NIEMALS!

Diese Stabilisierung ist allerdings nur um einen Preis zu haben, der letztlich auch den Genuß kostet. Die typisch Spex-mäßige Aneignung von Hip-Hop konnte die Wunde des Nichtgemeintsein und damit die Aufkündigung des alten Kommunikationskonsens durch Identifikation nie ganz schließen: Um das GANZ ANDERE als solches zu genießen, mußte man es sich wiederum wieder vertraut machen, damit es immer wieder Anderes werden konnte.

Das klappte natürlich auf Dauer nicht: An manchen Fronten schleifte ein gewisser Alltag (Auflegen, selber Clubs organisieren, in New York leben, B-Boy/-Girl werden) die Genußmöglichkeit der Ausgeschlossenheit ab. Dem Versuch, fair zu verstehen, zu übertragen, das Universale im Partikularen zu erkennen und schließlich zu Fanon zu greifen (ein Weg, den im Laufe der Zeit auch immer mehr Autoren und Autorinnen einschlugen und der für die richtige solidarische Idee steht, sich auch angesprochen zu fühlen, wenn man nicht gemeint ist, wo man doch vorher schon ganz physisch objektiv fasziniert, also angesprochen, sich gefühlt hatte), entsprach auf der anderen Seite ein Versuch, sich Hip-Hop und die von ihm markierte Grenze über die gute alte Boys-Identifikationstechnik zurückzuholen: Das, was der ganz normale B-Boy ja sowieso den ganzen Tag tut und was die visuelle Repräsentation von Hip-Hop in MTV auch immer mehr bedient.

Im Zuge der Nirvana-Debatte wurde eine allgemeine wirtschaftliche Verschlechterung der Rahmenbedingungen (nunmehr auch für die weiße Boys-Plattensammlung-was-Kreatives-Machen-Selbstverwirklichung) zum akuten Trend erklärt. Eine Vergleichbarkeit der Erfahrungen, die alle urbane Lebenserfahrung nivelliert hätte, hielt man zumindest für möglich, auch wenn wir nicht so doof waren, rassistische und sexistische Benachteiligungen mit konjukturellen Verschlechterungen zu verwechseln. Und so gab es zum Beispiel in der Figur von Beck die Folie für eine (im Ansatz gar nicht so falsch gedachte) Selbststigmatisierung als Voraussetzung für Solidarität, die natürlich im rein Symbolischen sich verheddern mußte. Cypress Hills ausdrückliche Warnung „Here Is Something You Can’t Understand“ wurde, so scheint, nur von Tobias Levin/Cpt. Kirk &. in das Paradox überführt, als das es im Import-Verhältnis einzig überleben kann.

8. LESENDE UND GELESENE WERDEN EINS

Diese also nun doch einigermaßen gelungene Re-Stabilisierung der Identifikationslogik, die relative Schließung der Wunde Hip-Hop, führte zum Beispiel zu einer Genießbarkeit von sogenannten Home-Recordern, die strukturell dem alten Indie-Genuß mit seiner die Welt symbolisch beherrschenden Deutungsautonomie aller Phänomene durch private Sensibilismen und Idiosynkrasien seine minimalistische, abgerüstete, auch ernüchterte, aber dennoch voll funktionsfähige Version zurückgab. Nur war dieses Spex-Universum – und wenn ich Spex sage, meine ich auch die vielen Publikationen, die sich dort Interpretationshilfe abholen und oft unabgeschlossene Debatten für Forschungsergebnisse nehmen – durch Einschluß von vorher Nichteinschließbarem größer und daher auch seltsam toter und langweiliger geworden: Im Prinzip hätte man jetzt mit Ol’ Dirty Bastard umgehen können wie mit Deep Freeze Mice, und nur individuelle Anstrengungen verhinderten das. Auch die Tätigkeit im Spannungsfeld zwischen Vertrautmachen und fremd Zurückgestoßenwerden, das Schnitzen der identifikatorischen Folie, schien schal zu werden.

Dies war der eine Grund, warum eine neue Polarisierung hermußte – also auch, damit es durch und nach einem Prozeß, der dann analog zur Hip-Hop-Rezeption verlaufen wäre, lustvoll und schmerzhaft weitergehen konnte: also auch aus strukturellen und ökonomischen Gründen. Der andere Grund war der Kollaps der Indie-Normalität für all diejenigen, die in der Erschütterung des Indie-Konsens mehr gesehen hatten oder mehr von ihr wollten als ein systeminternes Mittel zur strukturellen Spex-Stabilisierung – nämlich für diejenigen Autoren und Autorinnen, die tatsächlich daraus herauswollten (vielleicht auch, weil sie noch nie so ganz drinnen waren bzw. sich fühlten).

Diese neue Polarisierung hat den Arbeitstitel PC und ist die Praxis, die nicht als Normalität zulassen will, was doch einmal unwidersprochen als falsch erkannt worden ist. Für sie steht einerseits das feministische Beharren auf die nicht akzeptable Lage der Sprech- und Entscheidungsmöglichkeiten von Frauen in diesem Konsens. Zum anderen das Unbehagen über das etwas zu bequeme Entsorgen der durch Hip-Hop aufgeflammten Kritik an den ideologischen Substraten der Indie-, Rock- und Pop-Diskurse in Spex. Anflüge von PC als Polarisierungsmaschine gab es, seitdem Rassismusdebatten durch Ausländerverfolgung, Asylkompromiß und Neudeutschland mit Hip-Hop-Debatten zusammengedacht wurden.

Die bis dato folgenlos (wenn überhaupt) in Spex mit feministischen Forderungen aufgetretenen Frauen (was auch für Vertreter anderer Nichtvertretener gilt) konnten sich plötzlich auf eine andere Legitimation berufen: Die kunstpolitische Zäsur der Hip-Hop-Debatten verlieh nun in dem stark auch auf ästhetischen Kriterien ruhenden Spex-Universum feministischen Forderungen eine andere Dignität, teilweise auch, indem sie über die im Prinzip natürlich verkürzende, aber diskurspolitisch akzeptable Äquivalenz Rassismus/Sexismus für die Jungs, die nun gerade so viel in Hip-Hop investiert hatten, notgedrungen „verständlicher“ wurden.

Doch konnten relativ anwesende Frauen, anders als abwesende vermeintlich „Andere“, noch eher Widerstand leisten gegen den Neudurchlauf der großen, selbstherrlichen Verfügung über Alles durch unbeschränkte Interpretations- und Symbolisierungsmacht in den Händen des innerhalb von Spex hegemonialen Diskurses: Sandra Grether weist gegen den Vorwurf, PC sei immer so humorlos, kunstfeindlich undsoweiter, darauf hin, daß PC eine Kunstfaszination zugundeliege.

Zum richtigen Zusammenbruch der grenzenlosen Symbolisierbarkeit von „Anderen“ und „Anderen Verhältnissen“, zum Zusammenbruch noch der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „Die“, kommt es aber erst, wenn sich einer als „Anderer“ geriert oder inszeniert (der ansonsten ja durchaus weiterschreibt, was er vorher als „Einer“, „Selber“ zum Interpretations- und Symbolisierungswerk der Spex ebenso unbehindert beigetragen hat wie etwa der Verfasser dieser Zeilen): Also wenn der/die Andere plötzlich eine/r von uns wird, wie im Cornershop-Text von Mark Terkessidis oder im im Beute-Text von Kerstin Grether. Dann bricht die Teilung der Welt in Lesende und Gelesene zusammen. Gut.

9. MEHR MEINEN, MEHR DEFINIEREN, MEHR BESTIMMEN

Welt soll also nicht mehr so ohne weiteres in Musik, beziehungsweise in die um sie herum erzählten Geschichten, Lebensgefühle und Identifikationsangebote aufgehen – was nicht heißen soll, daß es das alles nicht geben oder gegeben haben sollte: Mehr und komplexere solche Angebote und eine relativ große Erfahrung mit ihnen erhöht über Komplexitätskommunikation auch die Möglichkeit, sie zu überwinden, erweitern oder was auch immer.

Doch das Wer, Wie und Was des Transfers soll nicht nur von einer homogenen Gruppe deutschstämmiger, kleinbürgerlicher, heterosexueller Mittelschichtsjungs entschieden werden, zumal deren Gegenstände in den seltensten Fällen Personen betreffen, die diese Attribute so aufeinander vereinigen. Die Mittel zur Durchsetzung dieser Absichten sind die Strategien, die – mangels besserer Vokabeln – „PC“ heißen.

Diese Mittel haben zweierlei Vorteile (echte, politische, wie auch Spex-intern strukturell wichtige): Zum einen leistet PC tatsächlich ähnliche Polarisierungen wie sie erst Punk, später Hip-Hop und dann vielleicht – aber eher potentiell – Techno geleistet haben. Während Punk sich über Lebensstil, Haltung etc. und eine dementsprechende Haltung definierte und so die musikalistische Selbstbezogenheit der Hippies und Bodenständigkeitsideologie der Rockisten angriff; Hip-Hop die eurozentristische und Mittelklasse-Selbstbezogenheit; und Techno die technologisch-kommunikationstheoretisch schimmerlose Beschränktheit elitärer Kulturen attackierten, steht PC grundsätzlich für das Gegenteil von Selbstbezogenheit schlechthin.

PC bedeutet ja einfach nur, daß politische Feststellungen und Definitionen permanent benennbare, einklagbare Konsequenzen haben müssen (vor denen allerdings selbstverständlich eine respektvolle Übersetzung von Sätzen einer Kategorie in andere Umgebungen stehen muß – wer A sagt, muß nicht B tun, aber er muß ein Verhältnis zur Umsetzung haben). PC bedeutet, die Dimensionen, Möglichkeiten, Fluchtlinien von Debatten für potentiell endlos, folgenreich und weitreichend zu halten: Nur weltfremde Vertreter glauben das automatisch in jedem konkreten Fall.

Im Prinzip geht es um Potentialitäten, also darum, überall und für alles zuständig zu sein, nicht nur dort, wo Moral, Herkunft, Pragmatik, Realismus und andere Determinanten vorab auswählen. In solchen Potentialitäten zu denken, gefährdet einerseits betriebsblinde Pragmatismen, sogenannte Normalität („das haben wir immer schon so gemacht“), wie es natürlich die Gefahr von kleinbürgerlichen Egozentrismen, Beziehungswahn, Selbstüberschätzung und Paranoia birgt: In dem Sinne ist PC an der kleinbürgerlichen Gesamtbetroffenheit orientiert, fragt aber im Unterschied zu dieser nach Politik und politischen Interessen.

Wie die von PC eingeforderte Konsequenz im Einzelfall definierbar, umsetzbar ist, wie sie die Sprachen der Kunst betrifft, wie sie das sogenannte Werk selbst und wie sie die sogenannten Rahmenbedingungen betrifft, ist alles Verhandlungssache. Das heißt nicht, daß dann letzten Endes doch alles wieder in pragmatisches Business As Usual fällt, sondern daß die Essenz von PC (Selbstermächtigung, Repräsentationszuständigkeit, symbolische Politik) strategisch ist.

Wie von wem in wessen Namen und Interesse Widerstand zu leisten wäre, läßt sich nicht immer per philosophischer Letztbegründung klären, sondern entscheidet sich situativ. Das steckt in dem „korrekt“ von Correctness – eine gewisse, entspannte Selbstverständlichkeit in der Frage, auf wessen Seite man steht. Wir brauchen keine Erklärung oder Erfindung eines historisch legitmierten politischen Subjekts. Für Revolten braucht es keine externe Moral: Hierüber entscheidet – auch da sind Pop, Foucault und PC einig – Lebensführung und meinetwegen auch deren Ästhetik. Mit den anderen ist eh nichts anzufangen. Zu klären ist eben das Strategische unter Medienbedingungen und ohne Gesamtweltanschauung.

Wie Punk, und stärker als die anderen Beispiele, eignet sich PC zur Polarisierung: Leute, die vor kurzen noch mitsprachen, wollen und können nicht mehr. Die Sezession geht nicht an Alters-, Klassen- und Geschlechtsgrenzen entlang: Nach meinem Eindruck verläuft die Polarisierung zumindest bei Spex – quer zu den vorangegangenen, zuletzt allerdings immer leidenschaftsloser ausgefochtenen Polarisierungen – an anderen Streitfragen entlang. Zum zweiten eignet sich PC als neuer Punk, weil die Attraktivität von Punk damals zu einem großen Teil aus zwei neu eröffneten Möglichkeiten bestand: 1.) Leute zum Sprechen zu bringen und zuzulassen, die vorher ausgeschlossen waren; 2.) Durch das Aufbringen einer großspurigen Behauptungsrhetorik. Sie setzte durch Benennungen Inhalte durch, die diskursiv und über Debatten, über das folgsame Einhalten der pseudo-pluralistischen Öffentlichkeitsgesetze, nicht möglich gewesen wären.

Auch PC birgt potentiell genau solche Möglichkeiten – über willkürliche Behauptungen, Benennungen und Vorschriften, die natürlich in Wirklichkeit genausowenig willkürlich sind wie bei Punk, aber sie treten als „willkürlich“, „abrupt“ im öffentlichen, hegemonialen Diskurs auf: Auch Punk wurde damals immer vorgeworfen, etwas „vorschreiben“ oder „verbieten“ zu wollen. PC erschöpft sich bei weitem nicht im Durchsetzen korrekter Sprach- und Bezeichnungsregelungen, sondern könnte potentiell die Behauptungsrhetorik des Punk und der frühen New-Wave-Tage – um viele neue Politisierungen erweitert – auf einer neuen Ebene zurückbringen.

10. DEMOKRATIE GEFÄHRDEN? OH JA, BITTE, BITTE!

Die Abwehr von PC bringt in Spex-Kreisen oft „Glamour“ als zentralen Gegenbegriff in Stellung. Meist gehört zu dieser Gegenwehr strukturell, daß sie so tut, als wäre PC längst hegemonial gewesen: Bis vor kurzem gab es PC in Spex allenfalls in Motiven und isolierten Argumenten. Erst in den letzten Debatten spielen PC-Methoden und PC-Issues eine Rolle, die teilweise aber von externen Quellen gespeist waren (Kerstin Grethers Text erschien in der Beute). Ich erinnere mich an meine Zeit als Redakteur bei der Zeitschrift Sounds in den Jahren ’79 ff. Artikel über Moon Martin, Jackson Browne, Manfred Mann etc. beherrschten durchaus noch das Blatt, aber Leser und andere Vertreter des Status Quo beschwerten sich wegen eines Einseiters über, sagen wir: Devo, bereits über die Dominanz oder Hegemonie von Punk.

Glamour – damals war es die Rede vom unmittelbaren, frischen, handgemachten, direkten, antiintellektuellen Rock’n’Roll – hat, wie strategische Argumente meistens, die Eigenschaft, ungemein wandelbar zu sein. Mal meint es die sattsam bekannte Martin-Denny-Incredible-Strange-Music-Verehrung (der Plan geht nun seit satt 125 Jahren damit hausieren). Mal ist es die idiosynkratische Persönlichkeit eines erratischen, steinalten Rockers. Mal ist es eine derridaid in sich selbst verschwindende, post-dekonstruktionistische Too-Pure-Band (alles feine Sachen, wenn man mit den richtigen Flossen zuerst aufgestanden ist). Gemeinsam ist allen Glamour-Auslegungen, daß sie mit Ambivalenzen, Überschüssen, kreativen Unberechenbarkeiten, Ungenauigkeiten argumentieren – und so mehr oder weniger verdeckt wieder Kunst gegen Politik in Stellung bringen.

Doch wer sich an Punk erinnert: Das Geschrei, das die Beatles, Stones, Genesis, ELP und andere erfolglos verbieten wollten, die „reine Inhaltlichkeit“ so vieler Bands, trug wie manch ostentative „Kunstlosigkeit“ zuvor, längst den Keim einer neuen „Kunst“ in sich, die von Raincoats bis Pop Group reichte und möglicherweise die reichhaltigste, dennoch nicht beliebige Formensprache der Pop-Musik entwickelte. Das Aus-der-Welt-Schaffen qua Deklaration und Behauptung war die andere Seite einer musikalischen Evolution, die wie jede gute, richtige formale Explosion nicht aus dem Faselhirn von Fuselzeichnern zufällig fließt, sondern …

PC, richtig eingesetzt, eliminiert auf (nicht notwendig unelegante) Weise auch gerade das, was einer ästhetischen Erneuerung als störende Verwechselbarkeit im Weg steht. Über Einzelheiten von Einschätzungen kann und muß man natürlich streiten – denn Lächerlichkeiten, auch Depolitisierungs- und Betroffenheitskitsch, gibt’s mittlerweile auch hier genug. Aber wenigstens gibt es dazu endlich wieder ein Register. Wenn FAZ-Rechtsaußen Eckard Fuhr sich über ein Buch begeistert, daß PC als „Gefahr für die Demokratie“ deklariert, kann jeder, der sich wie du und ich über eines definitiv mit den anderen Kindern einig ist, daß wir nämlich eine andere Demokratie wollen als die FAZ, zumindest ein gewisses präventives Wohlwollen gegenüber offensivem, „glamourösem“ PC durchaus in seinem/ihren Herzen hegen.

Die Apodiktik von Punk hat natürlich bei unveränderten gesamtgesellschaftlichen Bedingungen irgendwann genau jene endlos bezeichnende, symbolisierende, verfügende, konsumierende, klassifizierende Kommunikationsform und identifizierende, sammelnde, infantile Konsumform in die Welt gesetzt, die natürlich auch bei Spex nie so einfach vorgeherrscht hat, sondern neben anderen Strukturen aber immer wieder bestimmend wurde, vor allem in den Jahren 85-90. Das heißt: Apodiktik und Behauptungspolitik, Entscheidungen darüber, was korrekt und maßgebend ist, überhaupt ein Wesentliches an PC: Machtanmaßung oder Self-Empowerment können, obwohl PC heute über manche vorangegangene Bewegungen aufgeklärt sein kann, wieder zum reinen Bestätigungsdiskurs einer maßvoll oppositionellen Fraktion innerhalb der herrschenden Klassen, Gruppen führen.

Der Vorteil etwa des Feminismus, daß die Protagonisten – zumindest begrenzt – anwesend sind und in gewissem Maße kontrollieren können, was aus ihren Forderungen und Artefakten wird, im Gegensatz zu den meist abwesenden Afroamerikanern, birgt den Nachteil, daß die PC-Strategie-Option nur von Nutzen für Interventionen derer ist, die eh schon relativ privilegiert sind. Schon wird zum Beispiel ein Abfall der Hip-Hop-Auseinandersetzung bei gleichzeitigem Anstieg anderer Debatten beklagt. Das bezieht sich nicht auf die Textmengen oder deren Qualität, sondern auf den Resonanzboden. Neben „relativ anwesenden“ Feminstinnen und nahezu komplett abwesenden Afroamerikanern gäbe es zu beteiligende Migranten in der näheren Umgebung, die nur als Ausnahmen vorkommen.

Wer immer aus den USA importiert, wo sich die gesellschaftlichen Gruppen antagonistisch gegenüberstehen, statt aus Großbritannien, wo Migranten in einer mit hiesigen Zuständen vergleichbaren Weise an Politik, Kultur etc. beteiligt sind, kriegt natürlich immer wieder Bilder von unüberbrückbaren, unpolitischen, quasi-ethnifizierten Andersheiten. Wenn wir wieder selbst die Protagonisten sein können, oder so Ähnliche wie wir, könnte unser Narzißmus dann doch so weiter am Daumen lutschen wie bisher? Ja, warum nicht und nein. PC hieße in diesem Zusammenhang ja nicht, wie immer wieder geargwöhnt wird, daß Kastrationen im großen Stile vorgenommen werden müssen, sondern daß der kategorische Imperativ lautet, rede halt allzeit so, als wären die, über die du redest, anwesend. Und wenn du – was völlig o.k. ist – über jemanden einen Witz reißen willst, müssen entsprechende Gründe vorliegen, oder du mußt es erklären können oder so gemeint haben.

Um PC in diesem Sine zu verabschieden, bedarf es halt der dringenden Klarstellung, daß es sich um eine Methode, ein Verständnis von Worten und Politik und den Transfer von beiden handelt, dessen Inhalt je und je auszudiskutieren wäre oder entsprechende Diskussionsergebnisse nur noch einmal bekannt gemacht werden müßten und im Gegensatz zu Straight Edge kein inhaltlicher Kanon, der aus – sagen wir: Veganismus und Anti-Mißbrauch – besteht.

PC könnte also genau jene molekulare Revolution darstellen, von der Guattari sagte, sie bestehe darin zu sagen: „Gut, wir werden uns in einer völlig künstlichen Art und Weise ein Modell vom Mann, von der Frau und von Beziehungen errichten.“ Es ist richtig, daß die Rahmenbedingungen für eine solche Revolution heute nicht nur schlechter sind als damals, als Guattari sie ausrief (und sie schon schlimm genug waren). Aber die molekulare Revolution, obschon nicht völlig autonom und unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen, hängt nicht monokausal von Trends und Konjunkturen ab, sondern hat sozusagen eine relative Autonomie, gerade in relativ geschützten, also subkulturellen Räumen.

Das eigentliche Problem ist also, wie eine solche molekulare Revolution unter den gegenwärtigen Verhältnissen gelingen kann, wenn sie, wie PC – und das wäre eigentlich die einzige inhaltliche Bestimmung – sich gerade nicht in Schutzräume verkriechen, sondern eben niemanden ausschließen will. Ganz abgesehen davon, daß die Schutzräume immer weniger werden und die praktische Arbeit von PC nur zu oft darin besteht, zu verteidigen, was noch da ist. In diesem Zusammenhang ist auch daran zu erinnern, daß die – durchgängig negativ besetzte – Bezeichnung PC in den USA diversen schon lange laufenden Debatten und Bewegungen erst nachträglich aufgesetzt wurde, um sie zu diskreditieren. Das schuf langsam die kulturhegemonialen Voraussetzungen, realpolitisch sowas wie Affirmative Action in einigen Staaten abzuschaffen.

Nichtsdestoweniger kann man PC hier eventuell noch anders besetzen oder zumindest Debatten darüber führen, was eine neue Behauptungs- und Benennungs- und sonstwie symbolische, den wie auch immer zu bewerkstelligenden Transfer von Worten zu Taten betreffende Politik zu fordern und zu sagen hätte. Und vom wem und durch wen. Für Spex sollte dies bedeuten: Daß es nicht nur bei der strukturell notwendigen strukturellen Krise bleibt, sondern daß sie vor allem politisch genutzt wird.