Werke X: Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt

Gegen die eine große Linie von Musikdenken, dass die Anordnung von Klängen in Sequenz und Harmonie nichts anderes sei als eine Art verzauberte Erzählung, mit einem veritablen Subjekt (oder mehreren) im Mittelpunkt, hat sich die andere entwickelt, die immer eher wollte, dass Musik den Klang der Welt neu hervorbringe und feiere, nicht am sattsam bekannten Sound des Subjekts weiterweben möge. Natürlich steht diese Richtung, mit Gründungsdokumenten bei Debussy („La Mer“) oder Varèse („Ionization“), immer mit einem Bein in der Esoterik, kann dafür aber ausschließen, sich an Macht und Mythen mit sich selbst beschäftigter Einzelner aufzureiben (und wem kommen die nicht aus den Ohren?).

Sound Art hat diese Gegenrichtung über die Verherrlichung von Natur, Planet und Umwelt hinaus in Richtung auf die Spezifik bestimmter Orte und Räume erweitert und gerade da wird’s nun oft tautologisch, wenn man die hundertste Installation sieht, die – durch irgendwelche Filterungen und Verfremdungen leicht kaschiert – doch nichts anderes wollen, als den Sound zu feiern, den ein konkreter Raum hergibt. Das macht aber auch jede Rockband ganz gut. Interessant wird es, wenn jemand versucht, die Idee der Sound-Installation aufzugreifen, aber sie dann wieder zu remusikalisieren: die Geschichte von Beton und Sand, Asche und Industrie wieder in das Idiom einer subjektiven Erzählung rückzuübersetzen.

Diesen Versuch unternimmt der kanadische Komponist Martin Bedard auf seinem Album Topographies (Empreintes Digitales). Fast alle der durchschnittlich zehnminütigen Werke handeln von konkreten Räumen, nehmen konkrete Klänge dieser Räume zum Anlass und zur materiellen Grundlage, speisen diese aber in mächtige Whirlpools von musikalisch üppigen, gerne ein bisschen überwältigenden barocken Sound-Sprudeln ein. Bedard geizt nicht mit fetten elektronischen Massagen und quasi-sinfonischen Massierungen, intensiven Unübersichtlichkeiten, die sich dann wieder fast liebreizend ordnen und auf sinnfällige Weise Form bilden – immer dabei aber: die Raumklänge als Bass der Realität. Unterwasseraufnahmen, musikalisierte Güterzüge, Straßen und Gebäude. Auch für Freunde des Prog-Rock geeignet, die mal auf den Rock verzichten können.

Eine Techno-Delikatesse: Retro-2038 (Editions Mego) von COH a.k.a. Ivan Pavlov. Trotz Titeln wie „Retrotech Overture“ oder „Vainio“ geht es hier nicht um Hommagen und Zitate, sondern um eine abstrakte Klarheit, die allerdings eine bestimmte Geschichte hat. Auf die zu verweisen hilft, um sich die Kunstreligion vom Leibe zu halten, die an Alben wie diesem Essenz und minimale Wahrheit des Elektronischen erkennen will. Die Versuchung, bei einem zarten posthumanen Quasi-Folk-Track wie „Time To Time“ genau an so etwas wie ewige Grundformen des Digitalschönen zu glauben anzufangen, ist indes groß. Leider kenne ich die Aufnahmen des Broken Arm Trio um den Free-Jazz/Improv-Cellisten Erik Friedlander nicht, aber was der Produzent, Mixer und Engineer Scott Solter daraus gemacht hat, ist brillant. Fünf Vignetten, die jede für sich Distanzen zurücklegen, für die andere Lebensläufe brauchen: aus dem irren Inneren des Instruments durch gewaltige, sich blähende Kanalisationstunnel in die Spiegelsäle des Orchestralen und zurück in das mikrokosmische Reich der Glitches und der reißenden Saiten, wo das arme Kontaktmikrofon im Cello gefangengehalten wird. Auf der EP Solter Resets Friedlaender No Compass (Skipstone) stellt sich auf sehr entspannte Weise die Frage so gar nicht mehr, was eigentlich instrumentale und was elektronische Musik sei.

Am Anfang solcher Entwicklungen stand ein Mann, den man als Pionier nicht genug schätzen kann: Ramon Sender, neben Pauline Oliveros, Terry Riley und Morton Subotnick die entscheidende Größe in den Entstehungsjahren des San Francisco Tape Music Center, dessen eigenes Werk im Gegensatz zu dem der Erfinderin des Deep Listening, des psychedelischen Minimalisten und des zentralen Synthesizer-Ausprobierers kaum dokumentiert ist. Dabei hat er mit der kollaborativen Arbeit „City Scale“ schon in den frühen 60er-Jahren Sound im öffentlichen Raum zelebriert und war von Blues und Hippiekultur ebenso affiziert wie von neuster Elektronik. Die einzigen Aufnahmen, die man zurzeit (mit Glück) von ihm bekommt, stammen aus den 60ern und sind 2004 respektive 2006 auf Locust wiederveröffentlicht worden: Worldfood und Desert Ambulance. Letzteres, vor allem das Titelstück auf der B-Seite mit Pauline Oliveros am Akkordeon, ist der ideale Einstieg in das zerklüftet roughe, aber ebenso frische und großzügige Klima meiner aktuellen Lieblingsmusik (sowie in die großartigen Coverwelten des Licht- und Multimediakünstlers und SFTMC-Mitstreiters Tony Martin).