Werke XIV: Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt

Gerade sah ich im MACBA zu Barcelona einen Dokumentarfilm aus dem letzten Lebensjahr von Gordon Matta-Clark: Was für ein gut gelaunter und doch zurückhaltend freundlicher Monomane war das doch! Wie er immer ganz alleine und ohne die heute üblichen Assistenzen die Motorsägen ansetzen, die Steigeisen anlegen und den Gebäuden buchstäblich zu Leibe rücken wollte: ein echter Solist, der seine Einzelschnitte am liebsten da ansetzte, wo alles riesig, strukturell und unangreifbar schien. Ja, manchmal macht auch so ein kleines Heldenlied Spaß, vor allem, wenn der Held so ein reflexiv zurückhaltender Zupackender ist.

Es gab in Berlin so ein All-Star-Improv-Ensemble namens Phosphor; daher kannte ich den Namen Alessandro Bosetti. Jetzt begegnet er mir wieder auf dem zweiten Album des Trios Trophies, You Wait To Publish (Monotype). Dieses Werk beantwortet die Frage, ob man den von David Thomas, Henry Cow, Art Bears, Red Crayola und der einen oder anderen 80er-Jahre-Band von Recommended Records entworfenen literarischen, diskursiven Art Rock als mögliche Methode eigentlich zu Recht irgendwann am Wegesrand der Geschichte liegengelassen hat beziehungsweise den bekanntesten Vertretern als Personalstil abgetreten hat. Statt weiterzumachen. Antwort: zu Unrecht. Da ist noch was drin. Bosetti, der früher Saxofonist war, ist jetzt Sänger und voice actor, der Allrounder Tony Buck ein virtuoser Trommler, und Kenta Nagai diskutiert an der Gitarre fortgesetzt die alte Frage, ob Einzeltöne eigentlich so etwas sind wie Worte und Phrasierungen, nicht nur eine Rhetorik, sondern auch eine Syntax haben. Überdeutlich in dem großartigen Song „Matta Clark“: Bosetti rezitiert offensichtlich eine Hälfte eines aufgezeichneten Dialogs über Gordon Matta-Clark, das Loch, das man gebaut hat, um das Forum Des Halles in Paris zu bauen, den Grand Canyon, das Tempelhofer Feld, Löcher in Städten an und für sich. Nagai folgt ihm so, als wäre jedes Zögern, jede „natürliche“ Phrasierung eine exakte Notierung. Als sollte Albrecht Wellmers Theorie der „Klangrede“ (in Versuch über Musik und Sprache, Hanser Verlag 2009) buchstäblich genommen werden, als könnte man auch einmal über Dark Star eine entsprechend bearbeitete Bundestagsdebatte legen. Dann gibt es eine zweite Strophe, und derselbe Text wird expressiv und musikalisch. In den anderen Nummern geht es aber dagegen gerade nicht um langes Reden, sondern um ein Sich-Hochschaukeln durch per Wiederholung langsam leer werdende, aber von Haus aus sehr starke, poetische, aussagekräftige Sätze. Man kann auch die genaueste Formulierung und Sequenz von Formulierungen leer rocken, dass es eine Freude ist.

Mehr Art Rock: Pas Musique ist ein genialer Bandname – viel zu schade für eine Band, die sich schon wieder aufgelöst hat. Was klingt wie verdüsterter, durch allerlei digitale Erfahrungen hindurchgegangener psychedelischer Krautrock (Abandoned Bird Egg, Alrealon Musique), kriegt immer wieder eine ungewöhnliche Dringlichkeit durch echte und simulierte Soli. Auch bei diesen, sich als Schüler von Robin Storey (Zoviet France) ausgebenden Leuten geht es um intelligent misslingende Regression. Die sich aus dem maschinellen Strom lösenden Stimmen, Gitarren und elektronischen Einheiten können nicht aufhören, elaboriert zu erzählen, persönlich zu werden, auch wenn es die endzeitlich-eiszeitliche Gesamthöhlenstimmung so gerne hätte.

Neulich mal wieder Mika Vainio in Wien solo live gesehen. Was für ein sympathischer Einzelgänger! Wem das verlassene Vogelei noch nicht winterlich und wunderlich genug ist, der kann sich mit einigen älteren Aufnahmen von ihm und Joachim Nordwall (vor drei Jahren in Berlin entstanden) in die Stimmung begeben, die beim langsamen Eindringen in die Atmosphäre eines konturenlosen nächtlichen Nebelplaneten entsteht. Doch auch bei Monstrance (Touch) hört man noch persönliche Klagelaute aus dem langgezogenen Gitarrenmahlen und Elektronikschwellen dieses posthumanen schweren, skandinavischen Narkotikums. Wem das noch zu gemütvoll ist, sei das ein Jahr später 2011 in Brooklyn entstandene All-Star-Trio-Werk Enough!!! (Monotype) mit Joachim Nordwall, Carl Michael von Hauswolff & Jason Lescalleet als nun nicht mehr zu unterdunkelnde Untermalung der weniger heiteren Jahreszeit empfohlen: eine nachhaltige Grundierung aus Zittern und Schlottern von Gebeinen, zu denen keine Stimmen mehr gehören, gerade noch die Hohlräume, die das Erklingen der bitterkalten Böen erlauben. Gegen die provozierende Heiterkeit eines ewig Winterspiele feiernden Kapitalismus ist nichts so schön wie das Langgezogene, das Gezerrte, Gedehnte, das Unheitere. Doch merke: Über Posthumanismus lässt sich reden, Misanthropie aber ist rechts.