Nichts ist so verboten, eklig und rockjournalistisch wie aus dem Bandnamen der zu rezensierenden Band eine Metapher zu gewinnen, mit der man dann die Musik beschreibt. Aber heute machen wir hier ein paar gruslige Dinge.
Es war vor zwei Tagen ein wunderschöner, sonniger Frühlingswintertag, und es gab nichts Schöneres, als ihn mit Alvin Currans Under The Fig Tree (Die Schachtel) zu beginnen, genauer: mit der B-Seite, „The Magic Carpet“. Das war eine Sound-Installation, gewaltige Erdzeitalter bevor es diesen Begriff gab; von dem heute noch recht aktiven amerikanisch-italienischen Bildhauer Paul Klerr 1970 zunächst als Installation ohne Sound in einer römischen Galerie aufgebaut. In der Architektur aufgespannte Saiten, die Volumen im Galerienraum definierten, so ähnlich wie bei Fred Sandback, nur nicht so minimalistisch sauber. Curran erklärte seinem Freund bei einer Vorbesichtigung, dass dieser soeben ein gewaltiges, begehbares Musikinstrument gebaut habe. Es fehlten nur die Pick-ups. Die schraubte dann Curran an alle möglichen strategischen Stellen und tobte sich darin aus – und 44 Jahre später vermischte sich dieses ganzkörperlich-meditative Toben mit der Wintersonne im Arbeitszimmer, vermittelt über eine Wiederveröffentlichung auf dem Die-Schachtel-Label von 2010.
Okay, daran war noch nichts gruslig. Nun kommt es. Der Polwechsel. Das Phänomen, dass das Magnetfeld der Erde von Zeit zu Zeit umspringt und dass dann dort, wo Norden war, nun Süden ist und vice versa, ist zunächst rätselhaft. Es geschieht auch nicht oft, aber angeblich schon 18-mal seit es Bewusstsein auf der Erde gibt (das weiß man nicht, weil es den anwesenden Bewusstseinsbesitzern aufgefallen wäre). Außerdem pulsiert das Magnetfeld und ist unterschiedlich stark magnetisch. Am stärksten an den Polen – das ist nicht besonders interessant – und in Australien, am schwächsten in Brasilien, wo bekanntlich dafür Magie und Beschwörung stark und die Erdenschwere gering sind. Solche Phänomene interessieren … die Gruppe Polwechsel. Die Erde als Instrument: Ihr Gründungsmitglied Werner Dafeldecker hat am Südpol einen Schneesturm aufgenommen, also dort, wo das Magnetfeld am stärksten ist. Aber auch die erdgeschichtlichen Dauern als Ideen für Rhythmen und Perioden, als Modellangebote im allgemeinen Spiel temporaler Größenverhältnisse. Sodann, plötzliche Sprünge, nicht als Hektik, sondern als simultanes kollektives Leben/Spielen mit (mindestens) zwei total verschiedenen Prinzipien. Die Band – ich nenne sie mal Band – ist für die triolektische Synthese aus Post-Free-Jazz und Post-Techno und Post-Neue-Musik-Improv in Wien dasselbe, was die Byrds für den psychedelischen Folk-Rock waren: eine Akademie, ein Campus, ein Trainingslager. Oder die Soft Machine desselben. Ein extrem langlebiges Quartett, dessen Mitglieder manchmal woanders hingehen und neue Welten eröffnen wie Ex-PW Burkhard Stangl, einer der produktivsten Musiker seiner Zeit, zuletzt gab es die programmmusikalische Implosion Unfinished. For William Turner, Painter (siehe Spex #349), oder extreme Vergangenheiten haben wie Ex-PW Radu Malfatti, der schon bei Brotherhood Of Breath mitgemacht hat, dem Trainingslager der 70er und 80er.
Die versprochenen zwei Prinzipien sind zum Beispiel: ein Gewaschen-Sein mit allen Wassern einer Unbestimmtheitsästhetik, Klischee- und Gestaltvermeidung einerseits und andererseits das Verbreiten einer Stimmung von Disziplin, von Gesetztheit, von Urteil, von so und nicht anders. Ziemlich beeindruckend. Das neue Album – das siebte in zirka 20 Jahren: Traces Of Wood (Hatology) – hat vier Kompositionen/Stücke, die von je einem Member ausgehen (wie Third von Soft Machine) und doch, und nun sage ich’s endlich, und doch: den Polwechsel, den Austausch der Spannungsbezüge in der Gruppe in derart groß abgezirkelten Coolness-Kurven herbeiführen, dass man von Lockerheit sprechen müsste – wäre es nicht eine ziemlich ernste Musik.
Aber grusliger, als Bandnamen als Metapher für deren Musik zu deuten, ist nach meinen bisher unumstößlichen Maßstäben dieses: Ich hab mir zum ersten Mal im Leben ein Produkt von Keith Jarrett angeschafft. Tja. Leugnen hilft nicht. Man muss auch loslassen können, auch liebgewonnene Feindschaften; vor allem dann, wenn es der Feind einem so leicht macht. Genau genommenen waren es sogar zwei Produkte, aber den Erwerb seines völlig bizarren Folk-Pop-Psychedelia-Flower-Kinder-Werks Restoration Ruin von 1968 (Vortex), das auch gerade noch mal wiederveröffentlicht wurde, will ich hier nicht melden, sondern die jetzt hochoffiziell auf ECM erschienene Doppel-CD No End, ein Haufen jeweils endloser Jams mit sich selbst von 1986: auf allen möglichen Instrumenten – hauptsächlich aber schlängelnden und schrängelnden psychedelischen elektrischen Sologitarren, die irgendwie völlig deplatziert auf Trip sind. Und zwar auf einem orientalisierenden, ungehetzt und undiszipliniert mäandernden San-Francisco-Trip von 1966, auf einem aus der Welt gefallenen Acid-Test ohne Ergebnis: leidenschaftlich, strukturschwach, durchgeknallt, utopisch lahm, soziobegehrlich, wowensen.