Das Lied des Waldes im Hochsommer. Drei Tage nichts anderes gehört. Ergebnis: Es ist kein Lied, auch keine Sinfonie oder Sound-Installation, denn der Klangraum hat ja keine erkennbare Grenze, nicht einmal die gelegentlich herbeigewehten Straßenlaute. Es ist mein Weg durch dieses Soundscape, der zählt, der dem Gesummel und Geschruschel Struktur verleiht. Also auch etwas ganz anderes als das legendäre Aufsommerwiesenherumliegen und entspannt auf kommende und gehende Tiere hören. Es ist mein Weg, aber dieser beruht nicht auf individuellen Entscheidungen, ist nicht biografisch, sondern folgt vorgegebenen Passagen, die menschlich-natürliche Zusammenarbeit (oder auch Ausbeutung, Kultivierung, Geschichte) vorschlagen: Und man folgt dem Vorschlag gerne. Stundenlang.
Am nächsten kommt dieser Struktur von Einsamkeit und Vorgegebenheit, von Gleichzeitigkeit und Nacheinander der Klangeindrücke das neue Album des polnischen Komponisten und Klangkünstlers Jacaszek, der bei Catalogue Des Arbres (Touch) seine elektronischen Kreationen naturartiger Konkretheiten vom Quartett Kwartludium ergänzen und weiterführen lässt. Das schrammt knapp am Abgrund holistischer Weltklangdichtung vorbei, ist aber gerade in dieser knappen Differenz sehr stark: Dieser Pianotupfer, dieser beiläufige Violinenstrich sind eben keine Äquivalenzen zu Naturklängen oder elektronischem Pseudo-Concrete. Wir orientieren uns nur an deren Anordnung zwischen Gleichzeitigkeit und Nacheinander. Wald ist einfach eine ziemlich gute Idee für ein ungenaues Hier und ein ungenaues Jetzt.
Komplett mit Manifest kommt das neue Werk des Aktivisten und Ritualisten, transindustrialistischen und Trans-Metal-Extremmusikers Dave Phillips aus der Schweiz. Auf Homo Animalis (Schimpfluch Associates) wird zu einer Art Hippieversion von Anthropozentismuskritik – gegen Begriffe, gegen Sprache, gegen Abstraktion – aufgerufen und auf zwei langen CDs auch klanglich ausgesprochen ergiebig in der Ununterscheidbarkeit menschlicher und tierischer Vorbilder in Maschinenklängen rumgeorgelt. Deutlich abrupter und konfliktuöser in seinem Naturbild (in dem eben vor allem Mensch und Tier und ihre Gemeinsamkeiten das Sagen haben, weniger Stein, Pflanze und Tektonik), das aber dennoch mehr als der scheinidyllische, aber differenzstarke Katalog der Bäume von Jacaszek zu dem metaphysischen Holismus einer befreiten ideellen Gesamtanimalität strebt. Damit trotz maximaler historischer und musikalischer Distanz: Rock’n’Roll.
Die Natur eher unter das biografische Mikroskop derer legen, die sich wissenschaftlich mit ihr beschäftigen, will das österreichische Duo Modell Doo. Orbit Utopia (Modell Musik) widmet sich in einem ernsten, um zeitgenössische Elektronika aufgerüsteten Dark-New-Wave-Idiom (Human League vor der Pop-Phase plus Van Der Graaf Generator und so was wie osteuropäischer instrumentaler Hip-Hop) den Lebensläufen von zwölf Naturwissenschaftler_innen (zwei davon sind erfunden) in einer sehr einnehmenden Inszenierung von Vernunft als Geheimnis. Für die Can/Faust-Supergruppe Irmler Liebezeit ist die Flut (Klangbad) – und damit wahrscheinlich und um beim Thema zu bleiben: die Natur –, der sie sechs ziemlich atemberaubend virtuose und doch vertraute und nostalgiefähige Keyboard-Drums-Jams widmen, vor allem immer noch das, was sie selbst lostreten, nichts, hinter das man zurücktreten oder in das man hineinkriechen müsste: „Ein perfektes Paar“ (Songtitel) und eigentlich die Platte, die ich mir immer von Mike Ratledge und Robert Wyatt erhofft hätte: Keyboard/Drums als postphallisches Körpermodell mit schönen wobbligen Effekten und gnarzigen Extensionen.
Akira Sakata ist ein verdienter Altmeister des hartnäckigen japanischen Free Jazz. Auf Arashi (mit Johan Berthling und Paal Nilssen-Love, Trost Records) hört man ihn aber nicht nur an seinem Hausinstrument, dem Altsaxofon, sondern wie auf ungefähr einem Viertel seiner zirka 100 Recordings seit den frühen Siebzigern auch als Sänger – und das ist das Allergrößte: Attila Csihar, neige deine Blume! Chuck Schuldiner, du auch! Aber Sakata hat noch ein drittes Werkzeug: die Klarinette. Komischerweise mir von Jahr zu Jahr das immer liebere Schilfrohrmundstückinstrument. Hier werden die rohen Männer immer so zärtlich – oder sprachnah. Oder vollständig verrückt.
Xavier Charles ist mein bevorzugter Jazz-Konzeptualist; der Mann, der den Fake-Jazz ins 21. Jahrhundert geführt hat. Sein Wald ist die Küche. Für 12 Clarinets In A Fridge (Unsounds) hat er Kühlschrank, Waschmaschine und Heißwasserspender als Metaphern für Klangorganisation ebenso wie als echte Klangursachen entdeckt und mit der zerebralen Zärtlichkeit, über die nur der Klarinettist verfügt, zu einem veritablen Parlament der Dinge organisiert. Da hört man die vernachlässigte Kartoffel, die im Gemüsefach längst ihre Triebe entwickelt hat, sich leise beschweren, und die Waschmaschine grundiert und multipliziert die Einsamkeit des Blasinstruments mit der ganzen Dramatik, die ihrem Schleuderprogramm zur Verfügung steht.