Zu den großen anthropologischen Erfolgen der achtziger Jahre gehört es, die narkotische Ödnis jener ebenso stumpf- wie tiefsinnigen New-Wave-Monotonie begründet zu haben, die seitdem von manchen Menschen als rhythmische Heimat, von anderen als perkussives Exil an solchen Tagen betrachtet wird, an denen man sich offensiv hängen lassen (oder auch aufhängen) will. Bei der aktuellen Hochkonjunktur der Depression ist das marschähnliche Getrappel überall: die Beats der Linie Joy-Division-Gothic mit ihren diversen Abzweigungen, etwa Richtung Neo-Folk oder Doom. Und immer war eigentlich klar, dass diese Linie auch im Unendlichen nicht mit der Linie Swing/Funk zusammentreffen wird. Doch das ist Unsinn. Neulich beim naturbekifften Anhören von Unreleased? (Rune Grammofon), von Fire! gemeinsam mit Jim O’Rourke eingespielt, wurde mir klar, dass diese Begegnung nicht nur in diversen, mitunter noch scheuen Aufeinandertreffen von Drone/Metal und experimentellen Musikern stattgefunden hat. Sie ist in verschiedenen Projekten der Chicagoer Free-Szene, zu der man ja auch Fire! mindestens über ihr Mitglied Mats Gustafsson rechnen muss, immer wieder kultiviert worden: von The Thing bis zu Matana Roberts oder auch anderswo bei Sabir Mateen oder Matthew Shipp. Im Grunde ist die längst vollzogene Fusion von Funk und Depri der ansteigende, zentrale Groove der Gegenwart – Voraussetzung: lebende Schlagzeuger.
Jazz – oder was daraus hervorging – ist einfach überall dabei. Diese Leute bringen etwas mit, was anderen vielleicht mehr und mehr abgeht, zumindest auf der Ebene des Einzeltons: Artikuliertheit. Oder auch andersrum: noch eine Begegnung von Parallelen, deutlich vor dem Unendlichen. Der Artikulierteste von allen, der Perkussionist und Komponist Michael Wertmüller, arbeitet ja seit Jahren – etwa im Trio Full Blast mit Marino Pliakas – mit Peter Brötzmann zusammen, dem Gigant der Behauptung, dass Artikulationsgenauigkeit nur bei Gefahr ihres Dementi (durch physische Überwältigung, expressive Verschleifung oder auch harten Humor) interessant oder überhaupt zu haben ist. Bei der Aufführung von Wertmüllers Donaueschinger Auftragskomposition Sketches And Ballads (Trost) mit einer erweiterten Full-Blast-Besetzung tritt Brötzmann auf wie ein Schauspieler, der sein ganzes Gewicht in die Waagschale von Genauigkeitsperformances von z. T. historisch wirkenden Sensibilitäten (und Sentimentalitäten) wirft, die Wertmüller, der bei seinen eigenen präzisistischen Percussion-Passagen bis an die Grenzen der Selbstironie genau ist, diesmal für ihn vorgesehen hat. Was schneidet sich hier im Nicht-Unendlichen? Lester Young und die höhere Mathematik neuester Musik? Jedenfalls unerhört.
Am irresten in diesem Sinne aber ist das Wiederfinden einer CD, die sich irgendwo im Messie-Haushalt verkrochen hatte: die Filmmusik zu Enzo G. Castellaris Gli occhi freddi della paura (u. a. Dagored), nominell von Ennio Morricone geschrieben, de facto aber zu weiten Teilen von dem legendären Komponisten-Ensemble Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza er-improvisiert. GINC war ein um 1965 von Franco Evangelisti gegründetes Kollektiv von Komponisten, darunter Mario Bertoncini, Egisto Macchi, Roland Kayn, Ivan Vandor und wechselnde andere – und eben Morricone. Aus der Improvisation heraus, unterstützt von bestimmten Kommunikationsregeln und bei Einhaltung bestimmter Probe- und Übungsexerzitien, wollte man das Musizieren als Handlung retten. Obwohl ihre ersten Alben in Psychedelic-Covern steckten und hippe Grafik vorzeigten, hatten sie mit Jazz und Pop wenig am Hut. Nach Umbesetzungen gab es dann in den mittleren Siebzigern eine viel diskutierte zweite Phase, in der Verhaltensformen (sogenannte Scheme) benannt und zur Grundlage des Spiels werden sollten – aber kein Mensch redet vom Jahre 1971, in dem diese Leutchen dann doch den avanciertesten Jazz des Planeten aufnahmen. Offensichtlich hatte man nicht nur den Ekel vor Beats und Bassfiguren überwunden, die strengen Komponisten hatten sich den amtlichsten Kollektiv-Groove im Stile der zeitgleich operierenden Miles-Davis-Gruppen beigebracht (mit Ennio als gelegentlichem Miles-Darsteller!). Neben dem erwähnten Soundtrack findet man diese Musik nur noch auf der ebenfalls 1971 aufgenommenen LP Niente (2010 als CD auf Cometa, jetzt als LP auf OMNI bzw. The Roundtable), die aber erst später verfügbar wurde (womöglich auch auf der sagenhaften The Feed-back von 1970, die aber so rar ist, dass ich sie noch nie hören konnte): Nie hat irgendetwas so zwickend und tödlich gegroovt. Aber auch die ganzen Erfahrungen aus den akademischeren Klangerforschungsimprovisationen der früheren Platten werden mit großer Genauigkeit in psychedelische Unterwelten getrieben, deren unfassbare Unluft man geatmet haben muss.