Gerne schließe ich an die letzte „Gegenwartskunde“ von Klaus Walter an: Ein häufiger Kollaborateur des Grenzüberschreiters Arthur Russell, von dem dort die Rede war, seinerseits ein Grenzüberschreiter, begegnet einem in letzter Zeit immer häufiger in akademischen Queer-Studies-Papers oder auch in neuen Historiografien zum Verhältnis zwischen Afroamerika und Neuer Musik, aber viel zu selten (um nicht zu sagen: gar nicht, Ausnahme: Spex #346) in Musikzeitschriften: Julius Eastman war Komponist, Pianist und Sänger, den man auf Platten von Morton Feldman ebenso oft findet wie im Umfeld von Petr Kotik, Meredith Monk oder Pauline Oliveros. Für Russell hat er 1981 als Dirigent bei Tower Of Meaning gearbeitet, gelegentlich gesungen und Klavier gespielt.
Eastmans eigene Karriere ist von Skandalen und Provokationen überschattet, obwohl seine Musik alles andere als schroff war. Aber nicht nur, dass er eine Anweisung in einer Cage-Partitur, die sich viel auf ihre absolute Offenheit und Unbestimmtheit zugutehält, in einer Performance auf die offensichtlich einzig mögliche falsche Weise verstand (nämlich sexuell), er gibt auch seinen ebenso brillant funkelnden wie durchaus freundlichen minimalistischen Kompositionen für vier Klaviere noch Titel wie „Gay Guerrilla“ oder „Crazy Nigger“.
Wer Dehnübungen an maximaler Spannung zwischen suggerierten Bedeutungen, Schwankungen in der Performance und „rein musikalischer“ Semantik erleben möchte, findet bei Eastman reichlich Material: auch die als zwar tapetenhübsche, aber feierliche orchestrale Kathedrale daherkommende Fanfarenkaskade von 1977 hätte kein anderer sarkastisch „If You’re So Smart, Why Aren’t You Rich?“ genannt. Und „The Holy Presence Of Joan D’Arc“ zeigt die andere Seite eines Mannes, der die in den Siebzigerjahren im New Yorker Downtown-Minimalismus kursierenden anti-komplexistischen Thesen von Michael Nyman eben nicht als Weg ins Ornamentale verstand, sondern überraschend überzeugend als einen, der zu Härte und Deutlichkeit führt (eine Kippfigur zwischen Harmlosigkeit und Esoterik und deren absolutem Gegenteil, die es etwas anders gelagert auch schon in der früheren Minimal Music von La Monte Young oder Tony Conrad gab).
Eastman, von seinen Zeitgenossen übereinstimmend als Jahrhundertbegabung gepriesen, stirbt noch nicht 50-jährig 1990, erst acht Monate später wird der Tod des Vergessenen bekannt, von dem zu Lebzeiten keine Schallplatten mit eigenen Kompositionen veröffentlicht wurden. Freunde und Weggefährten stellen aus den wenigen live aufgenommenen Kompositionen eine Triple-CD zusammen, die 2005 unter dem Titel Unjust Malaise bei New World Records erscheint. 2013 hat DJ Rupture unter seinem bürgerlichen Namen Jace Clayton die zwei kürzeren, nur jeweils LP-Seiten-langen Werke „Evil Nigger“ und „Gay Guerrilla“ mit je drei weiteren Pianisten als The Julius Eastman Memory Depot auf New Amsterdam Records herausgebracht: zeitgemäß crisp aufgenommen, mit drahtiger Dynamik, knallkristallig und klavierhart. Unjust Malaise lohnt sich aber auch, nicht nur wegen der größeren Bandbreite, sondern weil man hier in ganz verschiedenen Situationen die Gelegenheit bekommt, Eastmans Stimme zu hören: im Hintergrund Anweisungen brüllend, das merkwürdig hochgestimmte Intro zu seiner Jean-D’Arc-Komposition schmetternd, dem Publikum im Jahr 1981 seine Kompositionen für vier Instrumente erklärend.
Dass Howe Gelb mit den Wiener Experimentalisten von Radian ein gemeinsames Album machen würde, Radian Verses Howe Gelb (Radian Releases), klingt wie ausgedacht weird. Wie in einer Welt, in der alles zu allem passt, unbedingt noch etwas zusammenbringen zu wollen, das noch nicht passt. Doch paradoxerweise beweist das Harmonieren dieser beiden Temperamente, der Gewinn ihrer Begegnung, dass eben doch nicht alles passt, nicht alles mit allem Gelenke und Schaltungen bildet und sich verknüpft und den totalitären, geldartigen Lego-Charakter (digitaler) Dinge weiterwuchern lässt. Radian, immer auf der Suche nach dem Umweg, der gerade noch als Weg zu erkennen ist (und in dieser Disziplin mittlerweile geradezu flott) und Gelb, der derart selbstverständlich in Songs und Songfragmenten denkt (wie andere in Einkaufszetteln und Ligatabellen) sind clearly jeweils woanders: Und das ist die große Schönheit hier, ihr Nebeneinanderstehen. Schön wie eine Verabredung von Konkret und Abstrakt an einer zugigen, dunklen Straßenecke im ehemaligen Westen.
Eine sehr viel kleinere, aber dennoch reizvolle Differenz liegt zwischen dem Veteranen der Krautrock-Echo-Space-Reisen Günter Schickert und dem einstigen Free-Jazz- und Brutalismus-Fan Ghazi Barakat, der sich nach einem Chrome-Stück Pharoah Chromium nennt. Schickerts aschfahle Sternenuntergänge werden ja gerade allenthalben neu- oder wiederentdeckt. Auf diesem neuen Zwei-CD-Album Oxtir (Grautag) begegnen seine oft schon lakonisch wirkenden, extended Dark-Ambient-Gitarren-Arbeiten am Ende dem, was Barakat seine „meta-music for meta-people in a meta-world“ nennt. Sehr physisch für so viel meta.