Werke XXII: Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt

Über den Tod von Jack Bruce wurde etwas schnell hinweggegangen. Da hat die alte Welt getrauert, der aber alle Kriterien fehlen, um über die Helden ihrer Jugend Urteile zu fällen: Meist werden die größten Trottel erhabenster Irrelevanz genauso gewürdigt wie diese wirklich vielfältige und kaum erschöpfliche Figur.

Jack Bruce war genau wie der andere große Bassist und Songwriter seiner Generation, John Cale, ein totaler Musiker, den es als solchen in die Pop-Musik-Welt verschlug, wo man mindestens so sehr Performer sein muss. Auf diese Situation hat er oft ziemlich seismisch reagiert: Er ließ die Erde grummeln und brummen. Bruce kommt allerdings von einer anderen Musik: Was für Cale Cage und Minimalismus sind, waren bei ihm Eric Dolphy, Sonny Rollins, Kurz-vor-Free-Jazz und R’n’B. Bruce war immer wieder Zentrum geiler Jazzquartette und -trios in den Sechzigern: mit Graham Bond an den Keyboards (meistens auch als Leader), John McLaughlin an der Gitarre, Dick Heckstall-Smith als Roland-Kirk-Imitator an diversen Saxofonen und Flöten und seiner alten Hassfreundschaft Ginger Baker am Schlagzeug. Zugleich liebte er während seiner ganzen Karriere wirklich stumpfen Power-Trio-Rock: Es war nicht nur ökonomisches Kalkül, dass Bruce es in Gruppen wie West, Bruce & Laing an der Seite eines wenn auch innerlich zarten, so doch brachial biederen Berserkers wie Leslie West aushielt; für spätere kurzlebige Trios suchte er sich oft noch stumpfere Vertreter.

Andererseits war Jack Bruce am nachhaltigsten und anspruchsvollsten, aber auch geilsten Fusion-Unternehmen aller Zeiten beteiligt: The Tony Williams Lifetime. Nein, nicht nur das: An der Seite der irren amerikanischen Schlagzeugerin Cindy Blackman (Gattin von Carlos Santana) hat er in den Neunzigern an recht ansprechenden posthumen Rekreationen der Lifetime-Legacy gearbeitet. Cream, könnte man sagen, waren genau die Mitte zwischen der Liebe zu Rockschlächtern und dem Sinn für den feinsten Jazz. Diese Mitte zwingt zu Pop. Und siehe da, noch eine unerwartete Seite zeigt sich: der Songwriter. Die Entscheidung zwischen Dolphy und Dumpfrock, die bei Cream in einer produktiven Schwebe blieb, führte zur Synthese von Sänger, Songwriter, Performer. Bruce stand in der Mitte und verkörperte in all der ödipalen Energiefreilassung eine erzählende, darstellende Position.

Später gab es wunderbare Song-Platten von ihm (Songs For A Tailor, Harmony Row, teilweise auch: Out Of The Storm), doch die nicht immer wunderbaren Texte musste ein anderer schreiben, der alte Beatnik-Haudegen Pete Brown (der allerdings für seine eigene Musik besser textete: Things May Come And Things May Go, But The Art School Dance Goes On Forever). Bruce konnte den Sprung zur popmäßigen Singer-Songwriteridentität nicht ganz vollziehen; wunderbar-sentimentale Akkordprogression ja, hymnische, Coltrane’eske, darkrockige Spiritualien („One With The Sun“) gerne, aber bitte nicht auch noch inhaltlich die Verantwortung übernehmen. Genau mit dieser Position wurde er zum Schauspieler in anderer Leute Drehbuch. Faszinierend: Carla Bley und ihr Partner Michael Mantler casteten ihn – neben Robert Wyatt! – wiederholt für ihre Downtown-Jazz-Opern und Beckett-Vertonungen als Chefbariton. Und das führt mich schließlich zu der einen unter hunderten Veröffentlichungen, die ich hier empfehlen will.

1975 sah ich eine Jack Bruce Band live, bei der ihn der beste Gitarrist, den die Stones je hatten (Mick Taylor), und Carla Bley unterstützten. Von dem Konzert gibt es eine Aufnahme, die einerseits toll ist, weil sie die großen Tracks von Harmony Row und aus dem Lifetime-Katalog ausgiebig zelebriert, und andererseits auch ein bisschen daran scheitert, dass sie diese oft nicht zueinander passenden Expertisen von Bruce selbst und seinen Mitstreitern in teilweise abenteuerlichen und Geduld erheischenden Gniedel-Akkumulationen vorführt: The Jack Bruce Band Live ’75 (Esoteric).

Doch zu something competely different: Mathias Delplanque macht etwas, das beschrieben vielleicht abgedroschen klingt – Musik mit alten industriellen Maschinen –, aber wirkt wie der wahnsinnigste psychedelische Strom diesseits des Altersheims für überstrapazierte Deleuze/Guattari-Metaphern. Man vergisst mit Transmissions (Crónica) die Quellen sehr bald, hat auch keinen Unheimliche-Genauigkeit-Flash, sondern kann sich ganz dem unausgesprochen perversen Gemeinsamen zwischen Maschinenglück und Regelmäßigkeitszwang hingeben. Ach ja: Vor einiger Zeit habe ich hier die Band Pas Musique gelobt. Die ähnlich freundlich bescheuert benannten Big Brother On Acid teilen auf Big Brother On Acid (Alrealon) einige gemeinsame Mitglieder und Bezugsgrößen mit dieser Band in einem bekifft inspirierten, musikalisch reichen, aber endlos verspielten New Yorker Dub-Techno-Comedy-Progrock-Underground. Whatever gets you thru the frühen Abend.