Werke XXIII: Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt

Vielleicht noch mal eine kleine Zeitdiagnose. Keine Liste von Empfehlungen, keine Neuerscheinungen, vielleicht Werke, aber ausnahmsweise nicht als Werke. Ich mag das Lawrence-English-Album vom letzten Jahr, Wilderness Of Mirrors (Room 40). Man ist es irgendwie leid, über solche Musik in rein rezeptionsästhetischer Rezensentenselbsterfahrungslyrik zu reden oder im Nerdton der üblichen Beschreibung der zur Anwendung gekommenen Programme, Geräte und Produktionslogiken. Hier schon häufiger Thema: Schwellende, flächige, nichtnarrative Klangproduktion ist neben den üblichen Verfeinerungen und Erweiterungen der schon bestehenden Genres das einzige wirklich eminente Gegenwartsphänomen, und zwar innerhalb und außerhalb von Pop. Im Zusammenhang seiner Arbeit spricht Lawrence English von „absolute listening“.

Dass etwas absolut sei, im Sinne von herausgelöst aus allen sekundären Bestimmungen, nur noch das, was es auch ist, hören wir in letzter Zeit immer häufiger, vor allem in der Welt von Sound Art, Ambient und elektronischer Musik. Die Kontextmüdigkeit ist mit Händen zu greifen. Der Relativierungsekel, die Erhabenheitssehnsucht, das Nicht-mehr-zu-geben-Wollen von Nebenbedingungen. Dennoch kommen im selben Milieu immer wieder Bilder vor, also Sekundarität: Assoziation, Metonymie. Außerakustische Vorlieben, Obsessionen, parallele Projekte, die verraten, dass diese Absolutheit nicht wirklich als abgelöst von aller Sekundarität, von allen Zusatzbestimmungen zu verstehen ist, sondern als eine Art quasireligiöse oder transkognitive Erhabenheitsidee, etwas jenseits von nicht so sehr Hören, das nur Hören ist, sondern ein Hören von etwas, das alle anderen Vorstellungswelten übersteigt. Eine Wahrheit, die dem Sound vorbehalten bleibt.

Die gleichen oder ähnliche Leute lieben aber regelmäßig Bilder (Blogs, Artwork und so weiter) von der Antarktis, Wüstenlandschaften und machen Filmmusik für irre Landschaftsdokus, wie etwa der langjährige John-Zorn-Partner Erik Friedlander mit seiner ebenso frommen wie auch zuweilen wirklich beeindruckend frostigen instrumentalen Filmmusik auf der Basis des Polarlichtfilms Nothing On Earth (Skipstone) – um nur ein beliebiges Beispiel zu nennen. Dieses Absolute ist menschenleer. Zugleich aber wird durch das Kleine, für das Ohr bis vor kurzem noch Unhörbare, das gerade noch Unwahrnehmbare, das, was man noch nicht unterscheiden konnte, ratifiziert. Vielleicht kriegen wir so die ästhetischen Valeurs zusammen: posthumane Weiten, primäre Erkenntnis durch sinnliche Erfahrung, Trigger des Weitegefühls: der mikroskopische Unterschied, das mithin gerade nicht Weite, sondern dessen fransiger Rand. Was für ein ästhetisches Programm ist das? Viele Leute älterer kritischer Generationen verwechseln es einfach mit Eskapismus und weltflüchtiger Antipolitik. Aber es geht eben nicht um die esoterische Reise nach innen, sondern um das posthumane Abenteuer da draußen, die radikalisierte Version der schon von Impressionisten gehegten Ansicht, dass der Klang der Welt nicht von einem Subjekt erzeugt wird – davon allerdings sollen dann doch wieder irgendwelche Subjekte erreicht oder beeindruckt werden. Und da trifft sich dieses vermeintlich neue mit dem alten Erhabenen und dem Naturschönen als Ansporn und Vorbild für das Kunstschöne – keine neue Idee.

Es müsste daher etwas anderes als Beeindrucken sein. Und da denken viele an Kontemplation, Meditation und Affekt, andere Formen, Zeit vergehen zu lassen. Sound Art ist da an der interessanten Frage dran, wie sich Kunst- und Naturschönes im Zeitalter des Anthropozän zueinander verhalten. Viele Leute scheinen aber zu glauben, dass Sound (ohne Narration) an sich da schon ein Erkenntnismittel ist: Die Subtraktion der Erzählung bei Beibehaltung ihrer Medien ist das große Projekt gegen die totale Erzählung der Massenmedien und Kulturindustrie, bleibt aber unter ihrem Bann.

Altmeister wie Oren Ambarchi, der auf Quixotism (Editions Mego) ehemalige Post-Rock-Experimentatoren (Jim O’Rourke), Konzept-Techno-Künstler (Thomas Brinkmann), Avantgardebewegungsgründer und Chronisten (John Tilbury) zusammenführt, wissen, dass das Posthumane nicht in der Semantik und nicht in den Erhabenheitseffekten zu finden ist, sondern in der Genese von Struktur, die allem anderen als Architekturen und Narrationen und Landschaften ähnlich sieht. Vielleicht braucht man dazu einen Musiker, der das bis dahin unbekannte modern-mathematische Instrument namens „Computable Drums With An Application To The Entscheidungsproblem“ spielt wie hier Thomas Brinkmann.