Selten so eine hohe Übereinstimmung zwischen Natur und Kunst erlebt. Idealer Hörplatz: in der offenen Balkontür sitzend. Ein Ohr auf das Nest mit den neugeborenen Meisen gerichtet, die noch nicht singen können, sondern repetitiv tschilpen, eines auf die Musik eines alten, selbstgebauten Analogsynthesizers anno 1967. Auch wenn die alten Buchlas und Moogs oft gezirpt und gezwitschert haben, das ist hier gar nicht der Fall. Beim zweiten Stück wird klar: Das Gemeinsame von Moog und Meise ist etwas anderes. Musiker wie Vogel denken noch in Einzeltönen, sie meinen die Klänge als Fortentwicklung oder Vorstufe des einzelnen, gezielt beabsichtigten Tons; sie denken noch nicht – wie elektronische Musiker heutzutage – an Sounds. Dennoch erleben wir ihre Musik als eine der Sounds, samplen und bearbeiten heutige Nostalgiker oder Hauntologen das Zeug als Quelle von Sounds – umso toller ist es, die Pfeilspitze der Tonintention hinter den breiten, ins Formlose strebenden Sounds zu hören.
Der Mann hinter dem Stück „Electronic Music“ aus dem Jahre 1967 ist den meisten als tragischer Held eines der bekanntesten Rock-Songs aller Zeiten gewärtig, wenn auch nicht bekannt. Als in Montreux die Festivalbühne von jenem Feuer vernichtet wurde, das Deep Purple in „Smoke On The Water“ besangen, waren die Mothers Of Invention die Hauptleidtragenden. Doch das meiste von Zappas Equipment war ersetzbar, die selbst gebaute Elektronik von Don Preston dagegen nicht. Was für ein Glücksfall das anschließende Durchhaltevermögen des Mannes, der heuer 80 wird, für Zappa und viele andere gewesen ist, wird einem durch die Veröffentlichung von drei elektronischen Kompositionen aus den Jahren 1967, 75 und 82 noch einmal nahe gebracht: Filters, Oscillators & Envelopes 1967-82 (Sub Rosa / Alive).
Manchmal ist es ein Vorteil, wenn Leute nicht in erster Linie in Konzepten denken, sondern als Musiker. Preston ist einer der wenigen Leute, die einen Zusammenhang zwischen live gespielter, gerne auch improvisierter Musik und dem Bau und der Konstruktion elektronischer Instrumente gesehen und ausgetragen haben. Dafür musste er ständig zwischen Welten pendeln, die sich weder damals noch heute verstehen: E-Musik, Jazz und Popmusik. Doch das Pendeln war nur logisch: In der ersten Disziplin wird Musik vor allem geschrieben, in der zweiten vor allem gespielt und in der dritten vor allem im Tonstudio bearbeitet. Der Anspruch der elektronischen Musik hätte aber sein können, diese drei Komponenten zu vereinen, zumindest Preston hat sich darum bemüht.
Er studierte – wie Phil Lesh und Tom Constanten von Grateful Dead – bei Luciano Berio und hatte Kontakt zu Tod Dockstader, spielte lange vor dem ersten Album und sporadisch bis in die späten 70er bei Zappa und gründete später mit anderen Ex-Mothers die Grandmothers, ist außerdem mit einer exquisit ausgewählten Liste von Jazzmusikern unterwegs gewesen: Gil Evans, dann immer wieder mit Michael Mantler und dem Jazz Composer’s Orchestra, er war bei Buell Neidlingers Aurora und spielte eine Weile mit den Residents. Mir sind aber – natürlich zusammen mit Highlights wie Uncle Meat – seine Zusammenarbeiten mit John Carter und Bobby Bradford die liebsten: Cornettist Bradford, der erste große Mitstreiter Ornette Colemans, hat lebenslang und leider unterprominent gemeinsam mit dem Klarinettisten John Carter nach einem intellektuellen, freien, geschichtsbewussten Jazz alternativ zu Ornette gesucht. Man höre sich etwa auf John Carters 1987er LP Dance Of The Love Ghosts (Gramavision) den völlig verrückten Moog-Beitrag zu „Moon Waltz“ an: Da hat man es, das irre Gefühl, gleichzeitig beim hypereiligen, intuitiven Finden und in aller Ruhe geplanten, technisch konstruktiven Zusammenbasteln von Tönen zuzuhören.
Preston hat selten Composer-Credits bekommen, aber auch als solcher, das kann man jetzt hören – und es wird einem noch mehr versprochen –, hat er einiges produziert. Auf dem Cover sieht man ihn in drei Posen und Stadien. Auf dem Frontcover fummelt er fusselhaarig und -bärtig an einem nicht identifizierbaren, selbst geschraubten Gerät, im Hintergrund ein Gong, Diaprojektoren. Hinten steht er richtig slick mit gesichtsverdeckender Sonnenbrille und Anzug vor einer Wand von Steckverbindungen. Und dann gibt es noch die Physiognomie des erkennbar aktiv Improvisierenden am Triple-Keyboard mit einer weiteren Kabelwand auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme. Während man in der 67er-Komposition Spurenelemente Zappa’esker Melodien findet (das Stück wurde während einer Mothers-Tour aufgenommen), ist der „Analog Heaven“ von 1975 eher nicht linear und tief, „Fred & Me“ setzt auf eine abstrakt lichtlose Kanalisationsromantik, gelegentlich durch Mündungsfeuer erleuchtet.