Werke VI: Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt

Jean Dubuffet hatte, wie er selbst sagte, wenig Erfahrung mit Musik, vor allem mit neuer Musik. Der für die Emanzipation von Kinderzeichnung und wilder Figuration in den 50er-Jahren geliebte Begründer sogenannter Art Brut – ja, es gab auch mal eine Band, die sich danach benannte, ohne das Geringste damit zu tun zu haben – malte und baute irre Höhlen. Eines Tages überredete ihn sein Freund, der Situationist und Maler Asger Jorn, dazu, gemeinsam Musik zu machen. Die beiden entdeckten neue Territorien des Lärms – denn sie kannten ja noch keinen kanonisierten oder kanonisierbaren Lärm. Man kannte früher einfach fast nichts, und das hatte auch seine Vorteile. Jorn, der in seinen eigenen Schriften auch schon in den 50er-Jahren den Begriff der ästhetischen und künstlerischen Forschung verwendete, definierte das Ästhetische an der Aktivität des Forschens als das Destruktive, als den Versuch, etwas, das funktioniert, kaputt zu machen – vielleicht zunächst auch, um dahinterzukommen, wie es funktioniert, dann aber, um etwas kaputtzukriegen, das durch die Konventionen so geschützt war, dass die Leute normalerweise nicht wissen, dass es überhaupt kaputt gehen kann.

Von der Session mit Jorn haben wir leider kein Material, aber Dubuffet hat in den frühen 60er-Jahren weitergemacht und teilweise mit einem entfesselten Piano, teilweise mit Oboen, gestrichenen Mikrofonen und selbstgebauten Instrumenten die Art-Brut-Prinzipien eines wilden Nichtkönnens nicht nur auf Musik, sondern vor allem auf den Umgang mit der Aufnahmetechnik übertragen – was mich viel nachhaltiger beeindruckt als die natürlich längst klassisch gewordene und schlau designte Naivität mancher seiner visuellen Arbeiten. In – of all people – İlhan Mimaroğlu, dem endlos begeisterungsfähigen, nimmermüde-kontaktfreudigen türkischen Elektroniker, fand Dubuffet einen interessierten Gesprächspartner (Mimaroğlus Zusammenarbeit mit Freddie Hubbard ist ein weiteres bizarres Meisterwerk) und Mitstreiter. Dubuffet brachte das irre Zeug auf zwei Serien von 10″-Platten heraus, die eine Hälfte davon wurde unter Mimaroğlus Regie 1973 wiederveröffentlicht, der Rest ist jetzt beim famosen Label Rumpsti Pumsti auf der Doppel-CD Expériences Musicales De Jean Dubuffet erschienen.

Und das poltert und rumpelt harmonisch hinein in die nächste Ausgrabung. Sven-Åke Johansson hat mit Early Works 1969-73 (SÅJ) vier frühe Arbeiten als 4-CD-Set zusammengefasst. Die „Field Recordings“ von 1970 beginnen mit dem klötrigen Zusammenspiel seines damaligen Ensembles mit einer Gruppe offensichtlich ziemlich lockerer Lehrer im Freien, bevor man auf eine lange nächtliche Straßenbahnfahrt nach Göteborg mitgenommen wird und am Schluss den Originalsound des Fordismus im VW-Werk erleben kann. Toll, auch der sehr psychedelische Free Jazz, den E.M.T., das Trio, das Johansson mit dem jungen Alfred Harth und der heute als Malerin tätigen Nicole van den Plas eine Weile unterhielt, hartnäckig, kreiselnd vor sich hin spinnt. Die anderen beiden CDs zeigen die ziemlich einmalige Nähe zwischen Krautrock und Free Jazz, für die Johanssons anderes Früh-70er-Trio MND steht, die Moderne Nordeuropäische Dorfmusik, deren ziemlich sensationelles Schaffen er seit einiger Zeit auf verschiedenen Labels (Leiterwagen, SÅJ) wieder zugänglich macht. Hier sind das einmal die „Mariental Tapes“, bei denen auch Conrad Schnitzler mitmacht, dann ein Konzert im Moderna Museet in Stockholm, das, den Titeln zufolge, vor den Arbeiten einzelner Künstler stattgefunden haben muss. Eine ähnliche Konzertaufzeichnung vom selben Ort und aus derselben Zeit (frühe 70er) gibt es auch von Taj-Mahal Travellers, auch die kreisende, echoisierende, krautige Herangehensweise an freie Improvisation ist ähnlich. Nur dass Kraut-Bands normalerweise keine so guten Schlagzeuger hatten, sondern immer so Atmosphäriker, die mit flauschigem Schlagwerk die Becken betupften.

Wer dasselbe mit heutigen Mitteln und angereichert um Dub-, Ambient- und Glitch-Erfahrungen hören will, aber gleichwohl südbritisch und bodenständig, greife zu den Plekzationz von Nick Edwards, einem altgedienten und früher als Ekoplekz tätigen Sci-Fi-Enthusiasten, Blogger und Cabaret-Voltaire-Fan, der jetzt ein richtig tiefes, doch schmutziges Echo- und Versenkungsalbum auf Editions Mego gemacht hat. „Chance Meets Causality Uptown“ heißt das erste Stück. Und genau dort, in einem Pub, der komischerweise auf halbem Wege zwischen King Tubby und John Cage aufgemacht haben soll, kann man das sehr gut hören.