Von Werner Herzog bekam man neulich eine interessante Antwort auf die Frage, warum er der heute jungen Generation so viel mehr zu sagen zu haben scheint als seinen Altersgenossen. Herzog sieht sein Leben als steten Wechsel zwischen einem Voranpreschen und Seiner-Zeit-Vorauseilen sowie einem Zustand des Abgehängtseins und des Gegenwartsverlusts. Die Anderen waren immer gerade woanders, mit der Zeit wurde aber unklar, ob zwischen all den zischenden biografischen Vektoren einer im Recht und die anderen im Unrecht waren. Irgendwann kriegt jeder Recht, der lange genug irgendetwas identifizierbar durchhält. Die Gruppe P.D. (auch Permutative Distorsion oder Messehalle) und ihre diversen Nachfolgemodelle haben mich zu Beginn ihres Weges, der den neuer deutscher Punk- und Popmusik um 1980 mehrfach kreuzte, sehr interessiert: asketische Nerds mit schweren Brillengläsern. Das Interesse verlor ich in dem Maße, in dem ich im Laufe der frühen 80er die Überzeugung gewann, dass Noise und Industrial nur Wiederaufführungen alter Avantgardegesten vor einem Publikum zustande brächten, das halt 1913 nicht dabei war. Schwerer wog vielleicht der Eindruck des Studentischen.
Schaut man heute auf die Entwicklung des bald als P16.D4 (sowie über das eigene Selektion-Label) bis 1992 aktiven lockeren Zirkels von Leuten im Spannungsfeld von Klangforschung, Prog-Rock, Medienkunst und Para-Industrial, kriegt man eine beeindruckende Palette an Frühstadien von fast allem geliefert, was später in den digital-elektronischen 90ern bis zur Sound-Art der 2000er-Jahre interessant war – und zwar durchaus auch unter Popmusik-Gesichtspunkten. Genau von Pop haben sich P16.D4 aber ziemlich konsequent ferngehalten: keine interessanten Outfits, keine drastischen Bilder oder Titel (eher Anspielungen für ein gebildetes Publikum alter Schule, das sich mit Arno Schmidt auskannte), keine erkennbaren Verbindungen zu irgendwelchen „Lebensstilen“, die im weiteren Industrial-Umfeld wichtig gewesen wären.
Das jetzt in einer Box mit sechs CDs und einer DVD verfügbare Gesamtwerk Passagen (Monotype) der vor allem von Ralf Wehowsky geprägten Phase ab der Umbenennung in P16.D4 einschließlich zahlreicher Kollaborationen wie mit Merzbow oder dem geistesverwandten Achim Wollscheid zeigt, dass P16.D4 ganz etwas anderes machen wollten. In einer Zeit, in der Video, Drama, Image, Style-Kriegsmaschine, Rollenspiel und Gesamtkunstwerke die Popmusik übernahmen, versuchten sie, das Klangspektrum von Elektronik, Rock und Musique concrète ganz dem Zugriff von Pop zu entziehen, ohne auf der anderen Seite irgendeinem Klangpurismus zu verfallen. Dabei ist, das kann man jetzt im Überblick erfahren, Grundlagenforschung an der zeitgenössischen Klangumwelt im großen Stil durchgezogen worden, in allen denkbaren Versuchsanordnungen und in hohem Maße genießbar, ohne kitschigen Rezeptionsmetaphern wie immersivem oder atmosphärischem Hören das Wort zu reden. Auch wenn mein spätes Erweckungserlebnis beim Durchhören von 20 bis 30 Jahre altem Material erst durch die fragwürdige Werk-Idee dieser Kolumne möglich wurde, da ich als Zeitgenosse irgendwann lieber Culture Club oder The Fall hörte.
Ein anderes grundlagenforscherisches Langzeitprojekt wurde Ihnen hier neulich schon ans Herz gelegt: Greg Tates funky Forschergruppe Burnt Sugar. Aus dieser und anderen Konstellationen ist Micah Gaugh hervorgegangen, ein Sänger, Dichter und Multiinstrumentalist, der etwas ganz Irres und schon lange Verlorenes zu bieten hat: die Neuerfindung des Jazzgesangs. Daran arbeitet er schon eine Weile, nicht nur mit Burnt Sugar, auch mit seinem eigenen Trio, in den Diensten von Leuten wie Arto Lindsay, auf einer Hip-Hop-verwandten Solo-LP und immer mal wieder mit seinem Kumpel Kevin Shea von Storm & Stress und Talibam!. Hier nun auf The Blue Fairy Mermaid Princess (Africantape) hören wir das Urmodell: Aufnahmen aus den Jahren 1994, 1996 und 1997. Gaugh improvisiert frei mit seinem Saxofon in Triobesetzung und zwar so casual, dass man alles, nur keine Songstruktur, keine Worte erwartet. Die treten dann auch so lässig und neben das Mikro gehaucht auf, dass die Workshop- und Kneipenatmosphäre keinen Schaden nimmt – und dann sind sie plötzlich sehr, sehr dringend. Geradezu WICHTIG. Die Texte sind eigentlich nichts Besonderes. Keine ungewöhnlichen Gefühle oder ungewöhnlichen Perspektiven; nur das, was man seit Ewigkeiten zu sagen hatte, knapp und auf den Punkt erzählt, wenn man einen Saxofonlauf in einen gesungenen Text übergehen lassen wollte. Einnehmend ungeschützt und unerwartet jazzig; das heißt: aus einer Haltung, die sich das Leben als eine Reihe von Abenteuern und Zufällen vorstellt.
Das letzte Langzeitprojekt, an das wir uns heute gerne erinnern wollen, sind die Sun City Girls, deren überlebende Mitglieder, die Brüder Bishop, 2011 in Krefeld als Brothers Unconnected einen Auftritt hinlegten, der die zu unglaublich seltsamem Folk tendierende Seite der Girls auf dem Höhepunkt von Spannung, Dichte und menschlicher Elektrizität zeigt. Sogar der Titelsong meiner seinerzeit ersten Girls-LP ist dabei („Horse Cock Phepner“) und jetzt auf der Doppel-LP Unrock The House (Unrock) zu haben.