Werke VIII: Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt

Luc Ferrari hat ansatzweise schon in den 1960er-Jahren, später dann noch entschlossener und entwickelter die Musique concrète mit dem Tagebuch verschmolzen und so ein neues Genre geschaffen, das man „Field Recordings des eigenen Lebens“ nennen könnte. Yannis Kyriakides ist nicht der Einzige, der diese individuelle Spurensuche aus der rein gegenwartsorientierten Selbstbeschreibung herausgeholt und auf rekonstruktive Operationen an der eigenen Biografie und ihrem Verhältnis zur allgemeinen Geschichte ausgeweitet hat. Im Sound-Piece „Varosha (Disco Debris) [Explicit]“ auf seiner neuen, sehr liebevoll edierten CD Resorts & Ruins (Unsounds) erinnert er sich an die türkische Besetzung Nordzyperns aus der Perspektive eines direkt an der künftigen Grenze mit seinen Eltern urlaubenden Kindes: Türkische Popmusik der 70er tritt als ebenso leichtfüßiges wie melancholisches Speichermaterial für ambivalente Erinnerungen an den komischen Urlaubstag auf, den der Fünfjährige während der Invasion im Hotelkeller mit Malen verbringen musste, und mischt sich mit Eindrücken von den leerstehenden Resorts im heutigen Grenzgebiet.

Das Klangpanorama, das mit Stücken fertiger Musik keinen neuen musikalischen Eindruck, keine neue fertige Musik-Image-Syntax schaffen, sondern dem fragmentiert verwirrten Erinnerungsgemisch gerecht werden will, erinnert mich wiederum an „Contrapunto“, ein Stück des mexikanischen Komponisten Mario Lavista aus dem Jahr 1972, das ich vor ein paar Monaten auf der schon etwas älteren, extrem informativen Dreifach-CD México Electroacústico 1960-2007 (Iradia) gefunden habe. Lavista erzählt einerseits von seiner akustischen Gegenwart, ebenso fast tagebuchartig wie Ferrari, aber wie bei Kyriakides dominieren die schon fertigen, allgemein verfügbaren Sounds. Darunter auch bekannte und unbekannte globalwestliche Popsongs, die das mexikanische Leben nach dem Horror des Olympiagemetzels von 1968 bestimmt haben.

Da ist ein Song, den ich ganz genau kenne, aber nirgendwo hintun kann. Ein ziemlich anspruchsvoller Popsong, in dem einer über das Gefühl singt, etwas schon einmal erlebt zu haben: sich nicht zu erinnern, sondern die Gegenwart wie eine Vergangenheit schon zu kennen. Ich tippe auf The West Coast Pop Art Experimental Band, aber nein! Es sind motherfuckin’ Crosby, Stills, Nash & Young, und natürlich handelt es sich um Fitzelchen aus dem sowieso schon ziemlich verfitzelten „Déjà Vu“ von David Crosby, dem selbstverständlich einschlägigen Song über das eben beschriebene Gefühl aus dem gleichnamigen zweiten Album der Band, erstmals um Neil Young erweitert. Ausgerechnet mit Déjà Vu (1970) ein Déjà-vu zu erleben, brachte mich dazu, vor etwa einem halben Jahr das Album nach fast 40 Jahren wieder zu hören. Meine damalige Hierarchie in der Beurteilung der vier Personen hat sich fast bestätigt: Zwar sind die besten Songs auf diesem Album von David Crosby, aber viel ist von ihm nach seiner großartigen Solo-LP nicht mehr gekommen. Neil Young, den ich damals am höchsten schätzte, hat sich, wenn auch hier nur mit der Mini-Oper „Country Girl“ (würdig) und mit „Helpless“ (naja) vertreten, nicht zuletzt durch die beiden felsenartigen CDs des letzten Jahres (Americana und Psychedelic Pill) als Jahrhundertfigur erwiesen. Stephen Stills hat immerhin den Song „Carry On“ zu verantworten, Graham Nash die bestenfalls rührenden Verspießerungshymnen auf das Ende der Counterculture, „Our House“ und „Teach Your Children“. Wäre mal interessant, detailliert bewertende Debatten über mindestens zehn Jahre alte Popmusik zu führen, dafür wäre dann wirklich die hier vor ein paar Jahren kurzzeitig eingeführte Gesprächsrezension (das „Spex Pop Briefing“) interessant.

Ja, auch ich war 1974 in Griechenland, als die Türkei Zypern besetzte. Aber ich erinnere mich ja nicht umsonst hier an ein Erinnern von vor einem halben Jahr. Es war einer der letzten heißen Tage in Ljubljana, und ich war bei einem Computermusikfestival, als ich auf der Reise dorthin Lavista und CSN&Y hörte. In Ljubljana selbst verbrachte ich Stunden in einer Sound-Ausstellung mit ex-jugoslawischer elektronischer Musik der 1960er und 70er. Einige der beeindruckendsten Sachen stammten von Ivo Malec, dessen Triola Ou Symphonie Pour Moi-même (1978) – eine Neuerfindung elektronischen Komponierens durch einen ehemaligen Praktiker, der sich zwischendurch zweifelnd abgewandt hatte – jetzt vom Mego-Sublabel Recollection GRM und remastered von Rashad Becker neu veröffentlicht wurde. In dieser fulminanten Selbstherausforderung gibt es – Achtung, sich schließender Kreis! – auch Bezüge zu Luc Ferrari, zu dessen krawalligeren elektronischen Stücken nämlich, von denen er sich aber genauso abwandte, wie Malec es tat (wenn er auch nie so zurückkehrte wie Malec).

Ferrari stattdessen 1969 in den Liner Notes zu Heterozygote (Philips / Prospective 21e Siecle, 1969) zu seiner Idee einer tagebuchartigen Musique concrète: „Bei meiner Idee handelt es sich darum, das Gebiet der konkreten Musik zu erweitern und zwar für Amateure, so wie man Ferienfotos herstellt. Zur damaligen Zeit war es eine bestimmte Vorstellung, die man heute POP nennt.“