Ja, das ist mal eine partizipative Idee, die selbst mir Spaß macht. Das Cover von Gibberish, Balderdash And Drivel (Nakama) von Goh Lee Kwang und Christian Meaas Svendsen ist einfach nur weiß. Auf der Rückseite gibt es einen Credit: Artwork by _______________. Hier kannst du deinen Namen eintragen, nachdem du mit dem beigefügten kleinen Stift etwas auf das Cover gezeichnet hast. Doch ich wurde besonders beschenkt: Bei meinem Exemplar hatte schon jemand mit blauem Filzstift ein expressives „X“ auf die Plastikumhüllung gemalt, so wie bei Jörg Immendorffs „Hört auf zu malen“.
Goh Lee Kwang ist ein malaysischer Soundartist, dessen Sachen ich erst jetzt kennengelernt habe und die ähnlich humorvoll tiefer und zarter Kram sind wie der Stoff von Anla Courtis. Auf dieser Platte spielt er allerdings – plötzlich ganz Instrumentalist und Virtuose – eine malaysische Nylon-Gitarre. Svendsen ist ein norwegischer Improv-Jazzer, und hier spielt er einen großen Bass. Die beiden haben herausgefunden, dass sie generationsmäßig, sprachlich, kulturell, geschmacklich, auch musikalisch so überhaupt nichts gemein haben und beschlossen, ein Dokument des Nichtverstehens, des gescheiterten Dialogs herauszugeben, ein großes Aneinandervorbeireden. Zwar gäbe es Inseln des gegenseitigen Zurkenntnisnehmens, aber diese blieben Inseln. Das unbeirrbare Immer-Weiter der Musik sei wie fließendes Wasser.
Nun, zunächst muss man widersprechen und eine große Übereinstimmung anerkennen: den Humor, nach zehn Milliarden parfümierten Dialogschwärmereien im Improv- und Free-Music-Bereich, gerade bei sogenannten interkulturellen Begegnungsmusiken, einmal das Nichtverständnis und seine Schönheit zu zelebrieren. Aber man hat auch selten ein so geschwätziges, beflissenes Wasser gehört – nein, so klingen weder -fall noch -hahn, eher ein Wettbewerb zwischen einer virtuosen Spinne und einer künstlich intelligenten Stricknadel.
Schon die Veteranen der freien Musik haben vom Aushalten, ja Feiern uninspirierter Momente und radikaler Ratlosigkeit gewusst. Unterhaltsame Berichte von öden Leidensphasen findet man schon in den ersten Tagen von AMM (etwa Lou Gares unterhaltsamer Bericht „Subjective View Of An AMM Session“ im Booklet zu The Crypt – 12th June 1968). Zwei immer noch höchst aktive AMM-Mitglieder, der über 80-jährige John Tilbury und der wenig jüngere Keith Rowe, können nach all den Jahren natürlich in einer verstehenden Offenheit füreinander baden, die sich noch die vertrautesten Geschöpfe in anderen Welten nur erträumen.
Gemeinsam mit ihrem langjährigen Visual-Kollaborateur Kjell Bjørgeengen haben sie dessen vor kurzem verstorbener Ehefrau Sissel ein sagenhaft schönes Album gewidmet. Dabei bezogen sich die beiden Musiker auf ein Gemälde von Poussin („Landschaft mit der Witwe des Phocion, die dessen Asche sammelt“, 1648) – das sie beschlossen, durch die Interpretation von T.J. Clark (The Sight Of Death) zu lesen – und auf eine Chaconne von Bach (BWV 1004, Nr. 5), die während der Live-Performance von Sissel (Sofa) unhörbar, gemutet, abläuft. (Stephen Prina hat das während seiner Steely-Dan/Sonic-Youth-Performance ähnlich mit Weberns Gesamtwerk gemacht.)
Was es bei diesem Dialog an atemberaubenden Wundern von Zurückhaltung und Innigkeit zu hören gibt, bedarf eben, so lernt man, einer Reihe von außermusikalischen Absprachen und Verpflichtungen auf Bilder und Texte. Keith Rowe erklärt, dass ein anderes Poussin-Bild, das einer glatten Wasserfläche, in der sich bedrohliche Gewitterwolken spiegeln, nicht nur den entsetzlichen Moment veranschaulicht, als die plötzliche Todesnachricht in ein ruhiges Leben einbricht, sondern auch ein ethisch-ästhetisches Ideal, das seine Musik seit einiger Zeit verfolge: einen ruhigen Vordergrund zu bilden, der gleichwohl die Unruhe des Alltagslebens im Hintergrund mitreflektiert und hörbar bleiben lässt.
Natürlich sind gelungener wie misslungener Dialog leider oder auch zum Glück Anachronismen in einer Welt, in der das trennscharfe Vermanschen, das kluge Entdifferenzieren und andere Paradoxa des digitalen Zugänglichkeitsoverkills musikalisches Handeln leiten. Drei Beispiele: Jemh Circs, ein Alias von Black To Comm alias Marc Richter, hat mit (Untitled) Kingdom (Cellule 75) zum zweiten Mal einen solchen Megamansch gestartet, einen Maelstrom aus kaum kenntlichen Gegenwartspopfetzen, immer an der Hörbarkeitsgrenze von Entscheidungen über die Cuts wie die Selektion nachdrücklich pfriemelnd und nervös wischend.
Yonatan Gat, am ehesten als Kraft hinter der wichtigen israelischen Band Monotonix bekannt, geht mit ähnlich üppig überbordendem Material auf Universalists (Taktil) ganz anders um: Hier soll eine ganze Welt aus Gesangsstilen, Traditionen als spezifisch erkennbar sein, aber sich nicht altweltmusikalisch-touristisch nivelliert, sondern dialektisch in ein von der Gitarre gesteuertes Ganzes einfügen: passend, weil unpassend.
Bei E Ruscha V, dem Sohn des bekannten Malers, der eigentlich Ed Ruscha IV heißt, seit Jahrzehnten ein umtriebiger Vertreter der L.A.-Art-Rock-Welt, denkt man, man sei in einer Zone des üppigsten Yacht-Ambient gelandet (Who Are You, Beats In Space). Ein ultra-geschmacksgesteuertes, zartes Manöver aus Funk- und Samba-Andeutungen evoziert Freuden wie an höchst differenzierten Warenangeboten und verführt tatsächlich ohne Ende zu etwas, das man gerne kaufen möchte, obwohl man es noch gar nicht angeboten bekommen hat. Bis man überrascht erfährt: Das Album handelt von einem conscious universe und den Freuden der self-discovery. Na klar, der scharfe Achtsamkeits-Flash einer guten Buddel Cayenne-Cleanse-Kombucha.