Der Klage, dass es in der ideologiekritischen westdeutschen Nachkriegsliteratur (Stichwort: Gruppe 47) eifrig um Bedeutung und Bekenntnis, aber stets zu wenig um Medien, Macht und Material gegangen sei, wird gerne mit dem Hinweis auf Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ entgegengetreten. Dort schneidet der Rundfunkangestellte Murke quasi proto-digital nach einer Copy-und-Paste-Methode Stille und Schweigen aus bereits fertigen Radioessays heraus, um Platz für ideologische Sprachregelungen zu schaffen. Diese Schnipsel des Schweigens, des Zögerns, der Äh- und Räusperlaute beginnt er aber bald zu lieben und als Gegenprogramm gegen das allgemeine Geschwätz zu schätzen – gewissermaßen mit John Cage und tape splicing gegen deutsche Kontinuitäten. Jan Jelinek hat jetzt Murkes Arbeit einige Sophisticationspiralen nach oben geschraubt und fortgesetzt. Auf Zwischen (Faitiche) baut er aus gefundenen Interviews mit in Sachen Schweigen, Räuspern, Stille, Tonkunst und Rhetorik einschlägigen Persönlichkeiten zwölf Miniaturen in Pop-Song-Länge, die nur auf den Sounds zwischen den Worten basieren. Angegeben ist aber stets auch, auf welche meist sehr persönliche und / oder biografische Frage etwa Cage, Marcel Duchamp, Karlheinz Stockhausen, Alice Schwarzer oder Yoko Ono gerade antworten.
Es ist verblüffend, wie vertraut einem die meisten Stimmen in ihrer ganzen Körperlichkeit sofort gegenübertreten, wenn ihr erster Laut ertönt. Oft melden sie sich aus elektronischen Echowolken heraus, die Jelinek aus den Reaktionen eines modularen Synthesizers auf die jeweiligen Stimmcharakteristika gewonnen hat. Dann wieder kommen sie trocken wie ein Nachrichtensprecher. Besonders hat mir natürlich wieder Hubert Fichte gefallen. Wie norddeutsch nüchtern und leise singend der Mann rüberkommt, der so sehr das Barocke geliebt hat. Lady Gaga ist dagegen auch sofort als einzige dezidierte Stimmer der Gegenwart identifizierbar. Dass Menschen, die mit Handys aufgewachsen sind, eine grundsätzlich andere Intonation haben, ja vermutlich andere Eingeweide, wird hier wieder klar – wie überhaupt das Wunder der akustischen Aufzeichnung: ein Hauch, und die ganze Körperlichkeit steht vor dir (nein, nicht nur bei Slavoj Žižeks legendär feuchter Aussprache – da war es eh klar. Der haucht auch nicht). Deswegen kümmert sich Google gerade so sehr darum, dass seine künstliche Intelligenz sich menschlich räuspern und „Äh“ sagen kann, in der Akademikerversion auch „sozusagen“.
Was dann noch bleibt vom Humanum, wenn rhetorische Nervosität berechenbar geworden sein wird, erforschen weiterhin vor allem Musikerinnen und Sängerinnen: Lucrecia Dalt zum Beispiel, die als gelernte Geophysikerin in ihren lakonischen elektronischen Meditationen sowieso die ganze Zeit über die Austauschbarkeit, Verhandelbarkeit und Überwindung nicht nur von Körpergrenzen wie „Skin“ und Energieformen wie „Breath“ nachdenkt, sondern das Thema des Amorphen und Postmorphen, formloser Massen und massenloser Form, nicht in Überwältigungsmusik, sondern in zarten, fast balladenartigen Soundsequenzen behandelt. Auf Anticlines (RVNG Intl.) hat ihre knackig-kalte Sparsamkeit einen großartig zupackenden Effekt: wie das total mechanisch verträumte Tuckern der Young Marble Giants vor 40 Jahren.
Auf ganz andere Weise neue Zartheitslevels anstrebend und auch ganz konkret an Körpergegenden interessiert (die Stücke heißen „Ear Area I“ bis „Ear Area VI“) sind die Veteranin freier Musik Joëlle Léandre (von klassisch europäischem Free Jazz bis Cage) und die jüngere österreichische Pianistin Elisabeth Harnik. Auf Tender Music (Trost) zeigen sechs Duette für Gesang / Bass und Flügel ein Zusammenspiel, das mich nicht einmal „Dialog“ denken lässt, was ja auch langweilig wäre, sondern „Gleichursprünglichkeit“. Das kommt zwar verschieden raus, aber im Moment von beiden. Dass hier zwei spielen, zwei Klangtypen (drei mit Gesang) unterscheidbar sind, ist nur aus biografischen Gründen interessant. Die Musik setzt sich drüber hinweg, wie Ken Vandermark in den Liner Notes ganz richtig schreibt: „effortlessly“.
Das Lob der Zartheit, des Leisen hat natürlich auch eine rundum widerliche Seite, dann klingt es fast wie die Rede vom „schönen Geschlecht“. Nachbarin der Zartheit aber ist auch der unheimliche Hauch, die flüchtige Berührung mit dem Gespenst – die Magie der verbohrteren Medienbenutzung. Das ist Thema einer großartigen litauischen Split-LP (Bolt), auf deren erster Seite sich ein elektronisches Ensemble namens Twentytwentyone der offenen, grafisch notierten Komposition „Treatise“ von Cornelius Cardew annimmt. Gerade über die „cognitive anarchy“ (Dariusz Brzostek) von Cardews suggestiver Notenzeichnerei gerät man – weiß ich aus eigener Erfahrung – bei der Interpretation oder dem Sich-Inspirierenlassen in geile neurotische Ich-Gefängnisse und sucht nach Maßstäben, wo keine sind – außer vielleicht die anderen Musikerinnen und Musiker. Aber hier haben die alle allein gearbeitet und erst anschließend die Spuren zusammengefügt. Deswegen kippt es so oft von körperlich kickenden Genauigkeitsexzessen in Hui-Buh-das-Schlossgespenst-Atmo. Auf der anderen Seite spielt das Diissc Orchestra vier neue Kompositionen litauischer Komponisten, die alle gemeinsam haben, dass sie sich auf fertige recordings, Vinylplatten und so weiter beziehen. Eine Art erweiterte turntableistische Medienmusik, die ihre Scores in den Spuren des Aufgezeichneten findet, nicht in irgendwelchen reinen Ideen, die mit ideal lesbaren Zeichen notiert werden könnten.