XLII

Es war ein denkwürdiger Moment für diesen Sommer. Ich weiß nicht, wie lange ich keinen Regen gesehen, gehört oder gespürt hatte. Zum einen, weil es nicht regnete, zum anderen, weil ich mich, immer kurz bevor es dann doch mal irgendwo auf dieser Welt regnete, vom längst unfruchtbaren Acker gemacht hatte, auf dem Weg in die nächste Steppe, Pampa, Wüste. Schließlich landete ich beim Flanieren durch die Stationen des wunderbaren Neue-Musik-Festivals Ultima in Oslo in der Installation „Electric Rain“ von Asbjørn Blokkum Flø. Über 100 kleine, nach oben vibrierende Lautsprecher, in kleinen Reihen angeordnet, gaben die verschiedensten Arten von Regen wieder, die sich zwischen schweren und leichten, vielen und wenigen Tropfen, solchen, die gleich nach der Landung zerplatzten, und solchen mit exzentrischen Oberflächenspannungen, die sich ein paar Sekunden Zeit ließen, bis sie wieder flossen, je nach den Bewegungen der Zuhörenden im Raum entschieden. Man betrat nicht einfach ganz konkret die Tropen oder das Schietwedder, sondern wandelte durch globale Regenwelten – so kam es nicht zur unwillkürlichen Erinnerung an die eine Sorte Regen, die einem wahnsinnig viel bedeutet und die Kindheit oder eine verflossene (sic!) Liebe hervorspült, sondern zu einer abstrakten Sinnessensation von Regen an sich.

So weit ist es also gekommen mit der Neuen Musik, durchzuckte es mich wie ein – na ja – Blitz: von den „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“, Opus 70 von Hanns Eisler aus dem Jahr 1941, zur Klanginstallation des rekonstruierten Regens an sich. Am nächsten Tag öffneten sich dann auch in Berlin die Schleusen des Himmels. „They run and hide their heads“, meinten die Beatles. Dass am selben Tag der HSV nun auch in der zweiten Liga mit 0:5 ausgerechnet gegen Regensburg unter die Räder kam, gehört zu den Dingen, die Sun Ra „des Schöpfers Sinn für Humor“ nannte.

Die lange Abwesenheit von Regen aus meiner Lebenswelt hatte zu seiner Ästhetisierbarkeit beigetragen. Bekanntlich muss man die Dinge auf Distanz halten, um sie schön zu finden. Das heißt, das stimmt auch nur fast: Musik gelingt es, einem nahezukommen, ohne dass sie weh tut oder Zwänge ausübt („when it hits you, you feel no pain“, sagt der postkoloniale Dichter). Zurzeit umwölbt und umflauscht mich die Musik des britisch-westafrikanischen Quintetts (plus friends) Fofoulah. Ihr zweites Album Daega Rek (Glitterbeat) ist so eine alles umfassende Dusche aus multiplen Beats, Rufen, sich nähernden und entfernenden Melodiefragmenten (die aus irgendwelchen Idyllen herbeigeweht wurden), Liebesschwüren und Entziehungsbewegungen in einer solide verdubbten, tiefenentspannten und vielfach bewegten Afrobeat-Welt: zärtliches Flüstern, fliehende Schreie.

Apropos Schreie: Laurie Anderson hat dann allen Ernstes das Folgende dem Publikum in Oslo vorgeschlagen: In Anspielung auf Yoko Onos sehr coole Aktion, auf die Trump-Wahl seinerzeit mit einem ihrer Schreie zu reagieren, den sie auf Twitter postete, lädt Anderson das Publikum ein, kollektiv zu schreien und dabei an die vielen Probleme der Welt zu denken, Erderwärmung, Trump und so weiter. Nicht nur im Lande des Schreis an sich (Munch), der keinen Ton mehr hervorbringt und von Löchern, Körperöffnungen repräsentiert wird, eine selbst sehr populistische Geste. Wurde natürlich hervorragend angenommen. Nur Zeitkratzer hatten im ersten Teil des Konzerts mit ihrer insistierenden Heftigkeit eine Chance gegen diese allseits beliebte, gefreezte Achtzigerjahrehaftigkeit.

Die allerdirekteste Kommunikation, von der Freund_innen des Schreiens und des Staunens und der vorverbalen Zustände immer so träumen, gelingt den Sinustönen eh besser als Stimmbändern und offenen Mündern. Zurzeit werden ja in vielen Bereichen der klassischen Avantgarden und Neo-Avantgarden vergessene und übersehene Frauen entdeckt oder wiederentdeckt. Dabei fällt auf, dass deren Werk in so vielen Fällen keine interessante Ergänzung zum Kanon darstellt, sondern den Kanon selbst umstößt. Das gilt im Bezug auf Minimal-Musik, elektronische Komposition und Drones vor allem für Catherine Christer Hennix, die in den letzten Jahren nicht nur durch Festivals auf der ganzen Erde endlich bekannt gemacht wurde. Nun wird auch nach und nach nicht nur das schon Veröffentlichte wieder zugänglich gemacht, sondern auch das Unveröffentlichte veröffentlicht, etwa Hennix’ Selected Early Keyboard Works (Empty Editions / Blank Form Editions), die mich in den heißen Nächten des großen Sommers in modernistische Astraldörfer gebeamt haben. Neben Sinuswellen und einem Fendermix gibt es auf der dritten Seite des Doppelalbums auch eine wohltemperierte Marimba: ein dichter, feiner, zarter Zoo von Tropfenklängen, die auch daran erinnern, dass Regen am schönsten ist, wenn es nicht regnet.