Simone Forti, 83-jährige Choreografin, Tänzerin, Schauspielerin, neben Trisha Brown und Yvonne Rainer die prominenteste Künstlerin, die aus der legendären Judson-Church-Gruppe der Sechziger hervorgegangen ist, hat sich oft auch musikalisch betätigt, etwa La Monte Young und Marian Zazeela begleitend. Anfang des Jahres hat sie eine einseitig bespielte Ten-Inch namens „Hippie Gospel Songs“ veröffentlicht, deren andere Seite mit Gravuren bedeckt ist. Dazu gibt es ein Booklet mit unter anderem von Charlemagne Palestine gezeichneter Partitur zu Fortis Songs. Diese hat sie tatsächlich 1969 unter dem Eindruck des Woodstock-Festivals geschrieben, optimistisch, naiv, euphorisiert und inspiriert und nun gefunden, dass die Welt diese Songs braucht. Finde ich auch. Ein schöner optimistischer Abschiedsgruß an die zur Entstehungszeit der Songs noch nicht geborene Hippietochter Spex.
Ich sollte in dieser letzten Nummer eigentlich auf meine Kolumne verzichten und über etwas schreiben, das ich immer schon mal loswerden wollte. Mein größter Wunsch war aber endlich mit einer Kolumne die Zahl 43 zu erreichen. Der bisherige Rekord in Höhe der Sinn-des-Lebens-Zahl 42 war von „Musikzimmer“ im Tagesspiegel erreicht worden, sehr viel geringere Episodenmengen erreichten „Konsum“ in der kurzlebigen Hamburger Zeitschrift Cult (um 1980), die Ausgehkolumne in der Szene Hamburg (ungefähr 20 Folgen um 1982), die verschiedenen Kolumnen in Konkret (um 1989 bis 1992), „The Stars Down To Earth“ und „Später mehr“, jeweils in den Nullerjahren in der taz, oder „Geräusch und Kulisse“ in Theater heute. Auch meine Spex-Mitarbeit hatte mit einer Kolumne begonnen („Krieg und Frieden“, 1983 bis 1984).
Als Kolumnist ist man etwas abgesondert, fremd, und doch, oder gerade deswegen, zur Kontinuität verurteilt: Der kommt wieder, der Fremde. Gleichzeitig kann man die Kontinuität zu einer Konstante ausbauen, die es einem erlaubt, alles andere immer wieder neu zu beginnen. Deswegen hat die aktuelle Kolumne immer weiter den Namen reduziert, bis nur noch die lateinische Nummer übrig blieb. Dabei war am Anfang, als ich mir fest vorgenommen hatte, nicht von Neuerscheinungen auszugehen, mehr möglich. Am Ende waren es dann Neuerscheinungen eines ganz bestimmten, marginal-randständigen Typus (zwischen Sound-Art, Künstler_innenmusik, Echtzeitimprov), die ich oft genauso durcharbeitete wie die Zuständigen anderer Genres die Releases in ihrer Welt. Meine Versuche mit Pop dazwischen zu gehen, wurden im Laufe der Zeit halbherziger.
In dieser besonderen Nummer will ich weder weitere Neuerscheinungen noch die Subversion-der-Avantgarde-durch-Pop abfeiern, sondern Künstler_innen nennen, die während der Kolumnenzeit ganz massiv bei mir eingeschlagen sind, ohne dass ich sie je erwähnt hätte oder relevante Erwähnungen bei anderen gefunden habe: Erstens den wuchtigen, elegant-knackigen französischen Free-Jazz des Cohelmec Ensemble, einer Gruppe, die zwischen 1969 und 1974 aktiv war (gab dann noch mal ’ne Reunion), und deren drei Hauptwerke alle im Laufe des vorletzten Jahres wieder zugänglich wurden. Zweitens nahezu alles, an dem der ebenfalls französische Trompeter Jac Berrocal seit 1973 beteiligt war. Und er kennt viele Leute: von Ghédalia Tazartès über Jaki Liebezeit bis zu Pascal Comelade (Comelade und Tazartès sind auch ewige Tipps, viel zu wenig bekannt, für Liebezeit muss man zum Glück nicht mehr werben). Ein guter Einstieg wäre Antigravity mit David Fenech und Vincent Epplay. Und schließlich Area, das deleuzianische Schlachtross des italienischen Prog-Rock der Siebziger, das in der Disziplin Henry-Cow-trifft-frühen-Zappa-in-einer-Feuerwache alle Mitbewerber_innen schlägt und vor allem in ihrem früh verstorbenen Sänger Demetrios Stratos (bitte alles checken, woran der beteiligt war) den einzigen Allessänger hatte, der sogar dem spirituellen Scat von Leon Thomas noch etwas hinzuzufügen hat. Gehabt euch wohl. Stay thirsty!