Wenn einer stirbt, gehen nicht nur das Potenzial und das aktivierte Wissen der Person verloren, sondern auch ihre spezifische Passivität, ihre Rezeptions- und Empfindungskunst. Dann bleiben bloß komische Geschichten aus dem Archiv, die eine nächste Generation nur falsch verstehen kann. Wie weit man hinter das bereits Gewusste zurückfallen kann, zeigt sich im selbst von geschätzten Kollegen mitbetriebenen Stuckrad-Lindenberg-Hype. Dieser selten blöde Udo verkörpere das Lebensgefühl der in der Nachkriegszeit geborenen Generation, heißt es dann – die arme Generation! Aber falsch, falsch, falsch: Er verkörpert vielmehr die brachiale Regression der unglaublichen Gefühlsvielfalt von circa 1972 in das debil-selbstzufriedene Schnuffitum von 1975; das locker-stumpfe, vollsedierte Gesicht der Verdrängung des Scheiterns einer Generation. Ich weiß es, ich war dabei.
Nach dem Tod von Prince geht nicht nur das verloren, was Prince noch hätte tun können, sondern auch sein spezifisches Genießen des Werkes früher Verstorbener. Zum Beispiel von Sylvester. Er wusste etwas, er war dabei. Sylvester war ein Virtuose der gerade allseits – von James Blake bis Anohni – so begehrten Kunst des Falsettgesangs. Jeder kennt „You Make Me Feel (Mighty Real)“ von 1978, einen der Höhepunkte der Disco-Ära, doch Sylvester hatte drei wichtige Phasen, die schließlich in seiner queeren Disco-Performance zusammenschossen. Zunächst war er ein Mitglied der Cockettes, jener mit Bärten und baumelnden Schwänzen auftretenden Drag-Performance-Truppe, die um 1970 in San Francisco für eine kurze, seltsame Synthese aus ziemlich späten Hippie-Fantasie-an-die-Macht-Einfällen und klaren, sexuellen Mehrdeutigkeiten sorgte. Meistens tanzte und sang man zur Musik vom Band, bis Sylvester ein musikalisches Zentrum in dem queeren Gewusel errichtete. Im psychedelisch-fantastischen, von der einmaligen, Morton Subotnick an die Wand blubbernden elektronischen Musik Warner Jepsons begleiteten Cockettes-Film Luminous Procuress (vom noch zu entdeckenden, ebenfalls schon lange toten Steven Arnold) ist Sylvester nicht mehr dabei. Aber bei Tricia’s Wedding, einer Burleske über die Hochzeit von Präsident Nixons Tochter, leitet er die klangliche Seite des freundlichen Freak-outs. (Eine Einführung in Warner Jepson gibt es auf der Doppel-CD Totentanz And Other Electronic Works 1958-73, Melon Expander.)
Dann die funky Soul-Rockband: Sylvester & The Hot Band, mit zwei LPs auf Blue Thumb 1973. Er tourt als Vor- und Begleitband durch den Blues-Rock-Circuit Kaliforniens mit allerdings unübersehbaren Glam-Anklängen. Unfassbar: eine Proto-Hi-NRG-Funk-Version von Neil Youngs „Southern Man“. UN-GLAUB-LICH! Diese Phase ist auf The Blue Thumb Collection überliefert (Geffen). Der dritte Akt – und dafür ist Sylvester berühmt geworden und auch immer wieder neu entdeckt – ist die totale Sexualisierung der Falsettstimme hin zur Utopie des deeper and deeper. Für ein paar Jahre ist er ein globaler Disco-Erfolg, gemeinsam mit Gefährten wie erst Harvey Fuqua, dann Patrick Cowley.
Sylvester, nicht einfach als historische Figur – an Aids verstorbene Hi-NRG-Gott-Queen –, sondern als ein ziemlich unerschöpflicher Kübel von Möglichkeiten, deren Weite von den drei einander nicht perfekt ergänzenden Realisierungen dieser Anlagen nur angedeutet werden konnte, lebte lebendig archiviert in Princes Arbeit weiter. Fan-Rezipienten sind solch lebendige Archive, mit dem Tod dieser Kennerschaft gehen auch die Archive unter, und ihr Material wandert zu den Historikern der Lebensgefühle der Generationen.
Es gibt eine interessante Entwicklung in der Beziehung Pop-Musik/Neue Musik. In den Sechzigern/Siebzigern war es die freie Improvisation in Prog-Rock und Free Jazz/Rock-Fusion, die eine Brücke bildete, vom New Phonic Art Ensemble bis zu Bernd Alois Zimmermann. In den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren war es die digitale Post-Techno-Kultur, an der auch elektronische E-Musiker andocken konnten. Seit nunmehr fast 20 Jahren ist es aber immer häufiger Metal mit seinen diversen experimentellen Substilen, der die Brückenfunktion von Pop- zur Musik-Musik übernommen hat. Besonders anregend hörbar auf gut der Hälfte der in diesem Jahrzehnt entstandenen Kompositionen, die das Decoder – Ensemble für aktuelle Musik (Ahornfelder) eingespielt hat: besonders deutlich in Jorge Sánchez-Chiongs „Asesino Sin Razón“ und „Superimpose V – Sugar, Maths And Whips“ von Alexander Schubert, wo noch Free Jazz und früher Zappa dazukommen. Oder bei meinem Favoriten „Like My Domination (Die gelehrigen Körper)“ von Andrej Koroliov, wo die Schrei-Vokalkultur der ganz frühen NdW (Liebesgier!) mit anklingt.