Als das Industrial-Label von Throbbing Gristle in den frühen Achtzigerjahren eine Platte mit Fragmenten von Lesungen und anderen O-Tönen von William S. Burroughs veröffentlichte, glaubten nicht viele, dass das an starkem Sinnestobak interessierte Publikum etwas für den näselnden Vortragsstil eines älteren Dichters empfinden würde, aber falsch: Die genial suggestiv Nothing Here Now But The Recordings betitelte Compilation schlug nachhaltig ein, Burroughs Stimme wurde eine Trademark – die spätere Inszenierungen seines Werks als bekannt voraussetzen konnten.
35 Jahre später macht der hier schon gewürdigte Sound-Künstler Yannis Kyriakides das einzig Richtige mit dem Material: Mit vielen und sehr unterschiedlichen Stimmen, mit den Tönen von seltsamen und stolzen Percussions, aber auch mit dem zum Teil krasse Verfremdungen unbeschadet überstehenden Organ des Schriftstellers selbst wird rund um die Schlüsselworte und semantischen Fetzen, um die es in Naked Lunch geht, eine Art Singspiel gebaut. Lunch Music (Unsounds) kombiniert luftig offene musikalische Auswege mit den einzwängenden Leitmotiven Heroin und Zittern – letzteres fies toll evoziert durch den Klassiker „Shakin’ All Over“, bekannt von The Who, hier im Original von Johnny Kidd & The Pirates. Am Ende hat man eine neue Form kennengelernt: zwischen Hörspiel entfernt aus der Ruttmann-Tradition kommend (aber sehr viel musikalischer, verführerischer) und einem irgendwie auseinander gebauten Song-Album.
Diese Form ähnelt durchaus dem, was Luc Ferrari seit den mittleren Sechzigern in seinen diversen Tagebuch-cum-Musique-concrète-Soundpieces vorgemacht hat und worauf sich der ebenfalls hier schon gewürdigte Lawrence English in seiner neuen Arbeit Approaching Nothing (Baskaru) bezieht. English begibt sich an den kroatischen (damals jugoslawischen) Badeort Vela Luka, an dem Ferrari in den Sechzigern wiederholt Ferien gemacht und unter anderem Presque Rien aufgenommen hat: Die entspannte, proto-emanzipierte Stimmung liegt nun unter und neben dem zeitgenössischen Porträt von Müßiggang und Freizeitkonsum. English hat nicht einfach das gemacht, was Retro, Cover und Re-Enactment für die Concrète-Ästhetik bedeuten, sondern auch die Frage nach der Geschichtlichkeit von Urlaub und Relaxation musikalisiert. Brunhild Ferrari gibt zu Protokoll, die Sixties hier noch riechen zu können – und das ist ja das Beste an Ferraris alten Sachen: Man riecht die Welt.
Generell wird aber ein Schuh daraus, dass Sound Art zur Zeit nur weiterkommt, wenn sie sich daran erinnert, was Sounds erzählen können (ohne linear oder opernhaft zu werden). Obwohl: Eine brillante kleine Oper sah ich vor ein paar Monaten in Hamburg („Weine nicht, singe!“ von Dea Loher und Michael Wertmüller), die würde ich gerne mal auf Tonträger nachhören. Einstweilen gibt es von Wertmüller etwas ganz anderes: Für ein Ensemble der Hochschule der Künste Bern (Dirigent: Django Bates) hat er ein großes Big-Band-Jazz-Stück geschrieben, und das ist tatsächlich noch eine Überraschung dieses in Neuer Musik, Percussion-Wahnsinn, Free Jazz, Metal und überall sonst heimischen Künstlers: Terrain! Terrain! Pull Up! Pull Up! (Neos Jazz) beschwört zwar im Titel den Flugzeugabsturz, ist aber von im Gegenteil total Vertrauen erweckender, subtil lärmender Energie, die von mächtigen traditionellen Techniken der Kollektivität und des Zusammenwirkens hervorgebracht wird. Deren Widerstandspotenzial entfaltet sich überraschend und überzeugend gegen den Wind und Trend allfälliger Solipsismen und Narzissmen der Gegenwartskultur. Dennoch ist dies natürlich keine Big-Band-Musik, die man schon mal gehört hat; eher der Hinweis darauf, dass man auch mit diesem Pinsel tatsächlich noch ein digitales Signal auslöschen kann.
Fast schon von einer Familie kann man bei Signals (Trost) von LOK 03+1 sprechen, denn dort spielt Alexander von Schlippenbach mit Partnerin Aki Takase und Sohn DJ Illvibe (unter seinem nicht ganz so bürgerlichen bürgerlichen Namen Vincent Graf von Schlippenbach ein sehr präsenter Mitwirkender diverser Berliner Szenen von Peter Fox bis Heino) sowie seinem langjährigen quasi-familiären Weggefährten Paul Lovens zusammen. Das Ohr nimmt Gefahr und wichtige Zeichen vor jedem anderen Sinnesorgan wahr, so die Grundidee dieser globalalarmierten Verdichtungssuite, bei der das Zusammenwirken von frei gespielten Instrumenten mit Electronica und Turntables die Empfangsbereitschaft für die Signale der Gegenwart zu steigern versucht, so die Liner Notes von Yoko Tawada, die das World Wide Web als unser aller erzwungenes gemeinsames Schlafzimmer schmähen. Schiebt dicke Samtvorhänge vor Facebook.