XXXII

Der russische Musiker mit dem wunderschönen Namen Kurt Liedwart hat sich selbst einmal als einen „extrem langsam arbeitenden Komponisten“ bezeichnet. In dem Berg von Veröffentlichungen, den sein Label Mikroton Recordings herausbringt, zeigt sich aber mindestens, dass er bei anderen Tätigkeiten – produzieren, aufnehmen, publizieren, mitspielen, improvisieren – sehr viel schneller ist. Liedwart hat schon lange eine besondere Beziehung zur Wiener Elektronik/Improv/Neue-Musik-Szene, sodass es unter seinen Veröffentlichungen viele Kollaborationen mit dem Umfeld von Mego gibt. Burkhard Beins etwa spielt mit Boris Baltschun und Serge Baghdassarians auf Future Perfect ein wunderbares kleines Set, das mich an die große Zeit der Berliner Echtzeit-Szene erinnert (könnte daran liegen, dass die Aufnahmen 2008 in Berlin gemacht wurden). Aber auch andere Veröffentlichungen zeigen, dass in Moskau eine bestimmte Momentaufnahme des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts nicht zu den Akten gelegt, sondern sowohl liebevoll konserviert als auch weiterentwickelt wurde, wie man besonders bestrickend auf sale_interiora mit Norbert Möslang, Ilia Belorukov und Kurt Liedwart selbst hören kann, wie auch auf dem paralleluniversalen Rim von Liedwart und Phil Raymond. Nicht nur bei dieser Aufnahme, sondern auch bei The Bakery mit Altmeister Keith Rowe und dem schwedischen Künstler Martin Küchen fühlt man sich in den Konzertkeller Ausland im Prenzlauer Berg in der Frühzeit unseres Jahrtausends versetzt.

Gegen diese und andere Schulen improvisierter Musik wendet sich auf The Moment In And Of Itself (Immediata) vehement und wortreich die australische Gruppe North Of North, die mit dem Slogan wirbt, dass auf ihren Alben Instrumente wie Instrumente klingen würden. In einem Gespräch untereinander beklagen sie die sloppiness von Improvisatoren, die nicht spielen können oder sich „fremden“ Einflüssen unterwerfen (Jazz). Dabei sind die Beteiligten alle als erfahrene Könner durchaus auch in anderen Genres tätig gewesen. Ich liebe ja Kulturkämpfe, und diese wider alle begrifflichen Einsichten unternommene Suche nach fixen Standards des Eigenen und Gekonnten ist ziemlich grotesk, wenn auch im Ergebnis faszinierend. Auf ihren Instrumenten Violine, Trompete und Klavier lassen die drei Musiker so was von die Virtuosen raushängen und vermeiden mit viel Aufwand all die gezielten Missbräuche dieser Instrumente in der großen weiten Welt zwischen Max Eastley, Punkrock und Helmut Lachenmann, dass dieser Gebrauch selbst wie ein perverser Missbrauch klingt. Und pervers ist natürlich gut.

Zu beiden Themen – den guten alten Zeiten, als Improv-Experimente und Konzeptmusik angesagt waren, und dem Ge- und Missbrauch von etablierten, traditionellen Musikinstrumenten – hat auch Thomas Brinkmann viel zu sagen: A 1000 Keys ist – um den Kreis zu schließen: bei Editions Mego erschienen – Klaviermissbrauch der härtesten Sorte. Brinkmann simuliert den Klavierklang digital (und zwar Grand Piano, Flügel) und lässt dieses Klavier Dinge tun, die es sonst nicht tut: weil man es technisch nicht spielen kann, weil es trotz aller Tabubrüche zu radikal wäre oder niemand auf die Idee käme. Superbrutale, repetitive, mal vertrackte, mal nervtötende Sequenzen.

Nicht die Überbietung des Klaviers durch übermenschliche Virtuosität wie bei Conlon Nancarrow ist das Thema. Es geht nicht darum, dass der Computer besser Schach spielen kann. Den langweilt es nicht, jede Kombination durchzurechnen, nicht an Intelligenz ist er uns überlegen, sondern an Toleranz gegenüber langweiligen und repetitiven oder auch herzlosen Tätigkeiten – und so schafft er seine crazy Kunstwelten, die Brinkmann in den Tracktiteln mit den Kürzeln internationaler Flughäfen in Verbindung bringt – am Flughafen hat ja viel nicht-expressive Nicht-Song-Musik ihren Anfang genommen. Doch anders als bei Brian Eno wirken bei Brinkmann die Flughäfen eher wie bewohnte oder benutzte Gleichungen als wie Architekturen, denen gegenüber man angemessene, entsprechende Stimmungen erzeugen könnte. Neben dieser Erkenntnis erinnern die lauten und – wenn man so sagen kann – Uptempo-Tracks von A 1000 Keys auch nachdrücklich an vergessene Freuden der Rammdösigkeit als Zustand höherer Erkenntnis. Da aber alle, auch die rammdösigen Tracks, auch noch raffiniert sind – nicht ihr Aufbau, aber ihre Grundfigur –, kann auch dieses Rauschwissen nicht mit sich allein bleiben. Immer wieder stört etwas Interessantes. Sehr gut.