XXXIII

Andere Leute mögen das häufiger erleben, ich hatte es lange nicht mehr. Einen Hit. Etwas, das einen nicht mehr loslässt — und nicht in der unangenehmen Art einer Ohrwurm genannten Psycho-Fußangel. Immer wenn sich „Old Brain“ – was für ein zauberhafter Titel! – aus dem prog-experimentellen, kühl leuchtstarken Introspektionsalbum I (Constellation) der kanadischen Band Off World herausschält, bricht die reine Freude aus.

Zu Techno-Zeiten wurde gerne der alte, eigentlich der Barockmusik entlehnte Deleuze-Begriff des „Ritornell“ ausgepackt und in den elektronischen Loops und Zyklismen wiederentdeckt. Hier passt das niedliche kleine Wort – das Rückkehrlein, wie ich’s mir übersetze – aber ungleich besser: Da ist lediglich eine wahnsinnig elegante, kleine elektronische Figur, die nichts tut, als vom Spielen nach Hause zu kommen (aber so, dass der Geist des absorbierenden Spiels noch ganz präsent ist). Wunderbar. Der Rest des Albums von Leuten rund um den kanadischen Postrock-Veteran Sandro Perri (Polmo Polpo, Great Lake Swimmers) besteht aus ebenfalls geschmackvollen, klanglich abgerundeten Synthesizerminiaturen mit viel Aufmerksamkeit auf den Geräteklang.

Label und Vorleben des Künstlers ließen in mir die Frage aufkommen, was eigentlich aus dem schönen bescheuerten Begriff Postrock geworden ist (der heute ungefähr so alt ist wie zu seiner Geburtsstunde das Wort Glitter Rock). Die landläufigen Aggressionen gegen Post-X-Bezeichnungen werfen diesen Ungenauigkeit und Beliebigkeit vor. Dabei gibt es einen präzisen Sinn: Das Wort, das dem „Post“ folgt, bezeichnet stets etwas, das nun gar nicht mehr geht: Moderne, Kolonialismus oder Rock – das Wort „Post“ selbst bezeichnet etwas, das man trotzdem weitermacht, weitermachen sollte oder das leider weitergemacht wird.

Nach Rock konnte man alles Mögliche machen, und mehr als die Hälfte der Akteure – das wird auch unsere kleine Stichprobe mit Neuerscheinungen des Labels Constellation zeigen – macht tatsächlich etwas anderes. Interessant ist aber, dass sich dieses Andere durch die Information des Rock-Hintergrunds oder der Rock-Vergangenheit anders anhört.

Constellation hat ja reichlich wichtige Bands mit langen und/oder affektierten Namen wie Godspeed You! Black Emperor, Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra oder Le Fly Pan Am hervorgebracht, aber auch Matana Roberts kommt aus seinen Reihen. Und Jason Sharp, der schon mit Roberts und vielen anderen zusammengespielt hat. Sein A Boat Upon Its Blood (Constellation) ist Yoga als Stahlbad – also minus mal minus ergibt plus (wenn man weder Yoga noch Stahlbäder mag): meditative Drones, die unmerklich in eine Industrial-Punkiness übergehen, meditative Hintergründigkeit, die plötzlich klingt wie ein einziger böser, brillanter Vorwurf.

Bei vielen Stücken der hier genannten Beispiele, gerade auch beim dritten Constellation-Projekt Automatisme des Musikers William Jourdain und seinem Album Momentform Accumulations, werden sicher viele fragen, warum man das Ganze nicht krautrockig aufgeklärte, postelektronische Musik nennen soll. (Ich weiß, dass viele Leute die nie vergehende Daueraktualität von Krautrock für eine Art Aufklärung halten.) Nun, weil es viel mehr Spaß macht, beim Hören den nicht ganz unrealistischen Gedanken zu entfalten, dass dies Vorschläge für eine weitgehend elektronische Musik der Gegenwart sind, die von Leuten stammen, die auch ganz gerne etwas Dampfendes, Heißes, Atmendes, Sexuelles spielen würden; die an die alte Wahrheit glauben, dass Musik ein Feuer ist, das aus dem Mund kommt (weswegen man ein Instrument davorhalten muss). Automatisme ist allerdings am ehesten tatsächlich eine Musik, der man die 20 Jahre Postrock-Vorlauf nicht mehr anhört: eine neue Generation bei Constellation.

And now for something completely different: Eine wesentliche Bereicherung der letzten fünf Jahre Musik sind die vielen neuartigen und doch auch so verschiedenen Sängerinnen zwischen FKA Twigs und Jenny Hval. Die Norwegerin Eva Pfitzenmaier alias By The Waterhole ist eine Sängerin, die aber auf ihrem Album Two (Playdate) erstens – was ja schwer fällt, wenn man gerade mit der Stimme etwas Interessantes macht – komplett uneitel und unnarzisstisch klingt und zweitens ein Backing verwendet, das mit edel-kargen, elektronischen und nichtelektronischen Mitteln den Eindruck eines maximalen, aber künstlichen Atavismus erweckt: So begleitet man Arbeitsgesänge von androiden Kettensträflingen, so halten sich künstlich intelligente Mägde auf Einödhöfen auf Trab: völlig ohne Archaik-Kitsch und Natur-Muff.