Gebt mir Blasmusik! Bei Microtub und ihrem Mini-Album Bite Of The Orange (Sofa) geht es gerade nicht um den naheliegenden Musikhochschulwitz, dass ein Tubatrio nicht nach Tubas klingt, sondern eher wie Wale in der Wellnessoase: Nein, diese zutiefst (sic!) ernsthaften, beruhigend bassigen Atmungsexerzitien werben mit ihrem mikrotonalen Feinsinn genau für das Instrument und seinen Geist, das mir zuletzt unter Howard Thompson (sowohl bei Archie Shepp wie bei The Band) das Herz geöffnet hat: Okay, es ist das alte Staunen über die Sensibilität des Elefanten.
Microtub-Mitglied Robin Hayward ist auch Mitglied im vollständigsten Ensemble zeitgenössischer Großartigkeit im deutschsprachigen Raum, dem Splitter Orchester mit keineswegs nur deutschen und österreichischen Musikerinnen und Musikern. Die haben sich George Lewis als Stichwortgeber in jeder Hinsicht gecastet, den Mann also, der vielleicht am schnellsten und häufigsten in seinem Leben zwischen den Polen Experimentalelektronik, Free Jazz und Contemporary Composition hin und her gesaust ist, dazu Posaunist und einer der wichtigsten Jazz-Historiker. Lewis hat die von Liz Allbee bis Marta Zapparoli, von Boris Baltschun bis Axel Dörner prominent besetzte Riesengruppe um Simon James Phillips (sein Blage 3 wurde in Kolumne XXVIII gewürdigt) einem sozialen Experiment mit Textanweisungen ausgesetzt, das sich von Lewis’ Bewunderung für die um 1970 aktive Free-Improv-Supergroup aus Anthony Braxton, Leroy Jenkins, Wadada Leo Smith, Muhal Richard Abrams und anderen namens Creative Construction Company herleitet – ihre beiden unbetitelten Alben Vol. I und Vol. II, je auf Muse Records posthum um 1975 erschienen, empfehle ich gerne, sie sind second hand leicht erhältlich. Creative Construction Set (Mikroton) von George Lewis & Splitter Orchestra schafft es, 25 Individualistinnen und Individualisten so zu beschäftigen, dass sie weder in Privatzustände kippen noch sich einfach zu Größe und Gewalt addieren – wie es ja auch den besten Improv-Orchestern immer wieder passiert.
After tuba is before singing lessons! Ghédalia Tazartès, die beeindruckendste männliche Stimme dieses Planeten und seines Trabanten Knarzzzz, wird dieses Jahr 70 und hat mit dem Perkussionisten Andrzej Załęski und dem Multiinstrumentalisten Paweł Romańczuk eine neue Band gefunden, die ihn auf Carp’s Head (Monotype) zurückhaltend auf einem angenehm Harry-Partch-mäßig rüberkommenden Klimper- und Pling-Instrumentarium begleitet. Was kann da noch kommen? Maja Osojnik und ihr umwerfendes Album Let Them Grow (schon vor einigen Monaten auf Unrecords erschienen). Das macht teilweise da weiter, wo mein liebster, vergessener John-Zorn-Alumnus Mike Patton vor einem guten Jahrzehnt aufgehört hat. Oder wo Annette Peacock weitermachen würde, wenn sie einen Tarkowski-Soundtrack ohne Tarkowski-Film machen würde. Ihr Ausprobieren von Tonlagen, Expressionismen und Expressionsverweigerung, kalter Deklamation, Sachlichkeit, ja, auch von Gesang, von Dark- und Bitter-Tönen ist aber immer an Textverständlichkeit interessiert. Die von der Sängerin überwiegend selbstproduzierte elektronische Begleitung darf sich verselbstständigen, ohne dass das einfach nur atmosphärisch verstärkt. Es wird wirklich selbstständig: Oft sind es (fiktive) Maschinen, mit deren Pochen man mitfühlt, bevor dann wieder eine sehr menschliche Ansprache sich darüberlegt.
Ähnliches versucht Olivia Louvel schon länger. Bei dem thematisch geschlossenen Data Regina (Cat Werk Imprint) treiben sich narzisstisch posierendes und antiposierendes Singen gegenseitig schon sehr weit in normalerweise unbestimmte (sic!) Welten hinein – der trotz aller Ferne noch erkennbare ästhetische Horizont Trip-Hop setzt vielleicht noch Grenzen. Diesen entkommt Angelina Yershova, indem sie fast gar nicht singt: Das ebenfalls fast ganz alleine hergestellte Resonance Night (Twin Paradox) patrouilliert an der gleichen Grenze mit weniger rollenspielerischen als musikalischen Mitteln.
Sei nett zu mir! Lange war kein einzelner Track netter zu mir als „High End Smalls“ auf Taking Into Account Only A Portion Of Your Emotions (Editions Mego) von Pinkcourtesyphone – dahinter verbirgt sich der Ambient-Veteran Richard Chartier. Mit nett meine ich – sagen wir – zärtlich. Hier sind es auch nur Kleinstdetails, die gerade dieses Stück aus der geschmackvoll-rosafarbenen, wunderbar sorgsamen Pharma-Steppe herausragen lassen. Liegt das womöglich an einer Imponderabilie wie persönlichem Geschmack? Only a portion? Ach woher denn!