XXXV

Wenn heute, rund 30 Jahre nach Techno, von elektronischer Musik die Rede ist, sind doch fast immer Sachen gemeint, die selbst oder deren Vorfahren kulturhistorisch irgendwann einmal durch das Nadelöhr Techno-Kultur und Stunde Null der digitalen Zivilisation durchmussten. Das klingt dezidiert anders beim Schweizer Label Domizil, das im letzten Winter seinen 20. Geburtstag feierte. Auch wenn seine Künstler auf den einschlägigen enzyklopädischen Webseiten und in entsprechenden Listen mit „Abstract“ und „Ambient“ verschlagwortet werden, so ist doch das Besondere (nicht nur) an neuen Releases wie Thornbill von Thomas Peter oder Blind Material von (Bernd) Schurer (beide: Domizil), dass sie eben nicht wie die Enkel von Glitch oder die Urgroßnichten von Illbient klingen, sondern wie veritable Nachfahren der ersten europäischen elektronischen Musik (aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren), aber auch der vergessenen sogenannten amerikanischen universitären Computermusik: getrieben von einem Eifer für abstrakte Klangereignisse, die in überhaupt keiner, auch noch so vermittelten Weise als Farben subkultureller Tribal-Absprachen gelesen werden können.

Gewissermaßen das Gegenteil trifft für die beiden ersten Veröffentlichungen des neuen Tak:til-Sublabels von Glitterbeat zu. Hier ist der Übergang von Klangfarben, die vor historischer Bedeutungsschwere knarzen, in die rituell-schwebende Selbstaufhebung ein langer, angenehm dornenreicher Weg. 75 Dollar Bill sind ein hier allerdings gewaltig angeschwollenes Duo, das auf Wood/Metal/Plastic/Pattern/Rhythm/Rock (Tak:til) seinen Blues-Guitar-Percussion-Holzfällertraum langsam zu einem gewaltigen universellen Minimal-Folk hochfährt. Und der alte Postrock-Adlige Joshua Abrams rutscht mit seiner Band Natural Information Society unmerklich und äußerst elegant von einer eher hochzivilisiert swingenden High-Jazz-Präzision in die Traumzeit des Rituals. Aber auch ganz nahe bei den Geistern sitzen auf Simultonality (Tak:til) die Krawatten noch perfekt. My kind of transgression.

Für Dekoelemente ist es eindeutig zu heiß in der geothermal aufgeheizten Welt der Schwestern Rachal und Roxann Spikula und ihrer „Band“ Relay For Death. Für Natural Incapacity (The Helen Scarsdale Agency) begeben sie sich tief hinein ins Innere und in die Nähe des glühenden Kerns des mahlenden Lärms. Dabei gibt es auf Natural Incapacity keinen einfachen, rein klimaktischen Aufbau, wie ihn Noise-Berserker sonst lieben, sondern inmitten verlorener Welten und toter Erdschichten geschehen zuweilen auch kleine Dinge, stolpern Krusten und Kanten, nimmt der Druck ab, bevor er wieder in die Gänge kommt. Während dieses fast zweieinhalb Stunden andauernden schweren dynamischen Aufliegens von Tonnen von Materie auf anderen Tonnen von Materie wird man mindestens Zeuge, wie Marmor, Öl und Eisen entstehen.

Ähnliche innere Zustände, nun allerdings nicht in glühendem Magma, sondern in entzündeten Organen (und Nerven), beherrschen die Stimmung auch auf Contact (Sacred Bones), dem neuesten Album von Pharmakon. In der Engführung von bohrendem, punktierendem Noise und einer meist schreienden Stimme am Rande ihrer Beherrschbarkeit hat Margaret Chardiet diesmal ein bisschen mehr Platz für Verselbstständigungen gelassen, die das Repertoire an Intensitäten erweitern und auffächern. Mit „Transmission“ gibt es am Ende der ersten Seite der Vinylfassung sogar so etwas wie einen Hit (wenn wir das frivole Wort einmal als Synonym für „sehr einprägsame Musik“ verwenden wollen).

Zur Erholung von einem Körper als permanenter Makrokrise fliehen wir zu Most Intimate (Nakama Records), dem dritten Album des norwegisch-japanischen Concept-Jazz-Quartetts Nakama, dem es aber bald gelingt, mit seinen mikro-kitschoiden Zartheitsgegengiften und Geschmacksexzessen eine ähnlich geile Verspannung zu evozieren wie der harte Tobak zuvor. Das auf dem wunderschönen und wortreichen Cover erklärte Ziel des Nichtwissens wird nur um den Preis hoher Deutlichkeit erreicht.

Auf dem selben Label erscheint auch Index (Nakama Records) von Agnes Hvizdalek, der dem Vernehmen nach neuen Sängerin von Nakama. Hvizdaleks Soloalbum ist aber ganz unabhängig von dieser interessanten Verbindung der Tipp des Monats: ein unbegleitetes Vokalmonstrum, das durch einen 60 Meter hohen Schornstein in São Paulo gehaucht, gekrächzt, gesungen, gejagt worden ist, ohne dass man nur ein einziges Mal „Intention“ hört. Stimme wirklich als Luft durch Menschenkörper durch Industriegebäude – völlig ohne Kuriositäts- und Schrulligkeitsperformance, total cool und kühl und schlagend.