Dreimal Musik mit Text, der nicht Song ist, nicht Arie, nicht Poesie – aber alles andere. Und noch einiges mehr.
Erster Fall: Mattin, ein baskischer Intellektueller, Aktivist, Künstler und Noise-Theoretiker, ist dieses Jahr auf der Documenta vertreten. In Athen gibt es täglich eine offene Aufführung, eine Einladung zur Kollektivimprovisation ohne Instrumente, bei der ein „kollektives Subjekt“ entstehen soll, ein Weg, in der Gleichzeitigkeit von freier Aktion und Überwindung des konkurrenziellen Egos etwas zum Ausdruck zu bringen. Als ich dabei war, klappte das zwar nicht, aber man sah einige der Leute, die mitgemacht hatten, am nächsten Tag bei einem Versuch, zusammen mit zwei Originalmitgliedern ziemlich erfolgreich den Geist des alten Scratch Orchestra wiederzubeleben: Die befreite Gesellschaft schon heute voluntaristisch herbeikonstruieren zu wollen, erfordert eben paradoxerweise viel Kunstfertigkeit und das ist wieder ein Expertentum von der Sorte, die diese Anarchisten eigentlich loswerden wollen.
Neben Noise gibt es von Mattin seit Jahren auch eine lockere Serie, die er „Songbook“ nennt. Davon ist jetzt Teil sechs erschienen: Songbook #6 (Munster Records). Hier helfen nun Profis wie Werner Dafeldecker und Dean Roberts bei den ziemlich hörenswerten Miniaturen zur sogenannten „Flüchtlingskrise“ und vor allem dem deutschen Anteil an ihrer weiteren Entwicklung. Die Texte sind diesmal auf Deutsch, Mattin singt sie durch Harmonizer und andere Stimmverfremdungsmedien. Auch in diesen subtil krachernen, erhaben-dreckigen, aber nie lärmenden, auftrumpfenden Noise-Vignetten geht es gegen die „Einbahnstraße des Selbst“ (Songtitel) und um die Frage: „Wie können wir wirklich WIR werden?“
Zweiter Fall: Ähnlich wie Mattin ist auch Alessandro Bosetti eher voice actor als Sänger, vor allem aber der Regisseur eines sehr zeitgemäßen Post-Artrock-Programms, bei dem sehr genau gesetzte, aber dann jeweils sehr langlebige Soundwelten seine Poesie unterstützen. Seine Band Trophies besteht auf A Family Of Three (Band Photo) (Unsounds), wie schon bei dem vor vier Jahren an diesem Ort gelobten Album You Wait To Publish, aus dem Gitarristen Kenta Nagai und dem vielfältig einsetzbaren Wunder-Drummer Tony Buck, wodurch diese sehr speziellen und doch fragilen Setzungen von blubbernden, pulsierenden oder auch meeresstillen Soundabstrakta lebensfähig werden, ja, sich zuweilen zu squarepusheriger, thundercattiger Nervositätseleganz aufrappeln – ohne dass diese Zustände sich mit den dazugehörigen Genres verknüpfen und befrieden lassen.
Dritter Fall: Anne La Berge arbeitet auf ihrem Album Raw (Unsounds) mit den bekannten Gesichtern niederländischer Noise-, Improv- und Sound-Art-Zusammenhänge zusammen (von Reinier van Houdt bis zu Yannis Kyriakides), die auch die Gruppe Maze bilden. Aber für die sehr präsenten Textpassagen vergibt die Flötistin La Berge, selbst Mitglied der Gruppe, auf Raw nicht einmal Credits. Die Komposition ist eine elektronisch-aleatorische, welche die Mitspielenden durch die Konsequenzen der eigenen Echtzeitentscheidungen jagt. Das läuft schon sehr gut und beschert dem externen Zuhörer bereits ein hohes, lustvolles Maß von Unterschieds- und Überraschungsgenuss. Was ihn jedoch wirklich bannt, sind die immer wieder fremd und abgerissen dazwischen gebeamten Textsplitter, die mit Bedeutungsruinen perforieren, was hier sonst so geschieht, ja, die als Kommentar verstanden werden, wenn Worte wie „relation“, „structure“ etc. sich aufbäumen.
Andere Fälle: Lassen wir die Texte, aber bleiben wir in den Niederlanden, wo wir auf Black Dawn (Dark Vinyl), einem Album des Dark-Kraut-Abstract-Minimal-Heavy-Trios Phallus Dei aus Eindhoven, unseren alten Lieblingsmusiker Peter Brötzmann als Gast wiedertreffen, neben auch Merzbow, der auf einem anderen Stück assistiert und die Bandbreite der Phallus-Dei-Veteranen ausweist. Gerade als sich das Stück „Starman“ zu einer minimalistischen Leichtigkeit emporarbeitet und ins Offene hinüberrepetiert, kommt Brötzmann: Doch überraschenderweise nicht in seiner Rolle als der Lieblingssaxofonist des Metal-Gewerbes, der er ja auch ist, sondern als beseelter, von freien in romantische Linien hinüberschwingender Glücksbringer. Der Rest von Black Dawn ist ebenfalls empfehlenswert.
Doch wer von Peter Brötzmanns Vielseitigkeit redet, darf von seinem neuen Duo nicht schweigen: Seit einiger Zeit zieht er mit der Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh durch die Lande und scheint in ihrem nun gar nicht orthodoxen, hochenergetischen Spiel einen idealen Gegenton gefunden zu haben: Beide halten sich lange da oben auf, aber dann, wenn Leigh die Kühe klingend hinunter ins Dorf treibt, wird auch Brötzmann plötzlich ruhig und spielt eine Weile direkt ziselierte und mit dem Zeichenstift gezogene Markierungen. Das Ganze nennt sich Brötzmann/Leigh Sex Tape (Trost), und auf dem Cover sieht man auf einer blauen Brötzmann-Zeichnung, wie ein irgendwie Gekreuzigter von einer Art Schlange befriedigt wird. Weitere Wege des Wir.