XXXVII

I. Kulturkampf II: Anthony Pateras ist ein australischer Komponist von im weiteren Sinne Neuer Musik, der hyperaktiv oder fleißig mit diversen Musikern aus benachbarten Bereichen auf allen möglichen Ebenen zusammenarbeitet. Ich hatte ihn vor ein paar Ausgaben an dieser Stelle erwähnt, als von seiner virtuosizistischen Band North Of North beim Label Immediata ein Album zusammen mit einem pamphletartigen Gespräch erschienen war. Jetzt habe ich begriffen, dass dies kein Einzelfall war, sondern Sinn der von Pateras initiierten Immediata-Serie ist. Jede CD im hochwertigen Cover erscheint mit vielen Seiten hochmögender kulturkritischer Dialoge, die sich gegen Kulturindustrie und Nichtskönner, Aufmerksamkeitsökonomie und Verarmung richten. Es ist eine zwar altbekannte, aber doch sehr zielgerichtet im Kampf gegen den digitalen Kulturkapitalismus aufgerüstete und upgedatete Kulturkritik, die auch anders als ihre Vorgänger nicht unbedingt den alten Westen wiederhaben will.

Die beiden neuen Immediata-Veröffentlichungen sind The Slow Creep Of Convenience von Anthony Pateras mit dem finnisch-australischen Violinisten Erkki Veltheim – hier geht es sowohl gegen die Kultur der convenience als auch gegen ein regrediertes Hören, das Klänge an konditioniert assoziierte Bedeutung verloren hat, mit den Waffen einer außerweltlichen (scheinbar bedeutungsresistenten) Anti-Ambient Ambience – und Music In Eight Octaves mit dem The-Necks-Pianisten Chris Abrahams an einem zweiten Piano unter dem Projektnamen 176. Gerade Abrahams mit seiner Vergangenheit in Rock und Jazz ist dabei ein besonders interessanter Gesprächspartner für Pateras’ Diagnosen, die auch hier vor allem massiv darum bemüht sind, den ernsten Musiker gegen eine unübersichtliche Überzahl an Feinden neu zu definieren, hier mit einem 50-minütigen Pianoduett, das in der Tat ebenso ein Abgrund ist wie ein Spiel. Alle Immediata-CDs kommen in 300er-Auflagen und mit den besagten reichhaltigen und meinungsstarken Booklets.

2. Labor / Fabrik / Küche: Orphax ist ein niederländischer Ambient/Drone-Musiker, der mit Warschauer Straße (Opa Loka) ein Berlin-Konzeptalbum gemacht hat, das auf je gut 20 Minuten programmatisch dem „Mehringdamm“ und der „Schönhauser Allee“ auf den Leib zu rücken scheint, in Wahrheit aber jedes diskontinuierliche Außen und seine Zeitmaße in Vergessenheit geraten lässt – nicht in den Traum und/oder die sich steigernde Entrückung hinein, sondern in eine laborartige Wahrnehmungsschieflage, ohne Gemüt und mit einem Erholungswert, der nicht global mit Natur arbeitet, sondern mit der bestimmten Negation eines Alltagsklangs. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, wie expressiv die ähnlich irrealisierenden, aber eben von Diskontinuitäten durchzogenen, von Sprechstimmen zerfurchten experimentell-elektronischen Vignetten von Antwood alias Tristan Douglas auf seinem neuen Album Sponsored Content (Planet Mu) trotz allem rüberkommen: Viele verschiedene Maschinen, viele mit sich selbst beschäftigte Automatismen, die sich versammeln, sind am Ende doch immer eine Narration, Urheber: eine Person.

Das gilt in verschärfter Weise für das vom neuen Percussion-Helden Holger Mertin initiierte und mit Marco Riederer und Michael „Koko“ Eberli sowie diversen Gästen wie DJ Marcelle eingespielte The Immersive Project (Staubgold). Hier wird durchaus mit ähnlicher Liebe zu zeitgemäßer Zerrissenheit, aber eben sehr menschlich gezupft, geklopft und gewissermaßen dort an einem unübersichtlichen zerfaserten Haushalt gearbeitet, wo Antwood sich ins Zentrum einer Art Post-Internet-Autoindustrie hineinhalluziniert. Immersiv ist am gleichnamigen Projekt nur das Gefühl, es mit einem kleinen Laden zu tun zu haben, in dem viel los ist, sonst ist es manchmal einfach auch Folk.

3. Alte Sänger: Immer ein Erlebnis sind die Begegnungen mit Damo Suzuki. Ein Konzert mit einer zusammengewürfelten Kölner Band in den mittleren Achtzigern steht immer noch auf meiner Liste der zehn besten Konzerte aller Zeiten. Für die Doppel-LP Live At Marie-Antoinette (Play Loud), die aus vier halbstündigen Vokaldramen mit echten Sci-Fi-Krautopern-Titeln wie „Geheimnisvolles Treffen auf der anderen Seite des Nebels“ besteht, hat Suzuki die kleine Band Sound Carriers mit unter anderem Ilpo Väisänen von Pan Sonic zusammengestellt. Die arbeitet geduldig mit an den langsamen, wortreichen Entfaltungen des unglaublich einnehmenden, sich auf der molekularen Ebene verausgabenden, zarten, zuweilen heiseren Berserkers, den, dem Vernehmen nach, neben drei Musikern auch ein Tänzer begleitet.

Wem der Sinn nach einem weiteren, weniger brillanten, aber ebenso eigensinnigen alten Sänger steht, der möge sich Atonalism (Audiotrauma) zu Gemüte führen, das Debütalbum des französischen Off-Duos Atonalist. Das sind zwei, die sich an allen möglichen orientalisierenden Prog-Klängen, freien Jazz-Resten und Privatirrsinn abarbeiten, immer sehr dicht und angenehm muffig – und als Gast singt hier wie herbeigebeamt Gavin Friday von der ambitionierten Prog-Kinderschreck-Postpunk-Band The Virgin Prunes. Beim Zugreifen merkt man auch, wie viele Abgründe sich längst zwischen all diesen Positionen geöffnet haben. Friday posierte zuletzt vor sechs Jahren als in die irische Flagge gewickelte Leiche mit Kruzifix auf der Brust auf dem Cover seines Albums Catholic.