XXXVIII

Vorführscheibe: Eine Schallplatte mit Soul-Fetzen darf immer nur für Sekundenbruchteile an die Oberfläche wie in einem grausamen Schwimmbad-Folterritual, hohe Elektroniktöne erzeugen einen Sog, eben noch intim schmeichlerische Holzblastöne mutieren zu leiernden Industrieschleifen, irgendein hippes Werkstattgespräch auf Englisch, eine Mischung aus panischen Atemgeräuschen und Virtuoso-Percussion begegnet einer Maschinenraum-Akustik.

In jedem Track seiner Demonstration Disc (Human Ear Music) erzeugt Jason Grier nicht nur eine je komplett andere Atmosphäre, der rührige Labelbetreiber und Gesamtkünstler erfindet jeweils neue Genres – komplett mit impliziten konzeptuellen Rechtfertigungen; denn es ist selten, dass man zwei Tracks nacheinander hört, von denen der eine zu sagen scheint „Aufklärung“ und der nächste „Trance“. Einer sagt: Nimm mich beim atmosphärischen Wort! Der nächste: Begreife die unglaublich vermittelte Gebrochenheit der bloßen Idee dieser Klangerzeugung! Und oft reden sie auch beide durcheinander.

Ähnlich weite Wege legt Lee Gamble auf Mnestic Pressure (Hyperdub) zurück: nämlich von grisselig-nervöser Noise-Ästhetik bis zu geradezu klassischen Drum’n’Bass-Tracks anno Jahrtausendwende. Die Pointe seines Albums: die verbindende, geteilte Sensibilität, ja Nervolabilität beider Pole so herauszuarbeiten, dass die Distanz zwischen den beiden Extremen zusammenschnurrt zu einer persönlichen Sprache des erweiterten Körpers. Dort bricht auch Greg Fox auf, der ehemalige Drummer von Liturgy, der sich auf The Gradual Progression (RVNG Intl.) sehr weit in Richtung Wie-der-Titel-schon-sagt-Progrock und Fusion-Sound vorwagt. Das virtuose Getrommel, das keinen Augenblick Ruhe gibt, wird von animalischen bis Psychosekten-Vocals und Synthie-Ornamenten umspielt: überbordende neomaterialistische Sinnlichkeit oder neospirituelles Hippie-Gewichse? Das geht hin und her.

Eindeutig ist die Virtuosität des ungebrochen erfinderischen James Blood Ulmer, der 2015 mit dem Electro-Free-Jazz-Powerhouse The Thing beim Molde Jazz Festival mitgeschnitten wurde, jetzt auf Baby Talk (Trost) nachzuhören. Paal Nilssen-Love, Schlagzeuger von The Thing, führt hierbei nachdrücklich vor, dass ein Drummer, der über acht Hände verfügt, nicht zwingend Mandalas zusammentrommeln muss. Bei Graham Dowdall alias Gagarin gibt es diese Gefahr dagegen zuweilen schon – ich habe es heute mit den Drummern (neulich den alten Blind-Faith-im-Hyde-Park-Film wiedergesehen und fassungslos gewesen, was für ein irres hyperaktives Macho-Zeugs Ginger Baker unter diesen überwiegend faden Soft-Rock trommelt): Gagarin ist eine Art elektronischer Drummer bei Pere Ubu und hat unter dem Pseudonym Dids eine amtliche Postpunk-Karriere hinter sich (unter anderem bei Ludus und Eric Random And The Bedlamites). Als Kosmonaut zwischen neueren elektronischen Tanzmusiken, Minimalismus, genussvoll ungeraden Rhythmen und para-ekstatischen Zuständen ist er seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten unterwegs. Das Tolle an Gagarins Album Corvid (Geo Records) ist, dass es keinen Schlüssel enthält, der ankündigt, dass es gleich rhythmisch abgeht oder der große Geist herabsteigen wird – oder sich einfach nur Entspannung einstellt (selten). Ein Album, das beim Meditieren das Neonlicht einschaltet.

Ähnlichen Abwechslungsreichtum und ein Neonlicht, das garantiert niemals ausgeht, aber alles in einer deutlich härteren Gangart, bieten die exquisiten, ausgetüftelten und bei aller Brachialität unaufdringlichen Noise-Collagen von Francisco Meirino And Miguel A. Garcia auf Nonmenabsorbium (Idiosyncratics). Auch hier: kleine Spoiler im Sound, die den nächsten Knall-, Krawall- und Konzepteffekt verraten. Meirino, der wie so viele vor knapp zwei Jahrzehnten anfing, elektronische und elektrische Fehler als Soundquellen zu erforschen, ist mittlerweile weit von dieser konzeptuell endlichen Prämisse entfernt: ein Komponist. Das ist auch Dmitry Evgrafov – aber eine ganz andere Generation. Comprehension Of Light (130701) versucht, wie das einige Leute in letzter Zeit in Angriff genommen haben, die elektronische Collage und das Orchester beziehungsweise einige seiner Teile zusammenzuführen, und gerät dabei zwar angenehm weiträumig, insbesondere bei den überraschenden Übergängen von Störsounds zu Instrumentalklängen. Leider ist es aber auch manchmal deutlich zu heilig, oft viel zu süß.