Die RAF ist in der deutschen Pop-Kultur fast nicht vorgekommen. Nur der englischen Pop-Musik verdanken wir die Erkenntnis, daß es bei der RAF vor allem darum gegangen ist, etwas besseres finden zu können, als für die Grünen im Parlament zu sitzen.
Keine Jugend in den 70er Jahren konnte ohne eine emotionale Beziehung zur RAF auskommen. Wer sich seine Gefühle nicht von den üblichen Instanzen holen wollte (meine Oma, SPD, Bild, Böll) hatte nur die Musik. So könnte es gewesen sein.
So manches begann, wenigstens für mich, mit einem Konzert von Ton, Steine, Scherben in der katholischen Mädchenschule „Sophie Barat“ im Frühjahr 1971: die emotionale Einstimmung auf den bewaffneten Kampf. Zwar behielten in meinem Umfeld parteigebundene Maoisten das letzte Wort (später Hippies, Indienreisende, Free-Jazzer und Anarcho-Bohemiens), aber dem Charme und der Verführung von „Der Kampf geht weiter“ konnten sie sich auch nicht entziehen:
Zu viel sind hinter Gittern, die die Freiheit wollen
zu viel sind hinter Gittern, die wir draußen brauchen
sie sperren dich ein, nach ihrem Scheiß-Gesetz
wer das Geld hat, hat die Macht
und wer die Macht hat, hat das Recht
Es bedürfte einer genaueren Exegese ihrer ersten beiden LPs, um den Beweis zu führen, daß TSS unmittelbar für bewaffneten Kampf und Illegalität eintraten, aber ihre emotionale Bedeutung als Alternative zu langweiligen Schulungssitzungen war klar. Ihr Ton, ihr Outfit und ihre Haare entsprachen einem Typus des Proto-Autonomen und Proto-Hausbesetzers, wie er bis heute nachwächst; doch genau das hielt man damals – im Gegensatz zu unpolitischen langhaarigen Kiffern einerseits und rigiden Parteikommunisten andrerseits – für das Gesicht der RAF: die Schnittmenge aus Klassenkampf und Gegenkultur. Daß man damit die offizielle Idee der RAF von sich selbst verfehlte, eher der Atmosphäre der Bücher von Boock („Boocks Lügen“, RAF) und Aust (Baaders Samthosen) nahekam, wußte man natürlich nicht, unter den ersten langen Haaren. Das Bild, das die RAF von sich selbst vermitteln wollte („Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen“), ließ man sich gerne durch das Bild vom Desperado-Outlaw konterkarieren, das Bürgermedien und institutionalisierte Linke bis hin zu den K-Gruppen verbreiteten: denn genau dieses falsche Bild, das mit der Illustration von vier Ton-Steine-Scherben-Texten in einem Sounds des Jahres 1971 (vier romantisch verwahrloste schöne Männer, von denen einer später als Talk-Show-Type Karriere machen sollte: Rio Reiser) verschmolz, vermochte die RAF attraktiv zu machen (Baaders Samtcord, wenn ich diese Anekdote damals gekannt hätte, natürlich auch). Und auch Märtyrer wie Georg von Rauch entsprachen diesem proto-autonomen zeitlosen Bild einer eben grenzenlosen Radikalität, die weder bei der Länge des Haupthaars, der Menge und Härte der Drogen, der Länge von Improvisationen noch beim Schußwaffengebrauch sich aufhalten ließe. In der Zeit zwischen dem TSS-Konzert 71 mit „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ (als Medley mit dem „Arbeitereinheitsfrontlied“, was den organisierten Maoisten wieder gut gefiel), über „Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen waren da“ bis zur Ekhofstraßen-Hausbesetzung und -Räumung, ja bis zum Tod von Holger Meins strahlte ein Bild von der RAF nach außen, das dann sogar „Boocks Lügen“ (RAF) viel später mindestens in Bezug auf die Drogen bestätigten und das für die Attraktivität des bewaffneten Kampfes nicht nur unter denjenigen mitverantwortlich war, die 73 in der Ekhofstraße dabei waren und teilweise von dort aus ja auch für spätere Aktionen rekrutiert wurden, sondern auch für die, die dafür noch zu klein waren, denen der auf der Titelseite des Hamburger Abendblatts vom 23.5.1973 gezeigte, aus dem besetzten Haus getragene „Polit-Rocker“ aber zum persönlichen Jesus wurde.
Erst danach setzte sich unter Anarchos und Vorläufern von Autonomen, der klassischen linken Subkultur-Klientel, für die die Springer-Presse damals das Wort „Polit-Rocker“ erfand, ein entgegengesetztes RAF-Bild durch: das der eiskalten Strategen, der als revolutionären Wölfe im Schafspelz diszipliniert durchgehaltener bürgerlicher Tarnexistenzen; bei Boock als der Übergang vom Doors-hörenden Cruising-Kiffer zum den Familienvater darstellenden Logistik-Experten mit retrospektivem Mißfallen verzeichnet. Dieses zweite RAF-Image wurde weniger von der hiesigen Sub- und Pop-Kultur aufgegriffen als von der Vorhut internationaler Avantgarde-Kunst und Simulationsphilosophie. Baudrillards „Terroristen“ in Kool Killer sind solche seelenlosen und postpolitischen Medienmanipulateure; Diego Cortez, der New Yorker Kunstvermittler, schreibt in den späten 70ern parallel ein Buch über Elvis in Deutschland als „ästhetischen Terroristen“ und ist an einem Film über den Zusammenhang Elvis/RAF, Grutzi Elvis, beteiligt. James Chance spielt für den Soundtrack ein Stück namens „Schleyers Tires“ ein. In Hamburg drehen Kid P. und Donald Fuck den Punk-Film Unter Schleyern und Brian Eno nimmt mit dem Duo Snatch (Judy Nylon, Patti Palladin) die Single-B-Seite „R.A.F.“ auf. Darauf hörte man als Gesangsspur nichts außer der seinerzeit per Telefonansagedienst verbreiteten Stimme mutmaßlicher Schleyer-Entführer, die man damals anwählte, um sich zu überzeugen, daß es ausgesprochen sympathische Stimmen waren, die sehr gewählt und ein wenig ironisch formulierten. Ein paar Jahre später fand das so ins ästhetische Vokabular der Avantgarde eingegangene Mittel „Kriminalpolizei-bittet-um-ihre-Mithilfe“-Ansagedienst dann auch Verwendung bei den Einstürzenden Neubauten, die den Mörder der „kleinen Merle“ verewigten. In New York brachte die ultra-hippe Kunst- und Theoriezeitschrift Semiotext(e), die der wirklich famose Sylvère Lotringer heute noch herausgibt, ebenfalls um die Jahrzehntewende ein „German Issue“ heraus, das die gleiche Mischung aus Faszination und Entsetzen vor Überwachungsstaat, Nazi-Papis, Berlin-Wall, Alexander Kluge, Kraftwerk, Deutsch-Punk etc., die New Yorker scharenweise in die alte BRD trieb, ziemlich gut dokumentiert und in die auch das international-amerikanische Bild vom deutschen Terroristen als kaltem Meisterdenkerfanatiker paßt.
Beide Bilder – der langhaarige Desperado und Haschrebell einerseits, der rigide Stratege in Tarnexistenz andrerseits – verschmolzen in den Leitideen der Punkbewegung, die auf urbane Außenseiterexistenz wie auch auf Infiltration gegen die Hippie-Idylle auf dem Land oder gegen die kritische Mitarbeit am System setzten. Wurde früher jede RAF-Aktion diskutiert und kritisiert, galt nun alles, was die RAF machte, als richtig, wobei aber nicht mehr zwischen politischen Aktionen und Futter fürs Spektakel unterschieden wurde. Diese neue Zustimmung hatte längst von linker Politik im alten Sinne Abschied genommen. Die RAF war bei Abwärts etwa eher eine Kraft in einem Burroughs-Szenario, eine Fiktion. Die neuen deutschen Bands sprachen mehr über die RAF als die vorige Generation: ihre Platten erschienen ja auch independent und deckten das Spektrum zwischen inhaltlicher Solidarität (Slime, mehr oder weniger) und menschlicher Anteilnahme (Mittagspause in ihrem brillianten Song über den Tod des Willy Peter Stoll, „Der lange Weg nach Derendorf“: „Jeder Pantoffelheld erklärt ihnen den Krieg“).
Die Wahrheit liegt aber anders. Man macht ein Heft über die RAF und fragt mich nach dem Verhältnis RAF/Pop-Kultur. Es funktioniert immer, ein Heft über X zu machen und mich nach dem Stellenwert von X in der Pop-Kultur zu fragen. Es funktioniert nur nicht bei der RAF. Die RAF ist nämlich in der Pop-Kultur, von diesen wenigen Beispielen abgesehen, nicht vorgekommen, viel weniger als in der sogenannten Hochkultur, wenn man bedenkt, daß die Menschen, die der RAF nahestanden oder sich für sie interessierten und in deren Leben sie eine Rolle gespielt hat, eher Popmusik machen oder hören als Ballett. Das liegt auch nicht an der Zensur der Medien- und Unterhaltungsindustrie: nur die Popmusik selber, die Gesamtheit der an ihr im gegebenen Zeitraum Beteiligten konnten die RAF ausschließen bzw. auf die beiden im Hintergrund gelegentlich aufscheinenden Bilder einschränken. Die RAF war nämlich die Wahrheit der deutschen Popmusik und Popkultur, der Kern von allem, der nicht ausgesprochen werden durfte, wenn nicht alles zusammenbrechen sollte (und nur in der kurzen Zeit als das geschah, gab es ansatzweise eine gesunde deutsche Popmusik). Jetzt, wo das vorbei ist, kann sich die deutsche Pop-Musik entkrampfen. Ich bezweifle, daß das wünschenswert ist.
Zwei der schönsten Statements kommen aus England. Schon 1980 gab es auf der Platte Searching For The Young Soul Rebels von Dexys Midnight Runners eine Rede an einen Bohemien und Intellektuellen, gehalten vom (jüngeren?) Freund, der ihm vorhält, nur zu zitieren, Bücher zu kennen, sich aus dem Leben fern zu halten, sich absichtlich in Sack und Asche zu kleiden. Sein Problem sei nicht, daß er seiner Logik nicht mehr folgen wolle, aber seine Platten seien viel zu lahm. Er stellt ihm schließlich die Frage, ob er denn nicht wisse, daß „the only way to change things is to shoot men who arrange things“. Circa zehn Jahre später bezieht sich die Gruppe Chumbawamba auf einen Satz von Astrid Proll, die in einem Interview beklagt, wenn nicht alles so gekommen wäre, wie es gekommen ist, könnte Ulrike Meinhof heute eine Abgeordnete der Grünen sein. In „Ulrike“ fragt der Chor aus hohen Mädchenstimmen eines ums andere Mal: „Who wants to be a Green MP? I don’t“
Und wenn es dann den meisten deutschen Musikanten darum gegangen ist, singend zu verschweigen, daß sie eigentlich immerzu nur auf der Suche nach etwas Besserem als dem Tod gewesen sind (was nichts Ehrenrühriges ist), ist der englischen Pop-Musik die nicht hoch genug einzuschätzende Wahrheit zu verdanken, daß es bei der RAF vor allem darum gegangen ist, etwas besseres allemal finden zu können als für die Grünen im Parlament zu sitzen. Denn so war es wohl.