1. What have they done to my song, Ma!
Das kleine Foto links hinter Biermanns Kopf, an einer Art Pinnwand in der romantischen Sixties-Dissidenten-Wohnung, zeigte einen zweiten schnauzbärtigen Mann. An diesem Montag, Anfang Januar 1992, war durch die Carte Blanche – die nun auch der Spiegel dem schnauzbärtigen Moralisten ausgestellt hatte, indem sie ihn (publizistisches Neuland!) auf einen privaten Brief (von Rauschebart Kopelew) öffentlich antwortend, den halben Kulturteil vollschreiben ließen – dessen schrittweise Erhebung zum ersten Staatspoeten vollendet. Es hatte mit einer kleinen Rezension in der FAZ begonnen. Der alte Kommunist habe sich zum illusionslos-kompetenten Dichter gewandelt (Heine-Nachfolge brabra: Wenn irgendetwas in Deutschland wegen seiner Nähe zu Heine oder Tucholsky gelobt wird, meist mit einer scherzhaften Anspielung auf Tucholskys wahn-sin-nich geistreiche Pseudonyme, kann man schon sicher sein, daß es muffigster Spießerscheiß ist). Das war ca. Ende ’90. Die Einschwörung aller staatstragenden Kulturforen auf den poeta laureatus Biermann gewann dann zügig an Tempo und ergriff nacheinander Reich-Ranicki und diverse Preiskommitees. Gegen alle, die sich nicht einreihen wollten, SZ etwa, wurde in der FAZ eigens vom Chef eine Entrüstungskolumne eingerichtet (Doppelmoral der Intellektuellen brabra: Wenn irgendwas in Deutschland wegen seiner doppelmoralfreien Sauberkeit gelobt wird, kann man schon sicher sein und so weiter). Irgendwann hatte es alle Leute, Lehrer und Leserbriefschreiber gepackt, die sich einerseits immer schon freuten, wenn Gedichte anständig gereimt sind, andererseits es im besonders streng riechenden Feuilletonisten-Urin hatten, daß man bald eine staatstragende Dichterpersönlichkeit für die Abwicklung der kulturellen Altlasten der NBLs brauchen wird. Es gipfelte in diesem Spiegel-Text in Biermanns unverhohlener Gleichsetzung seiner moralischen („anständig“/„unanständig“) Einwände gegen „Arschloch“ Anderson mit den ästhetischen („blutleer“) gegen alles, was die Moderne, exemplifiziert in diesem Fall durch den Nicht-Stasi-Mitarbeiter Papenfuß-Gorek, der Lied- und Gedichtform des 19. Jahrhunderts angetan hatte. Das entsprach der DDR-Abwicklung in anderen Bereichen: In der Bildenden Kunst werden die alten SED-Schinkenpinsler Marke Tübke rehabilitiert – ohne Prüfung durch die Gauck-Behörde, während alles geringfügig an die Kunst, wenn schon nicht der Gegenwart, sondern der 40er, erinnernde modernere Zeug mit dem als Stasi-Simulation entlarvten Prenzlauer Berg auf dem Müllhaufen der Geschichte landen soll. Niemand eignete sich so gut, um in einem Atemzug moderne wie postmoderne Ästhetik, die Linke sämtlicher Prägungen plus sämtliche Unrechtsstaaten auf deutschem Boden in einer einzigen, leicht faßbaren populistischen, zutiefst stammtischhaften Empörung abzuwickeln wie der ehemalige Ultralinke Biermann. Denn wer war der alte Mann mit dem Schnauzer auf dem alten Foto von Biermann in seiner alten DDR-Bohemien-Wohnung, das das Spiegel-Manifest für anständige Menschen und gegen Dadaisten, Denunzianten und andere Arschlöcher illustrierte? Ja, wer wohl? Gamsachurdia jedenfalls nicht.
2. Rache für Chris Drombusch
Die zentrale Behauptung der um die Neujahrszeit mich und Millionen andere Deutsche fesselnden Drombusch-Staffel war, daß Intoleranz gegen Uniformen dasselbe sei wie Intoleranz gegen Hautfarben. Intoleranz, das große Übel unserer Zeit, wird damit parallelisiert mit den anderen Begriffen, die zur Zeit die Diskussion bestimmen: Rassismus, Outing, Anstand, Verrat/Spitzeltum, Gewalt. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie verwendet werden, als ob es keine Frage mehr sei, wer wen outet. Wer wen mit Ungeduld (Intoleranz) behandelt, wer wen bespitzelt und wer welchen anderen Menschen aufgrund einer ethnischen Bestimmung essentiell für einen Vertreter einer Rasse hält (und entsprechend behandelt: das ungenaue Wort „diskriminieren“, das eigentlich nur „unterscheiden“ bedeutet und immer [in einem gewissen Sinne korrekt] falsch verwendet wird, als sei das Unterscheiden von Ethnien schon Rassismus, wo doch Rassismus [zunächst nur] heißt: biologisch-genetische Determinanten wie charakterliche Determinanten zu betrachten). Der junge Drombusch wird in der Kirche wegen seiner Bundeswehr-Uniform als potentieller Mörder „diskriminiert“, direkt darauf wird Chris Drombusch als „Bulle“ an seiner Uniform erkannt und ermordet (von einer seltsamen Spezies halb Proll-Hools, halb Autonome, die sich nur Leute ausdenken können, die noch auf dem Stand des exakt 1973 entstandenen Begriffs „Polit-Rocker“ sind, der von der Springer-Presse damals erfolgreich lanciert wurde, um politischen Widerstand und Hooliganism zusammenzufassen. Leider hat die Linke nur die Absicht der Springer-Presse, sie zu denunzieren, an diesem Begriff bemerkt, nicht die Chance, das vielleicht revolutionäre Potential von Bikern zu untersuchen). Und unmittelbar nachdem Chris seinen in Uniform (= Haut) zugezogenen Verletzungen erliegt, wird Richy als „Neger“ (= schwarze Hautuniform) von seinem Adoptivgroßvater in spe als Firmenerbe ausgeschlossen.
3. Gewalt ist out
In der Februar-Ausgabe von konkret äußern sich die Revolutionären Zellen zu dem Fall eines von einem nicht näher benannten palästinensischen Kommando ermordeten Genossen zu der linken Falle Antisemitismus und der Rolle, die deutsche Terroristen bei der „Diskriminierung“ von Juden unter den Geiseln eines entführten Flugzeugs gespielt hätten. Wolfgang Pohrt kommentiert diesen Text, dem er Inkonsequenz und Larmoyanz vorwirft, in seiner Eigenschaft als schärfster Vertreter des neuen deutschen linken Essentialismus, den ich „Antiantisemitismus“ nenne. Es hat nicht lange gedauert, bis Teile der Linken auf der verzweifelten Suche nach einem Essential unter dem Eindruck des Golfkriegs bei dieser scheinbar selbstverständlichen Position angekommen sind. Der Begriff Antiantisemitismus ist als Modell aber brauchbarer als das, was in der Hektik des CNN-Guckens Anfang letzten Jahres aus dieser Position gemacht wurde. Zunächst informiert das Gerangel um seine Konsequenzen über etwas ganz Wesentliches: Antirassismus, Antiantisemitismus sind keine Selbstverständlichkeiten der guten Kinderstube aufgeklärter Metropolenbewohner, sondern ein Ziel harter gedanklicher Arbeit, wie auch diverse Debatten in Spex gezeigt haben. Vor allem aber hilft dieser Begriff als Modell in dem Dilemma zwischen Aufgabe des alten (falschen) linken Universalismus und der Gefahr der neuen Partikularismen und Nationalismen. Die Probleme der partikularistischen Essentialismen (entscheidend sei jeweils ein Problem/Widerspruch: das der Arbeiterklasse, der Frauen, der ethnischen Minderheiten, der sexuellen Minderheiten – die jeweils anderen seien Nebenwidersprüche) wie der Universalismen (ein System moralischer Maximen gilt für jedes vernünftige Wesen, wer dies nicht anerkennt, ist kein vernünftiges Wesen) sind die mittlerweile von der (sollen wir sagen: ehemaligen?) Linken mehr oder weniger weinerlich akzeptierte Lektion des 20. Jahrhunderts. Die Untauglichkeit der Partikularismen zeigt sich, wenn man sie nicht nur bei jugend- oder minderheitenkulturellen Tribes euphorisch betrachtet, sondern sich das Geschichtsmächtigwerden von Nationalismus und in seinem Gefolge Gangstertum als Nachfolgeorganisationsform von Kommunistischen Parteien global ansieht. Minderheitentribalismen organisieren sich um Minderheitenprobleme im Angesicht einer Mehrheit, indem sie ihnen einen universellen Namen geben: Nation. Oder gar Rasse. Jugendtribalismen ahmen das mehr oder weniger distanziert nach: „We’re justified and we’re ancient.“ Jugendtribalismus verhält sich dann zu osteuropäischen Nationalismen wie sich die alten Post-68er Organisationen zum Weltkommunismus verhalten haben. (Dazwischen liegen als Tertium Comparationis Sachen wie Nation of Islam oder Rastafarianismus). Das alles dürfte genügend deutlich machen, daß solche Parallelen weder über die moralische Qualität noch die politische Legitimität des Parallelisierten genügend taugliche Auskünfte geben. Ich sage das nicht ohne Schmerz, denn die flotte Analogie war mir auch stets eine liebe und teure Waffe gegen alle möglichen Betulichkeiten. Heute richtet sie in der Hand so mancher Zeitgeist-Kolumnisten hauptsächlich Unheil an. Das Verglichene ist so wenig zu vergleichen, wie der Rassismus des Klan mit dem angeblichen Rassismus des vielgescholtenen (und in Deutschland immer als einzigen Genannten, wenn es um schwarze Intellektuelle geht) Professor Jeffries, der die nicht-weißen Sun People gegenüber den weißen Ice People verklärt. Das BKA schaltete in den späten 70ern eine Kampagne in Jugendzeitschriften: „Gewalt ist Shit“. Auf dieser Ebene spielen die heutigen Debatten über Outing, Rassismus oder Tribalismus versus Universalismus. Es müssen andere Paradigmen her. Der Begriff des Antisemitismus bzw. des Antiantisemitismus liefert dafür ein Element, weil er eine partikulare Situation, einen partikularen Fall von Rassismus und dessen Universalisierung durch Ideologie zusammendenkt und sich dazu in Gegenposition bringt, sich ableitet aus einer Gegnerschaft nicht nur zu einem falschen Universalismus (Rassismus), sondern auch zu dessen Einzelfällen (Rassismus gegen Juden) und deren vom Universalismus nicht zu fassenden Spezifika. (Hinzu müßte die Bestimmung „deutsch“ kommen, die unvergleichbar macht, welche Funktion Deutsche in diesem Zusammenhang haben [der sie ebensowenig entgehen können wie ihrer weißen Haut], mit dem, was vorzugsweise hierzulande Fundamentalisten unter den Black Muslims so vorgeworfen wird, als könnte es uns exkulpieren oder deutschen Antisemitismus relativieren. Stattdessen spielt dieser nämlich auch in der seltsamen Region zwischen Geschichtlichem und Anthropologischem, die immer so schwer zu verstehen ist, wenn Schwarze von Schwarz stolz sprechen und Rassisten darin [in Wirklichkeit ihren eigenen] Rassismus wiedererkennen [wollen]: Die vielen Jahrhunderte, in denen Schwarzsein eine gesellschaftliche Tatsache war, haben dafür gesorgt, daß es eine Kultur, Geschichte etc. gibt, die man nur mit einem biologisch-genetischen Wort benennen kann. Die Ungeheuerlichkeit und Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen macht Deutsche ein für allemal zu Verstrickten, so als wäre das ein biologischer, genetisch bestimmter Aspekt ihres Lebens. Deutsch sein heißt tatsächlich, in derselben Ordnung so etwas ähnliches wie das Gegenteil von schwarz sein: so ziemlich das einzige, worauf man nie stolz sein kann. Der z. Z. so viel beklagte Antigermanismus ist daher voll gerechtfertigt. Vor allem, wenn ihn Deutsche empfinden, ebenso der Black Nationalism: aber natürlich nur auf der Grundlage, daß es so etwas wie „Rasse“ weder im biologischen noch im kulturgeschichtlichen Sinne wirklich gibt, sondern nur deren legitime oder illegitime Konstruktion. Und: Was die Deutschen für alle Zeiten zu „Deutschen“ macht, haben sie frei gewählt, was die Schwarzen zu „Schwarzen“ gemacht hat, war keine freie Entscheidung. Und: Wie unwichtig es auch sein mag – KRS-One hält es für Selbstbetrug, sich viel darauf einzubilden und so ständig von der Gegenwart abzulenken –: The Original Man kam tatsächlich aus Afrika, es war allerdings eine Woman. Und zum Antigermanismus: Wann immer ich das Wort „anständig“ lese, entsichere ich …)
4. Klatsch
Vor Jahren schrieb ich einmal, Klatsch sei die letzte materialistische Waffe gegen die Meinung. Und an anderer Stelle: Im totalitären Osten herrsche noch die alte Lüge, im Westen die semiotische Vergiftung. Allerlei Vorgänge bringen uns dieses Thema zurück. Outing ist natürlich genau die zielgerichtete, taktische Einsetzung von Klatsch gegen die Unverbindlichkeit von Meinungen und ihren sogenannten Führern. Und sehr viel problematischer als meine gute alte Theorie: Seine Praxis erinnert stark daran, wie K-Gruppen ihre Feinde immer in den unmittelbar benachbarten Gruppen suchten und fanden – und ist trotzdem etwas Anderes. Es ist das beste Beispiel dafür, daß man eben nicht allgemeine Moralgesetze anwenden kann: auf eine Taktik. Der Zweck heiligt die Mittel tatsächlich. Aber wie kann eine Operation, die nicht von oben kommt, unter massenmedialen, kulturindustriellen Bedingungen noch Mittel, Zweck, Risiken, potentielle Fehler richtig einschätzen bzw. überhaupt voneinander trennen; wie kann sie andererseits vermeiden, so skrupulös zu werden, daß Handeln unmöglich wird. Outing ist ein unter Medienbedingungen ersonnenes Programm, das heißt, es arbeitet nur unter den Bedingungen der semiotischen Vergiftungen („Meinungen“). In der altmodischen DDR gab es keine Meinung, und Klatsch wäre keine Waffe gegen sie gewesen, sie hätte erst Meinung erzeugt und damit vielleicht Lügen relativiert, vielleicht zum nächsten Schritt geführt. Der Realsozialismus erweist sich auch auf diesem Terrain als nachholendes Modernisierungsunternehmen, das eben den Anschluß an den entwickelten Kapitalismus sucht. Die Stasi organisierte anscheinend den Klatsch wie eine LPG die materielle Produktion. Ein echter Entmündigungsvorgang, der das Herz von 19. Jahrhundert-Poeten empört höher schlagen läßt und auch ihre veraltete Kunst für einen Moment, wenn man den Zusammenhang isoliert, scheinbar richtige Sätze hervorbringen läßt: Auch darauf geht Biermanns Erfolg zurück, wo doch wirklich jeder außer der Dingsda-Redaktion ihn seit 1976 nur als traurig anachronistisches Relikt archaischer politischer Verhältnisse gesehen hat. Seine geschnauzt empörte Anrufung des Anstands trifft mitunter tatsächlich auf angemessene Weise die archaischen „Verbrechen“ gegen Menschen, die um die Selbstorganisation der eigenen Meinung kämpfen. Und nun allerdings in einem Staat leben, wo „die eigene Meinung“ seit gut 25 Jahren ca. ein gut eingespieltes Verblödungsinstrument erster Sahne darstellt. Und der bedrohliche, riesige Aktenberge, auf denen alles und alles und noch irgendeine Einkaufsliste verzeichnet und abgeheftet sind, nie brauchte, weil er nicht erst seit gestern über eine einigermaßen fortgeschrittene EDV verfügt, die irgendwelche Intimitäten irgendwelcher „Menschen“ einen feuchten Kehrricht interessiert. Im selben Moment behelfen sich aber in beiden Situationen die verunsicherten oder kämpfenden Einzelnen mit dem Benennen von Personen, als wäre der Name eines echt da draußen rumlaufenden Menschen eine letzte Sicherheit und Gewißheit in einer Zeit, wo der Anteil der Menschen, die an das glauben, was sie im Fernsehen sehen – erfreulicherweise – innerhalb der letzten zehn Jahre von 54 % auf 27 % gefallen ist (und weiter fällt). An Personalausweise glauben wohl noch ein paar mehr. (Und daß die Zonis ihre Stasi irgendwo auch ein bißchen lieb haben, liegt natürlich daran, daß die die „Menschen“ echt noch ernst genommen hat.)
5. Die neue Saison
Vera Drombusch ist Josef Stalin. (Das wäre ein Schluß, so hätte früher ein Artikel dieser Art von mir aufgehört und ich hätte der in letzter Zeit so oft an mich herangetragenen Bitte, wieder mal einen Artikel „wie früher“ zu schreiben, was ich hier versucht habe, ganz entsprochen; ich kann aber dem Leser nicht ersparen, daß es so einfach eben nicht ist – auch nicht mit dem schnauzbärtigen Diktator, den Wolf Biermann vor seiner Ausbürgerung, als wir ihn noch schätzten, so geliebt zu haben scheint wie wir damals, als Maoisten, natürlich auch. Nein, die Wahrheit ist komplizierter: Witta Pohl ist nämlich Stalin, und das ist verdammt wahr und verdammt komplex, wenn ihr versteht, was ich meine.)