Leichten Herzens könnte ich Kritisches über die documenta 11 sagen, wenn sie nicht so beharrlich unter ihrem Niveau angegriffen würde. Gegen Bazon Brocks Versuch, jede Berechtigung einer postkolonialistisch inspirierten Weltkunstausstellung zurückzuweisen (unlängst im TV), oder den Angriff eines Zeit-Autors, der neulich seine Rezension an den Arbeiten der in jedem Museum der Welt präsenten Oldies Hanne Darboven und On Kawara und deren für die aktuelle documenta nun weiß Gott nicht repräsentativen, schon in den 60er Jahren entwickelten Positionen festmachte und daraus ein Zuviel an „Konzept“ ableitete, muss man den bunten Gemischtwarenladen mit seiner weitgehend wohldurchdachten Künstlerliste natürlich in Schutz nehmen. An guten Arbeiten aus den verschiedensten Perspektiven und Positionen, von der historisch dokumentarischen Inszenierung politischer Aktualitäten bis zur feinsten, dandyhaft-verspielten Medienkritik, von Fareed Armaly bis Cerith Wyn Evans, hat es an nichts gefehlt. Gefehlt hat dieser documenta hingegen gerade jenes ominöse „Konzept“, unter dem die deutsche Kritik so leidet, egal ob damit eine ihre Aussage- und Ausstellungs-Bedingungen reflektierende Kunst gemeint ist oder ein kuratorisches Konzept, das über ein kindliches Kombinieren des zueinander Passenden hinausgeht. So stehen hier dann die bunten Türme eines Stadtmodells von Bodys Isek Kingelez neben den ebenfalls mehrfarbigen und vertikalen, auf einen ganz anderen Kontext zielenden abstrakten Skulpturen Isa Genzkens. Solchen Reduktionen auf formale Ähnlichkeiten stehen inhaltliche gegenüber (diese und jene Migration, Armut, Krise). Nur selten schnappt eine thematisch motivierte Konstellation so gelungen ein wie bei der Sequenz im ersten Stock des Kulturbahnhofs: von den utopischen Architekturmodellen Constants schreitet man zu den bizarren Libanon-Dokumentationen der Atlas Group, von dort zu Andreas Siekmanns rot eingefärbten Theorie-Panorama aus kreuz und quer im Raum installierten Comic-Aquarell-Blättern über städtische Öffentlichkeit, schließlich rechts in einen Nebenraum zu dem Film des Black Audio Film Collectives über den Aufstand der afro-karibischen Bevölkerung von Handsworth, GB in den 70er Jahren. Dieser gelungenen Engführung ästhetischer (Modell vs. Tafelbild, sowie Erfindung und Dokumentation in utopischer und kritischer Öffentlichkeitsdiskussion) und thematischer Elemente (Stadt als anschaulicher Ort von Konflikten wie konkreten Utopien) steht oft die öde Montage von nur vom Themennamen her Verwandten gegenüber. Die findet allerdings ihre großartige Parodie in Raymond Pettibons 11.-September-Raum, der für seine Blätter mit den verschiedensten und vor allem komischen und schmutzigen Assoziationen zum Thema Nr. 1 sich von genau den entfesselten, konzeptlosen Verknüpfungstechniken mit Hang zum Naheliegenden eines massenmedialen kollektiven Unbewussten leiten lässt, die denen der Kuratoren gar nicht so fern sind.
Verknüpfungs- und Zusammenstellungsprobleme und ein fragwürdiges Verhältnis zur Inhaltsdimension gipfeln in zwei prekären öffentlichen Statements. Enwezor schmiedet in seinem Katalogessay eine Achse des Antihegemonialen und schließlich Antiwestlichen, für die er Globalisierungsgegner und Islamisten in einen Topf schmeißt. Falsche Politik, falsche Verknüpfung, falscher Topf! Bundespräsident Rau wiederum gibt zu Protokoll, die Kunst nicht zu verstehen, aber ihr politisches Engagement zu schätzen: wie kann sich ihm dieses mitteilen, wenn er die Kunst gar nicht erst verstanden hat? Was für eine Politik, die sich indifferent einfach durch die ästhetische Gestalt osmotisch zum wohlmeinenden Rezipienten durchschummelt? Was für eine Kunst, die man nicht zu verstehen braucht, um ihre Politik zu verstehen?
Die d11 ist nicht, wie es oft heißt, zu unsinnlich, zu politisch, zu intellektuell, zu postkolonial, zu konzeptuell und zu diskursiv. Sie ist sattsam sinnlich incl. Rohstoff- und Rotweingerüche, ihr Politikbegriff ist eher unterkomplex und am bloßen Abrufen von Issues orientiert, sie fällt vom intellektuellen Niveau hinter die letzte zurück, vergibt die Chance, ihren angedeuteten postkolonialen Ansatz zu entwickeln. Ihre Diskurse strotzen vor schlechten Übersetzungen aus dem Englischen. Sie ist dennoch viel, viel besser als ihr Ruf und ihre Kritik.