Die wunderbare freie Welt der wirklich freien Musik. Wirklich frei? Ja, believe me, it’s a new dawn. Now you’ll hear morning maniac music. Vor vier Nummern (Spex #374) empfahl ich hier sehr dringend Agnes Hvizdalek und die Band sowie das Label Nakama. Jetzt gibt es etwas Neues aus der Richtung: die Band Juxtaposition, zu der die genannte Stimmkünstlerin samt einer Kollegin und Elektronikerin (Natali Abrahamsen Garner) gehört sowie zwei Typen (Magnus Skavhaug Nergaard und Utku Tavil), die Bass, Drums, Field Recordings, weitere Elektronik und andere Fundstücke in den Fruchtsalat schmeißen, der die Innenseite des Klappcovers dekoriert.
Ihr Album Juxtaposition (Nakama) ist freie, schabende, kratzende, schubbernde Improv-Musik, deren Ursprungsgeste den Unterschied zwischen akut drängenden menschlichen Nöten und den Leidenschaften der toten Materie komplett einebnet. Das will alles ständig nach vorn, will weiter, wie Musik halt weiter will, und doch sind es maschinelle, programmierte, geologische, mikrophysikalische Abläufe und Klangursprünge, die auch von outer space oder einer Nähmaschinenmanufaktur aus dem Jahre 1850 herübergeweht worden sein könnten. Die beiden Stimmen als Garantie des Humanen sind immer etwas über oder unter dem, was auch bei radikalen Voice Artists die oberen und unteren Grenzen der menschlichen Stimme wären. Yoko Ono ist Joni Mitchell dagegen.
In ähnlicher Weise state of the art, also neu, aber nicht ganz so neu, ist Front And Above (1703 Skivbolaget), von einem Trio um den Free-Music-Routinier John Chantler mit Steve Noble und Seymour Wright live im Londoner Café Oto aufgenommen. Hier ist es das klar aus früheren Expressionsgrenzen erkundenden Klangwelten vorbeischauende, irgendwie zurückgehalten wilde Saxofongehupe von Wright, das die oft stehenden, stolpernden Interaktionen irgendwo hinziehen will – kein so total eigengesetzliches Geschrängel wie bei Juxtaposition, aber auch eine Musik, die sehr an die Eingeweide denkt, an äußerst organreiche organlose Körper, an ein pulsierendes, feuchtes Innen, in dem es aber auch fürchterlich zieht, weil alles Mögliche offen steht.
Das Problem bei der Beschreibung solcher Musik ist ja, dass das Innere der Erde und das Innere des Körpers sich als Anknüpfungspunkte des Hörens begegnen, gewissermaßen als Bild der Musik und als ihre direkte Klangerfahrung (Hören und Vibration): Medizin und Archäologie haben normalerweise keine Verbindungsrohre, immer mehr Musik stellt aber heute diese Verbindung her. Ein Drittes ist die Bewegung, die früher meistens rollen, schreiten, treten, swingen war und bei diesen Sachen nichts von alledem ist: Es geht auch ohne Beine.
Das ist auch ein Thema des Power-Trios von Keisuke Matsuno, einem jungen japanischen Gitarristen in Deutschland, Moritz Baumgärtner, einem vom Jazz kommenden jungen Improv-Drummer, und Lars Graugaard, der schon etwas länger dabei ist, auch mal Jazzer war, in letzter Zeit eher Komponist und Laptop-Performer. Crumble (Clang) stellt fein Ziseliertes gegen Gebrodel, überzeugt aber eben gerade dadurch. Bewegung und verhinderte Bewegung, metaphysisches Stolpern oder gegen elastische Drähte Anlaufen in seinen leisen Stellen.
Ganz gemessen ziehen dagegen die Schafe auf dem sepiafarbenen Cover von Trashumancia (Sofa) von O3 auf die Stadtmauern von Ávila in Kastilien zu (oder auch nur zu irgendeiner größeren Burg). Zu O3 gehören der norwegische Allrounder und Percussionist Ingar Zach, die italienische Performerin und Flötistin Alessandra Rombolá und der spanische Akkordeonist Esteban Algora. Mich hat interessiert, dass ein rezenter Kassetten-Release von Zach Nonfigurativ Musikk heißt – das schließt dann alles aus, was Bild und Metapher wäre und mit den hörenden Eingeweiden sensuell konkurriert und kooperiert. Und in der Tat ist Geduld, Langsamkeit, das Nichtereignis, das Schweigen der nie blökenden Lämmer und ihr innerer Frieden hier ästhetisches Prinzip – ohne dass das auch nur das Geringste mit Ambient, dark or light, mit Immersion und Atmosphäre zu tun hätte. Es ist dann doch eben auch Post-Jazz-Improv, nur insgesamt in einem körperlichen Register, das weder Körper, noch Maschine ist, sondern, ja, Landschaft: „Caminar, Caminar, Caminando“ („Gehen, Gehen, Gehend“) oder „Tras Un Sol Violento“ („Hinter einer gewalttätigen Sonne“) heißen die Stücke, die sich aber weit weniger narrativ oder dramatisch anhören. Nicht figurativ eben. Eine Landschaft ohne ein Nach-Hause-Kommen – allein die Nacht, die im letzten Stück fällt („Al Caer La Noche“), setzt dieser Ausdehnungsmusik ein Ende. Ausdehnung, aber ganz ohne Wasser- und Flussbilder: trockene friedliche Staubigkeit.