Zwei Bücher über Jazz, ein Film, von dem mir einer erzählt hat (über Jazz), und ein Interview (über Jazz), an das ich mich gut und gerne erinnere

Fragmente einer Novelle, Teil IX, X, XXXIII

In The Hip erzählen bewährte ältere Herren wie Roy Carr, Brian Case und Fred Dellar („Fred Fact“) die Geschichte von Hipness, nicht als permanent funktionierendes Abgrenzungssystem von Subkultur und künstlerischer Praxis, sondern als eine historische Epoche, diejenige halt, die die Wörter hip und Hipster erstmals verwendete, die 50er also. Optisch/grafisch richtet sich das Buch an die vermeintliche, imaginäre Zielgruppe von Absolute Beginners: Jazz als Modephänomen, geile Plattencover, Existenzialismus als Juliette Greco und Françoise Sagan, Beat-Literatur als Kerouac (der olle, untalentierte Schrottkopp) und Ginsberg. – Gut, sage ich, muß auch sein, dieser Aspekt. Der Punkt an Jazz/Exi/Bop-Fifties ist aber doch gerade, daß kurzfristig Intellektualität hip war, Diskutieren sexy, Nächte-Durchschwafeln und Philosophie-Ernst-Nehmen verführerisch, musikalische Kompromißlosigkeit aufregend und nicht sektiererisch. Sicher gerann das derart Ernstgenommene irgendwann zum Emblem, wogegen ich nichts habe, was aber nicht mehr einmalig, sondern das Übliche in der Subkultur ist. Wenn junge Intellektuelle etwas ernst nehmen und dafür ernst genommen werden, entsteht etwas Schönes. Dieses Schöne dokumentiert dieses Buch, durchaus materialistisch und in allen Facetten, die Ursache, die es anbietet, ist, leider, die Reduktion auf dieses angeblich „subtile“ gewisse Etwas, auf guten Geschmack (den zu haben schon immer etwas teurer war, nur daß der Preis, der hier angegeben wird, nicht der einer Schachtel Attika, sondern der des für die Kunst und für Hip hingegebenen Lebens ist): eine nette Bilder/Doku-Sammlung, ein paar nette Zitate – die Lehren aus dieser Geschichte werden nicht oder falsch gezogen, aus Unerbittlichkeit und intellektuell-künstlerischer Härte als Lebensstil wird eine Mischung aus den richtigen Klamotten und Covern und den falschen Drogen.

Hier tritt Bertrand Tavernier aufs Tapet und dreht den Film Round Midnight, um den schwarzen Musikern, die von Hollywood ausgebeutet und verfälscht dargestellt worden seien, späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Dank der schwarzen Nation geht an den mutigen Franzosen. Warum mußte es aber dann der edel-verstorbene 40er/50er-Jazzer sein, warum wieder glorifiziertes Leiden für die Kunst (von John McLaughlins in einer Nebenrolle entwickelten Cary-Grant-Qualitäten lasse ich mir gerne erzählen), warum solche (Dexter Gordon als Darsteller, Herbie Hancock als Darsteller und Soundtrack-Komponist), deren Musik heute niemandem mehr weh tut, warum nicht Albert Ayler (für einen Film mit dessen Musik ließe sich natürlich nie ein Finanzier finden), warum also nicht Free Jazz, wofür wirklich und heute noch Künstler leiden und sterben (wenn schon Elendsglorifizierung)? Oder schwarze Siegertypen wie Miles Davis, der sich bitter über die Glorifizierung des Leidens dieser vermeintlich heroischen Epoche beklagt; sicherer, weißer Dreck sei es, heute sich an einer Musik und einem Stil aufzugeilen, von dem eben keine Gefahr mehr ausgehe. Und überhaupt, goldene Zeiten? Der Schlagzeuger war irgendwo auf der Suche nach Dope, der Bassist wieder viel zu nahe an der Theke, und wenn man das ganze Pack schließlich auf die Bühne gebracht hatte, war garantiert der Saxophonist verschwunden, um sein Horn zu verpfänden. Miles muß es wissen. Er hat diese Ära überlebt und daraus gelernt. An Parkers Leben war nichts schön und romantisch, es war nur elend, und davon profitierte dessen Kunst nicht, daran ging sie zugrunde, so Miles, der dabei war.

„Magst du Musik?“ – „Nicht jede!“ – „Das ist Billie Holiday.“ (Mickey Rourke und Kim Basinger in 9½ Wochen) Billie Holiday, das Frauen-Pendant zum Parker-Mythos: Es sei einfach Quatsch, wenn heute jemand wie Sade diese My-man-is-gone-Inbrunst imitiere. Frauen, so Miles, während ich gerade die neue Grace Jones höre, sind nicht mehr so. Sie sind nicht mehr nichts ohne ihren Mann. Sie stehen für sich selber ein. Sie brauchen keinen Zuhälter mehr. Ich, so Miles, muß das wissen. War schließlich selber einer. Hatte zehn Frauen laufen. And damn if I remember their names!

Der Jazz-Container ist ein „Jahrbuch für improvisierte Musik“ und bringt eine Reihe vorwiegend nachgedruckter Artikel: ein Interview mit dem ECM-Chef und Musikverweichlicher Manfred Eicher, eine peinliche Eloge an Laurie Anderson („Harlekin im Chip-Zeitalter“), ein paar Allgemeinverständlichkeiten über Cecil Taylor und einen Artikel über englischen Jazz von Steve Lake, sehr informiert und lesenswert, aber symptomatisch für die improvisierte Szene. Lake stellt die Band Pinski Zoo deswegen noch über ihr Vorbild, Ornette Colemans Prime Time, weil bei ihnen alles passe, miteinander verzahnt sei, während Coleman immer noch ziemlich getrennt von seinen modernen Begleitern arbeite. In Wirklichkeit ist natürlich gerade diese Unverbundenheit an Colemans Band schön, gerade dieses Zusammenpassen an Pinski Zoo abgeschmackt. Wie so oft geht bei dem Improvisieren über der Freude an Einzelereignissen der Blick (oder das Gehör) für das Ganze, für künstlerische Linie verloren. Die beiden lesenswerten Texte sind ein altes Delirium von André Hodeir und eine Art Manifest des verstorbenen Wilhelm E. Liefland. Die meisten anderen Autoren arbeiten eh im Hauptberuf bei der FAZ.

Roy Carr / Brian Case / Fred Dellar – The Hip – Hipsters, Jazz And The Beat Generation, Faber & Faber

Jazz Container 86/87 – Jahrbuch für improvisierte Musik, Wolke Verlag

Bertrand Tavernier – Round Midnight, Film

Nick Kent / Miles Davis – Interview in The Face 10/86