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  • Robert Fripp

    Als Fripp 1979 Exposure mit einer ungewöhnlichen Solo-Tour durch für Rockprominente seines Kalibers ungewöhnliche Konzertarenen wie Schallplattenläden, kleinen Kneipen usw. promotete, verkündete er einen komplizierten Plan für die Zukunft, der 1981 im „Year Of The Fripp“ gipfeln sollte.

    Während des „Drive to 81“ tat Fripp auf der Bühne immer genau das, was er auf Platte nicht tat. Während Exposure in stilistischer Vielfalt lebt und sogar einen Disco-Hit („You bum me up / I’m a cigarette“) aufweist, präsentierte er live mit seiner Frippertronic-Erfindung endlose Solo-Meditationen, die dem Zuhörer einiges an Geduld abverlangten. Als er 1980 mit The League Of Gentlemen live genial-simplizistische Tanzmusik zur Aufführung brachte, veröffentlichte er ein Album (God Save The Queen / Under Heavy Manners), das ihn auf der einen Seite als Avant-Funker mit kontemplativen Zügen präsentiert, während die andere Seite Frippertronics-Aufnahmen von 79 enthält. Und 1981 tourt er mit einer Starbesetzung (Adrian Belew, Tony Levin, Bill Bruford) mit leicht bombastisch-barock angewandelter Musik unter dem Namen Discipline, während zwei kurz hintereinander veröffentlichte Alben The League Of Gentlemen und Let The Power Fall die 80er- und 79er-Live-Musik vorstellen. Rechtzeitig zum „Year Of The Fripp“ sind also alle drei Seiten seiner Musik ausreichend dokumentiert. „Ich habe mir damit die Grundlage geschaffen, auf drei Ebenen zu arbeiten. In diesem System ist die dritte Stufe Forschung und Entwicklung, was ich mit Frippertronics mache. Davon kann man natürlich nicht leben, und es kommt dabei eben auch nur darauf an, in jeder Stadt etwa 100 Leuten die Idee zu vermitteln; die zweite Stufe wäre die League Of Gentlemen, die mehr Leute erreicht, in jeder größeren Stadt 400-500, die aber nie berühmt werden wird. Und die erste Liga sozusagen wäre eine Band wie Discipline, für die sich eine Menge Leute zu interessieren scheinen. Das ist die populäre Ebene, aber nicht die Massenebene. Massenkultur wird inszeniert von der Industrie, aber populäre Kultur wird von Musik ausgemacht, die eine starke Sprache für viele Leute spricht. Mit diesem System hast du eine gesunde Arbeitsweise. Jede Stufe unterstützt die andere. (…) Mit einer Band wie Discipline hast du ein gutes Mittel in der Hand, um die Industrie zu bewegen, auch für deine anderen Projekte, für andere Arbeitsweisen etwas zu tun. Was ich tue, ist zu versuchen, das System von innen aufzulösen, seit zwei Jahren mache ich das, obwohl man genauso gut sagen kann: Wenn ich mitarbeite, helfe ich nur dieser kranken Lebensform, weiter zu existieren. Aber ich versuche auch beides. Frippertronics funktioniert fast ohne die Industrie und steht außerhalb vom System, während Discipline auf ganzer Linie mit der Industrie arbeitet. Nun, ich habe die größte Firma der Welt gewählt, Polygram, aber ich bin auch unglücklich mit einigem, was in der Industrie passiert. Vor einigen Jahren erzählte ich Freunden in New York, wie ich die Zukunft der Schallplattenindustrie sehe. Sie lachten und sagten sich, Fripp ist ein netter Kerl, und er kann gut Gitarre spielen, wir sollten uns seine Musik anhören und nicht so sehr auf sein Gerede achten. Heute gelte ich bei denselben Leuten als ökonomischer Visionär.“

    Diese Arbeitsweise paßt sehr gut in eine Zeit, in der es keine Stars mehr gibt.

    „Da hast du recht. Das ist eine sehr gesunde Entwicklung. Sie hat zwei Gründe. Der eine ist, daß sich die Industrie momentan umorientiert, was 1983 Resultate gezeitigt haben wird (dann wird es möglicherweise auch wieder Stars geben), der zweite Grund ist, daß die Aufmerksamkeit, die von den Stars abgezogen wird, in ein größeres Interesse an Kollaborationen gesteckt wird. Das siehst du daran, daß neue Formen von Auftritten sich mehr und mehr durchsetzen. Das Star-System fußt ja auf Traditionen aus dem 19. Jahrhundert. Damals war die Hierarchie der Gesellschaft durch Preisabstufungen, im Theater von vorne nach hinten, in das Unterhaltungsgeschäft eingepflanzt worden. Was ich ekelhaft finde. Die Bühne zu Zeiten Shakespeares war in das Publikum gebaut, so daß die Schauspieler nicht arbeiten konnten ohne die Beteiligung des Publikums, das sie von allen Seiten umgab.“

    Robert Fripp wird am Tage unserer Begegnung 35 und ist seit zwei Jahren mit einer sehr eigenwilligen Planung, genauen Kalkulation seines musikalischen Outputs beschäftigt Er überläßt es keinen Zufällen, wer von ihm welche Musik, wer welche Information zu hören kriegt, er ist stets ein bewußter Kybernetiker. Ich frage ihn, wie es ihm gelingt, Frische und Kreativität zu bewahren, ohne entweder, wie so viele seiner Altersgruppe, an Rock-Mucker-Routine zu zerbrechen oder sich von seiner planerischen Akkuratesse den Enthusiasmus zerstören zu lassen.

    „Wenn du das erstemal mit einem Mädchen schläfst, verfügst du über keinerlei Techniken, du wendest keine sexuellen Praktiken an, aber das macht auch nichts, denn was zählt, ist der Enthusiasmus der neuen Erfahrung. Heute, wo die Aufnahme- und Press-Technologien so billig geworden sind, ist das in der Musik ja ähnlich, wir werden ja oft Zeuge solcher Ereignisse auf unabhängigen Platten. Später bist du keine Jungfrau mehr und wirst der Techniken gewahr, ohne sie jedoch ganz zu beherrschen. Du versuchst dann, deine Sex-Erlebnisse abwechslungsreicher zu gestalten, und das wird dann oft hohl und schal und bringt Mißverständnisse hervor. Erst wenn du eine gewisse Meisterschaft erreicht hast, bist du wieder in der Lage, deine Unschuld wiederaufleben zu lassen, weil du dir dann über Techniken keine Gedanken mehr zu machen brauchst. Das gilt auch für Musik. Mir scheint es sehr wichtig, daß die vielen guten jungen Bands, die mit einer spontanen, ungeschliffenen Platte beginnen, lernen, bei der dann folgenden Durststrecke dabeizubleiben. (…) In der ganzen Musik-Welt gibt es vier Elemente, die Beziehungen bilden. Die erste ist die des Musikers zur Musik, dann die der Musik zum Musiker, dann ist da das Publikum, und wenn du die drei untereinander kombinierst, sind es zwölf Beziehungen und dann gibt es noch die Industrie und damit hast du 54 mögliche Beziehungen. Wenn du dein Leben der Musik gibst, mußt du alle 54 kennen. Wenn du nicht davon leben willst, kann es dir egal sein, dann brauchst du nur Musiker und Musik.“

    Konntest du denn immer das durchsetzen, was du machen wolltest, in deiner Karriere?

    „Ich hatte Probleme mit Musikern, weniger mit der Industrie. Ich mußte Texte akzeptieren, die ich nicht akzeptieren konnte. Heute würde ich das nicht mehr machen, nicht aus Egozentrik, sondern weil ich einfach keine Energie für Sätze geben kann, die ich ablehne. Zum Glück mag ich, was Adrian bei Discipline singt.

    Wir gehen jetzt auf Tour, bevor wir eine Platte aufnehmen, um die Musik kennenzulernen. Man muß touren, bevor man eine Platte aufnimmt, obwohl einen die Industrie immer auf Tour schicken will, wenn man eine Platte auf dem Markt hat. Was sehr viel schlechter ist.“

  • Red Crayola

    In der Hochzeit von Psychedelia, in den späten Sechzigern, gab es in Texas die vielleicht erfindungsreichste Spielart dieser Musik: Die in wechselnden Besetzungen um Mayo Thompson gruppierte Band Red Crayola. Sie produzierten damals für das legendäre „International Artists“-Label (auf dem auch solche Psychedelic-Klassiker wie The 13th Floor Elevators veröffentlichten) zwei aufsehenerregende, radikale LPs, bevor sich die Gruppe sang- und klanglos auflöste und Bandleader Mayo sich anderen Dingen zuwandte. Während der siebziger Jahre produzierte er eine Solo-LP, die so gut wie nicht zu haben ist, und machte Aufnahmen mit einem Ensemble, das er „Art & Language“ nannte.

    Aufsehenerregend war seine Rückkehr auf die Szene. Von den Energien der britischen Punkbewegung beeindruckt, siedelte er nach England über, und als er sah, daß gerade diese Bewegung die Nachfrage nach seinen alten Arbeiten forcierte, produzierte er eine neue Red-Crayola-Platte mit Mitgliedern der Gruppe Pere Ubu sowie dem Schlagzeuger Jesse Chamberlain. Mayo Thompson wurde dann etwas wie Hausproduzent und spiritus rector des geschmackvollsten und interessantesten unabhängigen Labels „Rough Trade“ und bewies sich an so verschiedenartigen Projekten wie der ersten LP der nordirischen Polit-Punk-Band Stiff Little Fingers und dem Solo-Album des Jazz-Gitarristen James „Blood“ Ulmer. Im Sommer 1980 schloß er sich Pere Ubu als Gitarrist an, steht der Band aber nur halbjährlich zur Verfügung. Die andere Zeit nutzt er für Red Crayola, die seit 1978 mit wechselnden Besetzungen Platten produzierten. Die neueste LP „Kangaroo?“ ist eine ambitionierte, überaus komplizierte und durchdachte Kollektion von nahezu essayistischen Texten zu einer entsprechend anspruchsvollen, aber immens melodischen Musik. Titel wie „A Portrait of V.I. Lenin in the Style of Jackson Pollock“ (Teil Eins und Zwei) sollten nicht abschrecken, sondern eher dazu anregen, sich vor Konzertbeginn mit jener LP zu beschäftigen. Eingespielt wurde sie mit der Elite der „Rough Trade“-Musiker: Allen Ravenstine (Pere Ubu) – Synthi, Gina Birch (Raincoats) – Gitarre, Lora Logic (Essential Logic) – Saxophon, Gesang, Ben Allesley – Baß und Epic Soundtracks (Swell Maps) – Schlagzeug. Außer Ravenstine wird diese Besetzung auch das Hamburger Konzert bestreiten.

  • Stray Cats

    Eine Geschichte über die Stray Cats scheint unabwendbar in ein Gegrübel über das „Revival“-Phänomen ausarten zu müssen. Aber derlei Gegrübel hatten wir schon bei Ska, Mod, Soul und Dexy. Und müßig ist es überdies, denn was zeitgemäß, was bloße Nostalgie und was gar Imitat des Imitat ist (Gruß an die Q-Tips!), entscheidet sich in Nuancen. Nicht en face, en detail!

    Mit den Stray Cats scheint „This Years Model“ gefunden zu sein. Die Industrie, die seit einiger Zeit unfähig erscheint, Stars zu produzieren, darf sich freuen. Ganz ohne Strategie waren die Stray Cats innerhalb kürzester Zeit die Aufsteiger der Londoner Club-Szene geworden und konnten noch ohne Platte und Plattendeal Titelgeschichten für sich verbuchen. Die englische Jugend, stets hungrig nach Styling, hatte eine Gruppe gefunden, die eine der glücklichen Ausnahmen darstellt, wo Image-Produktion und musikalische Produktion vom gleichen Geist, vom gleichen Gefühl getragen werden. Die anderen glücklichen Ausnahmen der letzten Jahre waren die Specials und Dexys Midnight Runners.

    Sich der älteren Rock-Traditionen und des dazugehörigen Outfits zu bedienen, ist nicht gerade eine Meisterleistung an Originalität, aber es kommt ja auf das Wie an und darin sind die Stray Cats toll. Auf ihrer LP gibt es den Song „Stray Cat Strut“ und darin heißt es: „I got cat class and I got cat style“. Diese Einschätzung ist richtig, Klasse und Stil haben sie. Und die Engländer, die mit ihren Blitz-Kids, Soul Rebels und sonstigen Erscheinungen moderner Ratlosigkeit gehetzt von Jugendsekte zu Jugendsekte irritieren, mußten sich von drei New Yorkern zeigen lassen, was wahre Straßeneleganz ist. Auf ihrer LP gefallen vor allem die eigenen Songs, die, aus dem Baukasten von Blues- und Rockabilly-Traditionen zusammengesetzt, hart ins Herz der Wirklichkeit treffen.

    Die Stray Cats sind allerdings etwas naiv. Ihr schönstes Lied „Storm The Embassy“ ergeht sich in einem geradezu haarsträubenden nationalistischen Appell, der zum Sturm der iranischen Botschaft auffordert (damals saßen amerikanische Botschaftsangehörige in Teheran in ihrer eigenen Botschaft fest), Seltsames über die Sowjetunion mutmaßt und auch sonst ganz in neuen amerikanischen Patriotismus macht. Leider war Drummer Slim Jim Phantom, der diese Zeilen ersonnen hatte, in Hamburg nicht zu sprechen und Brian Setzer, Sänger, Gitarrist und Kopf der Gruppe nahm eine andere Haltung für sich in Anspruch: „I’m pretty rebellious, wieso konservativ?“

    Rockabilly und Rhythm’n’Blues sind schon seit Jahren die Spezialgebiete von Brian Setzer, Slim Jim Phantom und Lee Rocker, obwohl beispielsweise Setzer zeitweilig bei den Bloodless Pharaohs ansprechende und moderne Rocksongs komponierte und sang („Nee, das war so ’n Roxy-Music-artiges Zeug, mochte ich nicht besonders.“ – Setzer), galt seine wahre Liebe stets Rockabilly und schwarzem Blues. Bassist Lee, der auch live mit einem akustischen Standbass auftritt: „Mich interessieren keine modernen R&B-Adaptionen aus England oder so. Ich liebe das ganze alte Zeugs. Von Big Bill Broonzy bis Joe Turner.“ Amerikanische Traditionen, Patriotismus. Wenn das nicht konservativ ist! „Na hör mal, mit Country and Western haben wir aber absolut nichts am Hut. Obwohl, Hank Williams war wirklich gut.“

    In New York verbrachten die drei ihre Jugend in „CBGBs“ und „Max Kansas City“ („Das waren unsere Wohnzimmer“), blieben aber von der dortigen Szene ziemlich unbeleckt. „Die Cramps waren toll, das ist eine unserer Lieblingsgruppen.“ Klar!

    Nach England siedelte man, weil man sich eine lebendigere Musik-Szene erhoffte und auch fand. Dann kam der Riesenerfolg, Dave Edmunds produzierte weite Teile der LP. Und alle Welt war hingerissen. Selbst im langsameren Deutschland waren Teds, Punks, Skins, Mods und wie sie alle heißen, einig in ihrer Begeisterung für die eigentlich eher etwas altertümliche Musik. Aber das besondere Gespür für Drive, die ganz spezielle Emotionalität der Stray-Cats-Musik hatte auch hier schnell gewirkt.

    Überraschenderweise hatte die neueste Single (wieder war eine Auskoppelung aus der LP auf der A-Seite, „Rock This Town“) auf ihrer B-Seite einen alten Supremes-Hit, die göttliche Holland/Dozier/Holland-Komposition „Can’t Hurry Love“. Die Cats bringen auch das mit viel Gespür für den Song, aber gleichzeitig sehr eigen und schön. Für mich ein Grund, sie nicht auf dieses Rockabilly-Image, das sie mit ihrem Outfit verkörpern, festzulegen. Schließlich spielen auch die Specials mal Bar-Jazz und was Dexys machen, ist auch mehr oder anders als Soul. In Kevin Rowland schlägt doch z. B. auch deutlich hörbar das Herz eines Singer/Songwriters. Wie dem auch sei, alle diese Gruppen wissen talentiert, die kleinen Pop-Mythen, die musikalischen Formen aus 25 Jahre Pop-Geschichte zum Tanzen zu bringen, und man sollte diesen freien Fluß von Ideen nicht durch diese marktgerechten Revival-Konzepte behindern.

    „Sei nicht überrascht, wenn wir einen Motörhead-Song covern. Lemmy ist spitze“, sagt Brian Setzer und setzt zu einer einfühlsamen Imitation von „Ace Of Spades“ an.

    Live waren die Stray Cats leider nicht so aufregend, wie die Berichte aus England versprachen. Wenn sie eigene Songs spielten, konnte das schon das Zentrum der Seele treffen. Aber das Set wurde überbelastet durch eher langweilige Fremdtitel, die ich mir lieber von Matchbox, Ray Campi oder einer anderen dieser seit Jahren nur von einer eingeschworenen Fangemeinde beachteten Neo-Rockabilly-Bands anhöre. Ein paar Wochen später die Specials zu sehen, machte klar, was dazugehört, aus dem Image einer Mode-Band herauszutreten und etwas nachdrücklicher zu begeistern.

    Ob die Stray Cats über den Status von „This Year Model“ hinauskommen? Jedenfalls schwören Kenner zur Zeit auf die Polecats, die es angeblich schon viel länger gibt und die auch um jenes Geheimnis zu wissen scheinen, einen Standbaß elektronisch zu verstärken, ohne seinen charakteristischen Sound zu verderben.

  • Neue Deutsche Welle. Die jungen Wilden

    „A-E-I-O-U. Ich bin Analphabet, ich bin Analphabet“. Ein wilder Pop-Song. Eine keuchende, klagende Stimme. Seltsame Töne an einem verträumten Sonntag-Nachmittag im sozialdemokratisch-drögen Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. „WIRTSCHAFTSWUNDER“ spielt im „Künstlerhaus“, einem ehemaligen Fabrikgebäude in einem Hinterhof.

    „Ist das hier öffentlich?“ fragt ein Neugieriger. Ja, das ist öffentlich. Doch nur im engen Sinne. Denn: auch wenn „Spiegel“ und „Stern“ inzwischen neumodisch den Trend vermarkten – noch geht’s rund im deutschen Untergrund.

    „Schwester, was ist Ypsilon?“ fragt da Angelo, der einmal Pizzabäcker war und nun den Leadsänger bei „Wirtschaftswunder“ macht. Fragen an die deutsche Sprache sind Fragen an eine Sprache, die für Songs und Gedichte lange, lange tot und verstaubt, peinlich oder bemüht klang. Doch das Wunder ist da: Seit zwei Jahren wird wieder deutsch gesungen, deutsch gedacht. Langsam aber sicher wird der amerikanische Kult-Imperialismus abgeschüttelt: Raus aus der Pop-NATO! Musikalische Finnlandisierung heißt die Devise.

    Welch Wunder, daß sich die erfolgreichste neue deutsche Band „DEUTSCH-AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT“ (D.A.F.) nennt. Das krönt das neugewonnene Selbstbewußtsein der jungen deutschen Rockmusik. Wir sind wieder wer. Was macht’s auch, wenn D.A.F. inzwischen aus dem Untergrund-Ghetto ausstieg, sich nach London absetzte, um beim Ariola-Konzern für einen sechsstelligen D-Mark-Betrag zu unterzeichnen. Der „Neue Deutsche Welle“-Untergrund lebt auf mit soviel kreativer Urgewalt, daß selbst Insider wie der aus Kalifornien stammende Allround-Musiker Chris Lunch eingestehen: „Nirgendwo in der Welt gibt es eine so freie, unabhängige und unzensierte Musik-Szene wie in Deutschland.“

    Die Protagonisten dieser neuen Welle wehren sich gegen U-Profit und U-Profis und frönen einem „dilettantischen Phantasievismus“, der sich schon in der selbstbewußt-versponnenen Namensgebung beweist: EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, MATERIALSCHLACHT, MÄNNER IN NASSEN KLEIDERN oder KORPUS KRISTI sind keinesfalls Wortgespinste nervöser Poésie pure, sondern schlichtweg Ausdruck von sperriger Originalität, die eben und endlich auch mal die deutsche Sprache nützt: „Fleischwurst, Fleischwurst an der Wand / Wer ist der schönste Strauß im Land / Alle Leute tun dich begaffen / hältst Du ihn für einen Affen? / Die Fleischwurst sagte mir: meine Innereien gehören Dir …!“

    Rück-Schnitt auf 1979: Die ersten Festivals in der Hamburger Markthalle, die Gründung unabhängiger kleiner Plattenlabels sowie unabhängiger Vertriebe, Versände und Läden. „Rip Off“ in Hamburg und „Zensor“ in Berlin machen den Anfang. Beide Läden vertreiben Platten von neuen deutschen Gruppen, importieren unabhängige Scheiben aus England und USA und veranstalten nebenher noch die ersten Sponti-Konzerte. Wenig später stößt Carmen Knoebel aus Düsseldorf hinzu. Ihr Label „Pure Freude“ bringt die ersten wichtigen deutschen Platten heraus: S.Y.P.H. (die später zu der reinen Buchstaben-Erfindung noch durch die „Saufender Yankee Prügelt Homo“-Idee brillieren) mit ihrer „Viel Feind Viel Ehr“-EP und MITTAGSPAUSE mit einer Doppel-Single.

    Die ersten Anzeichen für das, was alles an anderer bundesrepublikanischer Musik möglich sein wird. Technische Fähigkeiten und instrumentale Perfektion wurden getreu dem Drei-Akkord-Credo des englischen Punk kleingeschrieben, nicht aber Originalität, Vielfalt und Humor – gerade im Verzicht auf Studio-Elektronik und einer von der Industrie vorfinanzierten Aufnahme-Technologie liegt die Chance, neue Energien freizusetzen. Ungeschliffene Sounds sind längst in den Ohren, Textzeilen wie „Wir sind die Türken von morgen“ oder „Die Lage ist ruhig an der Innenstadtfront“ werden später gar Untergrund-Volksmund.

    Dramaturgie 1981: Laien machen Musik. Die selbstgewonnene Erkenntnis, daß jeder Öffentlichkeit verdiene und auch kriegen sollte, wird zum selbsterkorenen Leitspruch der neuen deutschen Wellenreiter: Wer seinen unbefriedigten Alltag kreativ und mit Resonanz umsetzt, erfährt etwas über sich, überwindet ein Stück Entfremdung und wird damit potentiell unbequem. Fragen werden gestellt, Selbstverständlichkeiten angezweifelt – Berlins beste Gruppen wußten am Anfang kaum etwas von Musik.

    Die Metropolen neuer deutscher Klänge: Düsseldorf, Hamburg, Berlin. Doch: Die „Kulturrevolution“ findet auch in bundesdeutscher Provinz ihr Nest. Limburg an der Lahn mag für Hannover, Kiel oder Bad Wörishofen ein Beispiel geben. Die schon erwähnte Gruppe „Wirtschaftswunder“, mit einer LP und zwei Singles im landesweiten Untergrund bereits recht erfolgreich, mischt schmalzig bis spaßig akzeptablen Pop mit atonalem, mit emotionalem Auf-die-Kacke-Hauen. Da heißt es dann: „This Bauernlife macht mich pitschia“. Oder aber: „Geldschein, Sonnenschein, Parkschein, Totenschein, Jagdschein, Krankenschein, Gutschein – heutzutage ist alles nur Schein, am liebsten wäre ich scheintot.“

    Berlin-West: Die Binse, diese Unmöglichkeit sei längst Kult-Hauptstadt (schließlich ist New York „out“ und London zu teuer), war anfangs auch der Mittelpunkt der neuen deutschen Welle, schließlich lebt man in „Wall-City“ von der Selbstinszenierung. Allerdings sind Bands wie MORGENROT, INSISTERS, Z, PVC, WHITE RUSSIA oder IDEAL, die sich gern vollmundig als Berlins neue Rockmusik präsentieren, längst im Klischee von Hipness, Nachtleben und Rock’n’Roll hängengeblieben. Oft feiert da der alte Macker-Rock’n’Roll fröhliche Urstände, als hätte es nie einen Punk-Nihilismus gegeben. So verdanken wir der Ideal-Sängerin Annette Humpe immerhin die Erkenntnis: „Bei Sex und Drugs und Rock’n’Roll ist das Maß an Stumpfheit voll.“

    Ganz anders die Kreuzberger Punk-Szene, wo das „KZ (Kommunikations-Zentrum) 36“ als Auffanglager dient. In der gesamten Punk-Rezeption in der BRD ist wohl nie die „Ideologie“ so intensiv gelebt wie in dieser Bewegung. Im Gegensatz zu den oft oberflächlich an englischen Moden orientierten westdeutschen Punks wird in Berlin auch Politisches ernst genommen. Nirgendwo sonst wird so argwöhnisch wie hier auf „Kommerz“ reagiert. So arbeiten die Kreuzberger auch nicht mit den bekannten unabhängigen Labels zusammen, sondern produzieren ihre Sampler in Eigenregie. Überschüsse werden als Benefiz für das „KZ“ verwendet, dem wohl intensivsten Drei-Akkord-Pogo-Laden Deutschlands. Einen aktuellen Überblick über die Szene bietet der gerade erschienene zweite „KZ 36“-Sampler mit BETON-COMBO (Veteranen der kurzlebigen Szene), RUCKI-ZUCKI-STIMMUNGSKAPELLE, KAISERSCHNITT, ACTOSIN, PERVERS, VITAMIN A, GEGENWIND, IX TOI I und REFLEX.

    Musik: Pogo. Text: Wut. Musikalisch ist das alles weder bewegend noch von Ewigkeitswert. Leben und Kunst sind hier noch heiter/ernst/gelassen. Legendär aus der frühen „Bewegung“ sind die inzwischen nicht mehr existierenden Gruppen KATAPULT und ÄTZTUSSIS, an deren Gig vor dem Berliner Frauenknast (dokumentiert in dem sehr guten Film „Okay Okay – der moderne Tanz“ von Christof Dreher und Heiner Mühlenbrock) sich noch so mancher erinnert. Am originellsten gelten für viele das MEKANIK DESTRUKTIV KOMMANDOH, das man nur bedingt zur Kreuzberg-Szene rechnen kann oder auch die mutigen Dilettanten der POPGRUPPE FREUNDSCHAFT, die inzwischen unter dem Namen HANS UND GABI (der Name bezieht sich auf den gleichnamigen Erfolgssong der Düsseldorfer Gruppe DER PLAN) ihr kreatives Unwesen treiben. Als Vorgruppe der britischen Kult-Punk-Helden U.K. SUBS trieben ihre kaputten Klänge das Fan-Publikum zu aggressivem Protest. Ein „Hans und Gabi“-Musiker verlor ein paar Zähne, selbst „Bravo“ berichtete.

    Der „Zensor“-Laden in Berlin-Schöneberg, Belziger Straße – Kult-Stätte der Avantgarde. Ein paar Schritte durch den Accessoires-Laden „Blue Moon“, eine amerikanophile Boutique, und man steht in einem Hinterzimmer ohne Tageslicht. Auf dem Plattenspieler wechseln ständig die Neuerscheinungen. Hinter dem Hinterzimmer ist noch ein Hinterzimmer. Hier sitzt FRIEDER BUTZMANN und ordnet Rechnungen. Frieder ist mit seiner Vergangenheit bei der elektronischen Avantgarde eine Ausnahme in der Szene, ebenso wie Kompagnon Burkhardt, der z. Z. eine Filiale des Berliner Ladens in Düsseldorf aufbaut.

    Von Anfang an hatte gerade Burkhardt entscheidenden Einfluß auf die Stil- und Geschmacksbildung der Neuen Welle genommen. Er machte amerikanische und englische Gruppen populär, die wegen ihrer Außenseiterstellung selbst im eigenen Land ungehört blieben, so beispielsweise THROBBING GRISTLE (inzwischen dürfte „TG“ mehr neudeutsche Synthesizer-Zauberlehrlinge beeinflußt haben als sonst irgendeine englische Gruppe). Burkhardt unterstützte zudem die ersten Berliner Eigenproduktionen. So die mit individuell handverlesenem Müll in einer Plastiktüte verkaufte „Garbage“-Single von DIN A TESTBILD.

    Mitte 1979 veröffentlichte das von Frieder und Burkhardt geführte Label sein erstes Produkt: Frieders gemeinsam mit der 14-jährigen Sanja eingespielte „Waschsalon Berlin“-Single, die selbst in den hehren Spalten von New Yorks Hip-Magazinen Beachtung fand. John Duncan, ein kalifornischer Action-Künstler, schickte Frieder als Glückwunsch eine mit Öl bemalte Zeitung: „Hey Butzmann! Good Record!“

    Wenig später, Ende 1979, nahm das „Monogam“-Label seine Arbeit auf. Michael Vogt, der eng mit „Zensor“ zusammenarbeitet, brachte bis heute MANIA D., FRAUEN FÜR SCHLECHTE TAGE, THOMAS VOBURKA, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN und als Gast aus Herne die VORGRUPPE heraus. Ein Sampler mit „Einstürzenden Neubauten“ und einigen Neuerwerbungen steht unmittelbar vor seiner Veröffentlichung. Andere Platten, etwa des Synthi-Minimalisten T. Voburka oder der inzwischen aufgelösten Gruppe „P1/E“, wurden von „Exil System“ herausgegeben.

    Denkwürdig noch immer Frieder Butzmanns Auftritt mit der Gruppe LIEBESGIER beim dritten Hamburger Markthallenfestival, Dezember 1979. Punks und „Künstler“ standen sich im Publikum wie im Programm gleichstark gegenüber. Pogo-Tanz-Truppen wie die „Razors“ heizten zum Punk-o-Rama auf, während so schräge Töne wie die von Minus Delta t die jungen Leute in schwarzem Leder nachdrücklich ärgerten. Dann Liebesgier: Einfache rhythmische Gebilde, getragen vom Minimal-Intensiv-Schlagzeug Gudrun Guts, intensiviert vom Saxophon Frieder Butzmanns. Dazu Bass, Gitarre, Tanz.

    Das Publikum pfeift und schreit. „Ihr alten Arschlöcher“, brüllt Eva Gössling ins Mikro. Später wird sie dafür verprügelt und gebissen. Trotz der Ablehnung bei den Punks, gibt es einige Zuhörer, die nach einer Zugabe verlangen. Frieder intoniert das Agitprop-Lied: „Die so-zi-a-listische Weltrepublik!“

    Später treffen wir MALARIA, Berlins neue alte Frauengruppe. Fotograf Bernd Giebel und ich fahren zum SFB, wo „Malaria“ auf Grund irgendwelcher Beziehungen einen Luxus-Proberaum nutzen. Bevor die Foto-Arrangements aufgebaut sind, lassen wir uns sehr neues Material vorspielen. Und das zeigt folgendes: Wenn man ihn nicht erzwingt, kommt er von allein. Wer? Der Professionalismus. Gerade Frauenbands haben ja besonders mit dem chauvinistischen Vorurteil zu kämpfen, daß ein Takt so und so lang und ein Intervall so und so groß sein müßten.

    Bettina Köster (Saxophon, Gesang) und Gudrun Gut (Gitarre, Schlagzeug) haben vor mehr als zwei Jahren mit ihrer Musik begonnen. Sie spielten in der legendären Krachmacher-Band DIN A TESTBILD, dann bei „Liebesgier“, bekannt wurden sie schließlich durch MANIA D., ein ebenso geliebtes wie verachtetes Trio, zu dem auch noch die Bassistin Beate gehörte. Doch als Meister des Stylings und des Outfits hatten sie immer genügend Publikum – schließlich gab es was zu sehen, und die Musik war provokant.

    Es ist erstaunlich, was der „kleine Mann“ für ein erhabenes Glücksgefühl aus der Erkenntnis gewinnt, irgendjemand könne ja gar nicht „Musik“ spielen. Dabei führte gerade das unorthodox-unprofessionelle Verhältnis der Musikerinnen zu ihren Instrumenten zu Momenten von Intensität, wie ich sie eigentlich nur von Frauenbands kenne. (Übrigens hat die Neue Deutsche Welle mit XMAL DEUTSCHLAND aus Hamburg, ÖSTRO 430 aus Düsseldorf, den ÄTZTUSSIS aus Berlin noch andere interessante Frauenbands herbeigespült).

    Auflösung und Inkonsistenz sind der Kreativität förderlich. Keine Routine, kein Identifizierbar-Werden, nicht in die Bilder-Mühle der Medien hereinrutschen. Hier und da Auftauchen, Verschwinden, Spuren hinterlassen. Und dann wieder alles auswischen. Die jetzige fünfköpfige „Malaria“-Besetzung ist denn auch nur für eine Europa-Tour, eine Cassette und eine Maxi-Single zusammengekommen.

    Nachts im „Café Central“ (der „Dschungel“ wird mal wieder renoviert). Wir treffen Blixa Bargeld und Andrew Unruh von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN. Beide haben sich erfreulich vom schicken Treiben abgesetzt, wuseln mit ihren Mondlandschaften-Frisuren durch die dekadente Meute. „Du wirst uns sicher nach unseren musikalischen Einflüssen fragen. Das sind die Beatles.“

    Die „Neubauten“ favorisieren, wie immer mehr Leute, die den Untergrund vorm Zugriff des Großen Bruders bewahren wollen, Kassetten für ihre Veröffentlichungen. (In Berlin kann man übrigens am besten bei „Eisengrau“ und im „Kassettenkombinat“ diese Tapes kaufen, in Düsseldorf bei „Klar!80“, in Hamburg im „Rip Off“-Nachfolgeladen „Aus lauter Liebe“). Kassettenproduktionen sind das freieste und direkteste Medium, besonders geeignet, wenn man wie „Einstürzende Neubauten“ so ausgefallene Aufnahmeorte wie das Innere einer Autobahnbrücke dem handelsüblichen Acht-Spur-Studio vorzieht. (Von den deutschen Bands haben bis jetzt nur die Stars Abwärts, DAF, Hans-A-Plast, Fehlfarben und Geisterfahrer auf mehr als acht Spuren aufgenommen).

    „Einstürzende Neubauten“ wollen bei ihrer Verarbeitung der „im Verfall begriffenen Industrie-Welt“ weiter als die vielen englischen Modebands gehen, die in ihren Texten zwar Armageddon und Apokalypse beschwören, sonst aber in Konvention versacken. Selbst die Konstruktion ihres Schlagzeugs soll dafür Zeugnis sein: Es besteht aus gefundenen Metallresten, ist zu Trommeln zusammengeschweißt. Vor dem Stahl- und Blechgedonner Andrew Unruhs (aber immer rhythmisch, scharf und genau) steht Blixa Bargeld einsam mit seiner Gitarre, schrummelt unorthodox zum Rhythmus und predigt: „Mit dem Kopf durch die Wand!“

    Andrew lebt in einem noch nicht eingestürzten Altbau, der instandbesetzt wird. Er schimpft auf Alternative und Hippies. „Morgen gehen sie wieder Müsli kaufen. Neulich stand mal ’n Neubau leer. Den wollten sie aber nicht besetzen, weil sie unbedingt in Altbauten wohnen wollen. So was Blödes …“

    Hannover. Auch hier wird inzwischen „instandbesetzt“. Eine eigenartige Stadt mit einer eigenständigen, stark an konventionellen Rock-Vorstellungen orientierte Szene, HANS-A-PLAST hat es so zu mehr als Zwanzigtausend verkauften Exemplaren gebracht, ihre auf dem lokalen „No Fun“-Label erschienene LP ist die bislang bestverkaufte unabhängig produzierte Neue-Welle-Platte. Allerdings arbeiten sie eher wie die schon länger existierenden alternativen, aber musikalisch veralteten BRD-Jazz-Rock-Langweiler: Sie verbringen sehr viel Zeit auf Tour, haben ein festes Image, feste Besetzungen und sprechen eigentlich eher den Altlinken an, der einen Nina-Hagen-Ersatz braucht.

    Verschwiegen werden sollen auch nicht die anderen schon lange tapfer arbeitenden H-Gruppen wie ROTZKOTZ, BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS, PHOSPHOR und KOSMONAUTENTRAUM, die nach einer mißglückten Avantgarde-Single mit ihrer zweiten Platte Hannovers bislang wichtigstes Stück Neue-Welle-Musik herausgebracht haben.

    Düsseldorf, Ratinger Hof, Mitternacht: Hinter dem glasverkleideten DJ-Pult sitzt der Exil-Österreicher Xao Seffcheque, wie immer grinsend und über den „Public-Image“-Lärm hinweg Witze reißend. Er spielt gerade seine D’dorfer Lieblingsgruppen: die bereits erwähnte MITTAGSPAUSE-Doppelsingle und das über ein Jahr alte Nachfolgewerk, „Herrenreiter“: „Hoch zu Roß den Bundesgeier / am Gewand / Herrenreiter/ haben wieder / zu sagen / im Land / Schwarz – der Himmel unserer Zukunft / Rot – Die Erde der Vergangenheit / Gold – die Zähne unserer Väter …“

    Auch nach ihrer Trennung blieben die vier von „Mittagspause“ die originellsten Musiker D’dorfs. Schlagzeuger Marcus Oehlen sattelte auf Gitarre um und spielte mit verschiedenen Musikern im Raum Krefeld unter dem Namen VIELLEICHTORS, lebt aber mittlerweile in Hamburg. Franz Bielmeier widmete sich dem von ihm gegründeten und mit seiner Frau Heike und Xao Seffcheque geführten „Rondo“-Label. Das äußerst sorgfältig produzierte Sortiment verrät als Einziges unter den deutschen Unabhängigen einen verbindenen Stil und Humor. Bielmeiers exzentrische musikalische Projekte werden meist unter Tarnnamen veröffentlicht, wie RESIDENZ oder ADOLF UND EVA. Bislang sind dreizehn Singles, vorwiegend aus dem Düsseldorfer Raum, auf „Rondo“ erschienen. Außerdem eine Platte von Xao Seffcheque im 10-inch-(25 cm)-Zwischenformat.

    Xaos Arbeit ist hauptsächlich Vorgefundenem gewidmet, bewegt sich im Bereich Parodie, Persiflage, intellektuelles Jonglieren mit Formen: „Ai Emse Waltraud“, gesungen zur Melodie von „I Am The Walrus“, ist ein typisches Produkt: „I mach nix und du mach nix un alle zusammen mach’n wir goarnix / Dös moacht aber nix, dös moacht aber nix, dös moacht nix“.

    Die beiden anderen „Mittagspäusler“, Gitarrist Thomas Schwebel und Sänger Peter Hein, gründeten mit Michael Kemner (Baß), Uwe Bauer (Schlagzeug) und dem hauptberuflich beim „Plan“ spielenden Frank Fenstermacher am Saxophon die FEHLFARBEN, die für eine Single und eine LP bei der „Electrola“ Deutschlands beste Rock-orientierte neue Band wurden. Die LP „Monarchie und Alltag“ brachte es Ende 1980 musikalisch/textlich auf den Punkt: „Im Zentrum der Zivilistation / Leben, Leben / um uns herum / und mittendrin ein Stück Land abgesteckt/ oder ’ne Fabrik, in die keiner seine Nase steckt / verbrannte Erde / Schüsse in der Nacht / Ernstfall / Es ist schon längst so weit … / Wiesel / Marder, Phantom / Albatross, Wiking, Tornado / in den Waffen- / schmieden der Nation / Tag und Nacht/ stete Produktion/ Einkaufsbummel im Erdnußland / was übrig bleibt wird Entwicklungshilfe ge- / nannt Ernstfall“

    Was den Text von modischer Weltkrisen-Poesie unterscheidet, sind die poetischen Effekte, wie die total eigensinnige Metrik, die eine wirklich überzeugende Antwort darstellt auf diese unerträgliche pubertäre „Oberschüler sagt Bedeutungsschweres“-Vortragsweise der meisten teutschen Rocksänger. – Eine Befreiung aus den Korsetten überalteter Versmaße eben.

    Inzwischen hat Peter Hein die „Fehlfarben“ verlassen. Wie’s weitergeht, steht nicht fest, und von den Fans wird mal wieder lautstark nach einer „Mittagspause“-Reunion verlangt. Anderswo geht es weiter: Sänger/Texter Harry Rag, Malergeselle aus Solingen und früher bei „S.Y.P.H.“, produziert weiter seine sich stets jedweder Vereinnahmung entziehende Musik. Die erste „S.Y.P.H.“-LP deutete schon all die Widersprüche an, die in dieser Gruppe steckten. Da gibt’s eine erste Seite mit lauter zwei- bis dreiminütigen All-Time-Punk-Pop-Hits, darunter das berühmte „Industriemädchen“: „Ich sah sie das erste Mal bei der Raffinerie / Sowas wie sie, das sah ich noch nie / Beim Elektrizitätswerk sah ich sie wieder / Ich riß fast vor Freude die Hochspannung nieder / Ich mag sie … / Beim Kernkraftwerk haben wir uns geliebt / Neben uns hat der schnelle Brüter gepiept“

    Oder auch der oft zitierte und analysierte Harry-Rag-Klassiker „Zurück zum Beton“: „Ich glaub ich träume / Ich seh nur Bäume / Ich merk auf einmal / Ich bin ein Tier hier / Ein Scheiß-Tier / Hier / Da gibt es nur eins: / Zurück zum Beton / Zurück zur U-Bahn …“ Oder: „Ich verstehe meine Welt nicht mehr / ich sehe keine Menschen mehr / Menschen, die leben / Menschen, die lieben / sterben wie Fliegen in den Kriegen / Jahr für Jahr werden es mehr / bald gibt es keine Fliegen mehr …

    Frank Fenstermacher, Moritz Rrrr und der Pyrolator standen mit „Plan“ anfangs kalifornischen Pop-Avantgardisten wie den mysteriösen „Residents“ nahe. Ihre erste LP nannten sie „GERI REIG“, nach einem Begriff aus der San-José-Kunstwelt, der seitdem in Deutschland für die vom „Plan“ kreierte Musikrichtung benutzt wird. Die drei zeichnet ein hoher Sinn für Melodik, eigentümliche, fremdartige, aber doch naiv-schöne Tonfolgen aus bei gleichzeitigem Verzicht auf das konventionelle Rock-Instrumentarium. Alles was sie tun, hat eine gewisse Leichtigkeit/Schwerelosigkeit, Charme. Früher hießen sie mal WELTAUFSTANDSPLAN und machten Krach, heute haben sie zwei LPs, zwei Singles, betreiben ein Schallplattenlabel („Warning Records“ bzw. „Ata Tak“) und übernehmen Grafikaufträge.

    Wohl kaum eine Band ist so oft imitiert worden wie der „Plan“. So der scheinbar einfache Einsatz eines Synthesizers oder die scheinbar simplen Vocals. Aber beim Plagiat merkt man dann, wie schwer es ist, einen Synthesizer wohlklingend für Songs einzusetzen, wie verführerisch die kleinen Knöpfe und Schalter ins nebelhafte Soundgewaber führen.

    Erinnern sollte man noch an die Düsseldorfer Gruppe MALE. Ihre LP „Zensur/Zensur“ war eine der ersten deutschen unabhängigen LP-Veröffentlichungen und für den damaligen Stand der Dinge recht gut, weil aufrichtig und kräftig. Viel besser und eine der besten Pop-Singles war die später auf „Rondo“ erschienene Selbstironie: „Clever & Smart“ – „Clever und Smart haben wir Zensur geschrien“ , das jugendlich-ungestüme Engagement, das noch heute 95 Prozent der Punk-Texte über „Bullenschweine“ und „Scheißstaat“ bestimmt, wird relativiert, man hat dazugelernt. Aber die junge Band entwickelte sich rasend weiter. Sie nannte sich später VORSPRUNG und experimentierte mit Strukturen avancierter, raffinierterer englischer Vorbilder wie „XTC“ oder „The Cure“ und trennte sich erst nach einer weiteren, weniger befriedigenden Single auf „Rondo“.

    Heute steht Male-Bassist Bernward Malaka im „Ratinger Hof“ und erklärt seine drei neuesten Projekte: Zusammen mit Jürgen Engler (ebenfalls Ex-„Male“) hat Bernward gerade die Basic-Tracks für die „Stahlwerksymphonie“ aufgenommen. DIE KRUPPS (außer Bernward und Jürgen noch Frank Köllges, Eva Gössling und Ralf Dörper, dessen zwei Singles „Eraserhead/Assault“ und „Im Himmel“ mit Jürgen Engler unter dem Namen DIE LEMMINGE zum besten gehören, was die deutsche Szene hervorgebracht hat) wollen „parallel zu der LP ein Video machen, eventuell auch eine Tour mit Musik und Video“. Jürgen, Bernward und Eva „machen“ außerdem noch zusammen KOMÖDIE TRAGIKK und EMI UND DIE DETEKTIVE (mit den beiden Sängerinnen Pia und Esther).

    Da – wie bei den meisten Gruppen, von denen hier die Rede ist – die einzelnen Musiker geregelte Jobs haben, können sie viel musikalischen Freiraum erproben: Man tauscht Instrumente, wechselt ständig Gruppen und Konzepte und entzieht sich den Problemen, die die festen Bands, mit LPs und Erwartungshaltung beim Publikum, inzwischen auch im Untergrund haben.

    Unbedingt erwähnenswert sind noch die im Vergleich zur übrigen BRD/West-Berlin-Szene viel distanzierteren und humorvollen Punk-Bands D’dorfs. ZK, die gerade ihre zweite Single produzierten und mehr auf Spaß bei Live-Konzerten als auf dröge Studio-Arbeit stehen, verweigern sich jedem Punk-Klischee. Allein schon durch das Posieren mit Tolle und Südstaaten-Flagge, also den Insignien der Punk-Erzfeinde, den Teds, entziehen sie sich ihrer Rolle. Oder der KFC, der sich über unzählige Umbesetzungen, Schein-Auflösungen in drei Jahren vom wild-chaotischen Haufen zur besten Rock-Band nach den „Fehlfarben“ gemausert hat, um sich anschließend erneut aufzulösen. Die „KFC“-LP „Die letzte Hoffnung“, geziert von einer an Käthe Kollwitz erinnernden, sozialistisch-realistischen Kohlezeichnung auf dem Cover, fragt in ihrem besten Titel „Wie lange noch?“.

    Hamburg. Vielleicht die schwierigste Stadt der Neuen Szene. Hier sind die Punks härter als anderswo, das Wetter schlechter, die Gegensätze zwischen proletarischen Punks und Mittelstands-„Künstlern“ schärfer als anderswo. Hamburgs Punks sind nicht eindeutig politisch, sondern entsprechen eher dem Urtyp des englischen Punk um 1977. Nicht die anarchistische Band „CrAss“ wird auf den Graffiti im „Karolinenviertel“ wie etwa in den Straßen Kreuzbergs gefeiert, sondern eher die Skin-Punk-Bands wie COCKNEY REJECTS oder ANGELIC UPSTARS.

    Abends trifft man hier im Zentrum der Elbe-Neuen-Welle, den Kneipen des Karolinenviertels, den Macher des „ZickZack“-Labels, Alfred Hilsberg, nebenher noch Journalist und Veranstalter. Es wird über die Produktion einer SAAL 2-LP diskutiert und über das Klangbild der letzten „Tuxedomoon“-LP. Die „Saal 2“-Mischung aus melodisch-rafiniertem Pop und leicht verdaulichen Experimenten ist viel gefragt und noch ist nicht sicher, ob ihre anstehende Platte bei einem Unabhängigen oder bei der Industrie produziert werden soll. Die GEISTERFAHRER etwa sind zu äußerst günstigen Konditionen bei Phonogramm. Nach einer sehr barocken und etwas zu tiefsinnigen LP nehmen die einzelnen „Fahrer“ zur Zeit flotte Solo-Singles auf, die teilweise im 12-inch-Maxi-Single-Format mit seiner besseren Klangqualität auf den Markt kommen.

    Auch Hamburgs Sensationsband PALAIS SCHAUMBURG wird von der Industrie umworben. Ihre Mischung aus zackig/funkiger Tanzmusik und selbstvergessen-kindlichem Charme ist eben zu verlockend und wahrscheinlich auch leicht vermarktbar: „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm / Ich hab ihn gesehn, und er war schon schön“, säuselt Holger Hiller, während FM Einheit am Schlagzeug gegen die automatische Rhythmus-Maschine anspielt, Timo den Baß knallen läßt und Thomas hinter seinem Synthi, auf- und abwippend, hektische Melodiechen einstreut oder effektvoll zur Trompete greift.

    Holger hat mit „Palais Schaumburg“ nach zwei Solo-Singles endlich seine Band gefunden. Seitdem sie als Vorgruppe von „Pere Ubu“ auf Deutschland-Tour war, sind ganz Berlin und ganz Hamburg begeistert. Noch ist eine gewisse Instabilität gegeben: Schlagzeuger FM Einheit ist nämlich Sänger und Effektmann bei ABWÄRTS, Hamburgs erfolgreichster und bekanntester Band, Bassist Timo spielt bei den ZIMMERMÄNNERN Gitarre.

    Optisch kann man sich keine größeren Gegensätze vorstellen: Timo, der verelendete Popper mit Vergangenheit in Rockabilly-Kreisen und FM, das wandelnde Mülleimer-Kunstwerk, das irgendwann in Prä-Punk-Tagen die Congas einer nordrheinwestfälischen Jazzrock-Combo rührte. Ebenso gegensätzlich wie ihr Outfit ist die Musik der beiden Bands: „Abwärts“, die mit ihrem minimal-melodischen und maximal-rhythmischen 80er-Neurose-Soundtrack zu den kontinuierlich arbeitenden und erfolgreichen Bands gehören und mit „Computerstaat“ sogar Hit-Status schafften, und die „Zimmermänner“, mit ihren verschachtelt-melodisch, leichtfüßig-verspielten, koketten Schlagern („Wäre ich nicht so doof / sondern etwas schlauer / wäre ich gern Philosoph / so bin ich nur Bauer“), stellen die Bandbreite dessen dar, was heute in der Hansestadt möglich ist.

    Noch vor ca. einem Jahr sah es so aus, als könne in Hamburg nur Drei-Akkord-Pogo gedeihen. Das Abschütteln des unseligen Macho-Sprüche-Rock der Westernhagen-GmbH gelang nicht zuletzt durch die massive Unterstützung des „ZickZack“-Labels, das allem, was in Hamburg experimentell oder nur leicht hoffnungsvoll klang, die Chance zu Platten oder Auftritten gab. Originelle Einzelgänger wie ANDY GIORBINO, der allein mit seinen Synthesizern und Gitarren wie eine Band klingt, oder der erst sechzehnjährige Avantgardist ANDREAS DORAU sind auf „ZickZack“-Platten zu hören. Allerdings fällt bei dieser Produktionshaltung natürlich auch einiges an Durchschnitt oder Unausgereiftem an, wie etwa die Singles von SCHÖN aus Bad Segeberg oder INZUCHT UND ORDNUNG aus Kiel.

    Zum Schluß sei noch die vielleicht konsequenteste Neuerscheinung im neuen Markt der Neuen Welle erwähnt: Unter der Bestellnummer „fit 13“ ist die „Keine Platte“ von PADELUUN. Sie ist die wahre Nummer Eins aller Hitlisten, denn mehr als viereinhalb Milliarden Menschen besitzen keine Platte von „padeluun“. Wer dazugehören will, gehe in ein Geschäft für unabhängige Platten, zahle DM 6,– („Keine Platte“ ist eine Single), und man erhält keine Platte von „padeluun“, plus Quittung.