Autor: admin

  • Super 8 Welle

    Daß Punk vergleichbare Phänomene in anderen Medien hervorgebracht hat, dürfte sich ’rumgesprochen haben. Die Rückkehr zum direkten, expressiven Ausdruck, zum Tafelgemälde in der bildenden Kunst ist oft entsprechend interpretiert worden. Daß inzwischen auch in der Arbeit der Filmavantgarde ähnliche Tendenzen abzusehen sind, wurde schon in einem Artikel im Sounds 11/79 abgehandelt. Inzwischen sind auch hier die Folgen zu beobachten, die Rückkehr zu narrativen Filmen nicht nur bei jungen Super-8-lern, sondern auch die Nestoren der Bewegung kehren zu Spielhandlungen zurück.

    Die Bs, Scott und Beth B, waren die ersten konsequenten und ausdauernden Arbeiter der New Yorker Super-8-Szene. Rechnet man Vorläufer wie The Legend Of Nick Detroit nicht mit, so waren sie es, die dem Super-8-Film einen festen Platz in der New Yorker Rock-Szene sicherten. Nicht nur die vielen Schauspieler aus Musiker-Kreisen sorgten für die Aufmerksamkeit des Rock-Publikums. Scott und Beth B zeigten ihre Filme vorzugsweise in Rock-Clubs, während der Umbaupause oder vor Beginn des Konzerts. Die beiden kamen aus der Kunst-Szene, hatten als Bildhauer und Maler gearbeitet und entschieden sich für die Kamera, um ein direkteres und vielseitigeres Arbeiten zu gewährleisten. Beth: „Wir wollten Bilder herstellen, aber gleichzeitig intensiv mit Klängen arbeiten. Wir wollten Bildkompositionen, aber auch Charaktere, wir wollten aktuelle Dokumente, aber auch Fiktion. G-Man, unser erster Film, sollte eine Kombination aus dokumentarischen und experimentell-narrativen Filmtypen sein.“

    Man konnte ihn jetzt in diversen europäischen Großstädten bei der Europa-Tour der Bs sehen, einer Tour, die geprägt war von den gleichen Regeln und Gesetzmäßigkeiten wie die Tour einer Rock-Band. Nach ihrer ersten Show in Hamburgs semi-kommunalem „Metropolis“-Kino nahmen wir die Bs zu einer Calypso-Party mit, die Musiker von Schaumburg und den Zimmermännern organisiert hatten. Vor dem Hintergrund sommerlich-entfesselter Leidenschaften zeichneten sie in ihren Erzählungen virtuos Bilder von der amerikanischen Degeneration, von religiösen Wahnsinn, einer mit debil nicht mehr ausreichend umschriebenen Medienwelt und von Moden in New Yorks intellektueller Schickeria: „In sind zur Zeit Filme aus Deutschland, Philosophen aus Frankreich, Musik aus England und Politik aus Italien, also Autonomisten und solche Sachen.“ Als es den beiden zuviel wurde, sah man sie dann auch zu den Klängen von The Mighty Sparrow, Lord Kitchener und Van Dyke Parks tanzen.

    In einigen der B-Filme taucht übrigens Lydia Lunch in tragenden Rollen auf, und man macht ja mit New Yorkern immer dieselbe Erfahrung. Sie präsentieren sich als bösartige, unberechenbare, unzugängliche Wesen, und wenn man sie kennenlernt, sind sie gütig, einfach und nett. Wir haben nur noch die Hoffnung, daß Lydia ist wie ihr Image: „Da können wir dich enttäuschen. Sie ist vor ein paar Tagen aus Kalifornien zurückgekommen und redet viel von ‚Love and Peace‘. Der einzige, der wirklich unberechenbar und dabei genial ist, ist Jack Smith.“ Jack Smith hatte 1962 einen der wichtigsten Underground-Filme aller Zeiten gemacht, Flaming Creatures.

    G-Man von 1979 handelt in seiner jetzigen, gekürzten Fassung von einem Spezialisten zur Terroristenbekämpfung, gespielt von dem wunderbaren Bill Rice und seinen Erlebnissen bei einer Domina. „Dieser Mann lebt von dem, was er bekämpft. Seine Aufgabe ist es, den Terrorismus zu verhindern, gleichzeitig muß er, wenn er seinen Job behalten will, dafür sorgen, daß Terrorismus weiterbesteht.“ Eindrucksvolle Bilder, vom Fernsehen abgefilmt, zeigen diverse Momente amerikanischer Terrorismus-Fernsehsendungen. „Es war die Zeit der RAF in der BRD und anderer europäischer Aktivitäten. Gleichzeitig dachten wir über Repräsentanten der Autorität nach, wie hier Bill Rice einen verkörpert. Der Film hat mit der Widersprüchlichkeit der von den offiziellen Medien zu diesem Thema ausgestreuten Informationen zu tun, auch mit der Paranoia, die erzeugt wurde in diesem Zusammenhang. Und die notwendig ist für die Terroristenfahnder, um nach Terroristen fahnden zu können. Das Interview mit Bill Rice in dem Film basiert auf einem Interview, das wir mit einem wirklichen Fahnder gemacht haben.“ Wir erzählen den Bs von den genialischen Systemen des Horst Herold und daß perfekte Fahndung keineswegs eine Errungenschaft sogenannter konservativer Politiker ist, sondern daß bei uns ein Sozialdemokrat alle anderen übertroffen hat, aber daß Herold so durchgeknallt ist, daß seine Theorien auf eine schon subversive Weise die Wahrheit sagen. Ähnlich wie in den Teilen von G-Man, die vom Fernsehen stammen. Da wird gezeigt, wo man Bomben auf Flughäfen suchen soll, aber damit gleichzeitig, wie man sie verstecken kann.

    Ein anderer Film der Bs läßt Prominente aus der New Yorker Underground-Szene Briefe an Jim Jones, den Mann, der in Jonestown 900 Leute einen Massenselbstmord begehen ließ, vorlesen. Jeder durfte sich seinen liebsten Brief auswählen, den, mit dem er sich am meisten identifizieren konnte. Arto Lindsay, Pat Place, Laura Kennedy (auch Bush Tetras) und Beth B selber geben die eindrucksvollsten Vorstellungen. Ein weiterer Film zum B-Lieblingsthema: Gehirnwäsche, Manipulation. Das wohl drängendste Thema in den USA. Das, was in dem dann folgenden Film Black Box Lydia Lunch an Folterungen an dem harmlosen Blonden Jim Mason durchführt, kommt zwar (hoffentlich) noch nicht in den USA vor, aber die Gerätschaften werden dort hergestellt, wie die Bs, die für jeden Film eine Menge recherchieren, herausgefunden haben: Eine kleine Metallkammer, in der man weder stehen noch liegen kann und nach Stunden vollkommenen Reizentzugs mit Licht- und Geräuschkaskaden gefoltert wird. Während The Offenders, der als achtteilige Serie gedreht wurde und nach und nach im Max’s gezeigt wurde, auf eher lustige Weise kleine absurde Bandenkriege und die Geschichte einer Ausreißerin porträtiert (wieder spielen jede Menge Musiker mit: Evan Lurie, John Lurie, Adele Bertei, Lydia Lunch und Diego Cortez), arbeiten die Bs zur Zeit mit einem 16-mm-Film über Evangelisten wieder in ihrem Gebiet. Evangelisten, religiöser Wahn, eine massive religiös begründete Anti-Schwulen-, Anti-Abtreibungs-, Anti-etc.-Bewegung durchflutet die USA und hat nicht zuletzt Reagan zur Macht verholfen. Radikale Sekten kontrollieren Fernsehsender mit Dauerprogrammen in allen Staaten, setzen Werbefirmen unter Druck, die liberale Sender unterstützen, und verbreiten schwarze Listen mit gottlosen Fernsehsendungen. Von den Vinylverbrennungen ganz zu schweigen. Im NME wurde ja kürzlich auch Lennon-Mörder Marc David Chapman mit der Anti-Rock-Kampagne dieser Christen in Verbindung gebracht. Die Bs können da eine Menge Horror-Stories über unseren mächtigen Verbündeten erzählen. „Alle unsere Filme handeln von Kontrolle, wie in den verschiedenen Aspekten des Lebens Kontrolle über andere ausgeübt wird. (…) Aber wir sind, obwohl wir stets experimentelle Teile in unsere Filme integrieren und z. B. auch sehr extreme Filmmusik produzieren, dem narrativen Kino verpflichtet. Das Narrative, die Erzählung, die Handlung hilft der Kommunizierbarkeit, so wie der durchgehende Beat beim Rock’n’Roll.“

    Für dieses Statement hatte Scott noch einmal das Band zurückgespult: „Unsere Filme illustrieren Philosophien. Trap Door z. B. illustriert die Nietzschesche Idee, daß es zwei Moral-Strukturen gibt, eine bestimmt für die Massen, ‚sei ein netter Junge‘, ‚sei ein guter Christ‘ und die zweite heißt ‚Nimm alles, was du kriegen kannst‘.“

  • Hamburger Kinotage

    Die Hamburger Kinotage informierten mal wieder über die Entdeckungen von der Programmkinofront, was wir sahen, werdet ihr in den knapp 100 Programmkinos der BRD in den nächsten Monaten angeboten bekommen (oder auch nicht). Kein Filmfestival(-Bericht), nur ein Preview:

    Permanent Vacation von Jim Jarmusch, das Porträt des vagabundierenden Aloysius Parker, der zu Earl Bostic tanzt und seinen Sohn Charlie nennen will, konnte nicht ganz die Hoffnungen erfüllen, die wir in ihn gesetzt haben. Kein Film „wie Lounge-Lizards-Musik“, nur ein kurzer Auftritt von John Lurie (aber fantastisch: Aloysius trifft ihn nachts auf der Straße. Er packt das glänzende goldene Tenorsaxophon aus und grunzt: „What do you wanna hear kid?“. Er improvisiert dann über „Somewhere Over The Rainbow“, was wiederum mit einer Anekdote, die ein lustiger Free-Jazz-Neger in einem Kinovorraum erzählt, korrespondiert), und neben vielen wunderbaren Szenen muß man ein ums andere Mal hören, wie der kleine Aloysius sein heimatloses Leben erklärt und dabei erstens immer wieder dasselbe sagt und zweitens immer nur das sagt, was einem der Film sowieso vorführt. Trotzdem war Permanent Vacation neben dem Brechtianisch-humorvollen Valie-Export-Werk „Menschenfrauen“ der beste Film des Angebots.

    Vielversprechend, aber keineswegs ausgereift: Mirrors von Noel Black! Ein unsicher zwischen vielen grandiosen filmischen Ideen taumelnder Horror-Film um New-Orleans-Mythen. Eher enttäuschend dagegen Das Casanova-Projekt von Arnold Hau, letzteres ein Pseudonym für eine Gruppe mehrerer Titanic-Autoren. Trotz eines hervorragenden Alfred Edel als unmöglicher Casanova und lebenslustiger Selbstdarsteller bleibt der Film doch zu sehr in Konventionen des Kino-Humors hängen und erreicht nie die geniale Dimension, die Waechter, Gernhardt und Konsorten mit ihrem geschriebenen und gezeichneten Opus vorgelegt haben. Schön hätte ein Wiedersehen mit Fritz Langs Blue Gardenia von 1952 werden können, wenn man nicht eine typische Fünfziger-Jahre-Synchronisation benutzt hätte, die den Film in Loss Antscheless spielen läßt und amerikanische Staatsbürger-Namen wie Tschack Tschon und Tschodsch tragen läßt. Daß das „Auf Wiedersehen“ nach einem Telephongespräch erst fällt, als der Hörer schon ungefähr fünf Sekunden auf der Gabel liegt, ist auch nicht sehr angenehm. Monte Hellmans schon recht altes, aber angenehmes „Road Movie“ Two Lane Black-Top versorgte noch mal alle Wenders-Fans mit der süßen Melancholie der Landstraße. So sah die Vorstellung eines permanenten Unterwegs-Sein vor zehn Jahren aus. Dokumentarfilme wie das polnische Werk Arbeiter 80 und den Harrisburg-Report We Are The Guinea Pigs haben wir verpaßt, man hörte eine Menge Gutes über diesen Programmteil. Todlangweilig soll dagegen das Anna-Magnani-Porträt Io Sono Anna Magnani gewesen sein. Erwähnenswert noch der Beitrag des legendären Squat Theatre aus New York, das einen Teil eines Doppelprogramms aus zwei halblangen Filmen zeigte. Mr. Dead & Mr. Free soll zusammen mit dem Squat-Standard Andy Warhols Last Love in die Kinos kommen.

    Fazit: Das Niveau der Kinotage war diesmal um einiges höher als bei den beiden letzten Veranstaltungen, aber ein neuer Durchbruch wie Eraserhead wurde auch diesmal nicht gefunden.

  • The Passions

    Barbara Gogan und ihre Schwester Sue waren Mitbegründer von Englands führendem unabhängigen Label Rough Trade. Während Sue sich mit ihrer Band prag VEC, später Spec Records, auch musikalisch im Untergrund bewegte, gründete Barbara mit den Passions eine Gruppe, die die Massen ebenso erreichen sollte wie das Rough Trade-Publikum. Sie nahm ihre erste, ziemlich erfolglose LP beim Fiction-Label auf, eine Unterabteilung des Polygram-Konzerns, die sich vor allem um The Cure kümmert. – So konnte man die Passions auch als Vorgruppe von The Cure erstmals in unseren Hallen erleben. Wie die erste Platte, so bot auch die Live-Show den Eindruck intensiver, aber zurückhaltender Sozial-Realismen in melancholischer Verpackung, der Hauptgruppe gar nicht so unähnlich, wenn auch stark von Barbaras Gesang bestimmt.

    Nach dieser Epoche des Schattendaseins wechselte man die Besetzung und mit drei Männern nahm Barbara nun eine Single auf, die in England, zu Recht, zum Chart-Erfolg wurde, „I’m In Love With A German Filmstar“. Die Passions hatten es plötzlich geschafft: Ihre Musik streifte den Habitus moderner Traurigkeit fast zur Gänze ab, zugunsten eines eingängigeren Pop-Sounds, der seine Haken eher in der Raffinesse des Arrangements und in pfiffigen Nuancen hatte als in einer plakativen Haltung. Dabei wäre es falsch zu glauben, irgendjemand hätte Barbara Gogan das Gehirn gewaschen. Ihr Anliegen kommt auch auf der zweiten LP 30000 Seconds over China ebenso deutlich zum Ausdruck wie auf dem düsteren Debüt Michael & Miranda, nur daß sich dies in einem sehr reizvollen Kontrast zu leichten, eleganten Pop-Konstruktionen entwickelt. Oft hat bei den Passions ein subtiler Humor die Rolle des verbitterten Pathos moderner Großstadtverzweiflung übernommen, wie sie noch besonders deutlich auf dem Innencover von Michael & Miranda zum Ausdruck kommt: Vier junge Menschen mit heruntergezogenen Mundwinkeln posieren an einem stehenden Kanal, links ein Hochhausblock, am anderen Ufer verfallene Altbauten und viel Müll, der Himmel bedeckt, am Horizont ein Kran. Dem ist eine vieldeutigere, aber nicht weniger entschiedene Haltung gefolgt. Auch bei den Passions stellt sich heraus, daß der fortschreitende ökonomische Verfall Großbritanniens eher klugen Schein-Optimismus als noch größeren Primitiv-Pessimismus hervorbringt.

  • Gedanken zu Rock Session 5 (Sounds-Diskurs)

    Mit Kritik an Sounds ist unsereins ständig konfrontiert. Hilfreich ist da vor allem die von Bekannten mündlich ausgesprochene Kritik, das Feedback im Alltag. Hilfreich können auch Leserbriefe sein, auch wenn sie meistens eher demoskopisches Material abgeben. Anlaß dieses Artikels aber ist professionelle Kritik, wie sie sich durch Zufall gerade jetzt häuft. Als Beispiel soll ein Artikel des ansonsten verdienstvollen „Rock Session“-Herausgebers Klaus Humann dienen, den zum Anlaß nehmend äußert sich unser Mitarbeiter Klaus Frederking über Sounds. Gemeinsam ist all diesen Kritiken, daß sie (Ausnahme: Frederking) nicht nur nicht hilfreich sind, sondern auch an einem Mythos stricken, ein Klischee verfestigen, mit dem zu leben unangenehm ist. Zunächst zu einer typischen Äußerung.

    Kurt Martin Dahlke, der Pyrolator: „Mir wird dieser Handlungsablauf immer deutlicher bewußt. Die landläufige Musikpresse ist von der Industrie bezahlt. Ob das nun Sounds ist oder wer auch immer. Die sind von der Industrie bezahlt. Ob das nun die Verlagsgesellschaft ist oder der Chefredakteur selbst, das spielt im Prinzip keine Rolle. Bestimmte Produkte sollen gefördert werden, um mehr Geld reinzukriegen. Und die sagen natürlich an ’nem bestimmten Punkt, nee Leute, jetzt bremst euch mal mit eurem Alternativkram und schreibt mal über Sachen, die wir auch verkaufen wollen.“ Ein Statement, das sich in seiner unbefangenen, unreflektierten Naivität kaum unterscheidet von dem Satz: „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, wie ihn Klischee-Rentner angeblich nach der Tagesschau ausstoßen. Aber warum soll sich der Pyrolator, den ich sonst sehr schätze, auch genaue Kenntnisse aneignen über Dinge, die ihn nur am Rande betreffen, er ist ja auf anderes spezialisiert. Blöd ist nur, daß der „Rock Session“-Autor, der dieses Statement zitiert, darin „die Geri-Reig-Philosophie des Plan“ findet: „Etwas Eigenes machen. Sich absetzen. Sich bewußt querstellen zu vorgegebenen Verfahrensweisen (…) ein unabhängiges Label zu betreiben ist ein politische Entscheidung“. Du meine Güte!

    Sounds ist abhängig von Anzeigen. Diese werden zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Schallplattenindustrie akquiriert. Sounds hat erwiesenermaßen, zu meiner Zeit jedenfalls, nie sein redaktionelles Konzept von dieser Abhängigkeit beeinflussen lassen. Weil man Sachen wie den Plan wichtig findet, macht man sich Ärger, halst sich sinnlose Diskussionen auf, und hört dann sowas. Soweit die menschliche Seite.

    Die andere Seite ist die mangelnde Aussagekraft solcher Sätze. Im Kapitalismus wird alles von irgendwelchen Industrien bezahlt. Das Geflecht der Abhängigkeiten ist ein Dickicht. Dies festzustellen, ist eine Binsenweisheit. Wichtiger wäre, sich Gedanken zu machen, wie jemand mit den vorgegebenen Voraussetzungen eines Gesellschaftssystems umgeht. Ich wage die Behauptung, daß Sounds die von allen an Kiosken im normalen Vertrieb erhältlichen Musikzeitschriften der BRD und GB die freieste ist, diejenige, die inhaltlich so wenig Beschränkungen unterliegt, daß wir zeitweilig einen Anteil von über 50 % von unabhängigen oder Importplatten in unseren LP-Kritiken hatten, an denen die heimische Industrie nicht einen Pfennig verdient. Daß es Kraft kostet, so etwas durchzusetzen und zu verteidigen, dürfte eigentlich nicht zu schwer vorstellbar sein. Sich darüber Gedanken zu machen, müßte für einen Kritiker der Kritik mit lohnenswerteren Erkenntnissen und Beobachtungen belohnt werden, als das ewige nörgelnde Herumreiten auf den äußerlichen ökonomischen Bedingungen oder Zwängen. Interessant ist, wie ihre Wirksamkeit eingedämmt bis vermieden wird, nicht, daß es sie in einem, ohnehin nur nebulös verstandenen, ökonomischen Zusammenhang irgendwie doch geben müßte.

    In der gleichen Ausgabe macht sich Klaus Humann, seines Zeichens Herausgeber der „Rock Session“, ausführliche Gedanken über Sounds. In zwölf Mini-Kapiteln rechnet er mit uns ab, auch wenn ihm dabei so oft die Beispiele des „Beispiel Sounds“ ausgehen, daß er allgemeine Auslassungen über Rockjournalismus einflicht, die der unschuldige Leser ebenfalls auf Sounds beziehen müßte. Schon im Vorspann wird da ein horribles Bild vom Rock-Kritiker gezeichnet („Talking-Heads-Halstuch, Bob-Seger-Mütze, Eagles-T-Shirt, Greg-Kihn-Sweat-Shirt …“). Eine Zunft, die sogar das Hemd am Leibe der Gefügigkeit für Korruption verdankt. Es gibt Leute, die so rumlaufen und auch vorwiegend in Promo-Geschenkchen denken. Nur haben sie mit Sounds nichts zu tun, auch wenn Humann den Eindruck erwecken will, nur er in der Rock-Session-Einsiedelei sei von derlei weltlichen Anfechtungen frei. Die ersten beiden Kapitelchen beziehen sich auf den Rest der Musikpresse. (Fehler: Sounds verkaufte im ersten Quartal 1981 laut NW-Statistik (die sich jeder besorgen kann), 39 Tausend, 9 Hundert und ein paar zerquetschte pro Heft). In Kapitel drei steht, daß Humann Sounds früher charmanter fand. Nun gut. Kapitel vier ist infam: „Seit dem Wechsel ist Sounds in meinen Augen effizienter, cooler, angepaßter geworden.“ Effizient heißt wirksam. Ist eigentlich gut, oder? Nicht für Humann, der mit der Wahl dieses Wortes nicht die Bedeutung anpeilt, die man normalerweise unter „effizient“ versteht, sondern Assoziationen wecken will, die sich aus der Verwendung des Begriffs in Kalkulationen und Rechenschaftsberichten multinationaler Konzerne herleiten. Er will sagen: Wir nützen der Industrie. Hoho! Da soll er mal einen Vertreter der Industrie fragen.

    Angepaßt? Ein hohles, abgenutztes Wort. Erfunden von einer Generation von liberalen Fusselhippies, die glauben, mit individuellem Habitus die Welt zu verändern. Ab nach Poona mit dem Wort! Aber da es nun mal hier steht, müssen wir es auch diskutieren. An wen oder was angepaßt? An die Belange der Industrie („Der Firmenwunsch ist da Befehl“, Humann)? Als Beispiel für diese Vorstellung zeichnet er ein Bild vom eiligen, unsorgfältigen Sounds-Journalisten, der mit dem Taxi auf Firmengeheiß die Vorab-Kassette von der Plattenfirma abholt, in die Maschine bespricht nach einmal Hören, damit die Plattenfirma den Rezensionstext in einer Anzeige für die gleiche Platte verwenden kann. Ein Gespinst, diese Vorstellung! Wir rezensieren schon mal Vorab-Kassetten.

    Der Leser muß schließlich wissen, wie die neue Sowieso ist, wenn er sie als Import drei Wochen vor dem bundesrepublikanischen Erscheinungstermin im Laden stehen sieht. Diese Vorab-Kassetten müssen wir der Industrie (falls sie von der Industrie kommen und nicht vom Musiker selber) aus dem Kreuz leiern. Denen ist Sounds nämlich längst zu renitent und die Gefahr eines Verrisses viel zu groß, um sich dermaßen ins Zeug zu legen. Humann hat was gegen Schnelligkeit. Dann sollte er die „Zeit“ lesen, die lassen Abbey Road ein Jahrzehnt reifen, bevor sie das Werk als Direct-Master-Speed-Half-Cut wie einen alten Wein rezensieren. Rock-Musik ist schnell. Das tägliche Leben, nicht das epochale. Und auch wir haben reichlich Artikel, die Tradition und Geschichte Tribut zollen. Aber Humann weiß selber: „Die Pflicht einer Zeitschrift wie Sounds (anders als ‚Rock Session‘) ist Nachricht, damit Aktualität und Analyse, das Spontane und das Abgeklärte (Ein heillos konfuser Zustand, ein psychologisches Paradox!), die Nähe und die Distanz (nun bricht vollends die dialektische Schulung durch. Diese Forderung ist so wahr wie falsch, sie ist gleichsam die Antizipation des Wahren im Falschen, oder besser die im Irrtum eingebettete Erkenntnis)“.

    Was will der Mann also? Seine Anschuldigungen sind aus der Luft gegriffen, seine Forderungen erreichen einen Abstraktionsgrad, wo sie in totale Beliebigkeit umschlagen. Seine Informationen sind falsch (Auflagenzahlen, Industriekontakte). Im nächsten Kapitel wirft er uns vor, Platten zu verreißen, ohne unsere Erwartungshaltungen und Kategorien offen zu legen. Dabei fällt folgender Satz: „Wichtig ist das feeling, geil oder nicht geil, das interessiert.“ Abgesehen davon, daß die Worte „geil“, „Feeling“ oder auch „Die Stimme“, „Das Wahnsinnigste“ oder „Der Trend“, die er uns später in den Mund legt, in den letzten zwei Jahren zumindest, nicht zum Vokabular von Sounds-Kritiken gehörten, bleiben seine Vorwürfe in diesem Kapitel so klischeehaft und vage (unqualifizierte Verrisse) wie ein paar Kapitel weiter der Vorwurf, andere Platten zu gut zu besprechen (Hype). Das läßt sich auf einen abweichenden Geschmack reduzieren, der hier durch einen nachdenklichen Gestus verbrämt wird, aber nichts anderes sagt als: Ihr sagt Pink Floyd ist schlecht, das ist gemein, oder ihr sagt die Slits sind gut, da hat euch wohl die Industrie einen Schein zugeschoben. Unterstellungen, die normalerweise nur in den Leserbriefen vorkommen, die man gar nicht erst abdruckt, weil sie zu substanzlos sind.

    Nach der Aufdeckung eines vermeintlichen Gefälligkeitsjournalismus im Falle Lake, der sich vor meiner Zeit bei Sounds zugetragen haben soll, kommt die Geschichte mit dem Hype-Verdacht. Sounds ließe sich, wenn auch nicht ganz so offensichtlich, aber eben doch, von der Industrie zur Behandlung bestimmter Themen, die der Industrie nützen, verführen. Ohje! Es läßt sich leider nicht vermeiden, daß die eine oder andere gute Gruppe eben bei der Industrie unter Vertrag ist. Aber die Themen haben wir noch immer selbst ausgesucht und zwar nach unseren Vorlieben und oft hatten wir jemanden entdeckt, bevor die Industrie wußte, wer das überhaupt ist: DAF, James White, das gesamte Rough-Trade-Programm, ZE u. v. a. m. Daß die Leute hinterher Verträge abschließen, ist nicht unsere Schuld. Sounds begünstigt möglicherweise die Voraussetzungen für eine Unterschrift bei der Industrie, aber sollen wir gute Musik verschweigen, nur damit der Dämon Industrie nicht auf die Idee kommt, armes hilfloses Musiker mit große böse Vertrag zu linken?

    Darum kann es nicht gehen und darum geht es auch nicht. Humanns Hype-Unterstellung gipfelt in dem Satz: „Eine Gruppe aus New York oder London schafft es immer viel schneller als eine Gruppe aus Hannover, Herford oder Schwetzingen.“ Ach nee! Wenn sich das ein bißchen geändert haben sollte (abgesehen davon, daß auch heute noch ein deutliches Qualitätsgefälle, nicht nur zwischen New York und Schwetzingen, sondern eben auch zwischen Sheffield und Hannover klafft), dann doch wohl durch die angepaßten, effizienten (eben!) und coolen Sounds-Schreiber, die seinerzeit von Oldwavern wie Humann viel Kritik für ihr Engagement ernteten. Der nächste Streich: Ein Zitat aus Chapple/Garofulos „Wem gehört die Rockmusik?“, in dem eloquent beschrieben wird, wie 1975(!) in den USA(!) Rockkritiker durch subtile Strategien zu willfährigen Sklaven des Industrieinteresses werden. Der Text stand April 1980 in Sounds. Wir hatten derlei Dinge durchaus also auch reflektiert. Aber in diesem Zusammenhang soll der Text natürlich den Eindruck erwecken, er treffe auf die Verhältnisse bei Sounds zu. Was wiederum infam genannt zu werden verdient.

    Gekrönt wird Humanns „Kritik an der Rock-Kritik“ von einer Gegenüberstellung einer positiven Sounds-Kritik (M.O.R.K. über Fleetwood Mac, Tusk) mit einem WEA-Pressetext. Beide haben sprachlich, gedanklich nichts gemeinsam, außer dem Produkt positiv gegenüberzustehen. Daraus schließt Humann: „Die Plattenfirma und ihr journalistischer Partner …“. Nur weil Werbekampagne mit positiver Beurteilung zusammenfällt, soll da was faul sein. Warum zählt er dann nicht die Dutzende von verrissenen Platten auf, denen ebenso große Werbekampagnen vorausgingen? Hinzu kommt, daß uns Kröhers brillantes, aber opulentes Werk damals nicht reichte als Auseinandersetzung mit Tusk und daher in der gleichen Ausgabe eine Zusatzkritik von Thomas Buttler abgedruckt war, die die WEA-Kampagne explizit angriff. Die ignoriert Humann, man muß wohl sagen, böswillig. Daher kann auch diese Antwort um den Ton des Auge um Auge, Zahn um Zahn nicht herumkommen. So willkommen Kritik normalerweise ist, wenn sie auf vorhandene Widersprüche hinweist, zu unterscheiden weiß. Mit Dämonisierung ist niemandem geholfen. Dafür sind die Zusammenhänge inzwischen ohnehin zu kompliziert. Und auch bei der Industrie gibt es Idealisten, die gegen den Strich schwimmen, die wissen, wessen Interessen sie vertreten und dieses Bewußtsein in ihre Arbeit einfließen lassen, und Leute, denen künstlerische und politische Werte über Wohlverhalten gehen. Aber das wäre wirklich zu kompliziert, gell?

    Kritik stelle ich mir so vor, wie Klaus Frederking das in dem vorstehenden Artikel gemacht hat. En Detail. Auch ich halte Spex für eine Alternative zu Sounds, die eine andere Methode von Rockjournalismus entwickelt hat. Nur, daß ich, im Gegensatz zu ihm, die Methode des unredigierten Erlebnisberichtes für vollkommen unsinnig halte. Der Wert eines solchen Berichts ist mit einem erschöpft, da seine immer gleichen Formeln und wiederkehrenden Erfahrungen von den Bedingungen des Tour-Betriebs abhängig sind, nicht von dem spezifischen Charakter der einzelnen Gruppe. Somit halte ich Ruffs keineswegs dilettantischen, sondern neuartigen Gedanken zu Jazz im Falle Comsat Angels dem nervtötenden Frage/Antwort-Spiel in Spex für um einiges überlegen. Mein Stray-Cats-Artikel ist, zugegeben, etwas dünn, aber er enthält doch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Ein Rockjournalist sollte meiner Meinung nach nicht Mythen zerstören, sondern sie als solche kenntlich machen und herausarbeiten, ob sie ein Teil von Selbstdarstellung, selbstgewählter Stil, kokette Relativierung eigener Aussagen darstellen oder ob sie ein kommerzielles Wiedererkennungszeichen der Industrie sind (Ob Mythen oder Nicht-Mythen, ich glaube, wir meinen das Gleiche – K.F.).

    Spex entwickelt seine Stärken meiner Meinung nach eher da, wo es Sounds ergänzt (das ist nicht arrogant gemeint), wo wenige längere Plattenkritiken stehen, statt vieler kurzen, wie bei uns. Beides ist sinnvoll und beides sollte es geben. In diesem Sinne kann man sich über Spex freuen, aber unterlegen sind wir bestimmt nicht.