Autor: admin

  • Lola

    1954 war es geschafft: Deutschland wurde Fußball-Weltmeister und hatte damit sämtliche Erschütterungen des nationalen Selbstwertgefühls fürs Erste kompensiert. Mit Herbert Zimmermanns ekstatischer Radioreportage endete Die Ehe der Maria Braun. Während Deutschland jubelte und zitterte, vollendete sich Marias Tragödie.

    Vier Jahre später endet Lola. Juskowiak wird im Halbfinalspiel gegen Schweden beim Stande von 1:0 für die Deutschen des Feldes verwiesen. Schweden siegt später 3:1 vor eigenem Publikum. Deutsche rächen sich später, indem sie schwedischen Urlaubern die Reifen aufschlitzen und dann, noch später bei der Qualifikation zur WM in England, durch ein triumphales 2:1 in Stockholm. Die Heldin von Lola erlebt keine Tragödie. Am Ende des Films steht sie am Ziel ihrer Wünsche. Die Bordell-Sängerin und Geliebte des lokalen Baulöwen (Mario Adorf als brillante Charaktersau) mit dem „schönsten Arsch der westlichen Verteidigungsgemeinschaft“ hat alle Vehikel zum gesellschaftlichen Aufstieg genutzt, und während der moralische Verfall der Wirtschaftswunder-Gesellschaft in der Radio-Reportage durch den Sünder Juskowiak („Völlig unverständlich die Entscheidung des Schiedsrichters“, sagt Zimmermann) versinnbildlicht wird, kann sich Lola (Barbara Sukowa) von der offiziellen Ehefrau des Baulöwen bestätigen lassen, „dazu zu gehören“.

    Das war es, was sie von Anfang an wollte. Ihren Weg säumen dabei ein Idealist und Wiederbewaffnungsgegner, den sie „Spinner“ tituliert und erklärt, nicht die Abwesenheit von Moral oder die Korruption stört sie, sondern daß sie dabei nicht richtig mitmachen darf. Als Vehikel zum Aufstieg nutzt sie auch eine ergreifende Liebesgeschichte mit dem neuen Baudezernenten, einem rührenden, klugen und unschuldigen Mann, dem eigentlichen Helden der Geschichte, der sich wie Professor Unrat in ein leichtes Mädchen verliebt. Als er feststellt, daß sie die Geliebte Adorfs und eine Hure ist, dreht er durch, überholt seinen Bakunin-lesenden Assistenten links, schließt sich den stets zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen wie Brecht-Figuren in der Gegend herumstehenden Demonstranten an und torpediert kraft seines Amtes zeitweilig die kapitalistische Expansion. Bis Adorf die Notbremse zieht und ihm Lola als Ehefrau überläßt. Der integre Baudezernent wird gebrochen, Lola bleibt die Geliebte Adorfs. Nach der Hochzeit mit dem Dezernenten sagt sie zynisch zu Adorf: „Mit Brautschleier kostet extra“. Und der Idealist wechselt in das Lager des Kapitals. Auch er ist käuflich. Nur die Rüstungsgegner bleiben als lächerliche Staffage hinter ihren Transparenten stehen. Immer gleich und ewig folgenlos.

    Lola ist ein Film, dessen Kapitalismuskritik unmittelbar ins Herz trifft, der emotionale Intensitäten auslöst wie Fassbinders beste Werke (Satansbraten, In einem Jahr mit dreizehn Monden), sich aber dennoch der kommerziellen Filmsprache bedient, die seine letzten Filme bestimmt haben. Wie in den meisten seiner Filme illustriert Fassbinder das tragische Scheitern an der bürgerlichen Gesellschaft in durchgehend lustvollen Bildern, mit geschliffenen zitierfähigen Dialogen. Der Luxus der Bilder steht den kämpferischen intensiven Schauspielern gegenüber, läßt sie elegant im Spinnennetz strampeln und schließlich moralisch verrecken.

    Lola läßt einmal mehr beobachten, daß Fassbinder über die Gabe verfügt, jeden noch so abgewichsten Fernsehspiel-Chargen in eine Fassbinder-Figur umzuwandeln. Und Adorf, der großartigste von allen, ist in diesem Film stellenweise Kurt Raabs genial-maniriertem Overacting näher als seiner eigenen Macho-Persona. Die Kulissen, vom Fassbinder-Intimus Harry Baer mitgestaltet, wirken am Anfang vielleicht zu aufdringlich. Wenn man sich darauf einläßt, begreift man den Sinn der allgegenwärtigen 50er-Jahre-Symbole, der Penetranz, in jedem Bildausschnitt mindestens eine Nierenform zu zeigen und die Hintergrundmusik ständig über „Am Tag als der Regen kam“ phantasieren zu lassen.

    Ein vollkommener Film, einzig ein paar Schrei- und Emotionsszenen im Bordell nerven und durchbrechen die stilistische Einheit. Und etwas frauenfeindlich ist die ganze Story auch. Blame it on Heinrich Mann!

  • Depeche Mode: … absolute here today (… aber vielleicht gone morgen mittag)

    Daß diese Geschichte von Depeche Mode handelt, ist ein Zufall. Sie könnte genauso gut von Duran Duran (schlechter), Classix Nouveaux (grauenvoll) oder Heaven 17 (besser) handeln. Sie handelt von einer dieser Bands, nach denen modebewußte junge Engländer (und Bewohner anderer europäischer Metropolen) zur Zeit gerne tanzen und deren Musik wesentlich auf Synthesizer aufbaut.

    Depeche Mode haben nur das Glück, in Deutschland massiver von ihrer hiesigen Plattenfirma/Musikverlag unterstützt zu werden. Seit Wochen halten sie Platz eins der Alternative Charts besetzt, so wie die großen Brüder von Spandau Ballet die „richtigen“ Hitlisten. Aber auch da haben sie einen Fuß reingeschoben, und irgendjemand scheint unwahrscheinlich auf ihr kommerzielles Potential zu setzen. Die Bewirtung der Journalisten war jedenfalls ziemlich gut und gewährte interessante Einblicke in die letzten Innovationen des Hotelgewerbes. Mein Zimmer lag am Ende eines dieser psychedelischen Gänge, die so fett mit Teppichboden ausgelegt sind, daß man ständig das Gefühl hat, sie seien uneben oder man würde in ihnen versinken, wie auf einem Flokati auf Acid. Dann mußte ich eine kleine Karte in einen Schlitz schieben, wo ein Laser-Abtastgerät den täglich wechselnden Code ablas, und, wenn er stimmte, mit einem kleinen gefühlvollen Surren sein Einverständnis kundtat und die Zimmertür aufspringen ließ.

    Dort saß ein Mann im Fernseher und erzählte viel von Lords und Sirs, die einander empfingen und abholten und andere adlige Botschafter einluden oder irgendwohin reisten. Später fand ich heraus, daß es die Nachrichten waren. Ein Farmer in Schottland hatte seine Schafe in der Farbe des Union Jack bemalt, um das königliche Brautpaar zu ehren, erzählte der lustige Onkel. Ich mußte an das Tagebuch des Samuel Pepys denken (1660-68). In England hatte sich nicht so viel verändert.

    Oder doch? Je schlechter die Zeiten, desto exotischer die Moden, desto perverser der Lebenswandel derer, die es sich leisten können. So lautet ein Gemeinplatz, mit dem man sich gegenwärtig dem Blitz-Kids-Phänomen nähert. Man vermutet, zumal in Deutschland, verantwortungslose, überzüchtete Sprößlinge reicher Familien, dekadenten Abschaum einer nicht mehr funktionstüchtigen Gesellschaft, elitäre Arroganz und Menschenfeindlichkeit. Ein Radio-Moderator ging unlängst soweit, bei der Rhythmusmaschine in einem Spandau-Ballet-Titel faschistische Exekutionskommandos zu assoziieren. Naja, wenn es darum geht, Jugendlichen, die man nicht versteht, einen Faschismusverdacht anzuhängen, ist die ältere öffentlich-rechtliche Generation immer von einer Phantasie gesegnet, die sie sonst vermissen läßt. Anschließend legte der Mann Chuck Berry auf und pries den guten alten Rock’n’Roll: „Hail, Hail undsoweiter deliver me from the days of old“. Erschüttert mußte jene verlogen-linksliberale Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, daß es sich bei fast allen Vertretern der New-Romantics/Blitz-Kids-Bewegung um Figuren aus der Arbeiterklasse oder der verarmten Mittelschicht handelte. Das durfte nicht wahr sein. Sollte sich das Proletariat etwa weigern, weiterhin dreckig zu sein, zu schwitzen und nach Bier zu stinken, wie es sich gehört? Äußerst verwirrend für unsere aufgeschlossenen Meinungsfabrikanten.

    Auch Depeche Mode sind – man rechnet sie zur New-Romantics-Bewegung – simple Vorstadt-Kids, die sich in Pop versuchen. Mit einem Talent für leichte, nette Melodien und einem nicht übertrieben ambitionierten, aber gut durchdachten Design/Outfit-Konzept erwarben sie die Gunst von Daniel Miller, der mit ihnen zwei nicht sonderlich aufregende, aber unterhaltsame Singles für ein Mute-Label aufnahm. Geliebt werden sie von denen, die genauso sind wie sie: von den Tänzern im „Venue“, die sich mindestens eine Stunde auf das Ausgehen vorbereitet haben und nun nichts weiter wollen als gut aussehen und sich hübsch bewegen, das andere Geschlecht anlocken oder auch das gleiche. Man will was für den Körper tun. Die da oben, die Band, macht dasselbe: Kleine elegante Vor-Zurück-Bewegungen über den drei elektronischen Gerätschaften, und der vierte Mann am Mikro versucht ein wenig zu posieren. Die ganze Band ist noch sehr jung. Wie bei allen neuen kurzlebigen Bewegungen sind Band und Publikum vom selben Menschenschlag. Als der Set vorbei ist, wird einfach zu ähnlicher Musik weitergetanzt, ohne Unterbrechung bis zwei Uhr. Darunter von Heaven 17: „(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang“. Und dazu wird genauso getanzt wie vorher zu DAFs „Mussolini“.

    Die New Romantics haben keine besonderen Werte, die sie verteidigen, sie wollen sich nur auf eine naive Weise etwas Würde zulegen, unverwechselbar werden. Lest in der Spandau-Ballet-Geschichte nach, was es bedeutet, gut auszusehen. Die New-Romantic-Kultur hat sehr viel Hohles hervorgebracht (Visage, Ultravox, Classix Nouveaux), aber ich sehe, daß wir gemeinsame Feinde haben: Die Bewahrer des Status Quo, der Meinungsscheiße, der Klischeestandpunkte. Depeche Mode haben sich unvoreingenommen von dem z. Z. grassierenden Traditionsfieber bestimmter neuer Pop-Technologien bedient, mit einer Direktheit, die an Punk erinnert. Nur mit einer anderen Zielsetzung, mit einer anderen Geste. Ihr Approach, ihre Art für Tanz und Melodie zu arbeiten und sich dabei nicht an ihren extrem flachen Texten wundzuscheuern, ist ein weiterer Schritt zur Abkoppelung jugendlicher Gefühls- und Begriffswelt von den Kategorien unserer Kultur. Wahrscheinlich werden von der ganzen Musik, die nach ihnen an diesem Abend zum Tanz gespielt wurde, nur Heaven 17 und Spandau Ballet die Substanz haben, um es längere Zeit zu machen, aber Depeche Mode sind absolut here today und sehr wahrscheinlich gone tomorrow, somit aber wahrscheinlich die beste Momentaufnahme der aktuellen Stimmungslage.

    Einen Tag später im Kensington-Center: Hier, wo in diversen Winzboutiquen auf drei Stockwerken in den Siebzigern Fashion verhökert wurde, wird jetzt Fashion gelebt. In jeder dieser extrem schmalen Nischen ist irgendeine Sekte beheimatet. Drei Teds lehnen an einer Musikbox als wollten sie für Guy Pellaert Modell stehen, die Kleidungsstücke auf den Stangen an der Wand wirken nur wie Alibi, nicht zum Verkauf bestimmt. Ein Junge mit mehreren grün-gefärbten Reinigungs-Mopps auf dem Kopf grunzt mich an: „Loik mai Hairstail?“ Neben dem Ted-Laden treten sich zehn Skins auf die Stiefel, während sie in einem Zehn-Quadratmeter-Raum zur Musik von Four Skins Jacken begutachten. Ken Lockie sitzt im nächsten Raum, trinkt Tee mit anderen schwarz-gekleideten ernsten jungen Männern, sie wirken wie Aristoteles mit Schülern und debattieren würdig irgendein philosophisches Thema. Von nebenan dröhnen durcheinander: Duran Duran (aus der Blitz-Boutique), B-52’s (vom Futuristic-Shop) und Clash aus der Ecke, wo Star-T-Shirts verkauft werden. Eine Sozialarbeiterin macht Anschläge an ein schwarzes Brett: billige Wohnungen, Halbtagsjobs. Und aus dem Plattenladen: Die intellektuellen Del-Byzanteens aus New York.

    Niemand bekämpft sich hier. Die einzelnen Gruppen gehen ihren Ritualen nach und lassen einander leben. Man läuft hier keinen Klischees von sich selbst hinterher. Alles ist in Bewegung, auch wenn vieles darunter so dumm ist, daß einem übel wird (Welcher 16-Jährige ist schon klug?). Die Leute tun aber alles für ihre Autonomie: „I got a right to live and be in love with music so fancy free“, singt Debbie Harry auf Koo Koo. „Music belongs to the people“, Kid Creole und seine Coconuts. Wem das zu unpolitisch ist, der sollte seinen Begriff von „Dem Politischen“ überprüfen. We need a marxist Groove Thang!

  • Out Of The Blue

    Vor einem Jahr hatte ich die Gelegenheit, Dennis Hoppers Film Out Of The Blue im amerikanischen Original zu sehen. Ein durch und durch überzeugendes Porträt kindlichen Nihilismus, dargestellt durch eine brillante Linda Manz, die sich der Embleme und Accessoires der in Amerika stets nur zur Hälfte verstandenen Punk-Bewegung bedient, um gegen ihren versoffenen, weinerlichen Vater (Hopper selber spielt ihn) und eine fixende, hysterische Mutter abzusetzen. Daß dies ein Film der jungen Generation sein soll, wie mancherorts behauptet, stimmt nicht. Er zeigt die Perspektive Hoppers, aber dieser läßt sich sensibel auf den Nachwuchs ein, ähnlich wie Neil Young, dessen Song „Hey Hey, My My“ den Titel „Out Of The Blue“ abgab. Linda Manz vagabundiert frühreif und von umwerfendem Selbstbewußtsein durch eine geistig und moralisch verkommene Kleinstadt-Welt, die aus Bowling, Country & Western, Junk Food und der Dramatisierung blöder kleiner Scheißgefühle besteht und nur bei einem Ausflug in die Großstadt, wo sie ein Punk-Konzert erlebt und getreu der „Anyone can do it“-Devise auch kurz hinter das Schlagzeug darf, findet sie Befriedigung.

    Währenddessen scheitert ihr Vater zu Hause vor sich hin. Frisch aus dem Knast, weil er mit einem Truck in einen vollbesetzten Schulbus gerast ist, soll er auf dem Müllplatz arbeiten, aber der Alkohol … und überhaupt. Loser bleibt Loser. Linda erkennt die Situation und jagt ihre verzweifelte Mutter incl. sich selbst in die Luft, nachdem sie ihren Vater nach einem besoffenen Annäherungsversuch (früher hatte er sie mal vergewaltigt) erstochen hatte.

    „It’s just a punk gesture“, sagt sie ihrer Mutter, als diese der Zündschnur gewahr wird. „Das ist nur ’ne Punk-Kiste“ heißt es auf deutsch.

    Schafft die Synchronisation ab! Linda ist ununterbrochen am Rappen, vor sich hin Reden, die amerikanischen Schleifer und „You knows“ werden durch völlig sinnlose deutsche Füllwörter ersetzt, die die sprechenden Figuren einem Maße von Lächerlichkeit aussetzen, das den ganzen Film ad absurdum führt. Einmal singt Lindas Freundin nur so nebenbei ein paar Zeilen aus Devos „Mongoloid“, im Deutschen sagt sie plötzlich ganz unmotiviert: „Er ist ein bißchen mongoloid“. Hoppers besoffene Sturheit bekommt durch die deutschen Füllfloskeln einen künstlichen, läppischen Charakter, und die amerikanische Teenie-Fröhlichkeit am Samstag im Kino verkommt zum debilen Gesabber. Die Mutter erscheint nuancenlos als hysterischer Jammerlappen. Lindas spielerisch wiederholte Floskeln „Disco sucks“ oder „Punk rules“ geraten im Deutschen zu lächerlich-gewichtigen Statements und der Gipfel der Bescheuertheit war wohl folgender Dialog. Linda: „Stehst du auf Punk?“ – Vollbärtiger langhaariger Fussel-Hippie: „Nein, öhäääh, hö, höm, ich äh stehö mehr auf Punk-Rock.“

    Warum muß ein sonst so lobenswerter Verleih wie Prokino so etwas zulassen? Dieser Film darf höchstens untertitelt werden. Einen Film wie The Shining kann man synchronisieren, da er überschaubare Personen mit festen Rollen hat, dies ist auch gelungen. Alltagssprache kann man nie und nimmer synchronisieren, es sei denn, man bleibt kalt angesichts der Hilflosigkeit des armen Menschen, der samstags im Dritten bei der Guinness Book Of Records-Show versucht, dem durchgeknallten Moderator David Frost hinterherzusabbeln.

  • Super 8 Welle

    Daß Punk vergleichbare Phänomene in anderen Medien hervorgebracht hat, dürfte sich ’rumgesprochen haben. Die Rückkehr zum direkten, expressiven Ausdruck, zum Tafelgemälde in der bildenden Kunst ist oft entsprechend interpretiert worden. Daß inzwischen auch in der Arbeit der Filmavantgarde ähnliche Tendenzen abzusehen sind, wurde schon in einem Artikel im Sounds 11/79 abgehandelt. Inzwischen sind auch hier die Folgen zu beobachten, die Rückkehr zu narrativen Filmen nicht nur bei jungen Super-8-lern, sondern auch die Nestoren der Bewegung kehren zu Spielhandlungen zurück.

    Die Bs, Scott und Beth B, waren die ersten konsequenten und ausdauernden Arbeiter der New Yorker Super-8-Szene. Rechnet man Vorläufer wie The Legend Of Nick Detroit nicht mit, so waren sie es, die dem Super-8-Film einen festen Platz in der New Yorker Rock-Szene sicherten. Nicht nur die vielen Schauspieler aus Musiker-Kreisen sorgten für die Aufmerksamkeit des Rock-Publikums. Scott und Beth B zeigten ihre Filme vorzugsweise in Rock-Clubs, während der Umbaupause oder vor Beginn des Konzerts. Die beiden kamen aus der Kunst-Szene, hatten als Bildhauer und Maler gearbeitet und entschieden sich für die Kamera, um ein direkteres und vielseitigeres Arbeiten zu gewährleisten. Beth: „Wir wollten Bilder herstellen, aber gleichzeitig intensiv mit Klängen arbeiten. Wir wollten Bildkompositionen, aber auch Charaktere, wir wollten aktuelle Dokumente, aber auch Fiktion. G-Man, unser erster Film, sollte eine Kombination aus dokumentarischen und experimentell-narrativen Filmtypen sein.“

    Man konnte ihn jetzt in diversen europäischen Großstädten bei der Europa-Tour der Bs sehen, einer Tour, die geprägt war von den gleichen Regeln und Gesetzmäßigkeiten wie die Tour einer Rock-Band. Nach ihrer ersten Show in Hamburgs semi-kommunalem „Metropolis“-Kino nahmen wir die Bs zu einer Calypso-Party mit, die Musiker von Schaumburg und den Zimmermännern organisiert hatten. Vor dem Hintergrund sommerlich-entfesselter Leidenschaften zeichneten sie in ihren Erzählungen virtuos Bilder von der amerikanischen Degeneration, von religiösen Wahnsinn, einer mit debil nicht mehr ausreichend umschriebenen Medienwelt und von Moden in New Yorks intellektueller Schickeria: „In sind zur Zeit Filme aus Deutschland, Philosophen aus Frankreich, Musik aus England und Politik aus Italien, also Autonomisten und solche Sachen.“ Als es den beiden zuviel wurde, sah man sie dann auch zu den Klängen von The Mighty Sparrow, Lord Kitchener und Van Dyke Parks tanzen.

    In einigen der B-Filme taucht übrigens Lydia Lunch in tragenden Rollen auf, und man macht ja mit New Yorkern immer dieselbe Erfahrung. Sie präsentieren sich als bösartige, unberechenbare, unzugängliche Wesen, und wenn man sie kennenlernt, sind sie gütig, einfach und nett. Wir haben nur noch die Hoffnung, daß Lydia ist wie ihr Image: „Da können wir dich enttäuschen. Sie ist vor ein paar Tagen aus Kalifornien zurückgekommen und redet viel von ‚Love and Peace‘. Der einzige, der wirklich unberechenbar und dabei genial ist, ist Jack Smith.“ Jack Smith hatte 1962 einen der wichtigsten Underground-Filme aller Zeiten gemacht, Flaming Creatures.

    G-Man von 1979 handelt in seiner jetzigen, gekürzten Fassung von einem Spezialisten zur Terroristenbekämpfung, gespielt von dem wunderbaren Bill Rice und seinen Erlebnissen bei einer Domina. „Dieser Mann lebt von dem, was er bekämpft. Seine Aufgabe ist es, den Terrorismus zu verhindern, gleichzeitig muß er, wenn er seinen Job behalten will, dafür sorgen, daß Terrorismus weiterbesteht.“ Eindrucksvolle Bilder, vom Fernsehen abgefilmt, zeigen diverse Momente amerikanischer Terrorismus-Fernsehsendungen. „Es war die Zeit der RAF in der BRD und anderer europäischer Aktivitäten. Gleichzeitig dachten wir über Repräsentanten der Autorität nach, wie hier Bill Rice einen verkörpert. Der Film hat mit der Widersprüchlichkeit der von den offiziellen Medien zu diesem Thema ausgestreuten Informationen zu tun, auch mit der Paranoia, die erzeugt wurde in diesem Zusammenhang. Und die notwendig ist für die Terroristenfahnder, um nach Terroristen fahnden zu können. Das Interview mit Bill Rice in dem Film basiert auf einem Interview, das wir mit einem wirklichen Fahnder gemacht haben.“ Wir erzählen den Bs von den genialischen Systemen des Horst Herold und daß perfekte Fahndung keineswegs eine Errungenschaft sogenannter konservativer Politiker ist, sondern daß bei uns ein Sozialdemokrat alle anderen übertroffen hat, aber daß Herold so durchgeknallt ist, daß seine Theorien auf eine schon subversive Weise die Wahrheit sagen. Ähnlich wie in den Teilen von G-Man, die vom Fernsehen stammen. Da wird gezeigt, wo man Bomben auf Flughäfen suchen soll, aber damit gleichzeitig, wie man sie verstecken kann.

    Ein anderer Film der Bs läßt Prominente aus der New Yorker Underground-Szene Briefe an Jim Jones, den Mann, der in Jonestown 900 Leute einen Massenselbstmord begehen ließ, vorlesen. Jeder durfte sich seinen liebsten Brief auswählen, den, mit dem er sich am meisten identifizieren konnte. Arto Lindsay, Pat Place, Laura Kennedy (auch Bush Tetras) und Beth B selber geben die eindrucksvollsten Vorstellungen. Ein weiterer Film zum B-Lieblingsthema: Gehirnwäsche, Manipulation. Das wohl drängendste Thema in den USA. Das, was in dem dann folgenden Film Black Box Lydia Lunch an Folterungen an dem harmlosen Blonden Jim Mason durchführt, kommt zwar (hoffentlich) noch nicht in den USA vor, aber die Gerätschaften werden dort hergestellt, wie die Bs, die für jeden Film eine Menge recherchieren, herausgefunden haben: Eine kleine Metallkammer, in der man weder stehen noch liegen kann und nach Stunden vollkommenen Reizentzugs mit Licht- und Geräuschkaskaden gefoltert wird. Während The Offenders, der als achtteilige Serie gedreht wurde und nach und nach im Max’s gezeigt wurde, auf eher lustige Weise kleine absurde Bandenkriege und die Geschichte einer Ausreißerin porträtiert (wieder spielen jede Menge Musiker mit: Evan Lurie, John Lurie, Adele Bertei, Lydia Lunch und Diego Cortez), arbeiten die Bs zur Zeit mit einem 16-mm-Film über Evangelisten wieder in ihrem Gebiet. Evangelisten, religiöser Wahn, eine massive religiös begründete Anti-Schwulen-, Anti-Abtreibungs-, Anti-etc.-Bewegung durchflutet die USA und hat nicht zuletzt Reagan zur Macht verholfen. Radikale Sekten kontrollieren Fernsehsender mit Dauerprogrammen in allen Staaten, setzen Werbefirmen unter Druck, die liberale Sender unterstützen, und verbreiten schwarze Listen mit gottlosen Fernsehsendungen. Von den Vinylverbrennungen ganz zu schweigen. Im NME wurde ja kürzlich auch Lennon-Mörder Marc David Chapman mit der Anti-Rock-Kampagne dieser Christen in Verbindung gebracht. Die Bs können da eine Menge Horror-Stories über unseren mächtigen Verbündeten erzählen. „Alle unsere Filme handeln von Kontrolle, wie in den verschiedenen Aspekten des Lebens Kontrolle über andere ausgeübt wird. (…) Aber wir sind, obwohl wir stets experimentelle Teile in unsere Filme integrieren und z. B. auch sehr extreme Filmmusik produzieren, dem narrativen Kino verpflichtet. Das Narrative, die Erzählung, die Handlung hilft der Kommunizierbarkeit, so wie der durchgehende Beat beim Rock’n’Roll.“

    Für dieses Statement hatte Scott noch einmal das Band zurückgespult: „Unsere Filme illustrieren Philosophien. Trap Door z. B. illustriert die Nietzschesche Idee, daß es zwei Moral-Strukturen gibt, eine bestimmt für die Massen, ‚sei ein netter Junge‘, ‚sei ein guter Christ‘ und die zweite heißt ‚Nimm alles, was du kriegen kannst‘.“