Die Mo-Dettes haben es schwer. Nicht nur, daß sie an diesem Abend gegen Defunkt antreten müssen. Seit einiger Zeit stehen die vier Mädchen sozusagen auf der Warteliste für das nächste große Ding, ohne über Achtungserfolge hinauszukommen. Eine erste Single auf Rough Trade, mit viel Charme und gebrochenen Pop-Ideen, und die folgende Tour mit Spizz Energi sicherten ihnen frühzeitig, auch hierzulande, eine gewisse Reputation als gute Unterhalter. Man ging dann zur Industrie und nahm dort ein über weite Strecken originelles Tanz-Album mit zynischen Texten und nostalgischen Verweisen auf, das nie so ganz einschlug wie es sollte. Die Ohren des Publikums orientieren sich ja oft doch mehr an kategorisierbarer Trendmusik als sich von direkter Originalität begeistern zu lassen. Gerade in diesen Zeiten musikalischer Schwermut fällt das Bekenntnis zu Tanz und Pop, das jeder Song der Mo-Dettes darstellt, auf wenig fruchtbaren Boden. Doch die Mädchen weigern sich, existentielle Themen anzupacken und erteilen sogar den Feministinnen in einem ihrer LP-Titel eine Absage. Sie begeistern mit einem Modebewußtsein, das sich leider nur die falsche Mode zur falschen Zeit ausgesucht hat, um den großen Erfolg, den die vier anstreben, nach Hause zu bringen. So ist die Schweizer Sängerin Ramona ein großer Edith-Piaf-Fan und ließ es sich nicht nehmen, der LP eine hinreißend schräge Version von „Mylord“ beizusteuern. Und das ist in zwei Jahren bestimmt ultra-hip.
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Defunkt
Die Gruppe Defunkt vereinigt in ihrer Musik alle Trends, die derzeit von New York aus als Mode die europäischen Szenen beeinflußt. Das Wortspiel in ihrem Namen, das auf Funk ebenso verweist wie auf das Nicht-Funktionieren des Überkommenen, verdeutlicht recht präzise, worum es in dieser Musik geht. Joe Bowie (Posaune und Gesang) und sein Bruder Byron (Saxophon) haben eine bewegte Free-Jazz- und R&B-Vergangenheit, man kann sie auf Dutzenden von Platten des New Yorker Loft-Jazz-Undergrounds hören, ihr älterer Bruder Lester ist einer der Begründer des radikalen Art Ensemble Of Chicago, das schon seit den mittleren Sechzigern Furore macht.
Ausgerechnet über den weißen James Chance/White, in dessen Gruppen die Bowie-Brüder des öfteren mitspielten, kamen sie zurück zum gesungenen Funk, den sie freilich zu höchster Intensität aufkochten. Ihre Anfang 1979 gegründete Gruppe, deren Besetzung häufig wechselte, hatte ihre Grundpfeiler vor allem in dem gefragten Session-Bassisten Melvin Gibbs und dem einzigen Weißen, dem inzwischen verstorbenen Berliner Synthesizer-Spieler Martin Fischer.
Das Debüt-Album lebt von einer spannenden Konkurrenz zwischen erdigen, harten Funk-Elementen (aus so verschiedenen Richtungen wie Sly & the Family Stone oder Funkadelic) mit jazzmäßig gespielten Soli, die aber durch das stark betonte Kollektiv-Moment in der Defunkt-Spielweise immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Im wesentlichen ist die Musik arrangiert und festgelegt. Eine entscheidende Rolle spielen die zynischen, sophisticated Texte, die auf angenehme Weise von dem religiösen Schwulst frei sind, der so viele schwarze Gruppen prägt: „You’ve been strangling me with your love in a hotel room of permanent disorder …“
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Psychedelic Furs / U2
Wenn eine Gruppe in England in diesem Jahr Kontinuität und eine überzeugende Konzeption bewiesen hat, so waren es die Furs mit ihrer zweiten LP Talk Talk Talk, die nicht nur das in bester Velvet-Underground-Tradition inszenierte, sehr deftige, stilvolle Debütwerk fortsetzte, sondern darüber hinaus stilbildende Kräfte freisetzte. Die Gruppe um Richard Butler (alias Butler Rep) steht nicht in einem unhistorischen Neuigkeitswahn, sondern kennt die Musik der letzten Jahrzehnte. Sie gehen bewußt von der Situation der Nachgeborenen aus. Ihr melodisches Talent, die fetten Gitarren-Arrangements, das in den Vordergrund gemischte Schlagzeug, das wehmütige Saxophon und Butlers viel zu alte, rauhe Stimme versetzen die Gruppe an einen musikgeschichtlichen Knotenpunkt, wo in Form der jeweiligen Talente der Gruppenmitglieder die verschiedensten historischen Spielweisen zu etwas Neuem verschmolzen sind. Sänger Butler ist zum Beispiel ein Dylanologe, der kaum einen Song schreibt ohne einen subtilen Dylan-Verweis. Da kommen Mr. Jones und der Weatherman vor, irgendjemand „belongs to me“, auch wenn die Musik sich gerade in völlig anderen Landschaften bewegt. Zu den Furs gehört auch die optische Präsentation, die zumindest früher an die „Plastic Inevitable Night Show“ von Andy Warhols Velvet Underground erinnerte und auch erinnern sollte.
U2 haben auch mit ihrem zweiten Album nicht so recht zu überzeugen gewußt. Leicht verloren und unausgegoren wird sich da an modernem Sentiment versucht, aber keiner der Songs ist annähernd so gut wie die Live-Auftritte von U2. Hier entfaltet Sänger Bono sein wahres Charisma und die Byrds-Gitarren-Verschnitte haben plötzlich eigenständige Kraft und verlassen vor den Augen des Publikums die Ebene des Zitats. Letztes Jahr im Pö konnte man erleben, wie sehr sich die Energie dieser Gruppe von ihrer flauen Platte unterschied. Die Hoffnung, diese Fehler würden nun ausgemerzt, bestätigte sich dann beim Zweitwerk nicht. Man kann wohl nach wie vor davon ausgehen, daß U2 nur live eine intensive Atmosphäre entfalten kann. Ob das allerdings auch in den riesigen, unüberschaubaren Räumlichkeiten der Fabrik gelingt, ist die Frage.
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Wenn der Postmann zweimal klingelt …
Wenn der Postmann zweimal klingelt heißt eigentlich The Postman Always Rings Twice. Der Postmann klingelt nämlich immer zweimal, nicht nur gelegentlich. Außerdem heißt Postman auf deutsch Briefträger und nicht Postmann. Soweit dies.
Bob Rafelson hat der Welt neben allerlei allzu tiefsinnigen Kunstfilmen in den Sechzigern die Monkees gegeben. Dafür gebührt ihm ein ehrendes Andenken. Jetzt hat er sich an das Remake eines der großartigsten Kriminalfilme aller Zeiten gemacht und das beweist zumindest Geschmack.
Tay Garnett hat die Geschichte von James M. Cain, dessen Romane für viele Jahrhundertwerke des Kinos die Vorlage lieferten (Double Indemnity), 1946 trocken, knapp und schwarz/weiß verfilmt. Der Film wurde zur definitiven Anthologie menschlicher Miesheit und Nichtigkeit. Die Welt ist schlecht, die Menschen darin schlecht und übellaunig, und das einzige, das ihnen bleibt, ist Sex. Nicht grunzender Italo-Wollust-Sex, sondern stumpf-effektives amerikanisches Durchnageln. Landstraßen-Fick. Deswegen mußte Luchino Visconti auch die Bearbeitung desselben Stoffes mißlingen (Ossessione – Von Liebe besessen).
Die Story mit ihren rasanten Handlungsumschwüngen wird von Rafelson leider viel zu gemächlich und künstlich erzählt, ihre besten Momente werden weggelassen. Seine farbenprächtige, nostalgische Rekonstruktion der Dreißiger, seine opulente Depression machen aus authentischem Straßenstaub kunstgewerbliche Hollywood-Kulisse.
Dennoch sind auch Rafelson einige starke Szenen gelungen: den vertrottelten, ebenso liebens- wie hassenswerten Griechen hat er glänzend besetzt, Jack Nicholson stört nicht so, wie es die Fachkritik glaubt, und Jessica Lange kann es fast mit Lana Turner aufnehmen, die nur etwas ordinärer war. Alle Szenen, die außerhalb des so deutlich gebastelt wirkenden Zeitbezugs spielen, haben einige Schärfe und Power, und man wünscht sich dann zuweilen, Rafelson möge diese Geschichte doch in die Gegenwart versetzen. Denn so unähnlich sind diese Zeiten den Dreißigern doch nicht.