Autor: admin

  • Depeschen im Dezember

    Irgendwann muß man auch mal was machen über die Pusher-Praktiken des Suhrkamp-Verlages. Als regelmäßiger User werde ich vielleicht eine Betroffenengruppe gründen. Ich kann einfach nicht an einem neuen stw- oder edition-Sammelband vorbeigehen, der mich durch Titel wie Postmoderne – Globale Differenz oder Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche oder Die vergessene Dimension internationaler Konflikte: Subjektivität und geile Inhaltsverzeichnisse jieperig macht und von dem ich garantiert nicht mehr als einen bis drei der versammelten, im Schnitt 25 Aufsätze lese. Im Prinzip sollten die einschlägigen Theorie-Zines diese Dinger langsam ersetzen können (auf der anderen Seite sind die Theoriezines oft genau ein Produkt dieser Symposiumsmitschriften). Die Redaktion von Heaven Sent beschwerte sich neulich, daß ich sie als reines Theorieblatt beschrieben hätte und ihre diversen der leichten Muse gewidmeten Anstrengungen unterschlagen hätte. Sorry, aber genau diese Beiträge sind eben leider gerade die Schwäche von Heaven Sent. In der eben erschienenen Nummer 2 gefundene Sätze wie „Letztendlich ist Heavy Metal die einzige Musik, die in Brasilien genauso wie in, sagen wir, Schweden einen supranationalen Charakter hat, also nicht regional klingt“ oder „Dub ist nach Jazz die zweite genuin schwarze Musikform, die im wesentlichen instrumental funktioniert und hat seit dem Niedergang des Jazz Ende der Sechziger diesen in Punkto Kreativität locker überholt“ (wirklich locker, das muß man sagen, wie die circa fünf bis neun seitdem aktiven Dub-Produzenten die Produktion von circa fünfzigtausend Jazzmusikern „überholt“ haben), also großspurig bescheuerte Generalisierungen sind mir in meiner Jugend auch durchaus aus mancher Feder geflossen, aber wenn einem sein eigenes Kindergemüt, methodegeworden, als neue Zeitschriftenidee vorgespiegelt wird, darf man sich schon kurz erschrecken. Dafür sind Klaus Walters Netzer-Artikel, die Interviews mit Gremliza und Ernest Bornemann ziemlich gut, vor allem aber das Interview mit Slavoj Žižek, in dem wirklich jedes Wort ein Hit ist (und es nimmt acht Seiten ein), lohnt die Anschaffung des Heftes (für DM 7,– über Graben Verlag GBR, Lotzstr. 29-31, 6230 Frankfurt 80, 069/38 58 72).

    Auch wieder da, inzwischen bei Nummer 3, Dank und Glas(z): Letzteres befragt so unterschiedliche Charaktere wie J Mascis und mich zum Thema „Utopie“ und druckt ein lesenswertes Selbstzerfleischungs-Kolloquium maßgeblicher Hamburger Musiker über die Verrohung der Sprache des Musikjournalismus (etwa die menschenverachtende Ungenauigkeit, die in dem Begriff „Brachialgitarre“ wohnt), ersteres sieht so lustig (Faksimile-Texte, Krickel-Krakel-Optik plus ein Vierfarbfoto-Insert) aus wie immer und hat in einem Herrn Dany einen begnadeten Eiferer gefunden, der zum Kreuzzug gegen Kippenberger und die von ihm versklavte Kunstwelt aufruft.

    Artfan erscheint mittlerweile so häufig, daß man mit dem Zählen kaum noch nachkommt. Im Zentrum steht nach wie vor ein Interview (etwa mit Fareed Armaly oder in der neuen Nummer mit Sklavenhalter Kippenberger), die kleinen Tratschmeldungen (die auch einen großen Teil des Reizes von Dank ausmachen) sind aber ebenso wichtig und geben durch die strikte Einhaltung des situationistischen Anticopyrights jedem, der etwas zu erzählen hat, aber nicht dafür verantwortlich sein will, die Gelegenheit, seine wertvollen Informationen rüberwachsen zu lassen. Eine andere Form des Mitmachens, die Artfan gewährt: Für die geringe Summe von 3.000 Schilling kann man eine Nummer „kaufen“, heißt die Druckkosten übernehmen und sich so den Gegenstand des Interviews wünschen (wenn die Redaktion einverstanden ist).

    Im Freiburger „ça ira“-Verlag (wo jetzt auch ein Buch über Franz Jung erschienen ist, das ich aber noch nicht lesen konnte) ist jetzt die Nummer 4/5 der großformatigen marxistischen Theoriezeitschrift (vielleicht die letzte von Interesse) Kritik & Krise herausgekommen. Ihr im Editorial formuliertes Selbstverständnis kann man vielleicht auf ein halb umgedrehtes Marx-Bonmot zuspitzen: Die Linken haben die Welt nur verschieden verändert, es kommt aber darauf an, sie richtig zu interpretieren. Für Erhalt und Reinigung der Begriffe, gegen ihre von „Versessenheit auf Praxis“ verursachte Auflösung. Der in diesem Heft unternommene Versuch, Antisemitismus als ursächlich von bürgerlicher Denkform schlechthin hervorgebrachte Ideologie vorzuführen, ist dennoch bzw. gerade deswegen von fast schon interventionistischer Aktualität. Dabei kommen nicht nur die verschiedensten Stimmen und Textformen – ein alter konkret-Kommentar von Ulrike Meinhof oder ein großangelegter theoretischer Versuch von Moishe Postone, „Nationalsozialismus und Antisemitismus“, der als Grundlage fungiert – vor, es wird auch weder auf Emma noch auf die „Marxistische Gruppe“ oder die Althussersche Marxismus-Schule in Gestalt von Étienne Balibar Rücksicht genommen. Obwohl es dann schon etwas irre klingt, wenn man liest: „Merkwürdige Vorstellung von Ideologiekritik, der wohl nur fähig ist, wer Das Kapital unter Althussers Kuratel gelesen hat“, als wäre irgendwas unter Althussers Kuratel zu tun das Allerbizarrste und anderswo wüßte jemand besser, wie man Das Kapital „richtig“ zu lesen hat. Es widerspricht zwar durchaus dem hier vorgestellten Denken, daß man es neben anderem (sehr gut) benutzen kann, ist aber so. Gerade weil von Žižek-Sätzen (vgl Heaven Sent-Interview: „Die gestohlene nationale Substanz“) vielen (auch mir) heutiger Rassismus so viel einleuchtender erklärt zu sein scheint, sind Analysen wie diese notwendig, die zeigen, daß das Einklagen von Nichtrassismus via deklarierter „Gleichheit“ der „Bürger und Bürgerinnen“ bei bestehender Nichtgleichheit nur die Unmöglichkeit jeder Umwälzung rassistischer Verhältnisse als verboten festschreibt, daß Rassismus eine Psychologie hat (die mit bürgerlicher Denkform nicht hinreichend erklärt ist), aber auch nicht ohne Kapitalismus auskommt. Eine Binse, die aber wichtig wird, wenn auch andere Seiten sich zur Zeit um Antisemitismus-Definitionen mühen: etwa Walter Seitter, der in einem Aufsatz, wo er den Deutschen die Entwicklung eines „thematischen Ethnozentrismus“ empfiehlt, ihnen einen „gewöhnlichen Antikapitalismus“ vorhält und in einer Fußnote ergänzt: „Auch der klassische Antisemitismus ist ein Antikapitalismus gewesen – ein besonders dummer. Dies vorläufig auch zum Antifaschismus“ (in „Vom rechten Gebrauch der Franzosen“, zuerst erschienen in der rechten Etappe, jetzt in dem – trotz allem: glücklicherweise – wiederauferstandenen Tumult, Band 15, bei Turia & Kant, wo auch der zweite deutsche Žižek-Band, Der erhabenste aller Hysteriker – Lacans Rückkehr zu Hegel, erschienen ist). Oder Roger Thiede, in dieser Gegend bekannt für seine Ernst-Jünger-, Arno-Breker- und Leni-Riefenstahl-Faszination, die er vor ein paar Jahren im Überblick auslebte und der jetzt im neuen Matthes-&-Seitz-Almanach Der Pfahl (eingerahmt vom neuen Bergfleth, in der Haft geschriebenen Distanzierungsreue eines alten Nazis und Axel Matthes x-ter bitterer Abrechnung mit den deutschen Intellektuellen, wo eine wirklich lustige Analogie zwischen einerseits Stalin und andrerseits Karasek oder Schirrmacher hergestellt wird – der ganze Almanach in einem Ton, wo ständig zwischen GROSSEN und kleinen Geistern unterschieden wird) den Begriff „antisemitisch“ historisch als jüdische Defensivmaßnahme entdeckt haben will: die philologisch-verbrämte Variante der alten deutschen Gewißheit, daß die Juden eh schon selber schuld gewesen sein werden. Vor diesem Hintergrund wird – solange sowas wie  marxistische Lacanianer (Žižek kommt dem noch am nächsten: als Lacanistischer Marx-Leser und wie er in Heaven Sent sagt, „antikommunistischer Linker“) und Dekonstruktivisten jedenfalls hierzulande nicht zu haben sind, und wozu sollte man auch verschmelzen, was nicht zusammengehört, solange es dafür keinen Grund in der Logik eines spezifischen Aktivismus gibt, wie in den USA, wo man den „linken“ Gebrauch der „Franzosen“ seit Jahren beobachten kann – es wichtig, die Entwicklung und neue Selbstfindung marxistischen Denkens sympathisierend zu beobachten und zu verfolgen, ohne deswegen das von ihm ausgeschlossene und nicht vertretbare Andere, das in den letzten 15 Jahren „Franzosen“ (Thema der erwähnten Tumult-Nummer) vertreten haben, über Bord zu werfen. (Kritik und Krise, ça ira Verlag, Postfach 273, 78 Freiburg).

  • Eine große abwinkende Müdigkeit

    Der schwarze Regisseur Spike Lee hat einen Film über die Herrschaft des Rassismus in den USA gedreht: Jungle Fever

    Auch wir sind Amerikaner (Titel der deutschen Ausgabe des integrationistischen Buches von Louis E. Lomax, Düsseldorf 1965)

    „Sam is not my motherfucking uncle“ (Ice Cube, Death Certificate, 1991)

    Rassismus strukturiert in Amerika alle Lebensbereiche. Diese Wahrheit wird in Europa einfach nicht geglaubt, und daher findet jeder den Film Jungle Fever rassistisch. Dabei stellt er die beherrschende Rolle des Rassismus gerade dadurch heraus, daß er eine Geschichte erzählt, die auch ohne Rassismus denkbar wäre: Ein gutverdienender, junger Architekt mit gebildeter, berufstätiger Frau und reizender Tochter fängt eine Affäre mit seiner Sekretärin an, die aus beengten suburbanen Verhältnissen kommt. Wie immer in solchen Fällen determinieren das berufliche Abhängigkeitsverhältnis und die soziale Kluft den Verlauf der Affäre, der natürlich kein glücklicher sein kann. Alles – das kann man sehen, wenn Flipper Purify nachts aus dem Lotterbett hochschreckt und zu seiner Tochter will, oder wenn Angie ihren Freundinnen mit leuchtenden Augen vorschwärmt, wie „fancy“ das Architekturbüro sei, in dem sie, die Zeitarbeiterin, vorübergehend einen Job gefunden hat – wäre auch genauso gekommen, wenn Flipper nicht schwarz und Angie nicht italo-american gewesen wäre. Da sie es aber sind, kommt es alles viel schneller, viel schlimmer, viel härter. Rassismus ist allgegenwärtig und steigert einfach jede normale kapitalistische, moderne, zivilisierte Situation ins Unerträgliche.

    Die von ihm Betroffenen sind es leid, länger Lösungen in einer „Great Society“ oder „Integration“ zu suchen, auch können sie nicht mehr an Universalismen glauben, weder an Liebe noch an Klassenkampf. Sie wollen einfach nichts mehr mit der Scheiße zu tun haben, und daher hat Separatismus in allen Schattierungen, von der Nation of Islam bis zu den sophisticatedsten schwarzen Linksintellektuellen Konjunktur. Man braucht gar nicht nach „rassistischen“ oder essentialistischen Begründungen dafür zu suchen: Eine große abwinkende Müdigkeit, die einem durch Spike Lees Filme so verständlich wird, reicht völlig. Ich finde es oft geradezu rührend, wie er noch in jeder Situation die andere Möglichkeit, die integrationistische, die amerikanisch-ideologische offenhält. Wie Angie das letzte Wort behalten darf, wenn sie Flipper vorhält, er sei genauso rassistisch wie ihre italienische Familie, obwohl Lee doch oft genug in Interviews erklärt hat, rassistisch könnten immer nur Institutionen, die Macht also, sein, zu der Schwarze aber noch nie in den USA Zugang hatten. Die abwinkende Müdigkeit des neuen schwarzen Nationalismus, seine Einigkeit darüber, selbst die extremsten inneren Divergenzen niemals über weiße Medien auszutragen, beleidigt das linke universalistische Herz, das eben auch darauf besteht, daß Liebe doch eine Himmelsmacht sei.

    Lees Filme polarisieren und bringen Diskussionen hervor wie schon lange nichts mehr im Kino. Die übliche geschmäcklerische Rede, die Filmkritik und Kino nun seit Jahren schon beherrscht, hat keine Chance; jedes Bild ist ein Argument. Dies hat ihm den Vorwurf eingetragen, als blutleerer Thesenfilmer cineastische und formale Probleme des Kinos zu vernachlässigen. Diese Kritik übersieht einerseits, daß gerade die Diskutierbarkeit und Argumentativität bei Lee aus einer komplexen hochformalisierten Technik hervorgeht, die – obwohl sie narrativ ist – das jeweilige Problem („Issue“, wie man in Amerika sagt) immer aus jedem „mitreißenden“, „natürlichen“ Erzählfluß herauslöst, durch „freezes“ oder durch brechtische V-Effekte, wie z. B. die bloße Darstellung des diskutierenden Um-den-Block-Gehens, bei der zwei offensichtlich stehende Figuren vor einem sich bewegenden Hintergrund reden. Oder die Diskussion der feministischen Implikationen seiner Geschichte en bloc durch einen „Kriegsrat“ der beteiligten Frauen. Zum anderen weiß Lee, daß ein Argument nur dann als solches zu erkennen ist, wenn ihm unmittelbar seine Entgegnung folgt. Drittens bleibt er aber auch dabei nicht in einer binären oder dialektischen Struktur befangen, die ja der rassistischen Ideologie zugrunde liegt, sondern läßt ein Problem mal in fünf, mal in zwei Richtungen wuchern.

    „Rassismus bedeutet in den USA vor allem eine unerträgliche Überdeterminiertheit“, lautet – im Kern – die These von Henry Louis Gates Jr. zu Lees Filmen. Diese Überdeterminiertheit gilt es anzunehmen und darzustellen, nicht das, was zurückgebliebene Europäer immer noch auf den Begriff „Vorurteile“ reduzieren. Darum ist es auch gerechtfertigt, daß Lee diversen Nebengeschichten nachgeht, ohne sie zu Ende zu bringen, die zunächst nur geläufige soziale Determinierungen freizulegen scheinen, um dann am Schluß auch deren rassistische Komponente als Bestandteil einer Überdeterminiertheit zu enthüllen.

    Doch die Rede vom Vorurteil folgt ja nicht nur der idealistischen Vorstellung, Rassismus ließe sich auf Uninformiertheit reduzieren, sie beruht auf der vermeintlichen Logik europäischer ‚Rassismen‘ wie Antisemitismus, die einen geheimen Kern in das Innere des „Anderen“ projizieren, einen Genuß, eine unsichtbare Eigenschaft. Nicht nur daß auch europäische Ideologie diesen Feind immerzu braucht und konstruiert – amerikanischer Rassismus ist im Gegensatz dazu auf Sichtbarkeit, auf Oberfläche, auf Hautfarbe aufgebaut. Diese Sichtbarkeit führt zum Nichthinsehen – weil mit einem Blick alles klar ist –, zu jener „Invisibility“ in einer visuellen Kultur, die Ralph Ellison in seinem Jahrhundertroman The Invisible Man immer noch gültig beschrieben hat. In der entscheidenden Szene des Films kommt das zur Sprache: Kurz bevor Angie und Flipper die Ehe brechen, sehen sie sich lange an. Er wisse, was sie jetzt denkt, sagt Flipper, sie bewundere seinen Teint, seine schöne, dunkle, schwarze, straffe Haut. Das sei so verrückt. Er habe jedes verdammte Schimpfwort über seine Hautfarbe gehört, jedes (und er zählt sie auf). Aber dann, wenn man mit Weißen ins Gespräch kommt, wenn sie einen ansehen, sagen sie immer nur, wie sehr sie diese Farbe lieben. Darauf Angie rührend hilflos: „It’s kinda messed up, eh?“

    Daher aber ist die Eroberung des Films so wichtig, denn nur auf Filmbildern wird man wirklich gesehen in Amerika. Und da zuviele schwarze Figuren nie gezeigt wurden, stopft Lee seine Filme mit Personal voll, von Flippers religiös-starrsinnigem Vater, „The Good Lord Reverend“, bis zu seinem Crackhead-Bruder Gator, der schließlich von seinem Vater in einer Reminiszenz an das Schicksal von Marvin Gaye erschossen wird. Die Überfüllung mit Personal, Nebengeschichten und Situationen korrespondiert mit dem Nachholbedarf und mit der Überdeterminiertheit, indem sie diese als Ergebnis jenes erklärt. Weil der visuelle amerikanische Mythenfundus keine schwarzen Individuen als Individuen kennt, wird ihr Leben ganz den unpersönlichen Komplexitäten ausgeliefert, die entstehen, wenn man nur als Vertreter existiert. Diese Komplexitäten didaktisch zuzuspitzen, heißt, sie mit den schon existierenden Kino-Individualismen zu konfrontieren: Lees Italiener sind nicht deswegen klischeehaft individuell, weil er Italiener nicht leiden kann, sondern weil er sie den Filmen seines Vorbilds Scorsese entnimmt, weil er seinen schwarzen Charakteren genau diesen Status – allgemein bekannte Kinofigur – verleihen will. Weil selbst noch Sekundarität, kulturelle Codiertheit von Individualität – in Europa als nicht-authentisch verschrien – einen überlebensnotwendigen reduktionistischen Fortschritt darstellt gegenüber der rein soziologisch-ethnisch determinierten Komplexität, in der die pragmatische Reduktion auf Identität überhaupt nicht vorgesehen ist.

    Daß sich junge Europäer, die sich „nur“ „noch“ sekundär-individuell fühlen, als defizitär, wieder mal mit African Americans identifizieren können, die einen Platz im Bilderreservoir der Kulturindustrie erkämpfen müssen, gehört zu den vielen fruchtbaren Paradoxien, zu denen Lees Film einlädt und die er kommentiert. Der Film aber entkommt auch noch der Problematik dieses partikularistischen black-nationalist-Kampfziels (positive oder individuelle Repräsentation in den visuellen Medien): Er gewinnt eine Universalität (zweiter Ordnung, wenn man so will), indem er den Umgang mit den Paradoxien einer (rassistisch/individualistisch/tribalistisch) durchsemantisierten Welt als mühsame, aber machbare Arbeit am Detail zeigt (und vorführt) und so die Kunst für die Politik zurückerobert (ähem!).

    Die im Motto erwähnte LP von Ice Cube, Death Certificate, ist bereits wenige Tage nach ihrem Erscheinen Nummer eins der amerikanischen LP-Charts und damit erfolgreicher als jede andere Hip-Hop-LP. Sie enthält die bisher aggressivsten Tiraden gegen Weiße („Devils“), Frauen („Bitches“) und Schwule („motherfuckin homo“), die nicht mehr nur mit der Tradition des Fluchens in„oral cultures“ wegrelativiert werden können. Das von Lee dargestellte „Jungle Fever“ (die Lust auf weißes Fleisch) kommt dort nur als abstoßende Seuche vor, die sich zum Glück noch niemand in der „Neighborhood“ eingefangen habe (in „Lil Horny Devil“). Der Platz für einen jungen Schwarzen sei Farrakhans „Nation of Islam“, über den Lee sagt, er sei nicht in allen Punkten seiner Meinung, würde die Differenzen jedoch niemals in der weißen Öffentlichkeit austragen. Gleichzeitig wird von Ice Cube Uncle Sam ein Totenschein ausgestellt, den man in vielen Punkten mitunterzeichnen kann. Die Gewalt, die von dieser Platte ausgeht, ist auch die Gewalt und Hilflosigkeit eines alle Lebensumstände durchziehenden Paradoxes: daß man nur mit genau den Eigenschaften weiterkommt, geliebt wird, Karriere machen kann, für die man zurückgesetzt, gehaßt, verprügelt und ermordet wird.

  • Jahrescharts

    LPs

    1. SWA – Winter
    2. Nomeansno – Wrong
    3. Neil Young – Freedom
    4. Dennis Brown/Gregory Isaacs – No Contest
    5. Boogie Down Productions – Ghetto Music: The Blueprint Of HipHop
    6. Slovenly – We Shoot For The Moon
    7. 24-7-Spyz – Harder Than You
    8. John Cale – Words For The Dying
    9. Kolossale Jugend – Heile Heile Boches
    10. Victims Family – Things I Hate To Admit
    11. The Cocoon – While The Recording Engineer Sleeps
    12. Autopsy – Severe Survival
    13. Gang Starr – No More Mr. Nice Guy
    14. A Guy Called Gerald – Hot Lemonade
    15. Morbid Angel – Altars Of Madness

    Singles

    1. Neil Young – (Keep On) Rockin’ In The Free World
    2. Public Enemy – Fight The Power
    3. Napalm Death / Electro Hippies – Suffer / Mega Armageddon Death Part 3
    4. Mudhoney / Sonic Youth – Halloween / Touch Me …
    5. Soundgarden – Flower
    6. NWA – Gangsta Gangsta
    7. De La Soul – Me, Myself And I
    8. Queen Latifah – Princess Of The Posse
    9. Carcass – Peel Sessions
    10. Unseen Terror – Peel Sessions
    11. The Cult – Edie
    12. Brosch – Heya!
    13. Killdozer – For Ladies Only
    14. Lard – The Power Of Lard
    15. Black Radical Mk. 2 – Monsoon
  • Earache / Peaceville – Labelportraits

    UK Hardcore / Death Metal – neue musik

    Mit jeweils circa zwanzig Veröffentlichungen haben die beiden britischen Hardcore-Label Peaceville und Earache innerhalb der letzten zwei Jahre eine neue Musik bekannt gemacht und durchgesetzt: zwischen dem extrem schnellen, kreischenden britischen Grindcore mit seinem überkorrekten, anarcho-vegetarischen Bewußtsein und den tiefen, schweren Sounds des satanistischen oder splattersüchtigen Death Metal aus den USA. Mit allen Paradoxa und Widersprüchen, durch die Hardcore wie Underground-Metal sich gegenseitig anziehen wie abstoßen.

    Dig, Martin und Hammy haben als Labelmacher, Produzenten und Musiker zwischen den Stühlen gesessen und große Erfolge erzielt. Und stehen zwischen Innovationslob, Ausverkaufsvorwurf und dem nächsten neuen Ding.

    „It’s a peaceful lifestyle, and that’s why it’s a violent music.“

    Cecil Polanski a.k.a. Hammy

    „Die neue Death-Metal-Szene ist heute so wie die Hardcore-Szene vor zwei, drei Jahren war: Demos, Austausch, Bands, die sich schnell gründen und wieder auflösen und Mitglieder austauschen, alles ist sehr lebendig und sehr stark noch Underground und sehr unschuldig, ziemlich antikapitalistisch.”

    Dig Pearson

    „If I hear another moronic metal band sing sexist, macho, or satanic related bullshit, I’ll throw up. Isn’t the heavy metal attitude pathetic? It blindly promotes the image of men as tough guys – primitive warriors who follow their aggressive instincts. Qualities such as intelligence, compassion, or sincerity are treated with scorn by these arseholes – afraid to show their inner feelings and break their hard images. Women are treated like objects who must dress up right to impress their men … Just look at cretins like Slayer, Onslaught, Bathory …”

    Active Minds – „I’m Sick Of It“,
    LP:
    Welcome To The Slaughterhouse,
    Loony Tunes Records/RTD

    Die Begeisterung von politischen HC-Aktivisten nicht nur für die musikalische Seite von Death Metal, etwa die extremen Schlachter- und Verstümmel-Lyrics und -Cover, sind für mich nur eine Erweiterung genau der musikalischen Funktion von Hardcore: Reinigung, protestantisch-masochistisch-lustvolle Selbstbestrafung, Flagellantentum – die Haltung von Pilgervätern und Hutterern der Scene, die sich mit aller exorzistischer Kraft in das vermeintlich Böseste, Brutalste stürzen, alle satanischen Versuchungen sich vorstellen (auch um die Kraft von Novizen und Kandidaten mutprobenmäßig zu testen), um sich anschließend wirklich wirksam von ihnen lösen zu können und peaceful vegetarisch mit ihrer Frau zu schlafen … oder aber: vielleicht ist U.K.-Hardcore auch nur evangelische Angst vor Sex? Das wäre sicher nicht das uninteressanteste und unberechtigtste Problem. Man kann davon ausgehen, daß heutzutage Tausende und Abermillionen Jugendliche genau die delikaten und verzehrenden Probleme mit ihren Körpern und deren natürlichen Sehnsüchten und künstlichen Begierden haben wie vor zweihundert Jahren ein, zwei französische Adelige pro Dekade.

    aus: Hammer Hammersen: Hardcore – Artcore – Schwartcore, stw 666

    Anarcho vs. Splatter

    Dig und Hammy haben eine Menge gemeinsam. Zum Beispiel könnte man fast sagen, daß sie einer neuen Musik zu Leben und Durchbruch verholfen haben. Sie gehören zu den Frontleuten einer neuen, zeitgemäßen populären Musik, einer Verbindung aus der proletarischen, oft hoffnungslosen, eskapistischen und zuweilen reaktionären Erfahrung des Metals und dessen Radikalisierung im Laufe der letzten Jahre mit der kleinbürgerlichen, ökologischen, feministischen, linken Erfahrung des fortgeschrittensten, britischen Hardcore anarcho-vegetarischer Prägung in der siebten bis neunten Generation. In den letzten zwei Jahren haben Digs Label Earache und Hammys Peaceville zusammen mit anderen, wie Manic Ears Records, Meantime, First Strike, auf britischem Boden eine neue Musikmischung, die sich an allen Ecken und Enden der Welt abzeichnete, zu prägnanter, medienwirksamer Konturiertheit gebracht.

    Und sie haben sogar Platten verkauft dabei, Dig mit den Novelty-Sounds von Napalm Death, Carcass, Unseen Terror, Heresy und Bolt Thrower, Hammy vor allem von den Electro Hippies, Doom. Beide in letzter Zeit mit den neu formierten Resten oder Nachfolgern und Kindern der Death-Metal-Bands, die auch ihre Acts vor drei Jahren nachhaltig beeinflußt hatten, ohne richtig bekannt zu werden.

    Metal und Punk – das ist ein Problem, eine Geschichte, eine Herausforderung, die fast das ganze letzte Jahrzehnt geprägt hat. Immer wieder gab es, von Motörhead bis Black Flag, von Chaos UK bis Concrete Sox, Annäherungen, Crossovers, gemeinsam gegangene Passagen eines Weges im Musikalischen wie im Inhaltlichen, im Sozialen wie im Politischen, wie es häufiger Entfernungen und Unvereinbarkeiten gab. Wichtige musikalische Wegbereiter einer Begegnung wie D.R.I. oder M.O.D oder Suicidal Tendencies gelten den Hardlinern im Core-Lager – zum Teil aus bekannten inhaltlich-politischen Gründen nicht ganz zu Unrecht – heute als die mittlerweile unannehmbarsten Verräter. In den USA ist das Ganze kaum noch ein Thema, da in fast allen HC- oder Post-HC-Spielarten mittlerweile problemlos Metal-Einflüsse aller Art ebenso unbeschwert Hallo! sagen wie Free Jazz oder Gang Of Four. Aber das sind die USA mit ihren lokalen Scenes und deren kreativen Freiheiten und beschränktem Wirkungskreis. In UK dagegen benehmen sich auch noch die Abgrenzungsprobleme der dissidentesten unter den dissidenten Subkulturen wie staatswichtige Affären (und sie verfügen von allen Musik-Scenes immer noch über den kürzesten Weg zu einer echten nationalen Bedeutung: er ist gepflastert mit nur ein paar Weeklies und John Peel). Interessanterweise sind gerade die neueren Entwicklungen, die Radikalisierungen im Metal oft von Bands mit den dubiosesten Ideen/Images/Texten vorgenommen worden. Gerade die haben Punk musikalisch am meisten interessiert, die ihm scheinbar inhaltlich am entfernsten waren. Hier wäre ein Zusammenhang über Radikalität an sich herzustellen, die, egal in welchem Rahmen, eben immer extra magnetische Kräfte entwickelt und, ob sie nun formal oder inhaltlich auftritt, die gleiche Revolte zum Ausdruck bringt (ein Zusammenhang, der sich von Free Jazz bis Hip-Hop immer wieder leicht belegen läßt und von der immer noch wirkenden, lukacsistischen Linken hartnäckig bestritten wird). Eine Revolte, deren Gemeinsames das Verhältnis zum Körper ist, wie er sich in der Musik, in Konzertritualen, auf Covern und in Lyrics eindeutig zeigt: maximale Erschütterung, Krise, Austoben, bis ins innerste Innere, in die Organe. Erst Speed- und Death-Metaller wie Slayer und andere Vertreter allerblutigster, unvegetarischer Inhalte und oft völlig irrationaler Positionen schafften es nämlich, für die Kinder aus dem Indie-Lager mit ihrer Gier nach musikalischen Extremen aus eigener Kraft interessant zu werden, auch wenn deren aufgeklärtes Anarcho-Veg-Bewußtsein nun Schwierigkeiten bekam, mit „Auschwitz, the meaning of pain …“. Zerstückelte Leichenteile als Kick und politische Empörung über Schlachthof-Zustände und Holocausts – nur zwei Seiten desselben, musikalisch eindeutigen Körpergefühls?

    Von Anbeginn aller Punk-Tage war Metal auch sowas wie ein natürlicher Feind. Was hatte dieser neue, extrem realistische Punk-Rock mit jenem eskapistischen, sexistischen Fantasy-Dreck zu schaffen? Mehr als alle Beteiligten dachten, wie die nächsten zehn, fünfzehn Jahre zeigen sollten. Die Welt fügt sich nicht völlig den Erkenntnissen durchaus bewundernswerter, aber auch nur beschränkter, rigider, kleinbürgerlicher Moralistik. Ebensowenig wären deren Erfolge auf ihrem Gebiet aufzugeben (gute, erkämpfte Rigidität gegen vernebelndes, bürgerliches Verständnis eintauschen). Vor allem ist aber der soziale Graben zwischen HC (und seiner Verankerung in der alternativen Indie-Welt) und Metal (und seiner Verankerung in einer Working-Class-Reality) immer noch am tiefsten. Punk, HC oder auch das, was hier behandelt und neuerdings Grindcore genannt wird und um sogenannte schnellste Bands der Welt entstanden ist, gehört nach wie vor zur großen, bunten abgerüsteten Indiepeace-Welt, wo coole Absolventen von Gymnasien die Welt nach ihren Vorstellungen einrichten und im politischsten Falle darauf bestehen müssen, daß die Coolness ihrer ewig verlängerten Kindheit, ihres ewigen Draußenseins – was ein echter Erfolg ist, nichts dagegen – nicht von irgendeinem uncoolen Erwachsenenalltag kaputt gemacht wird. Die Leute in dieser Welt geben sich offensiv politisch oder geschmackssicher und tun in ihrer ästhetischen Praxis etwas, das sie für Sich-der-Realität-Stellen halten (die definieren sie allerdings global, also eher nach Art der Overground-Medien als mikropolitisch, und von speziellen Lieblings-Issues geprägt, die direkt nichts mit ihren alltäglichen Existenzproblemen zu tun haben: Tierversuche, Umweltvernichtung, Diktatur der Bourgeoisie und des kriegstreiberischen Monopolkapitals). Metal-Fans – so progressiv auch immer sie sein mögen – kommen aus der anderen Welt: da wo man arbeiten muß, um sich Platten kaufen zu können, wo man Angst haben muß um seinen Arbeitsplatz, um den Bund nicht herumkommt und sich gerne in phantastische Welten flüchtet, ohne sich dafür anhören zu wollen oder zu müssen, man sei „Eskapist”.

    So wie es für bestimmte Metaller immer mal wieder cool war, Hardcore-T-Shirts zu tragen oder gar die Pistols zu covern, galt den Corelern das Interesse von Metallern an einer der ihren Gruppen immer als Zeichen für deren Ausverkauf (obwohl die semiotische Infrastruktur der HC-Szene sehr viel von Metal übernommen hat: Bedeutung von T-Shirt-Motiven, Logos, Logo-Gestaltern, Thanks-Listen etc.). Während die Rigidität und der Puritanismus, die die immer alkoholfreieren, immer vegetarischeren Hardcore-Zirkel Englands und großer Teile vor allem des Ostens der USA in der zweiten Hälfte der 80er zunehmend dominierten, und natürlich die Inhalte von Metal – sofern sie im gleichen Maße wie die Musik interessanter sexistischer und fleischfresserisch fantastischer, faschistischer und satanischer wurden – ablehnen mußte, begann sich HC gleichwohl im Verlauf seiner vor allem in England stattfindenden musikalischen Zuspitzung in dieselbe Richtung zu entwickeln wie ein großer Teil der meistens amerikanischen Speedmetal-Musik und bezeichnenderweise auch in Richtung Death Metal. Dabei blieben die Texte in dieser Entwicklung der Coreler weiterhin strictly anarcho-veg, wie der Engländer sagt, während den Metaller vor allem nach wie vor Höllengerichte und Blutorgien heimsuchen, ganz besonders besagte mit Pentagrammen und Leichenteilen geschmückten Satanisten und Death-Metaller. Die ersten Coreler, die sich zu (grotesk gesteigerten) Eingeweide-Verstümmelungen durchringen konnten, waren die von Napalm Death’ Bill Steer geführten Carcass; die ersten aus der – mehr oder weniger – Death-Metal-Szene kommenden, die sich öko-anarchopolitisch äußerten, waren die amerikanischen Napalm-Death-Fans Terrorizer. Bezeichnenderweise eröffnete Earache den Reigen seiner Veröffentlichungen mit einer LP der amerikanischen Accüsed, einer linken kalifornischen Core/Speedmetal-Band, die gleichzeitig Splatter-Texte macht. Um dies mit ihrer politischen Haltung vereinbaren zu können, hatten sie den Charakter Martha Splatterhead erfunden, eine Figur, die als Rächerin der Räumungsgeklagten und Vergewaltigten durch die Lande zieht und auf splatterige, grausame Weise Rache nimmt, was einerseits die Möglichkeit gibt, Splatterszenen zu beschreiben, andrerseits den politisch korrekten Standpunkt einzunehmen. Napalm Death waren nicht nur die schnellsten – auch wenn inzwischen nicht nur Carcass ihnen dabei Konkurrenz macht –, sie haben auch erfolgreich Symbole der Death-Metaller und das unversöhnlichste soziale AntiSchweine-Engagement miteinander verknüpft. An diesem Punkt frage ich Digby Pearson, Gründer des Earache-Labels, wie es weitergehen soll. Sowohl Earache als auch Peaceville, wirft die eingeschworene HC-Szene einen Ausverkauf in Richtung Metal vor?

    „Alle sagen, ich würde jetzt Metal machen. Hör dir dagegen die erste Seite der ersten Napalm Death an: das ist purer Metal, keine andere Earache-Veröffentlichung war so Metal wie das. Im Moment scheint einfach mehr zu passieren, in einer gewissen Metal-Szene, das siehst du auch an seinen Veröffentlichungen (zeigt auf Hammy).“

    „Klar, Toranaga, Tallion, Autopsy – aber das wichtigste ist, daß sie gute Bands sind“, sagt Hammy in seinem charmanten Yorkshire-Akzent.

    Wenn Dig wirklich wie der progressive Mosher wirkt und sein Earache-Kompagnon Martin, der früher bei den legendären Ron Johnson Records und danach bei dem Spex-Lesern bekannten Richard Jordan und dessen Fundamental-Label in den USA, also bei Indie-Labels im weitesten Sinne gearbeitet hat, wie der independent Hip-Hop-Sympathisant, dann ist Hammy am ehesten der typische, langhaarige Sohn der britischen Hardcore-Vegetarier-Hippie-Punk-Szene. Er, der stolz darauf ist, am Tage geboren zu sein als Winston Churchill starb – „ein großer Führer tritt ab, ein Nachfolger wird im selben Moment geboren“ – beginnt als Musiker bei den Instigators, einer der dauerhaftesten englischen Hardcore-Bands, die sich zwar nie musikalisch sonderlich aufregend in die eine oder andere Extremrichtung entwickelt hatten, aber nicht nur inhaltlich ein äußerst solides und umfangreiches Werk klassisch sägenden, mittelschnellen Hardcores, unzähliger Interviews und Touren – die Abschiedstour findet gerade statt – hinterlassen, wovon zwei LPs jetzt gekoppelt als CD bei Peaceville erscheinen. Bald verläßt er die Instigators, um bei Sore Throat als Drummer einzusteigen, einem der kompliziertesten Fälle der britischen Core-Szene, auf die wir noch zu sprechen kommen werden, und bei denen er heute noch spielt, und singt zwischendurch bei Civilised Society?, eine der ersten britischen Anarcho-HC-Bands, die sich für Metal begeistern und darunter in ihrer Szene und in ihrer Zeit vor gut zwei Jahren zu leiden hatten und sogar Dub-Versionen von ihren Stücken kursieren ließen. Ähnliches gilt etwa für Concrete Sox, die auch schon damals musikalisch etwa von Metallica beeinflußt, textlich in bester oder verbesserter CrAss-Linie standen.

    Nun Hammy, aber das sagt jeder, daß es ihm nur um gute Musik gehe.

    „Aber wir sind keineswegs ein reines Hardcore-Label, nie gewesen, noch ein Metal-Label. Letztendlich glaube ich daran, daß die Haltung einer guten Musik die Musik selbst überstrahlt. Vegetarianismus zum Beispiel, das erreicht eine Menge Leute, die mit der Hardcore-Szene überhaupt nichts am Hut haben.“

    Dig: „Was Earache betrifft, kann ich sagen, daß ich einfach die drängendste, intensivste, dichteste Musik suche. Vor zwei Jahren war das Heresy, die aufregendste Band der Welt. Heute finde ich das, was ich suche, nicht mehr in dem Maße beim Hardcore, heute sind für mich Death-Metal-Bands das Aufregendste, Bands wie Morbid Angel.“

    Martin: „Wir haben noch vorhin im Auto darüber geredet: Death Metal ist eigentlich kein Metal im engeren Sinne, das ist eine da herausgewachsene eigene und sehr neuartige Musik.“

    Death vs. Vernunft

    Death Metal ist ein Begriff, den es schon eine Weile gibt. Ein kleiner, aber begeisterter Kult um die frühen Demos von Bands wie Death und anderen Amerikanern. Verwandtschaften mit von Vokabeln wie Doom Metal oder Black Metal Bezeichnetem, Hellhammer und die daraus hervorgegangenen, aus allen Rahmen fallenden Celtic Frost, Possessed, aber auch Slayer wurden mit diesem Begriff schon bezeichnet. Musikalische Kennzeichen sind eher tief runtergestimmte Instrumente, tiefe, harte und „brutale“ volle Produktion, insofern das Gegenteil von dem sägenden Ton vieler der avanciertesten GB-Hardcore-Produktionen. Textlich eine Welt aus Hellraiser– und Evil Dead-Inhaltsangaben, Satan, Dämonen, Augen im Unterholz, Verstümmelungen, Vergiftungen, Chirurgie, seltenen Krankheiten, Mumien und Zombies und präzise medizinische Details und Freude an Fachausdrücken, dazu das Pentagramm und die Number of the Beast – nichts von alledem ist für sich neu in der Metal-Welt, aber so wie es in den letzten Jahren auf eine bestimmte Spitze getrieben wurde, kann man schon von einem klar unterscheidbaren, faszinierenden neuen Stil sprechen, der mehr als fast alle anderen Metal-Stile zuvor Hardcore-Fans und -Musiker anzusprechen scheint. Death Metal kann durchaus Elemente von Mosh oder Thrash enthalten, aber darf darin nicht aufgehen, das Voluminöse, Kompakte unterscheidet es von den zum Flüchtigen neigenden Formen extremen Speeds, obwohl DM oft, wenn auch nicht so dauerhaft, dieselben Geschwindigkeiten erreicht: es ist dann, als würde diese Geschwindigkeit nicht von einem Porsche erreicht, sondern von einem Truck.

    Dig: „Das Wort ist schon eine Weile da, aber es bedeutete nie soviel wie jetzt, wo die ganzen Bands, die sich selbst noch vor kurzem Begriffe wie Grindcore ausgesucht haben, es verwenden. Ich finde, das ist immer das beste, wenn man Begriffe verwendet, die die Bands selber ausgesucht haben. Heute findest du überall da, wo diese extremste Musik gemacht wird, das Wort Death Metal.“

    Wie läßt sich das inhaltlich mit der Anarcho-Veg-Orientierung des britischen Core verbinden?

    Hammy: „Im Prinzip handeln Hardcore und DM-Texte von den gleichen Dingen, zum Beispiel von Todesangst. Nur daß Hardcore den Tod mit zum Beispiel Atombomben in Verbindung bringt, während Death Metal ihn auf die allgemeine Angst bezieht, seine Sinne nicht mehr zu haben, die Kontrolle zu verlieren, vom Bösen – was immer das sein mag – überwältigt zu werden. Natürlich bleibt da etwas wie eine Faszination, weil man ja das beschreibt, um davon loszukommen, aber grundsätzlich gilt, daß beide Sorten Texte von Angst handeln, von der ganz realen Angst, die die Leute haben. Allenfalls handelt Death Metal von diesen Dingen, um die Leute zu schockieren, aber doch nicht davon, sie zu glorifizieren.“

    Worüber ich mir nicht so völlig sicher wäre, denn welcher Death-Metal-Fan wird Death-Metal-Fan, um sich schockieren zu lassen, richtiger erschiene es mir, den Begriff der Glorifizierung von Splatter und grotesken Gewalt- und Todesvisionen einmal jenseits jener moralischen Idiotie, die sich ständig zur leichtesten, frömmsten unter den frommen Denkungsarten zwanghaft bekennen muß, einmal politisch zu denken. Auf die Frage, warum nunmehr seit gut zehn Jahren immer mehr politisch über jeden Korrektheitszweifel erhabene, wichtige und gute Leute sich für zunehmend krassere Formen von Death Metal im weitesten Sinne und in allen Medien zunehmend begeistern und zur adäquaten und unabhängigen Weltbewältigung erklären, eine politische Antwort geben, die die Krise jedes sinnvollen politischen Klartexts unter den Bedingungen der Informationsgesellschaft einbezieht.

    Und vor allem sich fragt, ob Leute, die gegen Herrschende kämpfen, heutzutage nicht völlig zu Recht und im Einklang mit allem, was wir sonst theoretisch wissen, auch einen Ort/Stil/Punkt brauchen, von wo aus sie die Herrschaft der Vernunft auf die krassest denkbare Weise attackieren können.

    Hammy: „Es geht wirklich um die Angst, niemand will sowas nachmachen, das ist lächerlich. Es ist der beste Weg, die Angst zu formulieren.“

    Dig: „Es ist vielleicht schwer das zu erklären, aber wir bringen jetzt zum Beispiel zwei Platten raus, eine von Morbid Angel, einer Death-Metal-Band im eigentlichen Sinne, und von Godflesh, die mit Drum-Computern arbeiten und sich eher wie Avantgarde anhören (und sich auf Dub, PIL, Jah Wobble und World Domination Enterprises beziehen – d. Verf.). Für mich ist das aber beides in einem Punkt das Gleiche: extreme und intensive Musik!“

    Beide Bands sind interessante Eckpunkte des Earache-Labels. Morbid Angel sind tatsächlich faszinierend und dürften leisten, diesen neuen Death Metal solchen Leuten nahezubringen, die sich aus musikalischen und weniger aus Kult-Gründen nach neuen Sachen umsehen. Eine unwahrscheinlich gebündelte, perfekte und minutiöse Prügelei über tiefe Register, die sich aber von Napalm-Death-Fan-Bands wie etwa Terrorizer unterscheiden, indem sie immer wieder ganz punktuell und gezielt knapp klassische Metal-Akkord-Schwelgerei einblenden, wie gesamplet. Godflesh stehen dagegen für die Head-Of-David-Roots, aus denen Napalm Death – als die bekannteste Earache-Band – ebenso hervorgegangen sind, wie aus einer Liebe für die Kult-Band Death aus Florida (wo auch Morbid Angel herkommen und was für die sonst eher antiamerikanische UK-HC-Szene auch nicht gerade der allercoolste Ort ist) und einem kompromißlosen Anarcho/Öko-Engagement. Justin Broadrick, Sänger und Gitarrist bei Godflesh, war früher bei Napalm Death und davor bei der Noise/Avant-Band Head Of David. Auf der anderen Seite spielt Napalm-Death-Gitarrist Bill Steer, neben seiner Arbeit bei ND, die auf die Spitze getriebene Härtest-Core-Death-Metal-Fusion bei Carcass und gibt das allgemein hochgeschätzte und als kompetent unumstrittene Metal-Zine Phoenix Militia heraus.

    Indie vs. Major

    In keiner Szene wird so sehr wie in der britischen Hardcore-Welt – von einigen amerikanischen und süddeutschen Subzentren abgesehen – streng und unbestechlich darauf geachtet, daß sich niemand des guten alten Verbrechens des Ausverkaufs schuldig macht. Bands, die Gigs mit gemieteten großen PAs ablehnen und Interviews mit Spex wegen eines Vierfarb-Covers oder jeden Distribution-Deal mit Firmen, die man bei uns Major-Indie nennt, für ebenso unmoralisch halten wie den Verzehr eines Pfeffersteaks oder Regenwaldrodung, sind keine Seltenheit. Dies hat aber bessere Gründe als meine ironischen Zeilen erkennen lassen: es geht in Englands Provinz-HC-Szene wirklich um etwas (wir können und müssen die weltoffene, weniger verbissene, dafür oft nur noch funnige und stilistisch eher amerikanisch zur Vermischung bereite Londoner HC-Szene um Labels wie Vinyl Solution oder Bands wie die Stupids diesmal außen vor lassen: die haben andere Probleme, Vorzüge und Nachteile). Die recht aktive, auf eine alte Freischärler-Tradition von Glastonbury-Hippies, People’s Bands über CrAss bis zu den Subhumans zurückblickende Anarcho-Punk-Szene hat einen relativ gut organisierten „alternativen“ Lebensstil zu verteidigen, der es lohnt verteidigt zu werden, dessen Sicherung keine bloße Kinder-Ideologie und Angst vor der wirklichen Welt ist und der tatsächlich bedroht wäre, wenn die wichtigsten Bands alle plötzlich ebenso leicht für politisch indifferente Metal-Fans zu konsumieren wären, weil die ihnen dann irgendwann logischerweise auch die Inhalte diktieren. In England ist Musik eben auf allen Ebenen immer noch Staatsaffaire, auch und gerade eine so ideologische Sache wie Hardcore. Napalm Death sind in kurzer Zeit unverhältnismäßig groß geworden und man hat nicht ganz zu Unrecht Angst, daß sie und mit ihnen die ganze Bewegung zu Geiseln entweder des Londoner Fashion-Zentralrates, der ebenso schnell aufbaut wie zerstört, oder der zynischen Metal-Industrie werden. Dann würden nicht nur wirklich gute kleinere Labels wie Meantime oder First Strike oder Loony Tunes (der Active Minds, wo auch die wichtigen Generic veröffentlicht haben) wirklich untergehen, ebenso viele gute (zum größten Teil Indie-Core-) Bands wie Ripcord, HDO, Sofa Head, Jailcell Recipes und andere, die kein durch Metal stark gewordenes Umfeld haben. Hinzu kommt, daß alle Metal-Einflüsse in ihrer eindeutigen Kraft gerade auch ästhetische Strukturen ausbilden und festzuschreiben neigen, die musikalische Seitensprünge, wie sie sich die eher metalfreien neuen HC-Bands wie eben Active Minds oder Sore Throat erlauben und den Indie-Avantgardismus extremer Produktionsstile wie bei Heresy in die Marginalität verdrängen, aus der sich diese Bands gerade raus gekämpft haben, oder einfach töten. Der Schritt zur wirklichen Wirkung, zur Durchsetzung ist in diesem Fall also wirklich mit Risiken verbunden, die jenseits der alten HC- und Indie-Paranoia liegen, daß man sich dem Teufel verkaufe, wenn man mit einem Vertrieb zusammenarbeite, der statt 600 Platten 900 und drei T-Shirts verkauft. Ich zitiere aus einem Zettel, der einer Single der Active Minds beilag und wo „kommerzielle“ Label wie Peaceville, Earache, Manic Ears, Vinyl Solution etc. heftig angegriffen werden.

    Hammy: „Wenn Du diese Leute persönlich kennen würdest, würdest Du das verstehen. Einer von Active Minds ist ein Angestellter, der 8 Pfund die Stunde verdient, die anderen arbeiten auch und sind nicht arm, sie haben leicht reden, weil sie nicht von ihrer Musik leben müssen. Die sitzen in ihren respektablen Jobs und machen eine Menge Geld. Davon finanzieren sie ihre Releases. Uns werfen sie dann vor, daß wir mit einem professionellen Vertrieb wie dem Cartel zusammenarbeiten. Wir müssen aber Geld aus unseren Verkäufen zurückbekommen, sonst können wir nicht weitermachen.“

    Sie verlagern also die Widersprüche, die objektiv existieren, nur in ihre private Existenz, ihre Organisation, die sie nicht öffentlich machen?

    Dig: „Als wir vor ein paar Jahren angefangen haben, haben wir genauso geredet wie die. Und es ist okay, so zu reden, wenn Du, wie wir damals, in deinem Schlafzimmer sitzt und Flexis für 25 Cents rausbringst. Aber heute haben wir Bands, für die sich die Leute in der ganzen Welt interessieren und da geht das nicht mehr so.“

    Hammy: „Außerdem muß es das Ziel einer guten Botschaft sein, so viele wie möglich zu erreichen. Solche Leute kreieren ihr kleines, exklusives Ghetto, das nie über 1.000 Leute umfaßt, während wir die Gelegenheit schaffen, sehr viel mehr Leute zu erreichen. Unsere Botschaft ist dabei als Label klar geblieben. Da muß mittlerweile nicht mehr jeder einzelne Text jeder Band untermauern, um was es geht, man weiß, was man an uns hat. Ich meine, um das auch mal zu sagen: der Grundsatz eines jeden Satanisten ist: Do What Thou Whilst, und ist das nicht auch die Grundlage jeder anarchistischen Philosophie?“

    Alle: „Hahaha!“

    Dig: „Bist Du jetzt ein Satanist, Hammy?“

    Hammy: „Nein, natürlich nicht, aber da ist doch was dran. Ich meine, wer weit weg ist, von wo das alles passiert, der kann das alles mißverstehen, der hält Active Minds für Heilige und hält Death-Metal-Texte für Handlungsanweisungen. Aber wer eben einigermaßen aktiv ist in der Szene, und darum geht es ja, weiß doch wie sowas läuft. Ich glaube, sie schaden der Sache mehr, als daß sie ihr nutzen, denn schließlich sind wir hier doch gute Leute, nein wirklich: Wir glauben an die richtigen Sachen. Ich bin Vegetarier und ich bin Anarchist und ich lebe nach meinen Idealen, ich arbeite nicht mit EMI und ich tue, was ich will. Und ich kann nicht und werde nicht mit Faschisten oder Sexisten zusammenarbeiten. Ich arbeite nicht mit Firmen zusammen, die in Südafrika arbeiten. Aber solche Leute wie Active Minds schwächen uns, statt die Majors zu schwächen, die sie schwächen sollten. Im Moment sind all die Majors da draußen und kaufen alle mittelgroßen Acts auf, um die Lücke zwischen Indies und Majors noch größer zu machen, das sind die Probleme, um die es wirklich geht.“

    Man greift aber immer nur das nächst Größere wirksam an. So wie du dich inzwischen gegen Majors wendest, muß sich doch die Basis der Bewegung gegen größere Indies wenden. Bei uns hält man Tempo für die Ausgeburt des Medienfaschismus, und jedes HC-Fanzine glaubt wiederum allen Ernstes, wir würden mit Spex dickes Geld verdienen, aber so muß es doch laufen und das muß man doch auch ernst nehmen. Außerdem: wo verläuft für dich die prinzipielle Grenze zwischen einem großen Indie, wie etwa Rough Trade, die euch hier vertreiben, und einem Major?

    Martin: „Earache hat nichts gegen Major Labels, wir arbeiten mit ihnen zusammen, wenn es den Bands nützt.“

    Hammy: „Ich habe schon was gegen Majors.“

    Martin: „Ich will meine Jungs groß machen, ich will, daß es ihnen gut geht. Manchmal denke ich sowieso, daß die großen Indies schlimmer sind als die Majors.“

    Hammy: „Es ist eine Frage der Haltung der Leute, mit denen du zusammenarbeitest, Major und Indie ist zu schwarz/weiß. Wir würden nie mit Leuten zusammenarbeiten, die mit Südafrika oder der Militärindustrie zu tun haben. Aber solange es von der Message her stimmt und etwas Positives dabei rauskommt, habe ich nichts dagegen, eine unserer Platten von einem Major lizensieren zu lassen.“

    Also doch. Aber Südafrika und Raketen- und Pharmaindustrie und andere Superverbrechen sind eh weit von deiner Sphäre entfernt; da wo du dich entscheiden mußt, geht es noch um was anderes, also laß uns über realistische Versuchungen reden …

    Hammy: „Ja, klar, ich hab zwar was gegen sie, aber ich würde sie benutzen, für etwas Positives.“

    Das sagt jeder am Anfang.

    „Auf der anderen Seite ist das alles nicht so unrealistisch. Toranaga zum Beispiel sind so groß geworden, daß ich sie mir nicht mehr leisten kann, für so eine Band gelten plötzlich andere Gesetze als für Hardcore-Bands, andere Horizonte, die Grenze heißt plötzlich nicht mehr Nummer eins der IndieCharts, sondern Iron Maiden, was kann ich da tun? Aber solange es deinen guten Zielen dient …“

    Aber gerade wenn du sogenannte gute Ziele im Rahmen einer von dir als falsch angesehenen Struktur wie der Schallplattenindustie scheinbar verwirklichst, wird es noch viel schlimmer, weil du damit deine richtigen Ziele mit im ganzen falschen, zumindest deinen Absichten widersprechenden Produktionsbedingungen als vereinbar darstellst, also verkaufst, was ein uraltes Problem ist, alt wie das Jahrzehnt …

    Hammy: „Aber so ist doch das Leben. Man kann doch nicht den ganzen Tag den Kopf gegen die Wand hämmern.“

    Handelt nicht aber davon genau die Musik, die ihr verkauft?

    Martin (brummt): „Stimmt, ist was dran, alle gute Musik handelt von Folter und Verzweiflung.“

    Ihr erklärt beide, nicht im Ghetto bleiben zu wollen und seid beide in den letzten Jahren ganz beträchtlich gewachsen. Wen habt ihr dazugewonnen?

    Martin: „Bei uns war es ja hauptsächlich durch Napalm Death. Und da kamen eben, zusätzlich zur Hardcore-Audience, vor allem sehr viel Indie-Leute, und einige interessiertere Metal-Fans, bei denen sie auch sowieso Cred hatten. Dann nahm der NME sie aufs Cover und sie erreichten noch mehr Leute, die wiederum keine Hardcore-Fans gewesen sein konnten, denn um Hardcore hat sich der NME jahrelang überhaupt nicht gekümmert.“

    Dig: „Wir befinden uns einfach in der Gründung. Das, was jetzt alles zusammenkommt, ist noch nicht ein Publikum, denn das Ganze ist noch so neu, neue Musik eben, jenseits von Punk, jenseits von Metal, mit Wurzeln in Beidem.“

    Martin: „John Peel hat uns sehr geholfen. Wenn er nicht immer wieder Napalm Death, Carcass und Electro Hippies gespielt hätte, würden die Leute heute noch glauben, daß hier ein paar Kinder dumm rumschreien. Er schreibt für den Observer, eine wirklich etablierte Tageszeitung, und hat in der Weihnachtsnummer vom letzten Jahr Carcass zum Album des Jahres erklärt. Unglaublich, aber das hat Peel für uns getan.“

    Kann der Erfolg von Napalm Death nicht einfach mit dem Novelty-Sound des Sängers zu tun haben? Das ist die Band mit dem irren Hundegekläffe, mußt Du haben.

    „Vielleicht, aber so war es doch bei Punk-Rock am Anfang auch, die reine Sensationslust. Neue Musik stellt sich immer zuerst als Novelty-Sound vor.“

    Dig: „Als ich das erste mal Napalm Death gehört habe, habe ich nur gelacht. Heute singen viele so. Oft kopiert, nie erreicht.“

    Jetzt hat sich die Gruppe in zwei Teile gespalten, was wird nun mit dem Zugpferd des Earache-Labels?

    „Nach der Japan-Tour verließ Bill, der Gitarrist, die Band, auch wegen seiner anderen Gruppe Carcass und Lee, der Sänger, ebenfalls. Sie haben dann sofort einen neuen Sänger gefunden, ein Typ namens Barney, alter Freund der Band, der es in diesem Stil noch weiter bringen wird als Lee Dorrian. Er mußte das ganze Repertoire lernen, sie spielen jetzt sogar wieder Stücke von der ersten LP. Ihr neuer Gitarrist spielte bei Terrorizer, einer Band aus L.A., die es schon eine Weile auf Demos zu hören gab und die immer große Fans von Napalm Death waren. Sie haben dann aber immer wieder bei Morbid Angel ausgeholfen oder brauchten Hilfe von Morbid Angel. Und da Morbid Angel immer größer wurden, gab es irgendwann keine Zukunft mehr für Terrorizer. Ich habe sie noch dazu gebracht, jetzt eine LP für uns zu machen.“

    Die Terrorizer-LP ist jetzt auf Earache erschienen und kann es an Härte und gebündelter entschiedener Kraft eindeutig mit den Vorbildern aufnehmen, musikalisch durchaus Death Metal nahe, in der vercoreten NapalmD-Variante, aber dunkler und kräftiger, sind ihre Texte strictly politisch-ökologisch und von der britischen Anarcho-Haltung mehr beeinflußt als von irgendeiner L.A.-Attitüde oder dem Quasi-Crowleyismus von Morbid Angel. Große Band.

    „Mick Harris, der Drummer, ist der wichtigste Musiker bei Napalm Death gewesen, er schrieb die Stücke und war neben Shane Embury, dem Bassisten, immer die treibende Kraft (was man auch gut hören kann, wenn man sie an anderen Instrumenten bei ihrer anderen Band Unseen Terror auscheckt – d. Verf.). Sie werden jetzt wieder auf Tour gehen, Ende November werden sie in Europa sein.“

    Was wird aus Peaceville ohne die Electro Hippies?

    „Toranaga haben ein unglaubliches kommerzielles Potential, aber ich kann sie auf die Dauer, wie gesagt, nicht halten, jetzt dürfte Autopsy wichtig werden.“

    Autopsy dürfte vor allem die musikalisch interessanteste Band auf dem Label sein; so wie Terrorizer und Morbid Angel auf Earache beschreiten sie neue Wege zwischen Death Metal und dem, was sich Grindcore nannte. Aber nicht in Richtung Hochgeschwindigkeit, sondern mit den überraschenden Zuspitzungs-Ergebnissen einer zielgerichteten Wühlarbeit in den Eingeweiden tiefer Töne, um im Bild der Lyrics zu bleiben, die selbst für härtere Fans zu hart sind. Kein Lied, das nicht von Vivisektion, Verstümmelung und Splatter handelt: interessant ist dabei die Perspektive. In „Embalmed“ wird die Mumifizierung aus der Sicht des Leichnams beschrieben, und eine Story von einem paranoiden Killer verrät direkt altmodisches Einfühlungsvermögen. Der Chef der ziemlich einzigartigen Band ist Chris Reifert, Gründungsmitglied der Death-Metal-Legende Death und Drummer auf deren klassischen Debüt-Album Scream Bloody Gore (in Spex 9/87 von Andreas Bach weitblickend gewürdigt), heute will er von dem Begriff nichts mehr wissen, obwohl er meiner Meinung nach musikalisch die richtigste Auslegung davon anzubieten hat, und nennt nicht völlig abwegigerweise St. Vitus als Anregung für die neuen Sachen, mit einem phantastischen, leider nur von Sadus ausgeliehenen Bassisten. Eine Freundschaft zu Carcass brachte den England-Kontakt, dann allerdings lustigerweise nicht zu Earache sondern zu Hammys Peaceville. Wo dann vor kurzem die LP Severed Survival erschien, deren Leichenteil-Cover nur noch von der Verstümmelungs-Collage des Carcass-Cover übertroffen wird. Wieder: die musikalisch fortschrittlichsten Bands.

    Hammy ist auch Produzent: „Ich habe keine Methode, ich will nur das beste aus den Bands rausholen. Ich habe mir allerdings in letzter Zeit angewöhnt, viel Charts-Musik zu hören und zu studieren. Als Produzent. Man kann von einer Madonna-Platte enorm viel lernen, gerade auch als Hardcore-Producer.“

    Dig sitzt auch oft auf dem betreffenden Sessel: „Wir haben keinen besonderen Produktionsstil bei Earache, es muß halt intensiv und extrem klingen.“

    Hammy: „Ich will jetzt nicht Earache beleidigen, aber ich glaube, ihr Sound ist der beste für den Moment, mir geht es eher darum, daß ein Sound in zehn Jahren noch Bestand hat.“

    Als Drummer dient Hammy der extrem streitsüchigen Band Sore Throat, von denen er allerdings scherzhaft meint, sie seien nie gut genug für Peaceville gewesen („Peaceville“ gehört dann neben allen Metal-Zeitschriften, allen Musikzeitschriften, fast allen Punk- und Metal-Bands – vor allem Suicidal Tendencies, Anthrax, Beastie Boys, D.R.I., Sacrilege, Van Halen, Voivod, Metallica, S.O.D., Agnostic Front, Slayer und Venom – zu den in der Scheiße untergehenden Erscheinungen auf dem Cover der Sore-Throat-LP Disgrace To The Corpse Of Sid, allerdings als Hai, der zwar ebenso in der Scheiße schwimmt wie die anderen, aber die anderen Opfer wenigstens noch beißt und bedroht). Sore Throat mischen einen nicht annähernd so druckvoll wie die metalbeeinflußten Briten gespielten, aber bis zur Groteske zugespitzten Schnellcore mit einigen guten Auflockerungen wie Country-Nummern und anderen Beweisen von größerem Blickfeld (neben Heresy stellen sie als einzige Coreler Mitglieder der Indie-Supergruppe, die jetzt 101 Lieder über Sport aufgenommen hat), sowie diverse Abrechnungen mit „Verrätern“: von einem pathologischen Haß auf D.R.I („Dead Rich Individuals“) oder MDC („More Damn Capitalists“) bis zu Exekutionen von – letztes Beispiel – Napalm Death. Ihre erste LP Unhindered By Talent – man beachte den Titel „Hammys Ego“, Text: „Very fucking large“ – erschien bei Meantime und wandte sich Poison Idea zitierend gegen Plattensammler („Still Pretentious Arseholes“), Billy Milano und Amerikaner im Allgemeinen („Invasion Of The Amerikaan HC Clones“) auf nur 52 Stücken, ihre zweite, Disgrace To The Corpse Of Sid, schaffte es mit der vermeintlichen Rekordmenge von 101 Songs auf einer LP (wir kennen natürlich inzwischen die 7″ von Seven Minutes Of Nausea mit über 700 Songs) auf den ersten Platz einer diesbezüglichen Tempo-Liste und erschien bei Earache, die dritte als Sore Throat erregte nun den Ärger der hier anwesenden Konkurrenten. Never Mind The Napalm beleidigte den dicken Shane Embury aufs Primitivste und erklärte Napalm Death als Ganzes den Krieg (Ausverkauf? Metal? Man weiß es nicht, und wie halten sie’s mit Hammy aus?). Hammy distanziert sich ein wenig von der Affäre, dann wieder nicht, beide Parteien sind sich einig, daß man ja doch prima miteinander auskomme, Dig möchte heute aber nicht zulange über Sore Throat sprechen, und alle sind sich einig, daß die Presse den Streit übertrieben hätte, so daß manche nun beiden vorwerfen, sie hätten alles nur inszeniert, um wochenlang die ersten Seiten des NME und das Gehirn von Steven Wells zu füllen. Als wir dann allerdings auf die unter dem Namen Saw Throat erschienene musikalisch mit Abstand interessanteste LP der Band kommen (Inde$troy), meint Dig nur, er wisse nicht, was das mit Erweiterung zu tun hätte, für ihn seien das verdammte Pink Floyd oder Hawkwind (vgl. Review in Spex 10/88). (Hammy: „Wir haben endlich eine Platte machen wollen, die ernst genommen wird, und uns entschlossen, eine superernste zu machen.“) Es bleibt festzuhalten, daß sich Sore Throat personell in ständigem Mitgliedertausch (bis zur Identität) mit der anderen Peaceville- und klassischen HC-Band Doom befinden, die von allen Anwesenden herzlich zur Discharge-Revival-Band erklärt wird (und gegen die man ebenso wenig haben kann wie gegen die Instigators, nur daß sie einen wie mich nie dazu gebracht hätten, einen Artikel über einige Repräsentanten der britischen Hardcore-Szene zu schreiben) und als einzige aller genannten über Humor verfügen, einen Humor, der nie ganz durchschaubar ist, wenn in einem der „ernsteren“ Anti-AKW-Stücke die Zeile steht: „accidents happen, you hide the truth, look at Chernobyl, there’s the prooth“.

    Martin: „Glaub nicht im Ernst, daß die Humor haben, das sind Typen, die sich sehr ernst nehmen und keinen Millimeter Distanz zu sich selbst haben.“

    Hammy: „Diese ganzen Parodien und Anschuldigungen haben die ja gerade gemacht – ich hatte außer auf dem Inde$troy-Album nie allzuviel zu sagen –, um darauf hinzuweisen, daß es uns ernst ist mit den Werten von Hardcore, daß Hardcore kein Begriff ist, den man der britischen Presse überlassen sollte, die ihn aufbaut, sich zu eigen macht und anschließend wieder fallen läßt. Wir glauben wirklich an Hardcore als Lebensweise, wir glauben daran, daß wir klassenlos zusammenleben können, wir glauben an eine ökologische Wirtschaft etc. Man soll mit uns nicht umgehen wie mit den Sugarcubes, die erst jeder liebte und jetzt jeder fertig macht.“

    Ihr habt nur einen Konkurrenten, wenn es darum geht, die lange vakante Idee einer wirklich neuen Musik nochmal zu beleben, einen Konkurrenten, dessen Musik, wie auch bei euch, versucht, jenseits des Melodischen, zwischen Geräuschen, heftigen Rhythmen und Bildern verbindlich Intensitäten aufzubauen – das wäre Hip-Hop. Wie steht ihr dazu? Und statt mir diese blöde Frage zu beantworten, beantworteten sie mir die, was eigentlich der Unterschied zwischen Earache und Peaceville sei, zwischen den scharfen, intensiven Produktionen für den Moment und dem Programm für die Ewigkeit.

    Dig: „Ich liebe Hip-Hop. NWA, Daumen hoch!“

    Martin: „Yeah, Public Enemy, groß. Ich habe bei NWA immer Probleme, wenn ich Platten öffentlich auflege: die Texte sind schon zum Teil übel.“

    Hammy: „Ich mag Hip-Hop eigentlich nicht, für mich klingt das fast immer zu dünn produziert, zu industriell, es hat keine Tiefe. Ich stehe auf klassischen Dub, Musik mit Tiefe …“ Andere absolute Favorites in Sachen Einfallsreichtum sind ihm die Butthole Surfers und – believe it or not – Kate Bush, für die er als 16-Jähriger gräßliche Trampererlebnisse auf sich nahm.

    Und wie Hip-Hop und Dub unterscheiden sich etwa auch Earache- und Peaceville-Produktionen, wenn man von den für sich stehenden Bands wie Terrorizer, Morbid Angel, Carcass oder Autopsy und Decadence Within absieht, letztere haben übrigens eine noch unerwähnte weitere originelle Methode entwickelt, in langen, oft unübersichtlichen Riff-Gebirgen und ebenso schroffen Tälern, in bis zu zehn Minuten langen Stücken die gemeinsame Wahrheit von Core und Metal zu finden. Und die man sich trotzdem ebensowenig auf Earache vorstellen könnte wie manch konventionellen Hardcore von Peaceville oder deren neues, für ganz neue, vielen suspekte Orientierungen geschaffenes Sub-Label „Major Records“, sogar mit einer Pop-Sängerin namens Kay Field und einer LP der reinen, aber guten Metal-Band Talion.

    „Das Lustige ist, daß John Peel uns immer noch spielt, Autopsy, Carcass, obwohl er Metal haßt, also muß es wirklich etwas Neues und Anderes sein. Die Musik mußte einfach extremer werden, weil man ja Eltern, die selber noch in frühen Punk-Konzerten waren, irgendwie anders schocken mußte, anders wäre das nicht mehr gegangen. Außerdem ist das Leben natürlich insgesamt intensiver und härter geworden.“

    So wie amerikanische Musik immer schon, wenn sie weiter wollte, sich erweiterte, Kontakt zu anderen aufnahm, die berühmten Barrikaden niederriß und weiterging, weil sie aus einem Land der großen Räume kommt und ein Weg der Dissidenz eben immer noch das individuelle Abhauen ist, war der Weg englischer Musik immer Zuspitzung, etwas was in der ersten Punk/Hardcore-Welle und auch in den meisten anderen englischen Musiken irgendwann, spätestens 83, fruchtlos wurde, und sich neue aufbauen mußte, inhaltlich wie musikalisch und in den verschiedensten Bereichen. Die Ernte dieses Aufbaus ist das, wovon ein Teil auf Earache und Peaceville erschienen ist, hier nur als kleiner Ausschnitt möglich. (Nicht erwähnt wurden, obwohl sie es verdient hätten: die weitsichtigen, aber amerikanischen Repulsion, Deviated Instinct, Axegrinder, Bolt Thrower, Atavistic, das Children-Of-The-Revolution-Label, der Vorgänger von Manic Ear Records mit frühesten Speedcore-Veröffentlichungen von Chaos UK, Depraved, Vicious Circles, Doctor & The Crippens, Heresy’s In Your Face Records, Dan, aus denen besagte Indie-Coreler und Blyth-Power-Freunde Sofa Head hervorgegangen sind u. v. m.) Daß Tierversuche und Vegetariertum zu zentralen Issues geworden sind, andrerseits dieselben Leute zum Teil begeisterte Splatter-Fans, ist dabei als eine wichtige und notwendigerweise oberflächlich widersprüchliche Codierung des existentiellen und nicht-relativierbaren Inhalts dieser Musik/Bewegung zu lesen, nicht (nur) als Diskussionsbeitrag. Wie Progressivität jenseits alter Fortschrittsvorstellungen und Vernunft-Terror gehen soll, ohne in die Barbarei zu verfallen, kann nur an deren Abgrund wahrscheinlich sich herausstellen: in der Erschütterung des Körpers und seiner buchstäblichen wie symbolischen Innereien (und deren vollständiger Abbildung in Ton, Wort und Bild).

    Und daraus den wichtigsten Wert jeder „heutigen Jugend“ gewinnt: Unversöhnlichkeit.