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  • Morrison – A Thousand Gals, A Thousand Thrills

    „Before you slip into unconsciousness …“

    Wieso Bewußtlosigkeit? Wieso schläft sie nicht einfach ein? Himmel, Kinder, was habt ihr zusammen gemacht? Hat er sie ins Koma gefickt, „wild, brutal und hungrig“ (Tempo)? Oder haben sie „was genommen“ (Erik Ode), liegt sie gar im Sterben, und er berauscht sich an süßer Trauer wie dereinst Iggy Pop – eine besonders fiese Tradition begründend – in „Tonight“?

    „I’d like to have another kiss, another flashing chance of bliss, another kiss, another kiss!“

    Sex als Erkenntnis, oh uraltes Motiv: Ein Kuß sagt nicht nur mehr als tausend Bilder. Ist er nicht der einzige Weg heraus aus dem verspiegelten Labyrinth? Der wahre „Durchbruch zur anderen Seite“, nämlich zum anderen Menschen. Der Erfolg der Doors – nicht in den Charts, sondern als Archetyp von Underground-Kultur (neben Velvet, Dylan, Beatles, Stones und Who – alle Sprechweisen weißer Gegenkultur lassen sich auf eines dieser Modelle zurückführen) – liegt daran, daß sie bzw. ihr Sänger, der verstorbene Dichter Morrison, dieses bei Philosophen, Journalisten und Jugendlichen gleichermaßen unsterbliche Motiv in einem Moment rekonstruiert hatten, wo es, zumindest in den Augen der Zeitgenossen, eine Chance hatte, in der Geschichte realisiert zu werden: die große Pop-Situation – einer der vielen Wege, Lehren, Ideen, Haltungen des alten geilen Geistes darf plötzlich Recht haben, die Welt mit ihren vielen gals und thrills überzeugen, übernehmen. Und immer, wenn als Menschenrecht politische Befreiung oder Verwirklichung der Poesie in die Geschichte fällt, was die Väter des Abendlandes ins Reich der Kunst und der Metaphysik verbannt haben, entstehen die großen, nicht totzukriegenden, sich selbst unklaren, kollektiven Phantasien, aus denen der trunkenste Fanatismus genauso gespeist wird wie die „richtigen Ideen der Menschheit“. Im Publikum dieser großartigen Inszenierung Rimbaud-führt-via-Massenkultur-Dynamik-ein-Millionenheer-von-poètes-maudites-zu-einer-bacchantisch-bayreuthenen-Revolution saß auch der heute bekannte Bombastik-Buff-Regisseur Oliver Stone. Doch statt nach Hippie-Bayreuth war sein Ticket nach Vietnam ausgestellt. Für Bayreuth ein ganz typischer Fehler im Fahrkartencomputer, für Oliver Stone noch heute ein Grund zum Grübeln und Geldverschleudern.

    Seit jenen fünf Jahren zwischen der ersten LP und L.A. Woman spukt, wie alles, was „zu verwirklichen versäumt ward“, in der (Jugend-)Kultur als Mythos herum: Im Sexualakt vollziehe sich ein Einswerden mit dem anderen (Beteiligten, der anderen Seite), das nur mit den privilegiertesten Erkenntnismodi und ichverlustigsten States Of Mind (Mystik, Droge, Psychose) zu vergleichen sei (Hat doch jeder schonmal erlebt, oder? Die Sache? Oder die Idee? In diesem Fall ist „die Sache“ eben eine Idee). Die Kennmarke dieser Erfahrung (Sache? Idee? Halluzination? – „Sag schon, wie war’s, habt ihr die Sache gemacht?“) ist das auf Postern idealisierte Gesicht des mythendienlicherweise in Paris gestorbenen Generalssohns aus Los Angeles, das nicht nur aussah „als hätten es sich zwei Schwule am Telefon ausgedacht“ (Nik Cohn, Rock Dreams), sondern vor allem sexy und weise zugleich und damit zeitgenössischen Konkurrenten wie Sky Saxon oder Mick Jagger überlegen. Und diese einmalige, patentierte Kombination umfaßt auch alles, was sich, von den Inspiral Carpets bis zu Nick Cave, Orgelbenutzer und singende Dichter als das Höchste des in Pop Erreichbaren vorstellen können: Der fleischgewordene, blickgewordene Beweis, daß prettiness und poetry, Sexy und überlegenes Cool nicht nur kombinierbar, sondern ursächlich verbundene zusammenhängende Sachen, zwei Seiten einer Königsidee, einer kosmischen Medaille sind, die nur von Hochschulen, Hohepriestern und Heinis auseinandergerissen wurden, um die jungen Leute von der Straße (= „The Golden Road“) zu holen.

    „I was doing time in the universal mind, I was feeling fine. I was turning keys, I was setting people free. I was doing alright. Then you came along with a suitcase and a song, turn my head around. Now I’m so alone just looking for a home, in every face I see: I’m a freedom man. I’m a freedom man. I’m a freedom man. That’s how lovely I am.“

    Was macht er jetzt beim Weltgeist? Nur vier Jahre liegen zwischen der vergleichsweise unschuldigen Sex-Metaphorik des „Crystal Ship“ oder des „Fire“, das sie „lighten“ soll und dieser von einer Frau gestörten Ruhe im Weltgeist. Die drei Stufen dieser Story sind die Essentials der ganzen Morrison-Geschichte: Coole Überlegenheit und totale Kontrolle wird durch die (ersehnte) Begegnung mit Frau (den Koffer voller Songs, klar, ohne diese Begegnung hätte es nur wenige Anlässe zum Schreiben von Songs gegeben) erschüttert, empfindet sich nun als Einsamkeit, stellt sich der Lage existenzieller Einsamkeit (später sollte er dies verkitscht: „into this world we’re thrown like a dog without a bone“ nennen) und erkennt sie als Freiheit. Die Philosophie des 19. Jahrhunderts in drei Minuten, live, vor dem kreischenden Auditorium von „cities throughout the United States between August 1969 and June 1970“. Das waren die Sixties, Mann, Culture Industry gone crazy. Schallplattenfirmen, bis dahin winzige Geschwister der Film- und Fernsehgesellschaften, wachsen im gleichen Irrsinnstempo wie die kreischenden, berauschten Massen, die den Dichtersängern zuhören, die im gleichen Maße zunehmend maßloseres Zeug von sich geben. Bezeichnend, daß der Aufenthalt beim Weltgeist als Gefängnisaufenthalt („doing time“) beschrieben wird, die Freiheit, sich von Frauen verunsichern zu lassen, als Voraussetzung von „lovely“.

    In der Zwischenzeit ist Morrison die politische Dimension seiner Handlungsweise von den mobilisierten Massen (von vor allem Mädchen) ebenso zurückgespiegelt worden wie von Leuten wie dem rührenden Helfershelfer in der Ed Sullivan Show, der Morrison an der lustigsten Stelle des Oliver-Stone-Films bittet, im Fernsehen doch nicht zu singen: „Girl we couldn’t get much higher“, sondern stattdessen bitte better einzufügen. Er weigert sich und übernimmt damit eine Rolle. Im Universal Mind, wieder Gefangener/Gefängniswärter im Weltgeist? Oder: Übersetzungsfehler? Universal Mind sollte vielleicht eher sowas wie „Kosmisches Bewußtsein“ als Weltgeist sein, nehme ich an. Die Bhagwan-Lehren hörten sich für mich sowieso immer schon an wie traurig versteinerte Morrison-Lyrics. Und es kommt noch dicker: Immer, wenn er den Song singt, aus dem ich nun zitiere, erhält Morrison im Film auf der Bühne Besuch von indianischen Schamanen, die mit ihm zusammen abraven:

    „Not to touch the earth / not to see the sun / nothing left to do but / run, run, run / (…) / Some outlaws lived by the side of the lake / The minister’s daughter’s in love with the snake“

    Komm, du Dali-Gemälde gewordene Pracht von einer Traumdeutungs-Psychoanalyse-Klebrigkeit, umschlinge mich lianengleich mit den in die existenzielle Nacht geworfenen, vergifteten, süßen Tentakeln deiner gallertartigen Begierde! Die Pfarrerstochter und die Schlange, Adam und Ewald, die Arche Boa, Vadder Abraham und Mann oh Mann Moses. Doch das mit den Outlaws stimmt, ich habe es dieses Frühjahr überall in Kalifornien gesehen. Trübe, tote Lakes und drumherum siedelten schiefmäulige Outlaws in Trailer-Parks. Jahrelang habe ich zumindest diese Zeile zu Unrecht für trübesten Kitsch gehalten. Vielleicht darf ich mir auch über die anderen einfach kein Urteil erlauben, als atheistisch erzogener Hamburger (royal), über die religiösen Gefühle meiner Mitbürger. Außerdem habe ich es gerade nötig: Denn ich war es, der das Licht löschte (komischerweise nicht, wenn die Musik aus war, sondern als sie begann), setzte mir die pfundschweren Siebziger-Kopfhörer auf, legte Absolutely Live oder Waiting For The Sun auf die Dual-Kompakt-Anlage und verflüchtigte mich aus meinem Kinderzimmer in den von Morrisons mächtigen Mund geöffneten Hohlraum. Ich habe dabei allerdings nicht ein einziges Mal an Sex gedacht. An Dichtung vielleicht, an Hieronymus Bosch oder was man damals so statt Splatter an wirrer Gestalt anbetete. Vielleicht habe ich gedacht, daß ein ferner, sonnenuntergangsschwül befreiter Big-Sur-Erwachsenen-Sex sich so anfühlen müßte. So süß und wasted. Aber geil fand ich das nicht.

    Doch Spaß beiseite: Jede Jugendbewegung reagiert ja immer auch auf die in der Pubertät sekundär und endgültig erlebten, gewaltsamen zivilisatorischen Trennungen von z. B. „Körper“ und „Seele“ und versucht zu retten und zu rekonstruieren, was zu retten und zu rekonstruieren ist (deswegen sind Jugendliche auch immer so reaktionär). Es gibt natürlich nichts zu rekonstruieren, weil die Dynamik des Älterwerdens, Mehrwissens etc. (s. a. „Sex“, das ins Soziale Fallen der Wünsche) in dieser Bewegung eine vorwärtsgerichtete ist. Dazu kommt das Gefühl, es beim eigenen Heranwachsen mit objektiver geschichtlicher Entwicklung zu tun zu haben, die alle angeht. So verwechselt man den Wunsch, Kinderglück zu rekonstruieren, mit dem Kampf für die Schönheit und Gerechtigkeit der nächsten Welt (und dieses Mißverständnis ist so berechtigt und produktiv, daß es noch heute jede Glorifizierung von Jugendkultur – z. B. von mir – hinreichend begründet). Es reißen nur immer die berühmten Lücken auf, zwischen Fühlen und Verstehen. Schrecklich, aber ich habe damals immer nur den Wunsch gehabt, die Intensität, von der ich oft las, und wie ich die Momente nannte, wenn Eindrücke, Versprechungen und klebrige Surrealistenscherze von keinem inneren Apparat mehr gelesen werden konnten (WEIL: SO NEU!), die Intensität möge mein Leben nie verlassen (die Kraft möge mit mir sein), ich dürfe nie vergessen, wie intensiv dieser Baum, Joint, Romansatz, dieses Mädchen sei. Und dann schreibt man das naheliegenderweise auch noch hin, weil man ja noch nicht weiß, daß das Gefühl der Intensität gerade im Versagen der Sprache besteht. Das Hinschreiben wird dann ein elender Versuch, etwas in den Griff zu kriegen, dessen Reiz darin bestand, daß man es nicht in den Griff bekam. Man nennt diese Schreibposition pubertär. Jim Morrison hat diese Position nie verlassen, aber er hat ihr unglaubliche Kraft abgezwackt, weil seine Band so gut, seine geschichtliche Neuheit so neu, die historische Lage der Kulturindustrie so dynamisch, Kriegers Melodien so souverän, Manzareks Orgel so verführerisch waren, daß dieser Position plötzlich die Dignität zukam, die sie verdient. (Ich bin heute aber auch generell gegen jene billigen, von mir selbst oft genug erhobenen Einwände gegen „pubertäre“ Texte: Gerade, worüber man nicht reden kann, muß man reden/schreiben/singen – eine gute Band hilft ungemein.) Die genuin pubertäre, als uncool-unkongruent empfundene Mischung aus „Erfahrungshunger“ (Rutschky) und Regressionsphantasien, aus Expansion, Einverleibung und „Weg nach Innen“ (Hesse), Ichverlustsehnsucht („Let me sleep all night in your soul kitchen, warm my mind near your gentle stove“), „Todestrieb“ (Freud) und Strangeness („Strange days have found us“, „People are strange“, „This is the strangest life I’ve ever known“) hat niemand so wirksam inszeniert wie die Doors, nämlich zu einem neuen einheitlichen Gefühl erklärt, das sich als eine Stärke empfindet. He gave Pubertät einen guten Namen, einen, den man brauchen konnte, in jeder Hinsicht. Das schätzen noch heute so verschiedene Menschen so verschiedener Generationen wie die Inspiral Carpets, Julian Cope, Oliver Stone, Nick Cave oder ich an ihm bzw. an den Doors (ein Sonderfall sind die Stranglers: die besten Doors ohne Jim Morrison, die Bandidee-gewordene Einsicht, daß man mit diesem Sound alles verkaufen kann). Die millimetergenaue Verstrebung von maßlos kindlicher, schwacher, narzißtischer Trauer und sich im Hymnenhaften ausdrückendem Allgemeingültigkeitsanspruch, abgefedert wiederum von einem R’n’B, der noch Spuren eines anderen Anderem, nämlich sozialer Wirklichkeit trug, war eine überall angerissene, aber nirgendwo so perfekt bestimmte ästhetische Formel für die verschiedenen Kräfte, die sogenannte Jugend/Hippie/Protest-Kultur bewegten. Und diese Umsetzung war vor allem musikalisch groß. Ich lese ein Exemplar der L.A. Times aus dem Sommer ’65. Mehrere Spalten schreibt ein Idiot über ein Konzert der „britischen“ (!!) Blues-Band Captain Beefheart & The Magic Band, um in den letzten drei Zeilen die lokale Vorgruppe ganz richtig zu loben: Unfaßbar, wie diese Doors aus drei Instrumenten einen derart vollen Sound rausholen.

    „Go real slow, you’ll like it more and more. Take it as it comes. Specialize in having fun!“

    Morrisons Namen für die Erlösung aus den Aporien der Pubertätssituation waren „it“ (dasjenige, was man nehmen soll, wie es kommt, bzw. das, was die Männer nicht kennen, aber die kleinen Mädchen verstehen) und „The Other Side“, an die er von der ersten Pressebio in den mittleren 60ern bis zur späten Lyrik unerschüttert glaubte. Tatsächlich gab es einen Unterschied zwischen beiden. „It“ war das als fremd anerkannte Unvorhersehbare an Lust, Leben und Liebe. Die „other side“ entpuppt sich – natürlich – im echten Leben Morrisons immer mehr als sein eigenes Spiegelbild. Die Einheit von sexueller und mystischer Erfahrung der ersten Doors-Platte geht von Strange Days an langsam verloren. „People“ und „days“ werden „strange“, die Beziehung zu ihnen bedrohlich, gewalttätig oder routiniert. Die unglaubliche Mischung aus Bubblegum und Rimbaud, aus „little girls“ und „understand“ in „Hello, I Love You“ oder „Love Street“ von Waiting For The Sun hebt dieses Problem und seine Geschichte nochmal exquisit auf. Später kommen die Frauen nur noch als der abartige Kitsch einer „L.A. Woman“ (großer Song natürlich), Rockerbräute („Queen Of The Highway“) oder Prinzessinnen vor, Nachfahrinnen des verlorenen little girls aus dem zweiten Stück der ersten Seite der zweiten Doors-LP. Die „other side“, die mystische Erfahrung, löst sich derweil ab, besiedelt klassisch-lyrische Kitschgegenden („Andalucia with fields full of grain“) und sperrt den Leadsänger, ohne seine die Widersprüche in der Schwebe haltende Band, in den Käfigen des archetypischen Rock-Narzißmus ein. Das weiß auch Oliver Stone, der dies immer wieder ansatzweise inszeniert. Wenn dann aber wieder die Schamanen einmarschieren, sitzt Stone der Autorität seines Lieblingslyrikers auf: Er glaubt ihm aufs Wort, so wie ich damals.

    Ein im Nebenzimmer gesungenes „Break On Thru (To The Other Side)“ bestärkte mich, den ersten Trip zu nehmen. Ein anderes Mal war ich auf einer Party mit kiffenden großen Jungs, immer noch 15, am Alsterufer. Die kiffende schweigende Eintracht am Trauerweiden gesäumten Ufer war so wunderschön, schien so viele wichtige Unaussprechlichkeiten von diesem Spätsommerabend für ein tolles neues Leben aufzubewahren, das ich mir ein für alle Mal unter dem Namen „Summer’s Almost Gone“ aufzubewahren entschlossen hatte. Das war der Name des Liedes, das auf der Waiting For The Sun-LP, der romantischsten Doors-Platte, nach der Story von der Pfarrerstochter und der Schlange kam. Danach nur noch das schlaffe „Wintertime Love“ und dann das doofe „Unknown Soldier“, der blödste Protest-Song aller Zeiten. Aber wenn der kam, war ich unter der Last von Kopfhörer, Cannabisschwere und poetischer Einbildungen meist schon eingenickt: „We had some good times, but they’re gone / the winter’s coming on / summer’s almost gone.“

    Und mit dem Summer verschwand Morrisons einmalige Aussage: Teenage-Lust als Erschütterung bombastisch-pathetisch zu würdigen. An ihre Stelle trat der sich selbst zelebrierende narzißtische Lizard, das große authentische Rock-Monster, das furchtlos alle Grenzen überschreitet, um immer wieder nur bei sich selbst zu landen. Es gab keine kleinen, verlorenen, strangen, coolen oder sonstwie bewundernswerten Mädchen mehr, sie wollten alle nur noch den Star, der logischerweise bei ihnen nur noch sich fand. Aber bei allem Narzißmus hatte Morrison in der aufgepeitschten Teenage-Sex-Druxplosion, die damals ja wirklich in einem unvorstellbaren Maße stattfand (ein Umstand, zu dem Stone nur einfällt, die bombastischste Materialschlacht an irren Kameradrehern, plötzlichen Zeitlupen und -raffern, Schnitten, Dolby-Dollars abzufackeln, die die Menschheit je gesehen hat), hatten die Doors etwas etabliert, das nicht mehr zu verdrängen war. Alles um sie herum war entweder geschlechtlos-urkommunistisches Hippie-Kollektiv (Grateful Dead) oder Geburt einer nur expansiven neuen Männermusik (Cream). Nur bei Morrison wird aus „another kiss“ übergangslos ein „Crystal Ship“ – ein Ship mußte es schon sein: Er war Rimbaud-Verehrer –, aus einem (eben nicht) schlichten Fick eine Reise auf einem „Highway to the end of the night“ (er hatte auch Celine gelesen bzw. einen Romantitel gekannt). Das kinskianische Coito („Ich ficke also bin ich“), das in den letzten Jahrzehnten von großen Männern (und nicht nur Männern) wie Serge Gainsbourg oder eben in KKs Ich brauche Liebe zur Formel eines einsamen, „intensiven“ „Erkennens“ (Moses) erhoben wurde, am Ende jenseits jeder Gemeinsamkeit und Geschichte eingeschrieben in eine bei allem Spaß doch ewige und finstere Männertradition, bleibt bei Morrison ein ungelöstes, aber schönes Problem: In die Ekstase bricht ein, mal als Trivialpsychoanalyse („The End“), mal als Pädophilie oder Omnipotenz („You’re Lost Little Girl“) oder mit Mystik („Yes The River Knows“) getarnter, Widerstand leistender Gegenstand der Erkenntnis (Anderer Mensch, Welt, Differenz).

    Morrison erkennt den anderen immer noch an, und der Narzißmus fällt – nicht rationalisiert – auf ihn zurück, quälend und immer präsent, gerade da, wo er ein Anderes, Äußeres anerkennt. Und: Er weiß, daß „the men don’t know, but the little girls understand“. Wer will ihm vorwerfen, daß er dabei schwülstig werde. Der Schwulst ist der Königsweg zu little girls who understand (Elvis Presley, Nick Cave, P.J. Proby). Aber er ist auch ein achtspuriger Highway zum Narzißmus und seiner Rechtfertigung durch die Rede von Authentizität. Und am Ende wird der Weg verbaut sein, die girls grown up, und der Betreffende bleibt allein in seinem Schwulst.

    Am erschreckendsten fand ich, daß ich, als ich begann, über diesen Artikel nachzudenken und Doors-Platten zum ersten Mal seit 15 bis 20 Jahren wieder anhörte, daß ich jedes Wort, jedes Detail noch so genau kannte, wie bei kaum einer anderen Band, obwohl ich die Doors und ihren Mythos in mehreren aufgeklärten Phasen aus meinem Kanon und geistigen Erbe verbannt und auch nie richtig rehabilitiert hatte. Selber ein hingebungsvoller Rimbaud-Leser um 1975, haßte ich 1980 nichts mehr als die Linie Rimbaud-Morrison-Patti-Smith-Dylan. Nachdem alle ihre verdiente Rehabilitierung im Laufe der 80er erfahren hatten, blieb Morrison der einzige poète maudit. Warum? Weil seine Gedichte wirklich die Pest waren? „Horses Latitudes“ zum Beispiel, ein blöder Quatsch, wie ich ihn mit 14 dreimal täglich verfaßte? Aber nur, wenn er sie als GEDICHTE vortrug. Hätte er überlebt, wäre er vermutlich als poetische Pestbeule in tausendundeinem Wenders-, Jarmusch- und Syberberg-Film geendet: Bis in alle Nächte bärtig mit Mickey Rourke und Tom Waits Brüderschaft trinkend. Nik Cohn warf ihm in seiner bekannten popistischen Manier voraussehbarerweise vor, er sei schnell von einem brauchbaren, rauhen Blues-Rocker-Gesellen zum unerträglichen Gymnasiastendichter und drittklassigen Rimbaud-Epigonen degeneriert. Wie falsch das ist, kann man kaum mit Worten ausdrücken: Man müßte es schwülstig singen. Aber dennoch: Gerade weil er drittklassigen Rimbaud mit Howlin-Wolf-Sätzen, wie man heute sagt: „zusammendachte“ (als Rimbaud drittklassig, als Doors-Lyrik meistens großartig, von Peinlichkeiten wie erwähnten „Horses Latitudes“, Teilen der „Celebration Of The Lizard“ oder „Spanish Caravan“ mal abgesehen: Man muß sich ja vor allem klar machen, was für ein unglaublicher Unterschied zwischen vor kreischenden Massen gesungenen und in ein Buch hineingeschriebenen Texten besteht. Das vernachlässigte aber nicht nur Nik Cohn, sondern auch Morrison selbst, der schließlich Lyrikbände wichtiger fand als Massenkultur, nach Paris ging und starb).

    Und bei aller tragischer „Entwicklung“ blieb die Spannung zwischen hübschem Pop-Boy mit szüszen Sex-Anspielungen und schwerblütigem Dichter-Peinsack gewahrt. Das Hin und Her ist auf jeder LP spürbar, wird aber später noch von einem total ausgedachten Rocker-Ego überlagert, mit Highway- und Road-Stories bis zum Abwinken. Hier wird dann aus dem Scheitern seiner diversen Sehnsüchte und „Projekte“ geile, blöde, geniale Rock-Routine. Americana, Traditionals. Der Roadhouse-Blues und seine unsterbliche Road-Movie-Weisheit zwischen Suffkopp und ewigem Licht: „The future’s uncertain and the end is always near.“

    Hier nun tritt Oliver Stone auf den Plan, dem es vor allem um zwei Dinge ging: Den historischen Massenerfolg der Doors auf denkbar bombastische Weise zu behaupten, und darum, seinen Glauben an die (falsche) Identität von Leben und Kunst im Falle Jim Morrisons auszudrücken, die sich dann lehrreicherweise als Grund für präzise das Scheitern von Morrison und des Films über ihn herausstellt. Stone verwechselt, wie Morrison das auch getan haben mag, die Gleichsetzung historischer Aufgabe mit persönlich-psychologischer Entwicklung – die wir am Anfang als essentiell für Jugenddrive, speziell die Sixties, beschrieben haben, als produktives Mißverständnis – mit einer (dauerhaften) Errungenschaft, einer Eigenschaft großer Kunst. Einfach mit Kunst kriegt man aber keine x Millionen Mädchen vor Mikro und Lederhose. Im Film sieht nicht nur Val Kilmer haargenauso aus wie Jim Morrison (schreibt im Privatleben auch Gedichte), hat exakt die gleiche Stimme (so gleich, daß es fast nicht auffällt, wenn er einen Song des echten Morrison zu einem Original-Doors-Soundtrack aufnimmt und weitersingt oder ausschmückt), er redet auch unausgesetzt in Songzeilen, fängt mitten im Alltag an zu komponieren und zu dichten, begegnet unausgesetzt Leuten wie Warhol, Nico, die auch unausgesetzt ihre bekanntesten überlieferten Sätze von sich geben, und wenn seine Freundin zuhause in seinen Papieren wühlt und gedankenverloren ein paar Zeilen daraus liest, sind das natürlich auch die berühmtesten Sätze aus der „Celebration Of The Lizard“. Dazu kommt, daß er ständig fickt, säuft, drogt, rumexzesst, dekorativ kaputtgeht, an schwarzen Messen teilnimmt, Bullen provoziert, raunt, Schamanen begrüßt, Fastselbstmorde inszeniert, wieder säuft, wieder fickt, etc. Tierisch ungesund. Kein Wunder, daß die Darstellerin von Jims Girlfriend, Meg Ryan, nach den Dreharbeiten meinte, der Film müsse als „cautionary tale“ verstanden werden, als Warnung an die heutige Jugend: Nie wieder Sixties, nie wieder Krieg!

    Jim Morrisons Botschaft, und die beste, die Hippies überhaupt anzubieten hatten, war tatsächlich die, „es“ zu nehmen wie es kommt, das Andere, „the other side“ aller Dinge, das Fremde, die Differenz als Differenz zu genießen. Die Tragik dieser Botschaft ist die aller menschlichen Errungenschaften, die professionalisiert werden, der Kontakt zum Anderen wird zur Routine des eigenen, auf der other side begegnest du DIR SELBST. Und eine Selbstverwirklichungsrhetorik dämpft dieses niederschmetternde Ergebnis ab. Oliver Stone hat versucht, auf geradezu groteske Weise eine Identität zwischen Mensch und Mythos, eine „Authentizität“ herbeizuinszenieren, ohne zu berücksichtigen, daß seine Doors-Verehrung, -Wahrnehmung ausgerechnet in Vietnam auch nur auf einem fruchtbaren Mißverständnis beruhen konnte. Damit hat er genau die Leitidee des Rockism gestaltet, an der Morrison gestorben ist. Lustig ist sein Film nur überall da, wo man sieht, wie inszeniert daß sich die Balken biegen diese Idee ist, überall da, wo man die Differenz von historischem Kasperletheater mit Crispin Glover als Andy Warhol und einem – historisch viel zu späten – Edie-Sedgwick-GoGo-Girl zu dem, was man aus Warhol-Filmen kennt, wahrnehmen kann. Und die letzten Sekunden sind gut: Sie zeigen den Friedhof Père Lachaise und einige seiner berühmtesten Gräber, am Schluß das vom Lizard King. Die berühmteste Grabstätte der Rock-Musik. Weiß irgendwer, wo und wie Hendrix, Lennon, Bolan, Buckley, Joplin, Dennis Wilson und Sid Vicious liegen? Warum ist Jim Morrison so geil tot?

    Meine Doors Top 22

    The Doors, 1966

    1. „Break On Thru (To The Other Side)“. Nimm einen Trip. Tu etwas Verbotenes. Verschwende deine Jugend. Gehe über Los, ziehe Milligramm 4.000 ein!

    2. „Backdoor Man“, von Willie Dixon und Howlin Wolf: „I’m a backdoor man / The men don’t know / But the little girls understand …“

    3. „Take It As It Comes“. Schlender die Straße runter, triff zufällig den wilden Watz, geh mit ihm auf Reisen, laß ihn sitzen. Sei Spezialist im Spaß haben.

    Strange Days, 1967

    4. „Strange Days“. „Strange days have come / Strange days have tracked us down / They’re going to destroy / Our casual joy.“ Den joy aus Song 3 nämlich, leider. Die verhallte Stimme reicht allein aus, um einen Neugeborenen 24 Stunden (Jahre) auf Trip zu schicken. „Voices will signal their tired end.“

    5. „You’re Lost Little Girl“. Morrison at his Kinskiest. Das verstehende kleine Mädchen ist verloren und genießt es.

    Waiting For The Sun, 1968

    6. „Hello, I Love You“. Rimbauds Spearmint Gum hält dich immer bei Laune. Ein martialischer Monkees-Song, der in ein schwarzes Loch kippt.

    7. „Love Street“. Ode an das coole Hippie-Mädchen: „I see you live on Love Street, there’s a store where the creatures meet. I wonder what they do in there. Summer, Sunday and a year. I guess I like it fine, so far“. Bester Doors-Song aller Zeiten.

    8. „Summer’s Almost Gone“. Siehe oben und „At night we swam the laughing sea / When the summer’s gone / Where will we be?“ Wer nie nachts auf dem lachenden Meer geschwommen ist, wird er es je verstehen?

    9. „Five To One“. „They’ve got the gun, while we’ve got the number. Gonna win, yeah, take it over. Come on!“ Genau, wir sind nämlich auch das Volk.

    The Soft Parade, 1969

    10. „Touch Me“. Der Doors-Song für Tom Jones. Von Zeitgenossen als „kommerziell“ verschriener Vegas-Schmachtfetzen mit Bläsern.

    11. „Running Wild“. Eklektizismus mit Country-Fiddlen, angefreeten Jazz-Bläsern und Punkrock-Dynamik.

    12. „The Soft Parade“. Musikalisch schönster unter den langen Doors-Songs, voller Tonart-, Tempo- und Stimmungswechsel. Jazz. Und: „When I was back there in seminary school, there was a person who put forth the proposition that you can petition the Lord with prayers. Petition the Lord with prayers. Petition the Lord with prayers. YOU CANNOT PETITION THE LORD WITH PRAYERS!“ Eben, du mußt es nehmen wie es kommt, als casual joy, auf der Soft Parade.

    Morrison Hotel, 1970

    13. „Peace Frog“. Ein Rave-Song, if there ever was one. Möglicherweise der beste Song aller Zeiten. Über Demos.

    14. „Ship Of Fools“. Ball der Verwirrung, reifes Altmännerräsonnement. Oper.

    15. „Waiting For The Sun“. „This is the strangest life I’ve ever known“. Mit diesen Worten bricht Kilmer/Morrison im Film bei einem Kindergeburtstag zusammen. Sie stammen aus diesem Lied, nachgeliefert zur gleichnamigen LP.

    Absolutely Live, 1970

    16. „Universal Mind“, siehe oben.

    17. „Celebration Of The Lizard“. Die Dichterlesung, optimal inszeniert, selbst die puren Kitschstellen. Das waren Zeiten, als man mit solchen Sätzen Massen umhauen konnte: „… and the rain fell gently on the town …“

    18. „Soul Kitchen“. In anderer Leute Seelenküche schlafen war sein Höchstes. Und bestes Lied über Nie-nach-Hause-gehen-Wollen.

    L.A. Woman, 1971

    19. „The Changeling“, ein funky groove if there ever was one. Versoffen-abgebrühter Dancefloor-Smasher.

    20. „Cars Hiss By My Window“, süß und wasted und müde. Die Frau ist weg, scheiße, aber ich bin zu schlaff, den Arm nach ihr auszustrecken.

    21. „L’America“. Noch eine kleine Oper, eigentlich drei Songs.

    22. „Crawling King Snake“. Die einzigen Leute, die die Doors je gecovert haben, waren Blues-Sänger: Howlin Wolf, Willie Dixon, Bo Diddley, Brecht/Weill, hier: John Lee Hooker, der sich verblüffend einig ist mit Jim Morrison über Schlangen und den Raum des Todes.

  • Der Anhang (9/91)

    Spike Lee/David Lee (Hrsg.): Five By Five; Simon & Schuster/Michele Wallace: Invisibility Blues – From Pop to Theory; Verso

    Gerüchteweise ist jetzt auch bei Spiegel und FAZ angekommen, daß sich an amerikanischen Hochschulen etwas tut, dessen Dimensionen und Militanz wie das Heraufdämmern einer neuen Studentenbewegung sich ausnehmen. Doch da seien Gott und die Toleranz vor: die vor allem sei bedroht von dem, was der hier immer als erster gedropte Begriff „Politically Correct“ und die ihn tragenden (vor allem) antirassistischen und antisexistischen Bewegungen meinen. Amerika drohe zu zerfallen in nur an sich selbst interessierte Communities, bibbert der Spiegel, und in der FAZ diagnostiziert man, daß, von ein paar irren radikalen Jungnegern abgesehen, die Bewegung eh eher von altmarxistischen Dozenten ausgehe und nicht von der netten neuen Jugend.

    Doch hat das, was unsere „alternative“ Öffentlichkeit bislang noch überhaupt nicht und die liberale wie konservative allenfalls als „Rückzugsgefecht des Marxismus“ wahrgenommen hat, längst alle Bereiche des kulturellen Lebens der USA erreicht. Zumindest in den Städten hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß die diversen Minderheiten nur noch Chancen haben, wenn sie sich militant schützen, was auf allen Ebenen, von Hip-Theorie und Bildender Kunst bis zu Sport und Pop-Musik zur Radikalisierung der minoritären Position geführt hat, oft genug (leider? – aber genau da setzt auch die schein-aufgeklärte konservative Abwehr von Tribalismen in FAZ und Spiegel an) auf der Suche nach einem Mythos der jeweiligen ethischen, sexuellen Gruppen-Identität. Dabei herrscht dort – anders als in hiesigen intellektuellen Kreisen – eine aufgeladene, hitzige Atmosphäre politischer Auseinandersetzung („Streitkultur“ würde man das hier nennen: die Existenz dieses Begriffs beweist, daß es dergleichen nicht gibt), eine physisch spürbare, hohe Betroffenheitsfeuchtigkeit der kursierenden Gedanken. Doch anders als unsere, zu Recht vielgeschmähte „Betroffenheit“, verdankt jene sich nicht dem Reklamieren von „richtigen“ Gefühlen (einem rein behaupteten und durch Lyrik und andere Tränen ggf. zu untermauernden Auf-der-richtigen-Seite-Stehen – der der Natur oder der der „unterdrückten Menschen“), sondern dem tatsächlichen Gemeintsein, von welcher politischen Lage auch immer, durch die Selbstbestimmung als Angehöriger einer sozialen, „rassischen“, sexuellen Minderheit im Kampf gegen deren vielfältige Bedrohungen.

    Mit anderen Worten: Wir haben es zu tun mit der Rückkehr des politischen Subjekts – in jedem Sinne. Und egal als was für ein verwirrtes Wesen dieses Gespenst auch auftaucht: FAZ und Spiegel hatten sich gerade so über seine endgültige Beerdigung in der Gruft eines transsylvanischen Schlosses gefreut. Mittlerweile entwickeln in den USA selbst Gruppen, die nicht nicht oder nur beschränkt zur Macht zugelassen sind, ein entsprechendes Bewußtsein: (weiße) Männer suchen, von einer bedrohlichen Massenvervolkerelispilgrimisierung erfaßt, ihr wahres Wesen (vorzugsweise in Wäldern und überall sonst, wo Bäume und andere lange aufrecht stehende Gebilde aus dem Boden wachsen, zur Begleitung von Bongotrommeln und anderen rührenden vulgärtribalistischen Accessoires). Tribalismus, das klassische Jugend- und Subkultur-Programm, ist über alle normalerweise von ihm errichteten Grenzen hinaus attraktiv.

    In dieser Lage versuchen Intellektuelle im Kulturleben Amerikas gerne, sich über die Überdeterminiertheit ihrer Repräsentationsfunktion und Kompetenz durch Betroffenheit zu profilieren. Dies hat zwar einerseits dazu geführt, daß es neue intellektuelle Stars gibt (Gayatri Chakravorty Spivak, Henry Louis Gates Jr., Cornel West u. v. m. – hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt), denen ihr (teilweise mehrfach) minoritärer Status geholfen hat, geläufige, im postmodernen Theorie-Angebot frei kursierende, scheinbar bezugslose Theorien mit konkreter Lebensmasse aufzuladen bzw. teilweise auch vom Kopf auf die Füße zu stellen, und so etwas mehr Rederecht in der akademischen Welt für minoritäre Positionen zu erkämpfen, aber die Lage derer, die sie repräsentieren oder die zu repräsentieren sie behaupten und damit auch ihr eigenes Gewicht erhöhen, hat sich nicht nur nicht geändert. Was in gewissen Reservaten des akademischen Konkurrenzkampfes zu einem kulturellen Kapital, wie Bourdieu sagen würde, geworden ist, als Vertreter einer Minderheit zu gelten, entwertet sich natürlich, je häufiger es nur noch als kulturelles Kapital eingesetzt wird, ohne einzugreifen (wobei die Herausforderung der akademischen Gepflogenheiten, die Jörg von Uthmann so viel Sorge macht, sicher schon ein Teilerfolg ist – andererseits verdankt sie sich der allgemeinen Theorie-Konjunktur außerhalb der Akademien als fast schon Pop-Musik-Ersatz (vgl. Mark Terkessidis im neuen Spex über ABC, vgl. folgendes New Yorker Klo-Graffito: „Hi, I’m Dave, I’m into semiotics. It hurts“), die im akademischen Leben die Regeln der Unterhaltungsindustrie – variatio delectat, Exotismus – installiert hat.

    Eingriffe verlangen aber zunächst mal, die eigene Repräsentationsfunktion in Frage zu stellen, ohne sozusagen Community-orientiertes, um nicht zu sagen notwendig „solidarisches“ Handeln zu gefährden. Gates schreibt in seinem Beitrag zu Spike Lees Buch, wie sehr Überdeterminiertheit das entscheidende Merkmal des „american rassism“ sei. Michele Wallace hat in ihrem Buch versucht herauszufinden, wer sie nach der Repräsentationslogik eigentlich ist. Schwarze, aber schwarze Akademikerin. Schwarze Akademikerin, aber Frau in einer schwarzen Kultur, die ihrer Meinung nach, gerade auch bei ihren weiblichen Schriftstellerinnen, das Patriarchat immer noch mit einer halb-nostalgischen, halb-utopischen Idylle verwechselt, Autorin eines erfolgreichen und (gerade in der Community und bei schwarzen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen) umstrittenen Buches (Black Macho And The Mythos Of Superwoman, 1978) und dann plötzlich ein psychiatrischer Fall, dem ein typisch schwarzes Irrenschicksal zugedacht scheint, dann wieder akademischer Erfolg etc. Aber auch die sonst eher vernachlässigte Kategorie der Klasse spielt bei ihr eine Rolle: die Mutter ist die erfolgreiche Malerin und politische Aktivistin Faith Ringgold, der Vater stirbt, als sie 13 Jahre alt ist, als Junkie, der Stiefvater ist Gärtner mit Uni-Abschluß, ein Onkel stirbt als Leader einer Straßengang etc. Ist diese Gefährdetheit einer Mittelklassen-Existenz an sich schon typisch „schwarze Mittelklasse“ etc.? Aus dieser immer wieder unternommenen Situierung inmitten von widerstrebenden sozialen Determinanten versucht Michele Wallace die wieder so populären Mythen rund um „Black Nation“ daraufhin zu untersuchen, was sie, obwohl Mythen, dennoch für African-Americans (strategisch) zu leisten imstande sind bzw. inwieweit sie dann doch keine Mythen sind. Die Übereinstimmung darüber, daß der Weg der „Integration“ ein liberal-optimistischer und simplifizierender Irrtum war, ist nicht nur innerhalb der schwarzen Community ziemlich groß.

    Der Spiegel zieht daraus den völlig irren Schluß, mit Malcolm X sei man sich zwischen konservativen Weißen und diversen schwarzen Leaders einig, daß ein Zurück zur Familie und den (verbliebenen) Selbstheilungskräften der Community der richtige Weg sei. Nicht nur, daß die politische Radikalität von Malcolm X, den mittlerweile vom neu ernannten schwarzen, konservativen Bundesrichter bis zu wieder mal den Black Muslims, die ihn seinerzeit ausgeschlossen und möglicherweise sogar beseitigt haben, alle für sich vereinnahmen wollen, und der in der Hip-Hop-Kultur unumstrittenes Idol ist, hier völlig falsch verstanden wird. Malcolm X sah – vor allem gegen Ende seines Lebens – die schwarze Kultur in einem Kampf gemeinsam mit den Völkern der 3. Welt, dachte zunehmend internationalistisch, fing an, chinesisch und arabisch zu lernen, akzeptierte weiße Hilfskomitees im Kampf gegen den Rassismus (die sich allerdings aus vielerlei Gründen nicht mit den eigenen Organisationen mischen sollten) und wurde vom Black Muslim (der den Besitz der ursprünglichen Religion des Schwarzen für sich beansprucht und alle Weißen „Devils“ nennt: die Kongruenz dieser Sprachregelung mit der Alltagsempirie junger African Americans ist zu einem nicht unwesentlichen Teil verantwortlich für die Popularität der Black Muslim im Hip-Hop) zum orthodoxen, linksradikalen Moslem.

    Spike Lee („der nicht unbegabte, aber von den Medien über Gebühr verhätschelte Regisseur“, so der notorische Rassist von Uthmann), dessen Jungle Fever hierzulande allenthalben als Plädoyer für Toleranz gedeutet und verharmlost wird – teilweise ist es das Gegenteil , obwohl doch ein Künstler, der so nahe an Brecht ist, in Deutschland verstanden werden müßte – eben nicht, eben nicht –, hat jetzt mit der Verfilmung des Lebens von Malcolm X angefangen. Ihm ist am ehesten von allen Regisseuren zuzutrauen, daß er dessen Widersprüchlichkeit und Komplexität ebenso gerecht wird wie der Bedeutung, die der Name in der heutigen schwarzen Jugend und Streetkultur hat. Lee, beileibe kein Freund von Integration und liberaler Händeschüttelei, hat in seinem neuesten Buch zu seinen 5 Filmen erstmals von den Gemeinsamkeiten der Kämpfe von Frauen und Schwulen mit dem der Schwarzen gesprochen. Das zu tun und gleichzeitig seine Dreharbeiten von der Fruit of Islam bewachen zu lassen, die mit Frauen allenfalls als mystische afrikanische Mütter der Zivilisation, mit Schwulen gar nichts zu tun haben will, macht seine Position so wichtig und der von Malcolm X nicht unähnlich. Weil in all seinen Filmen die Widersprüchlichkeit schwarzer Kultur Thema war, sieht er sich heute massiven Angriffen aus den Reihen der alten Kämpfer ausgesetzt. Amiri Baraka (= LeRoi Jones) organisiert Protestveranstaltungen, und der Vorwurf wurde wiederholt laut, daß einer, „der unsere Frauen als Nymphomanninen zeigt“ (in She’s Gotta Have It) nicht die Gelegenheit erhalten soll, das Andenken von Malcolm X zu beschmutzen. Das schwarz-amerikanische Establishment verlangt nämlich vor allem nach positiven role models. NWA (vgl. letztes Heft), die ihre letzte Platte (Efil4Zaggin also Niggaz for Life) mit dem paraphrasierten Malcolm X-Zitat bewerben, daß für den weißen Amerikaner ein promovierter Schwarzer auch nichts anderes als ein „Nigger“ sei, nur halt „ein Nigger mit Ph.D.“, haben genug Schlagzeilen gemacht, positive Helden müssen her.

    Schwarze Intellektuelle (und parallel dazu die der anderen minoritären Communities, wo ähnliche Entwicklungen sich abzeichnen) haben hier eine zusätzliche Front, vor allem, wenn sie vom nationalistischen Ansatz die nützlichen Komponenten aufrecht erhalten wollen, ohne seine patriarchalen und traditionalistischen Seiten mitzukaufen. Speziell die Hip-Hop-Nation, sofern sie nicht schon bei den Muslims ist, versucht sich gerade als eigenständige Unter-Nation zu definieren (vgl. die Monatszeitschrift The Source), was zur Folge hat, daß Weiße anklopfen und mitmachen (und vor allem auch mitkassieren wollen). Die Angst vor Vanilla Ice als neuem Elvis ist die eine Seite, auf der anderen Seite wird eine in jeder Beziehung „korrekte“, massiv antirassistische, musikalisch innovative weiße Hip-Hop-Band wie 3rd Bass in den Spalten von The Source gelobt. Eine Seite weiter ist ein anderer Journalist dann wieder völlig d’accord mit anderen Hip-Hoppern, die 3rd Bass „Devils“ nennen. Michele Wallace macht am Ende von einem ihrer Essays drei Schreibpositionen aus: universell (weißer Mann, von konkret bis FAZ, von mir bis Jörg von Uthmann), komplementär (weiße Frau) und „the other“ (schwarzer Mann) – für sie, die an anderer Stelle auch Spike Lee feministisch kritisiert, bleibe ein Nichtort.

    Um diesen Ort aber geht der Kampf und es ist klar, daß man dort von der Psychiatrie ebenso bedroht ist wie von Nostalgie und Religion, besonders aber von Zweck-Bündnissen mit falschen Freunden. Ihr Verdienst ist aber auch, daß eine Übertragbarkeit auf andere, denen ebenfalls keine Position zugedacht ist, möglich wird (negativ universell). Hören kann man dazu Platten von den Poor Righteous Teachers, 3rd Bass, Brand Nubians, Main Source, Leaders Of The New School and Son Of Bazerk.

  • Rassenkrieg im postmodernen Amerika

    Étienne Balibar/Immanuel Wallerstein: Rasse Klasse Nation – Ambivalente Identitäten. Argument Verlag 1991, ca. 250 Seiten, 28 Mark

    Der letzte prominente marxistische Philosoph Frankreichs und Althusser-Mitarbeiter Balibar und der nordamerikanische Soziologe und Erfinder eines in drei Bänden dargelegten Modern World System Wallerstein haben 88 für das französische Publikum ihren transatlantischen Dialog zu einer marxistischen Neubewertung des Rassismus aus einer Reihe schon veröffentlichter Essays zu einem vielbeachteten Reader zusammengestellt. Rassismus stehe nicht im Widerspruch zum Universalismus des Kapitals, er sei mitnichten im Rückzug und ein Symptom von Verspätung und Unterentwicklung – mit dieser Ansicht hätten auch die Marxisten nur die liberale Wirtschaftstheorie beerbt – sondern auf dem Vormarsch. Neben einem Reichtum an Fragestellungen, die in Balibars Neubewertung gesellschaftlicher Antagonismen – „Mit Marx über Marx hinaus“ zum „Kampf ohne Klassen“, der dennoch die marxistische „Problemstellung“ gewahrt sehen will – gipfelt, gefällt die Form des Dialoges, die die Unterschiedlichkeit zwischen Wallersteins Systematisierungstrieb und Balibars weder ein Derrida-Zitat noch die Terminologie der Systemtheorie von der Bettkante stoßende Abenteuerlust als Problem internationaler Kommunikation selbst zwischen zwei befreundeten linken Akademikern klar macht. Das Problem des (vermeintlichen?) „Rassismus“ von Rassismus-Opfern kommt mir noch etwas zu kurz, der Wunsch, daß diese Autoren eine Auseinandersetzung mit Foucaults Rassismus-Theorie (in Vom Licht des Krieges, Merve) führen, ist wohl ohnehin geschmäcklerisch und utopisch: in deutscher Sprache ist diese Sammlung so konkurrenzlos wie zukunftsweisend.

    Robert Miles: Rassismus – Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Argument Verlag 1990, 240 Seiten, 24 Mark

    Robert Miles sichtet hingegen mit viel akademischem Fleiß geschichtliche und zeitgenössische Definitionen von „Rasse“, „Rassismus“ und auch „schwarz“ – ist es sinnvoll mit „schwarz“ eine universelle Lage nichtweißer Menschen zu beschreiben? Können Nichtweiße selber Rassisten sein? Materialreich und an der Geschichte des Commonwealth-Kolonialismus bis in die britische Gegenwart orientiert, geht es Miles, der in Glasgow eine Forschungsgruppe „Migration und Rassismus“ leitet, in erster Linie um diese definitorischen Probleme: Ist Rassismus ein kontextabhängiges Komplement von jeweiliger Ideologie, das schließlich in dieser aufgeht, oder eine allgemeine, isolierbare Struktur wie Kapitalismus. Ja, Beibehaltung des Begriffs ist sinnvoll, universalisierte Rückschlüsse aus einzelnen Rassismen eine große Gefahr.

    Joan Didion: Überfall im Central Park. Carl Hanser Verlag 1991, 82 Seiten, 16,80 Mark

    Die Praxis zur Theorie: wie in der unregierbar gewordenen, von einer korrupten Bürokratie und organisiertem Verbrechen kontrollierten Stadt New York, in der rassistische Legenden, Stereotypen und bei deren Opfern Verschwörungstheorien die Bewußtseinsbildung unter Verhältnissen regeln, die nicht mal mehr kapitalistisch seien, schildert Joan Didion anhand der mythisierten Verbrechen, die die New Yorker Medien der letzten Jahre beherrscht haben: der Vergewaltigung einer weißen, erfolgreichen Joggerin aus guter Familie durch einen schwarzen Mob im Central Park, der Ermordung eines schwarzen Jugendlichen durch einen italienischen Mob im italo-amerikanischen Suburb Bensonhurst und an einigen weniger bekannten Fällen. Didions Reportage, die im Januar dieses Jahres in einer einzigen Nummer der New York Review Of Books erschien, liefert die Fakten, die eine Einschätzung von Rassismus in den USA vor dem Hintergrund einer Begrifflichkeit, die in der Analyse eines Kapitalismus entwickelt worden ist, den es so nicht mehr gibt, unterlaufen. Drei italienische Familien kontrollieren den Lebensmittelhandel, ganze Industriesektoren produzieren in Billiglohnländern und die bislang immer für jede Branche nachgewachsene neue Branche handelt mit Crack. Die Opfer dieser dramatischen Medellinisierung amerikanischer Großstädte sind „people of color“ – bei den von den New Yorkern pervers genossenen, immer wieder durch die Medien gehenden ständig steigenden Mordraten wird verschwiegen, daß in dem Zeitraum, wo das „Verbrechen explodierte“ die Zahl weißer Mordopfer sich um 50 Prozent verringerte. Obwohl von einer distanziert journalistischen Perspektive aus schreibend, macht Didion klar, daß es ein Wunder ist, seinen klaren Kopf zu bewahren, absolut naheliegend hingegen, tatsächlich an eine „Verschwörung zur Vernichtung des schwarzen Mannes“ zu glauben.

    Timothy Maliqalim Simone: About Face – Race In Postmodern America. Autonomedia, New York

    Dem rein (marxistisch) akademischen wie dem journalistischen Blick dennoch überlegen ist das Buch eines Mannes, der diese Perspektiven versucht zu integrieren in einen Bericht, den seine persönliche Situation als weißer Moslem, der mit einer Black-Muslim (die bekanntlich die radikalste anti-weiße Haltung haben) Frau verheiratet ist, mitten in den Dschungel der rassistischen und ethnizistischen Zuschreibungen und Kämpfe der USA situiert. Als Moslem gerade von jenen schwarzen Moslems akzeptiert, die Weiße am rigorosesten ausschließen wollen, als Weißer von anderen Schwarzen zurückgewiesen, als Lehrer an einem schwarzen College im Zentrum der Zerstörung junger Schwarzer, versucht T.M. Simone mit Hilfe einer auf Ideen aus den verschiedensten Elementen (Bourdieus Soziologie, Afrocentricity, Foucault, Deleuze, Fanon, aber auch Farrakhan) aufgebauten grundsätzlichen Kritik an der westlichen Perspektive eine Begründung für die Anerkennung der Idee einer „Black Nation“ zu gewinnen. Ohne Flirts mit afrozentrischer Mystik, besteht er auf der Notwendigkeit dieser Idee, „not to imply the existence of a coherent cultural view, an assemblage of political interests, a distinct psychology, or a mode of polity based on race“, sondern „to make broad reference to the interlinkage of the political fates of black people, an acknowledgement of worldwide racism.“ Und argumentiert überzeugend gegen den klassischen Einwand, daß eine solche „Nation“ nur ein sekundärer Rassismus, Reaktion auf den primären westlichen, kolonialistischen, kapitalistischen oder postmodernen Rassismus sei. Simone zeigt, daß Antirassismus keine Frage guten Willens und korrekter Umgangsformen ist, sondern eine harte Arbeit, der sich ohne Not eh kein Mensch stellt.

  • Video – Tanz – Geld. Friesenwall 120, Ludwigstraße 11, Aachener Str. 40-44, sowie Marktstraße und Leopoldstraße

    Wie das Leben so spielt: neulich beim Bordeaux im Bordrestaurant des ICE auf dem Wege nach München blättere ich in dem Katalog Das andere Gedächtnis, der gerade zu einer Frauenausstellung in Hamburg erschienen war, die sich mit Künstlerinnen-Karrieren auf lange Sicht beschäftigen wollte. Darin begegnet mir ein Interview mit Hilka Nordhausen (vgl. „Nachschub“ 6/91) und ihrer (anti-)konzeptkünstlerischen Arbeit mit ihrer „Buch Handlung Welt“ während der 70er Jahre in Hamburg. Ich selber war auf dem Wege zu einem DJ-Gastspiel in der (neo-)konzeptkünstlerischen „Ludwigstraße 11“. Das ist eine in München laufende Ausstellung der beiden Kölner Stephan Dillemuth und Josef Strau, die hier unter dem Namen „Friesenwall 120“ an dieser Adresse eine Art News-Room als konzeptkünstlerisches Projekt betreiben (vgl. „Nachschub“ 7/91), wo man sich zu Underground-Video-Abenden trifft, Schriften der RAF oder alte Nummern von i-D, Konkret oder Twen ausleiht oder kleine dokumentarische Ausstellungen betrachtet (oder einfach nur abhängt und antifaschistisches Bier trinkt). Der Mäzen Daxer (sein Geld kommt irgendwie von Porsche, die Aktivisten kommen von der anderen Seite: das fast schon vergessene, pikant-klassische Mäzen-Künstler-Problem), der in München seit ein paar Monaten Kölner progressive Konzept-Kunst aus dem Dunstkreis der Galerie Nagel in seinem Non-Profit „Kunstraum Daxer“ zeigt, hat die Sommermonate dem Friesenwall zur Verfügung gestellt, der dort analog eine „Ludwigstr. 11“ errichtete, mit Videovorführungen, Jugendarbeit, Autoreifen und neben vielem mehr meinem „Dreadbeat“-Ragga-Gastspiel. Hilka Nordhausen sagt über ihre Buch Handlung Welt: „Buch Handlung Welt war genau das, was ich meinte! Mein Slogan war: die Bewegung geht vom Buch aus. Durch Bücher kann man sich aus seiner Prädisposition befreien. Das war eigentlich das, was ich meinte, mein ganzes Autodidaktentum, das war darin auch präsent. Die Erkenntnis, daß man durch Bücher Handlungsfreiraum kriegt, Handlungsspielraum. Da steht sie, die deutsche Subkultur, 300 Alternativ-Zeitschriften! Das war ein einmaliger Überblick über das Geschehen in der autonomen Szene.“ Heute braucht man dazu alte revolutionäre Positionspapiere, ein Video über Oswald Wiener, eines über Hendrix und ein anderes über Raymond Pettibon, die im Friesenwall liegen, aber im Gegensatz zu Hilka Nordhausens Büchern nicht verkauft werden und daher zumindest, wenn sie auf Tour gehen, einen Mäzen brauchen. Die Buch Handlung Welt war damals Ende der 70er am Entstehen der Hamburger Karolinenviertel-Szene, ihren Künstlern und Punk-Bands beteiligt. Die Einflüsse des Friesenwall treffen noch auf eine wesentlich kleinere, für Aktivismus weniger bereite Kölner Szene, aber was nicht ist … Die Jugendarbeit-Kids aus München wollen lieber „harten Hip-Hop“ als dieses „Dr.-Alban-mäßige“ (Raggamuffin). Ich spiele London Posse, Daddy Yod im Hip-Hop-Mix, „The Wickedest Sound“. „Nein, so harten Rap zum Tanzen, so wie De La Soul.“ Hä? Einer ist wenigstens begeistert, denn „vom Tiger bin ich ganz ein großer Fan.“ Die sprichwörtliche Schickeria schaukelt sich in den Groove. Nie hätte ich gedacht, je beim Plattenauflegen in das irgendwie pessimistische Gesicht von Galerist Schöttle schauen zu müssen, nie, daß mir Ex-Kunstvereinsdirektor Zdenek Felix zu einem gelungenen Mix anerkennend zunickend gratuliert. Später kommen ein paar Party-People und tanzen. Hilka Nordhausen erzählt: „Als ich ’71/72 in die Kunstseminare ging, da hat man mir Fluxus als Kunstgeschichte verkauft, und das war noch nicht mal 10 Jahre her! Ich hab überhaupt nicht begriffen, daß 10 Jahre nichts sind. Für mich war’s Geschichte. Ich habe dann plötzlich mitgekriegt, daß die Leute alle noch leben. Da hab ich mich darüber gewundert und auch daß die immer noch weitermachen, aber überhaupt nicht mehr aktuell sind, daß die schon wieder weg sind. Damit war die Kunstgeschichte eher eine Art Falle, der ich mich entziehen wollte. Fluxus war out, Konzept Art war in, Ende der Kunstgeschichte. Was nicht präsent ist, ist nicht da. (…) Und die Geschichte mit dieser kopflastigen Konzept-Kunst, wo jeder Kunsterzieher sein Examen mit einer Konzeptarbeit machte, das war ja geradezu lächerlich. Da noch ’ne Fotosequenz und da nochmal mit Wasser und Sand gespielt. Dieser ganzen Geschichte wollte ich einen Tritt versetzen. Keine Ausstellung von Einzelarbeiten, sondern das Erstellen einer Arbeit, ein Werk, ein Zusammenhang. Darum ging’s. Eine Wandarbeit, projiziert auf den Raum, in dem was passiert. Buch Handlung Welt war keine Galerie, kein alternativer Ausstellungsort. Das Konzept der Wand war der Ausdruck einer neuen Position.“ Wo von Dieter Roth bis Oehlen/Büttner Leute eine Wand gestalteten, die dann vom nächsten übermalt wurde. „Dabei ging es auch darum, die Kunst wieder für die Malerei zu öffnen.“ Was ja bekanntlich gelang. Bei „Friesenwall 120“ geht es eindeutig darum, die Kunst wieder für die verschütteten, ins Leben eingreifenden potentiellen Brisanzen der Konzept-Kunst zu öffnen. B-H-W gehört vielleicht deswegen zu Punk-Rock wie F-120 zu Ragga? Holger Hiller, der gerade in München an einer neuen Sache von Dorau arbeitet, und damals im Karo-Viertel mit dabei, wünscht sich mehr „discomäßiges“ Zeug und tanzt dann zu „Tribal Base“. Der heiter aufgeräumte Mäzen gibt mir ein großzügiges Trinkgeld. Gepa von „Sphinxbeat“ freut sich zu Recht an der Stimme von Devon Russell. Auf der neuen Tribe Called Quest ginge es so zu: keine Samples, deepe Roots. Im „Babalu“ geraten später Maxim Biller und Stephan Geene wegen eines Biller-Satzes, „Kunstraum Daxer ist bekannt für häßliche Mädchen“, aneinander. Eine Szene wie von mir ausgedacht. Nachher über die „Love Parade“: Tekkno – deutscher Fluch oder entgrenzender Segen? Hilka: „Zu Beginn der Siebziger, wo die Kopierer aufkamen, man begann seine Sachen selber zu machen, da gab es sehr viele Zeitschriften. (…) Die Macht der Verleger zu umgehen, man ist es selbst, die eigenen Bücher … Also trägt man sie in die Buchhandlungen. Vertriebspunkte mußten her, wie auch Rip Off z. B., die was Ähnliches gemacht haben im Musikbereich, selbstproduzierte Musik als erste in Hamburg angeboten haben …“ Im Kölner „Friesenwall 120“, der während der Münchner Zeit geschlossen hat, stehen vorne im Schaufenster Antiquitäten aus der Daxer-Sammlung. Das sagt auf sehr anschauliche Weise, daß eigentlich überall, wo gerade nicht Aktivisten aktiv sind, objektiv Antiquitäten herumstehen. Totes Geld, lebendes Geld, Ragga-Hip-Hop all night long.