Autor: admin

  • Dinosaur Jr.

    You’re Living All Over Me heißt ihre zweite LP, und dieser Titel sagt, wie es unter den Menschen zugeht. „Bitte leg Dich auf mich drauf“, sagte in einem Münchner New-Wave-Film vor einem knappen Jahrzehnt ein Mädchen zu ihrem Freund: Menschen einander zudeckend, je und je einander bergend, verbergend und erstickend. Ein ganzes Leben auf einem drauf oder unter einem drunter. Dinosaur sind aus Amherst, Massachusetts, dem Staat der Lebensart, feinen Leute, Intellektuellen und Antiquariate. Früher hatten sie eine Hardcore-Band, entwickelten zu viel Innenleben, um alles dem alten, schnellen Geprügel aufbürden zu können, wechselten Schlagzeuger, erweiterten ihren Musikgeschmack und gefielen bei Gastspielen in New York den Opinion-Leaders von Sonic Youth.

    „Genau! ‚Their music just explodes‘, Thurston Moore, es gibt keinen Artikel über uns, in dem dieser Satz nicht zitiert worden ist“, stöhnt Lou Barlow, „dann natürlich die Vergleiche, fast immer Hüsker Dü und Neil Young. Dabei finden wir Hüsker Dü gar nicht so gut, also schon gut, aber wir sind besser.“

    Lou Barlow ist für den bei einer Dreierformation so wichtigen Baß verantwortlich (und er spielt ihn markant; führend, herumwandernd), der dann auch teilweise das Einzige war, was man bei ihrem Auftritt als Vorgruppe von Gun Club hören konnte („Jeffrey und die anderen mögen uns, aber ihre Crew haßt uns.“ Jeffrey: „Sie sind okay, aber noch sehr jung. Sie brechen regelmäßig in Tränen aus, was ich ganz gerne sehe, wir hatten es schließlich auch nicht leicht, als wir in dem Alter waren.“), wo man ihren Sound in einer Weise vermurkst hat, die beim heutigen Stand der Technik auf Vorsatz schließen läßt, wozu die Interviewverhinderungsstrategie des deutschen Tourmanagers paßte.

    J Mascis, der Sänger und Songwriter, den ich schließlich beim Soundcheck auf der Bühne erwischte, gab in seiner langhaarigen Indisponiertheit den Neil Young: „Interview? (Stutz! Denk!) … (Pause) … ja … ja?“ Später wurde er an der Grenze wegen winzigster Spuren Amphetamine in ärztlich verschriebenen Kopfschmerzmitteln festgehalten. Als Songwriter, dem die angeboren weinerliche Stimme das ist, was ihm als Gitarristen das exzessiv eingesetzte Wah-Wah-Pedal ist, gehört er zu den allerseltensten Talenten, die den feinen Sinn für die noch erträglich schöne Fastkitschmelodie mit „explodierenden“ Lärmpassagen zu versöhnen wissen. Es ist ein Witz, wenn jede dahergelaufene britische Band mit netten Mädchen heutzutage mit den Buzzcocks verglichen wird (Primitives, Shop Assistants, Gosh – you name them), wo es auf einer so unwahrscheinlich gut komponierten Platte wie You’re Living … dieses Kompliment genau einmal zu vergeben gibt, was aber auch was bedeutet.

    „Wir mögen keinen Rock, äh, wir wollen nicht als Rockband gelten. Ich denke, wahrscheinlich kann man es nicht anders nennen, wahrscheinlich ist auch das, was wir hören, eher Rock als alles andere, aber dieses Wort klingt so dumm und alles, was damit zu tun hat, ist so dumm. Ich möchte lieber sagen können: ‚Ich spiele in einer experimentellen Band‘“, sagt Lou Barlow, der für diese Platte genau ein Stück beigetragen hat, eine im Alleingang entstandene Collage, und die ist, trotz dieser oder wegen dieser vielen anderen wunderbaren Lieder dieser vielgehörten Platte dieses Herbstes meines Vergnügens, eine echte Perle. Wie ich verstehen kann, warum Bobby Gillespie (s. Primal-Scream-Artikel) die Collage als Kunstform prinzipiell ablehnt und wie auch er einsehen wird, daß die Collage das Einzige ist, was uns bleiben wird, bis ans Ende dieser Zeit … ich schweife ab, der 22-jährige Lou Barlow hat diese Gattung jedenfalls verstanden, instinktiv wie ein Amerikaner, dabei ist er so klein wie eine große Katze, und man denkt mehr als einmal an Miez und Mops, wenn er und Mascis irritiert gegen den Sabotage-Sound anspielen (vor einem Publikum im übrigen, dem es eh egal schien).

    Jetzt mußten die drei auch noch einen Rechtsstreit durchstehen. Ein Haufen von im Schnitt 68-jährigen Ex-Mitgliedern von so sympathischen Gruppen wie Big Brother And The Holding Company oder Quicksilver Messenger Service oder Country Joe & The Fish, die gewissen Momenten von Dinosaur gar nicht so fernstehen dürften und sich in korrekter Selbsteinschätzung The Dinosaurs nannten, klagten gegen die Verwendung des Namens Dinosaur, seitdem heißen Dinosaur Dinosaur Jr., was zu der enormen Winzigkeit, Dünnheit, Verlorenheit, Schlaksigkeit der Musiker paßt, während der Dinosaurier die Wärme, niedertrampelnde Brillanz und Größe der von ihnen veranstalteten Musik nur meinen kann.

  • Sinnloses Söhnesterben, immer wieder traurig

    Dankenswerterweise hat Francis Ford undsoweiter erstmals einen Film ohne jeden Einfall gedreht, so daß uns seine notorischen Einfälle zu Perspektive und Kulissenarchitektur diesmal vollständig erspart bleiben (wobei ich anmerken muß, was ich in keiner Kritik gelesen habe, daß De Palmas Experimente mit neuen Perspektiven, die ja schon immer aus verschiedenen Gründen unseren ungeteilten Beifall fanden, in The Untouchables einen quasi-wissenschaftlichen Verläßlichkeitsgrad erreicht haben, der sich wirklich in die Geschichte der Bilder von Räumen als Revolution einschreiben lassen darf) und die so abwesenden Einfälle Platz machen für die achtzehnte, ganz normale sympathische kleine Vietnam-Geschichte mit durchaus sympathischen amerikanischen Charakteren, die bitterlich hin und her gerissen sind zwischen knarziger Pflichtauffassung mit Träne im Knopfloch und echtem Mitgefühl für die Witwen gefallener prächtiger Kerle. Selbst liberale Kriegsgegner wie Anjelica Huston müssen hier dem Charme altgedienter Haudegen (James Caan, der ewig Jugendliche, jetzt mit einem Schlag nachgealtert), die nichts anderes sein wollen als gute Soldaten, erliegen und dürfen mit dem Rest der Nation um das Leben der Kerle mitzittern. Eine widerwärtig reaktionäre, sehr gut gemachte Konfektionsschnulze, die einen tatsächlich ein allerallerletztes Mal für die sinnlos gestorbenen Söhne der USA Mitleid aufbringen läßt (man ist ja kein Unmensch), damit man sich dann zum dritten Mal felsenfest entschließt, von nun an den Vietnamkrieg nur, aber nur noch in sowjetischen, ostdeutschen oder vietnamesischen Darstellungen für darstellbar zu halten.

  • Der Komödie zweiter Teil

    Wenn sie nicht wie Kubricks Full Metal Jacket sich direkt auf Grimmelshausen („Private Joker“) beziehen, sind fast alle Filme der letzten zwei Jahre Faust-Verfilmungen (von zwei, drei Wilhelm Meister-Bearbeitungen einmal abgesehen). Ich behaupte dies ja schon länger, vor kurzem gab mir Robert De Niro mit dem einzigen guten Satz des Films Angel Heart recht, als er dem zwei Stunden lang begriffsstutzigen Mickey Rourke die Bedeutung des Pseudonyms Louis Cyphre enthüllt: „Mephistopheles hätte sich in Manhattan einfach nicht so gut gemacht!“

    Hier aber kommt der allerbeste Satan seit Gustaf Gründgens, Jack Nicholson nämlich, dazu Cher, Susan Sarandon und Michelle Pfeiffer als Gretchen und Marthe Schwerdtlein in einem bzw. in dreien. Einsame, begabte (sie bildhauern, spielen Cello, schreiben Artikel), gelangweilte Frauen ohne Mann in einem Provinznest, die die Fähigkeit haben, wenn sie sich zu dritt ganz fest etwas wünschen, ihre Träume in Erfüllung gehen zu lassen. Der ideale Mann, der dabei herauskommt, kann natürlich niemand anderes sein als der Teufel, der nicht nur, wie die Neger schon immer wußten, all the best tunes hat, sondern auch all the best conversation, Food, ein wunderbares Castle, Gemäldesammlung, Videorecorder, Diener, exotische Früchte und sinnliche wie übersinnliche Fähigkeiten. Leider hat er natürlich auch die handelsüblichen Nachteile kleiner Teufel, infolge derer z. B. eine fundamentalistische Eiferin, die sich dem sinnenfrohen Treiben widersetzt, sich zu Tode kotzen muß. In diversen magischen Schlachten bekämpfen sich die nun skrupulösen Hexen, die Gewalt gegen Personen als moderne Ami-Emanzen natürlich ablehnen, und der Satansknecht, der sein bißchen (viel) Liebe um jeden Preis will, wobei, weil dies ein moderner Film ist, der der Vorlage eines modernen Autors (John Updike) folgt, die Hexen am Schluß, jede von einem Satanssohn beschenkt, diesen Krieg gewinnen, der George Miller, einem der wenigen Meister des Bizarren, wie man sie sonst nur noch unter den Regisseuren der neueren Twilight-Zone-Schule findet (u. a. Joe Dante, Wes Craven), die Gelegenheit gibt, Masken-, Kostümbildner und Windmaschinen Nächte durchmachen zu lassen.

    Das allein aber hätte noch nicht genügt, diesen Film so gut zu machen, wie er ist, dazu brauchte es neuer Höhepunkte an selbstgefällig-selbstherrlichen Großmimen-Allüren des einzigen lebenden Schauspielers Jack Nicholson, der nun das, was er sogar in The Shining noch unterdrücken mußte, gestaltend austoben kann, wobei ihm rhetorisch-pointierte Monologe („Ihr seid nicht die einzigen drei Frauen auf der Welt.“) behilflich sind. Großer Spaß.

  • Der Hauch des Todes – Null-Null-Null

    Was beim neuen Bond außer der Auswechslung von Miss Moneypenny noch an grausamen Verbrechen gegen britische Staatslegenden und die Filmkunst begangen worden ist: ein polizeiliches Protokoll von Sergeant Diederichsen

    James ist uns deswegen ein so lieber Freund geworden in all den Jahren, weil er unser aller humanistisches Ideal vom Mens sana in corpore sano so schön wie richtig verkörperte. Ein gesunder Geist versteht und genießt das Leben, kultiviert an sich schöne Gewohnheiten, ein gesunder Körper vernachlässigt die Pflege des Wanstes nicht und bleibt trotzdem fitter und schneller als alle anderen: Ein sportlicher Hedonist entsteht so, ein Vernunftmensch, der vernünftigerweise immer mit dem Unvernünftigen rechnet. So war James Bond.

    In den letzten Jahren unter Roger Moore (wie auch bei Connerys Comeback) verfiel sein Körper etwas. Er wurde langsamer, bei gewissen Stunts unglaubwürdig, seine ungebrochene Anziehungskraft auf sechzehnjährige Eisprinzessinnen war nur noch eine behauptete, und die Drehbücher mußten den Verfall und die Unmöglichkeit gewisser Action-Szenen durch besonders exotische Locations (Karl-Marx-Stadt) und besonders monströse Frauen (Grace Jones, Kim Basinger) kompensieren. Dennoch schluckten wir auch dieses: Der Genießer-James-Bond war uns, die wir schließlich auch altern, immerhin noch verständlich und bot eine Perspektive. Warum nicht Bond irgendwann nicht mehr aktiv Spione jagen lassen, sondern ihn stattdessen als beförderten Secret-Service-Bürokraten sein Leben zwischen Clubs, Drinks und nicht mehr ganz so attraktiven oder bizarren Ladies zu Ende bringen lassen?

    Stattdessen hat man jetzt einen Knallkopf namens Timothy Dalton zu James Bond befördert, der bei nichts überzeugt, außer bei den Stunts, die ein Stuntman für ihn ausführt. Ein Nichts in einem zu gesunden Körper. Egal, ob beim „stirred not shaken“ Martini oder beim Konzertbesuch: Dieser Bond hat keine Kultur, schon gar nicht eine britisch geprägte, höchstens eine Art-Director-Kultur, und die muß sich auch noch an einer angeblichen Cellistin brechen.

    Denn, oh Graus, seine Partnerin, das abstoßend-einfältige Rehlein Maryam d’Abo, stellt eine Cellistin dar, die mit der Eleganz und Überzeugungskraft eines Tischlerlehrlings mehrfach über ein angeblich schönes, altes und sündhaft teures Instrument schrammt. Wie alles im Leben dieses neuen Bond natürlich reine Angeberei: Sucht er einen Champagner aus, hat er in einem Heyne-Champagnerführer gelesen, welcher es sein muß, alles über Martinis weiß er aus einer drittklassigen Hemingway-Biographie. Um Humor bemüht er sich dankenswerterweise gar nicht. Den einzigen guten Witz des ganzen Films macht der letzte verbliebene Original-Schauspieler, nämlich Q, der eine neue zerstörerische Wunderwaffe mit den Worten vorstellt: „Das entwickeln wir für die Amerikaner. Wir nennen es Ghetto-Blaster.“ Moneypenny wird von einem jungen, hübschen Nichts gespielt, das man mit einer Brille notdürftig versucht hat, zum häßlichen Entlein zu stylen, die aber nichts von der Berge versetzenden Treue und Wärme hat, die die alte Moneypenny ausstrahlte. Einige Action-Szenen sind sogar sehr gelungen, einige aber auch so schlampig und in sich unlogisch durchgeführt, daß man sich fragt, wann genau bei den Dreharbeiten das Geld ausgegangen ist.

    Dies ist darüber hinaus ein Safer-Sex-Bond. Schliefen bisherige Bonds mit mindestens zwei Frauen pro Film (nur Lazenby, der andere Versager, wurde damals verheiratet), muß dieser seiner Cello-Spielerin treu bleiben. Dafür kreischt die ihn auch jedesmal, wenn er vom Klo kommt, an: „James, James, James! Wo bist du gewesen, ich habe mir solche Sorgen gemacht!“

    Dies ist ein Perestojka-Bond. Großzügig stellt er der Sowjetunion ein freundliches Zeugnis aus: So schlimm wie unter Stalin sind die ja nicht mehr. Kaum ist diese beruhigende Botschaft beim Zuschauer angekommen, werden dann russische Folterknechte in Afghanistan vor die Kamera und Bonds Waffen getrieben, und heldenhafte Partisanen mit der Physiognomie von Eisdielen-Vergewaltigern helfen ihm aus der Patsche und reisen ihm nach bis zu den Cello-Konzerten seiner dumpfen Partnerin, wo sie sich völlig bescheuert und in abenteuerlichen Vivienne-Westwood-Freischärler-Uniformen vor den netten russischen Botschafter drängen. Ein wahres Armutszeugnis für eine Serie, die früher offen antiamerikanisch sein konnte und sich gelegentlich zu britisch-sowjetischen Verbrüderungen durchrang. Aber am neuen Bond ist nichts mehr britisch: ein stumpfer, eindimensionaler Amerikaner, ein CIA-Schwein, hat diesen Namen zur Tarnung angenommen. Schmeiß ihn raus, Cubby!