Curd Duca bezieht sich auf die alte Walter-Carlos-Moog-Demonstrations-Platte Switched-On Bach und überträgt ihr Prinzip auf Wagner (Curd Duca, Switched-On Wagner, Mille Plateaux 1996). Mike Ink entwirft mit seinem Gas-Projekt eine Musik, die einmal mehr und hauptsächlich deutlich macht, daß das „Sphärische“ nicht der eigentliche, Welt- und Code-freie Bereich der Musik sei, wie seine Ideologie will, sondern ein eminent codierter (Gas, Gas, Mille Plateaux 1996). An der Küste dieses Problems brechen sich auch Ducas Wagner-Wellen.
Wagner wirkt wie ein fortgesetzter Gebrauch von Alkohol. Er stumpft ab, er verschleimt den Magen. Spezifische Wirkung: Entartung des rhythmischen Gefühls. Der Wagnerianer nennt zuletzt rhythmisch, was ich mit einem griechischen Sprichwort „den Sumpf bewegen“ nenne. (…) Der Jüngling wird zum Mondkalb – zum „Idealisten“ (…). Man gehe nachts durch eine größere Stadt: überall hört man, daß mit feierlicher Wut Instrumente genotzüchtigt werden – ein wildes Geheul mischt sich dazwischen. Was geht da vor? Die Jünglinge beten Wagner an.
(Nietzsche, Der Fall Wagner)
Carlos wählte vor 25 Jahren für seine Moog-Platte, mit der er diesen neuen Synthesizer dem Publikum vorstellte, als Demonstrationsobjekte Kompositionen von Bach, weil der ebenfalls zu seiner Zeit mit einem spezifischen und gebrauchsanweisungshaften Kunstwerk das Klavier in die Musikgeschichte eingeführt hatte („Das Wohltemperierte Klavier“). Das war ein neues Instrument und ein neuer musikalischer Gesetzgeber – genau wie die verschiedenen Prototypen des Synthesizers für die elektronische musikalische Revolution. Darüber hinaus stellte Bach mit diesem Werk eine Gebrauchsanleitung für das Betriebssystem Funktionsharmonik vor – so sollte in Zukunft Emotion musikalisch codiert werden. Duca bezieht sich wohl einerseits darauf, daß Ähnliches heute mit Sounds und den Resten von Harmonik wieder im Gange ist, andererseits auf Carlos und auf den Moog, um der elektronischen Pop-Musik heute (und ihrer sozialen Umgebung) quasi das Überproduktive, Aufgeregte, Bombastische, aber auch Germanisierende des ja ebenfalls Technologie-begeisterten Wagnerianismus zu attestieren – im Verhältnis nämlich zu den nüchtern-definitorischen, protestantisch gezügelten Tagen ihres Bachistischen Beginns. In nur einer Generation ist sie den Gesetzgebern zu ihrem Vorteil und ihrem Nachteil weit enteilt.
Curd Ducas musikalische Umsetzung, die zwischen feinem Humor, uncodiertem „reinem“ Klang, mehrfachcodierten Sounds, Sound als Gift (Wagner) und über sich selbst aufgeklärtem Sound überaus elegant hin und her tänzelt, kritisiert diesen Zustand nicht – noch affirmiert sie ihn zu sehr. Das ist eben der europäische State-of-the-Art. Und der aktuelle Zwang/Trend zur genußvollen, anarchischen Dauerproduktivität und Überproduktion, der ihn ja durchaus mitbetrifft, findet darin seine Überhöhung und Karikatur. Eine höhere Heiterkeit, die es auch seiner Produktion gestattet, paradoxerweise mit noch einem weiteren Produkt kurz innezuhalten.
Überproduktion ist auch Mike Ink nicht fremd. Dennoch kommt sein Projekt unter dem Alias Gas daher, als beanspruche es mehr Raum und Zuwendung als seine anderen, kurzweiligeren oder funktionaleren Arbeiten. Er illustriert gewaltige Hohlräume, sowohl durch entfernt an Holzbläser erinnerndes Klangdesign als auch durch die Amplitude der auffälligerweise – inmitten des sonst immer homogen gedachten atmosphärischen Genres – recht kontrastreichen Sounds. Größere, für sich eher meditativ codierte Klangflächen dürfen sich aneinander reiben, gelegentlich auch an Beats, und geben so den Blick auf ihre Konturen frei. Diese Sounds stülpen sich nicht über den Hörer, einer Ideologie des totalen Erlebnis folgend, sondern inszenieren ihre Monumentalität ganz in seinem Gesichtskreis, ohne ihn zwanghaft einzubeziehen. Dies überrascht um so mehr, als vieles an der Bauweise der Einzelteile an noch unter der Erlebnis-Ideologie zustandegekommene kontemplative Musik erinnert. Die klare Diskretheit der Spuren und Bauteile ist ihre größte Stärke. Dennoch geben diese nie die Möglichkeiten des Hypnotischen auf, sie gewähren nur dem Hypnotisierten die Möglichkeit, sich selbst beim Hypnotisiertwerden zuzuschauen.
Auch Ink ist als Beteiligter des Techno-Wagnerianismus neben sich getreten, ohne sich „untreu“ zu werden oder zu widersprechen, sondern um eine weitere Abstraktionsstufe zu gewinnen. Ist genau an diesem Punkt vielleicht ein Begehren nach einem Regelwerk auch bei ihm wiederzuerkennen, das er als Direktor wohltemperierter Minimalismen anderswo auch schon sich hat abzeichnen lassen?