1978 war David Toop am Amazonas im Gebiet der Yanomami. Leser seines Buches Ocean Of Sound, einem der wahrscheinlich wichtigsten Auslöser des sonic turn, kennen die Schilderungen dieser Expedition als lebensverändernde Erfahrung einer Welt, in der alles – Pflanzen, Tiere, Flüsse, Stimmen, Körper, Objekte – unausgesetzt beeindruckend klingt. Doch nie wird einem ganz klar, ob ein Klang informiert, warnt, integrieren oder vertreiben will, ob er überhaupt etwas will – und wenn nicht, ob der Musikbegriff auch nur einen Schritt weiter bringt. Trotz gelegentlich zu großer Form auflaufender Wortgewalt habe ich mir das nie vorstellen können, am wenigsten die Performances der Schamanen, die Toop am nachhaltigsten beeindruckt haben.
Außer einem kleinen Ausschnitt blieb das Material unveröffentlicht. Das hat sich nun mit Lost Shadows: In Defence Of The Soul. Yanomami Shamanism, Songs, Ritual, 1978 (Sub Rosa) geändert. Dabei ist der Titel irreführend: Was hier Schamanismus, Heilung, Ritual oder zum eigenen Vergnügen geträllertes Lied ist, ja, selbst was Instrument und was Insekt war, wird zweitrangig gegenüber dem überwältigenden Eindruck, Klangquellen zu erleben, die man auf nichts Bekanntes zurückführen möchte. Nicht weil ihre Produzenten so anders sind oder so anders leben oder auch die Klänge so anders meinen, sondern weil die Beeindruckung durch das Was die bei Sound sich immer so unfreundlich in den Vordergrund drängende Frage des Woher und Wozu locker überschreibt.
Natürlich ist genau das auch das Problem, wenn Toop in einem Postskriptum zu seinen Tagebuchnotizen von 1978 erwähnt, dass er eine kurze Spur von einem Schrei aus den Aufnahmen, die 1995 veröffentlicht wurden, zusammengemischt mit einem Nick-Cave-Song im Soundtrack zu The Road entdeckte. Man kann nicht darauf vertrauen, dass klangliches Material sich nur durch seine Fremdheit gegenüber Verwertung von dieser schützen kann. Vor den Verbrechen gegenüber den notorisch ärztlich unterversorgten und von Goldgräbern bedrohten Yanomami schützen die Projektionen auf die sozialen Grundlagen dieser unfassbaren Klangwelt natürlich auch nicht. Auf abstrakter Ebene hilft vielleicht, sich daran zu erinnern, dass in allen kulturellen Formaten der Yanomami die Definition von Anfang und Ende, von Reichweite und Einflusszone von Objekten abgelehnt wird – das ist das, was von Westlern in den letzten 50 bis 100 Jahren am stärksten an nichtwestlicher Musik begehrt wurde: die Abwesenheit von Biografie-analoger Architektur. In dem Punkt liefert diese Doppel-CD das unfassbarste Material: Das Singen und Zum-Klingen-Bringen folgt musikalischen Ideen von Abfolgen, stürzt sich dann aber immer wieder in Exerzitien, denen es nur darum zu gehen scheint, direkt auf den eigenen Körper einzuwirken, die Klänge tiefer und härter in Fleisch und Gewebe zu treiben und vor allem Stimmbänder in Lederseile zu verwandeln.
Diese unerwartet heftige Begegnung mit animistischer Musik erinnerte mich an eine andere, vor einem Jahr wiederveröffentlichte „tribalistische“ Compilation, an der David Toop ungefähr zur selben Zeit beteiligt war: das Gesamtwerk der 49 Americans, We Know Nonsense (Staubgold), ein bestechendes und charmantes Dokument aus der Zeit, als die ernsten Improvisatoren aus Toops Umfeld (Max Eastley, Peter Cusack, Lol Coxhill, Steve Beresford) mit der Londoner Version der Genialen Dilletanten zusammentrafen, Leuten wie Nag und Bendle aus dem Mark-Perry-Punk- und -Postpunk-Umfeld, Viv Albertine von den Slits und vielen anderen. Texte und Idee stammen von einem längst vergessenen amerikanischen Expat und Antiimperialisten namens Giblet, der hier unter seinem bürgerlichen Namen Andrew Brenner die Liner Notes schreibt.
Das Irre und Bewundernswerte an diesem Treffen der ernsten und der lässigen freien Improvisation ist, dass das Ergebnis keine Schnittmenge darstellt, sondern die gemeinsame Suche nach etwas Drittem: Pop-Musik. Von kompetentem bis kindischem Funk, sehr anrührendem Girl-Pop im Rough-Trade-Stil der Zeit (Delta 5, Girls At Our Best), Rekonstruktionen schon damals schwer erreichbarer Unschuldsstadien, aber auch angstfrei kommerziellen Songs nähert man sich hier den universellen Sprachen der Zeit vom Standpunkt zweier Generationen und Haltungen zum Experiment. Ein anderer Versuch mit tatsächlich kommerziellen Resultaten war in derselben Zeit und mit teilweise denselben Leuten das kleine Werk der Flying Lizards. Man denkt ja nicht, dass man sich damals für beides interessieren konnte, schamanistische Musik und Neuerfindung der Pop-Musik. Aber es ging. Soviel zur Zeitspanne, die Spex mittlerweile umfasst.