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  • Don’t Lose That Number

    Stephen Prina einen Strukturalisten zu nennen wäre wohl ein bisschen platt. Doch scheinbar willkürlich bricht er aus kulturellen Konstellationen – denkbar abwegig und von keiner offenkundigen Heuristik geleitet – strukturelle Gesetze heraus. Von den Größenverhältnissen sämtlicher Manet-Gemälde bis zu den Veröffentlichungsrhythmen der Bands Steely Dan und Sonic Youth, von den Rillenabmessungen einer Schallplatte – Schönberg-Einspielungen von Glenn Gould – bis zu den Raummaßen eines Zimmers im Kölner Dom-Hotel, in dem eine Szene von Jean-Marie Straubs Nicht versöhnt gedreht wurde: Gnadenlos werden deren Rhythmen und Regelmäßigkeiten mit anderen Werken und Werkzusammenhängen aufeinander gelegt und bezogen, überblendet und konfrontiert. Als gelte es die Überschätzung der Regelmäßigkeit als Wahrheitskriterium der Lächerlichkeit preiszugeben – oder ihm die allerexaltierteste Arie zu singen.

    Auch in Prinas Ausstellung im Frankfurter Kunstverein werden die zunächst willkürlichen Versuchsanordnungen genre- und epochenüberschreitend aufeinander losgelassen. In allen Räumen gibt es Vertreter seines ewigen Manet-Projekts, wieder erscheinen die Umrisse des Zimmers, in dem der Monolog der Johanna Föhmel gedreht wurde, konfrontiert mit Umrissen von Galerien, in denen Prina-Ausstellungen stattgefunden haben. Schließlich erreicht man im Obergeschoss eine in die Ausstellung hineingebaute Hütte, deren Maße einem Arbeitszimmer Schönbergs entsprechen. Ihre Fenster stammen aus demselben farbigen Vinyl, das Prina schon öfter, etwa in einer Ausstellung bei Margo Leavin, verwendet hatte. Auf diese Fenster ist (wie damals in einer formatsprengenden Typographie ein Dialog aus dem Bresson-Film Le Diable probablement) nun die Literaturangabe eines Adorno-Essays gedruckt, wenn man den Fenstern der Hütte in eine Richtung folgt. Geht man in die andere Richtung, kann man die Details eines Designer-Tisches, „Tabula Rasa“ von Uwe Fischer, erkennen. Tisch wie Essay befinden sich in der Hütte, zu der man sich einen Schlüssel holen muss. Weitere etwaige numerische Entsprechungen wie zwischen Seitenzahl des Adorno-Textes und Abmessungen der Fenster habe ich nicht recherchiert.

    Als auffällig und zuweilen rätselhaft oder bloß intellektuell-dekorativ ist dabei der Bezug auf bestimmte Autoren, Künstler und Traditionen gedeutet worden. Erst im Blick auf größere Perioden von Prinas Arbeit werden sie tatsächlich als Gegenstand einer künstlerischen Auseinandersetzung voll planerischer Schönheit erkennbar und bleiben eben nicht willkürlicher Ausgangspunkt einer nur strukturell bestimmten Gestalt. Die Methodik seiner „Retrospection Under Duress“ , die Prina seit einiger Zeit verfolgt, kommt solcher Erkennbarkeit entgegen: Neue Arbeiten in dieser Reihe von Retrospektiven beruhen stets auf Elementen oder Ordnungsprinzipien vorangegangener. Neben der Verbindung von Filmbildern bei Bresson mit Seitenzahlen des Föhmel-Monologs, von Grundrissen und Umrissen bei Manet mit Prinas New Yorker Galerie wird auch der Konnex der angesteuerten intellektuellen und künstlerischen Projekte sichtbar. Vielleicht so: Manet als Begründer moderner Prinzipien in der Malerei, Schönberg als seine Entsprechung in der Musik, der wiederum Adorno zum Material einer Theorie wird, deren Begriff der Negativität in die Arbeit der Regisseure Bresson, Straub und Fassbinder sowie in die von Marcel Broodthaers als schattenhafte Form positiv hineinragt. Doch bleibt eine derart übersichtlich lineare Verbindung weit hinter der Dichte von Prinas Verknüpfungen zurück. Dennoch spielt er damit, wenn er nicht sogar darauf baut, dass seine gedroppten Namen natürlich auch immer von der Schwerkraft des Konventionellen zu kulturgeschichtlicher Narration hingezogen werden.

    Anders als dem Strukturalisten aus dem Lehrbuch der Ideologiekritik bleibt Prina die Dimension des Geschichtlichen nämlich nicht verborgen. Sein großes Thema ist ortsgebundene Form in der Zeit oder generell Form in der Übersetzung (aus Örtlichkeit in Zeitlichkeit, Musik in Architektur, Geschichte in Konflikt). Und das reicht von den kulturindustriellen Konventionen und ihrem Bruch in den Veröffentlichungsphasen bewunderter Pop-Musiker über die filmischen Fermaten eines Jean-Marie Straub bis hin zu den kompositorischen Prinzipien, die Schönberg mit einer oft von naturbegeisterten Musikfreunden belächelten Gesetzesgläubigkeit für die Wiener Moderne formulierte. Prinas Zugang zu seinem kultur- und geistesgeschichtlichen Material korrespondiert in der Tat komisch mit demjenigen Schönbergs im Verhältnis zu den zwölf Tönen der abendländischen Musik. Mit einem scheinbar willkürlichen Gesetz zur Zusammenhangs- und Komplexitätserzwingung rettet er die Form als Rückzugsgebiet künstlerischer Wahrheit gegen den Ansturm der industriellen Verwertung aller anderen Territorien. Auf einen ähnlichen, durch Erzwingung plausibel werdenden Formalismus rhythmischer Struktur und architektonischer Maßverhältnisse gründet Prina seine Welt von Künstlern, die auf ähnliche Weise Integrität und damit maximale Inhaltlichkeit wie auch gerade Variantenreichtum durch Systemwahn, Radikalformalismus und vor allem dem Material äußerlich erscheinende Gesetze erreichen. Seine Methode wirkt wie eine universalisierte Dodekaphonie. Dem Konzeptualismus der bildenden Kunst hat er die seriellen Kompositionstechniken der musikalischen Avantgarde als parallele Technik hinzugesellt. Dabei täuscht der Eindruck, es handle sich bei seinen Bezugspersonen stets um Geistesverwandte in einem nahe liegenden Sinne. Manet gilt nicht gerade als Formalist, und Steely Dan scheinen sich doch eher in einem formal unterdeterminierten Sinne eines traditionellen musikalischen Idioms zu bedienen.

    Prinas Projekt besteht aber eben nicht einfach in einer Sammlung von Getreuen, deren künstlerisch-methodische Verwandtschaft ausgemachte Sache wäre. Er bringt erst die in ganz unterschiedlichen Graden vorhandenen Strukturen und Strukturalismen hervor – und konfrontiert beabsichtigte künstlerische Strukturen mit denen werkgeschichtlicher Sedimentierungen. Letzten Endes ist der Fluchtpunkt seiner Darstellungen, wie Geschichte selbst notwendig Formen hervorbringt, die nicht in der Narration aufgehen, derjenigen der Story, die uns normalerweise erzählt wird. Wissenschaftliche Konsequenz und methodische Sauberkeit sind gerade deswegen vermeidbar, weil in Teilbereichen eine gut genialische Strenge willkürlich waltet. Dass Schönberg als entscheidendes Material für Adorno, jener als Künstler und dieser als dessen sekundärer Verwerter gilt, ist ein Beispiel für jene Unterscheidungen, die Prina in produktiver Weise auf andere, wichtigere Gemeinsamkeiten hin unterlaufen kann. So schleift er etwa die schon oft attackierte Unterscheidung von E- und U-Musik nicht wie üblich durch einen außermusikalisch argumentierenden Hinweis auf die veränderte soziale Situation der Musik ein, sondern indem er gerade zeigt, dass Steely Dans berühmte Vorliebe für bestimmte Akkorde in ähnlicher Weise einem modernistischen Ordnungsprinzip folgt wie Schönbergs Reihen.

    Adornos „Über den Fetischcharakter der Musik und die Regression des Hörens“, dessen eingeschweißte Manuskriptseiten sozusagen den Höhepunkt der Ausstellung markieren, wird in seinen Diagnosen von Prina weder ausdrücklich bestätigt noch verneint. Die Ausstellung dieses Textes deutet lediglich auf den Umstand hin, dass eine bestimmte – in sich quasikünstlerische – Reflexion der Musik in Prinas Arbeit dem gerade im Neo-Konzeptualismus der Neunziger ausführlich erforschten Zusammenhang zwischen spezifischen Orten, Architektur, Maßverhältnissen und historischen Momenten als Grundlagenforschung zeitgemäßer kritischer Kunst einen anderen Zusammenhang aus nichtzufälligen historischen Strukturen und Zusammenhängen gegenüberstellt.

    Vielleicht läuft dies darauf hinaus, dass ein Bild der Zeit wie auch eine musikalische Serie des Raums für zeitgenössische künstlerische Projekte einerseits wieder attraktiv werden – und andererseits unmöglich bleiben, in dem strengen, nichtmetaphorischen Sinne, den Prina im Auge hat. Vielleicht hinterlassen sie die Unzugänglichkeiten, von denen Prina spricht, wenn er dem Titel seiner Ausstellung „To The People Of Frankfurt am Main“ den Untertitel „At Least Three Types Of Inaccessibility“ beigibt. Die öffnende Geste hin zu den Leuten und dem Volk einer Stadt, die sich bei Prina auf die letzte Arbeit Blinky Palermos, „To The People Of New York“, bezieht, ihr in Frankfurt nicht unbekannter, netter Optimismus flüssiger, quasi voraussetzungsloser Kommunikationsverhältnisse übersieht eben jene gemauerte Unzugänglichkeit geschichtlich gewordener Formen. Ohne dass die Möglichkeit zur Verfügung stünde, sich ganz auf die Seite nichtkommunikativer Formbegeisterung schlagen zu können. Warum dies mindestens drei „Typen der Unzugänglichkeit“ ergibt, bleibt indes sein Geheimnis.

    Stephen Prina, „To The People Of Frankfurt am Main – At Least Three Types Of Inaccessibility“, Frankfurter Kunstverein, 17. März bis 30. April 2000

  • Gespräche mit Martin Kippenberger

    Teil 13

    K – Ähm, Herr Oberst! Ein Glas Wasser, der, äh, dicke Onkel hat Kopf-schmerzen. Naja. – Na dann Frohe Ostern. Zorn Gottes. Danke.

    Ober! Bitte!

    Ich glaub, ich hab zweimal in meinem Leben vorm Schalter gestanden. Man steht nicht an! Das gehört sich nicht. Man ist nicht geboren, um anzustehen. In diesen Krieg möcht ich nicht kommen. Ich möcht aber auch nicht der Schaltermann sein. Da geht man einfach weiter, ein Stück weiter. Da fährt man mit der Straßenbahn anstatt mit der Bundesbahn. Um die Ecke und dann … Niemals im Museum furzen, weil …

    J – Weil was?

    K – Ja, man hat rausgekriegt, daß die Fürze die Bilder zerstören. Wenn die von dem Kalten ins Warme reinkommen und die pupen dann, das müssen also die furchtbarsten Gase sein, die es gibt, die die Bilder zerstören. Mehr als Licht oder sonstwas. Oder Hitze. Das sind die Fürze von den Besuchern, das ist das Gefährlichste. (Wissenschaftlich erwiesen!)

    J – Dann müssen ja aber …

    K – Das ist wahr, das ist wahr, leider ist ja der Spiegel nicht in der Lage mit ihren Oberrecherchen auch mal was in Kunst zu machen … will ja auch keiner, vielleicht haben sie auch recht. Hm? Die halten Kunst für primitiv. Primitivität, mein ich aber, ist großes Schaffen, wunderbares Schaffen, und das seh ich ja an meinen Studenten, daß die Studenten, die intelligent oder intellektueller, wie du es so nehmen willst, die also n bißchen was schärfer sind im Nachdenken, die sind nicht in der Lage, einfache Arbeiten so mal rauszuschmeißen, einfach zu gucken. Die stehn sich selber im Wege, mit ihrem Hirnkram. So auch unser Oberchef Rudolf, Rudolfo.

    J – Rudolfo?

    K – Mein Lieblingssäufer: Augstein. An dem kannst du vieles ableiten, wenn du willst. Über die Person Augstein. Ich weil gar nicht. Weil die anderen Journalisten sind, traun die sich da nicht ran. Ich würde mir den Augstein vornehmen, aber liebevoll. Und da mal … Woher das kommt, daß es mit einem Menschen so weit geht, wo er von gefertigt ist und so was von ängstlich, liebevoll, intelligent, Riesen-Computer, woher, woher kommt das? Und ich mein, der is ja auch nicht mehr oder weniger als wir, der trinkt auch, obwohl er schluckt, trinkt er nicht mehr oder weniger und nimmt n bißchen Amphetamine, is okay. Aber der hat doch alles, ob das Kurzzeitge-dächtnis noch funktioniert und das Langzeitgedächtnis. Und so was von auf Draht! Und so was von abstrahieren kann. Wo sind die anderen? Wo sind die anderen Rudolfs? Rudis? Fußballer. Guck mal hier, beim Spitzenspiel sind 22 Mann aufm Platz und dann noch Ersatzleute. Nun such maln Ersatzrudi! Außer daß die, die bei ihm arbeiten, natürlich Ersatzrudis sind und im Stile von Rudi schreiben. Und weil sie ja Sozialversicherung haben und Kredit kriegen. Wär gut, wenn da nicht ein Bonsaibaume, sondern mal wieder ein richtiger Baum gepflanzt würde, ne Eiche, in front of the door. Woher hat er das, diese Konstitut wie nennt man das diese körperliche Verfassung?

    J – Die Konstitution.

    K – Ja. Woher nimmt er die? Geistig und körperlich! Möcht ich gerne wissen. Also mit Tabletten? Da soll er mir mal nen Tip geben. Oder ob der immer ganze Lämmer schlachten läßt, da im Hinterhof, wos die Spritzen in den Popo gibt. Möcht ich mal gerne wissen. Der ist hellwach. Den kannst unter LSD setzen mit Hasch dazu, kaum machstn Anlauf in irgendein Problemchen, baff! Fängt der an zu labern! Ein feiner Mensch! Also der Rudi, der ist schon „höher“, aber nicht das, was ich sonst unter „höher“ verstehe. Also ich glaub nicht, daß der Rudolf mein Vater ist. Na, hat son paar Ausgaben rausgebracht, halt pünktlich die Woche am Montag, aber ich glaub, mich hat er nicht rausgebracht.

    Aber zum Höheren laß uns mal kommen. Das Höhere, das wird sehr entscheidend sein. Das, was wir unter Liebe verstehen und Zuneigung und Sicherheit. Ist der Überbegriff Wärme? Und wenn du so das Weltall siehst, dann sieht das alles ja sehr kalt aus. Das ist halt schwarz und nur die Sonne, oder was man da schreibt. Das kannste auch nicht mieten, das kommt auch nicht aus der Steckdose, wirklich. Zwei Löcher in der Wand: Regen oder Schnee. Wer knetet die? Die Basislebensbedingungen, wer knetet die? Das sind nicht die Gaswerke. Obwohl die Gaswerke sich mal wieder ganz schlau in Frankfurt genau auf ein jüdisches altes Dörfchen gesetzt haben.

    D – Wann ist das passiert?

    K – Wann das passiert ist? Das war nicht 45, das war nicht 38, das war, glaub ich, vor zwei Jahren. (lacht) Mensch ham wir gelacht. Du kannst es nicht jedem recht machen und jetzt meine Behauptung: Du sollest niemandem was recht machen! Weil Recht is ja eine Bestimmung, das is ja so was Niedergeschriebenes. Du sollst „lieb“ sein! DU kannst doch nicht mal lieb sein, das entspricht ja gar nicht deiner Natur, deinem Verhalten, was n Mensch ist! Das ist ja die reine Lüge. Du sollst deine Mutter nicht töten! Du sollst nicht Scheiße reden über deinen Gott! Die ganzen zwölf Gedichte, oder wie heißen sie?

    D – Zehn Gebote.

    K – Jo. Guck mal her.

    D – „Zwölf Gedichte“ ist gut.

    K – Das is n Arschloch-Volltreffer. Vielleicht sind die nur so, damit da einer neue Gedichte draus macht! Sind nur Vorlagen. Guck mal, ich kann dem Kind auch nur Vorlagen liefern. Na, hier hast n … na zieh mal n Röckchen an! Nicht nackig da rumlaufen im Winter! Soo! Mehr ist es auch nicht. Was soll ich dir erzählen, was da draußen vorgeht vor der Tür? Kannst du gar nicht beantworten. Meuser und Kinder, das ist die Wahrheit.

    J – Meuser und Kinder …

    K – … sagen die Wahrheit. Ach, gestern haben wir über die „kleine Welt“ gesprochen.

    D – Kleine Welt?

    K – Na gut, sie ist nun mal klein. Dadurch, daß das Ende auch nur in der Milchstraße angesiedelt ist.

    D – Ach so, die Geschichte, die Tatsache, daß unser Planetensystem auch ein Teil der Galaxis ist, die man Milchstraße nennt und am Himmel sehen kann.

    K – Naja gut, ich fang immer wieder damit an, weils irgendwie nie richtig beschrieben wird, und viele Leute wissen das vor allem nicht, daß wir … uns da finden, wo wir hingucken. Also eine visuelle Angelegenheit ist das. Danach kannst du gleich schalten, wie wichtig du dich zu nehmen hast, wenn du dich da oben siehst. Und nicht mehr, ich bin auf diesem Riesen-Nasenpopel, und da oben ist alles nur kleinklein. Sondern daß wir ein bestimmter Teil von dem Klein-Klein sind.

    D – Das heißt, du hast im Moment gerade das durchgemacht, was die Menschheit so …

    K – … so ausmacht! Hahaha!

    D – … so im 16. Jahrhundert durchgemacht hat.

    K – Ham sie?

    D – Ja, als ihr klar wurde, daß sich halt nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht.

    K – Hm.

    (Ober im Bord-Restaurant dazwischen)

    K – Ich probier schonmal, obs nach Korken oder nicht nach Korken riecht.

    D – (lacht)

    K – Na schöner Korkenwein! Ich seh schon: wunderbar! Lambert Lamberti. Ist der Sohn vom Lambert. Na gut, bin nun mal kein Weinbauer. Bin ein Bauer. Das sind wir ja alle. Steinchen auf Steinchen. Deswegen regt mich das furchtbar auf, daß sie die Mauer abgerissen haben, weil Steinchen auf Steinchen, das ist so deutsch. Das ist kein Mahnmal, das ist ein Denkmal. Das ist die deutsche Skulptur. Was der Beuys ja gesagt hat, die Mauer ist aus rein ästhetischen Gründen 7 Zentimenter zu niedrig.

    D – Jaja. Aus Proportionsgründen. Jaja.

    K – Jaja, wir haben alle mit der Proportion zu tun. Ist ja genauso wie: Was zählt, ist die Zeit, die einem übrigbleibt. Die Geschwindigkeit, wo wir auch gar nichts mit anfangen können, aber die ja entscheidend ist, so heißt es, um jemand anders zu erreichen.

    D – Die Geschwindigkeit von was, von Kommunikation, oder?

    K – Ja, Kommunikation mit anderen Sternen, also mit deinen Kollegen, …

    D – Ja, aber …

    K – … den grünlichen, den grünlichen Kollegen.

    D – Ja aber, glaubst du an die grünlichen Kollegen?

    K – Ja sicher! (gehaucht) Aber die werden natürlich nicht in persona wie der liebe Gott erscheinen. Den kann man sich ja noch mit m Bart vorstellen… Das sind Teilchen, das sind irgendwelche Teilchen.

    D – Ja, glaubst du, daß es so was …

    K – Das sind Sachen, die viel schneller, viel schlauer, viel … die warm sind, die Harmonie besitzen, was wir nicht haben. Obwohl, wir haben uns ja dran gewöhnt. Und es ist ja auch ganz nett. Wir haben keine Harmonie. („Meine sehr verehrten Fahrgäste! Wir heißen Sie herzlich willkommen an Bord.“) Aber das hält uns ja aufrecht. Weil wir so geboren sind, und wir sind so erzogen oder so aufgewachsen. Aufgewachsen.

    D – Was verstehst du unter Harmonie?

    K – Wärme, Wärme. Du badest dich in irgendwas.

    D – So stellst du dir die Außerirdischen vor?

    K – Äh …

    D – Haben die denn ein Bewußtsein?

    K – Ist höhergestellt, glaub ich. Ich glaube, das, was ich draufhabe, ich kuck mir ja auch mal über die Schulter, das ist ja nicht viel, da kannste ja nur noch besser werden. Also, da nehm ich mal an, daß die Fische, die Mikro-äh-Sci-päh-Fische in dem Meer, in dem Meerall, schon n bißchen, aber auch großzügiger sind. Also dann sag mal wer: Es geht um Wärme, es geht um Tiefe, und es ist die Zeit, Räume, Räumlichkeiten.

    (Fahrkartenverkaufender DB-Kontrolleur)

    K – Guten Abend! Ich Penner brauch noch von Köln nach Frankfurt, zweiter Klasse, ein Ticket.

    D – Mm.

    K – Also: Raum Raum ist so viel wert, also auch Freiraum, nennen wir es doch ganz einfach kindlich Freiraum, wie alles kindlich sein wird. Freiraum. Raum ist auch Zeit. Also, das kannste in der Galerie nun mal nicht bewältigen, wenn du links und rechts was an der Backe hast, was Wand heißt, und da mußte auch noch was dranhängen, da wirds noch kleiner, der Raum.

    D – Aber ohne Wände gibts gar keinen Raum.

    K – Doch, doch, doch. Es gibt ne Räumlichkeit.

    D – Du meinst einen unbegrenzten Raum.

    K – Woher soll ich wissen, ob der wirklich unbegrenzt ist. Ich bin ja kein Wissenschaftler, ich bin ja n Heiopei.

    D – Ne, ich mein, wenn du sagst, es geht dir um, äh, Wärme, Raum, Geschwindigkeit.

    K – Ich kann dir ja nicht so … Also, ich mach mal die Wunschliste n bißchen länger, damit ich wenigstens n bißchen was kriege. Also, nennen wir das mal so: Raum, Zeit, Wärme, Geschwindigkeit. Die Geschwindigkeit find ich ganz gut drin.

    D – Die Geschwindigkeit-Wärme entsteht ja durch Bewegung.

    K – Ja? Ach so. Na gut! Hat wer n bißchen Wärme, haben wir soviel davon?

    D – Wärme ist doch einfach ne Bewegung.

    K – Na gut. Ist natürlich: Kaum hast du es, kannste nicht damit umgehen, Da bin ich auch Weltmeister drin, in Nichtmitumgehen-Können. Wobei wir wieder beim Kinderkrämchen sind und bei ner Frau und bei der Bettwäsche. Es geht ja nicht um Miete bezahlen, es geht ja wirklich um diese Hilflosigkeit, die man an den Tag legt, weil man sich nicht genug gönnt. Also laß mal sagen: Egoismus ist größer als Napoleon. So fangen wir mal am besten an. Weil, man zieht in den Krieg. Man bleibt am Leben, aber man will noch mehr.

    D – Wobei doch Überleben schon genug wäre, meinst du. Oder was?

    K – Auch Überleben endet immer mit dem Tod. Das sollte einem zumindest im Duden da geschrieben sein, daß es eben so ist.

    D – Ja. „Wer redet von Triumphen? Überstehen ist alles.“

    K – Was?

    D – „Wer redet von Triumphen? Überstehen ist alles.

    K – Vieles passiert in der Geschichte, daß du dich drauf verlassen kannst auf dein Nachhinein. Ich weiß nicht, woher die das genommen haben, ob die übersinnlich waren, daß es was Schönes darstellt im Nachhinein. Also, du bist tot, mausetot, so daß da jemand über dich redet.

    D – Und du denkst, daß man davon irgendwelchen Trost bezieht?

    K – Was?

    D – Und daß man davon irgendwelchen Trost bezieht?

    K – Jaa. Ne, weiß nicht, eh, was n Quatsch, n uninteressanter Quatsch. Während du lebst, willst du gemeint sein. Und ich sage: Der Egoismus ist das einzige Heilmittel schlechthin für, ich sage jetzt nicht die Kunst des Lebens, ich sage einfach: Kultur. Sich aufrecht erhalten. Und das auf ner guten Bühne. Ja, so … (lacht) Und der Mensch ist ja, man weiß nicht, wo er gebaut ist, aber er kommt immer aus der Frau raus. Also ist man auch den Frauen irgendwie dankbar … in gewisser Weise. Naja gut, wo man schon so weit ist, kann man ihnen ja dankbar sein. Es tut dann weh, wenn die Mutter stirbt. Noch härter als der Vater. Man ist ja selber der Vater. Wo man nun n Alter erreicht, wo Mädels einen nur noch als Vaterfiguren wahrnehmen. Das ist doch ganz nett, hm? Im Grunde genommen muß man gar keine Kinder zeugen, weil ja genügend …

    D – Weil man eh schon genügend hat.

    K – So ein Kind wird dich niemals ehrlich meinen. Die werden sich nachher so nennen, wie dein Nachname ist.

    D – Naja, die ham natürlich erst mal ein großes Problem. Und mit Glück werden sie das irgendwann los.

    K – Ach, die haben kein großes Problem. Liebe kann kein Problem sein. Es sei denn, du willst es so darstellen …

    D – Allerdings kann Liebe ein Problem sein!

    K – Was?

    D – Die Liebe der Eltern kann das größte Problem sein!

    K – Ja, ich hab da ganz offene Thesen! Also: bloß kein Sohn! Weil die sehn nachher aus wie du.

    D – Ja eben! Zum Beispiel. Da gehts los.

    K – Die benehmen sich so wie du, also die vom Oswald Wiener, der Sohn vom Baselitz, der vom Polke, der Sohn, die sehn genauso aus wie die Väter, machen dieselben Sprüche, laß es ruhig Texte sein, hilflos pubertierend. Geht nicht. Nur wenn die Tochter sagt, Arschloch, isses eine ganz klare Aussage: Liebe! Ich liebe meinen Vater, ist ja auch ganz klare Aussage: Liebe! Also, mit m Mädel kommt man besser zurecht. Wenn da nicht die Mütter da wären. Mütter – das ist einfach …

    D – Die eigenen oder Mütter der eigenen Kinder?

    K – Nja, ich hab erst zwei Kinder. Meine Kinder hab ich nicht immer selber gemacht. Das, was ich nicht selber gemacht hab, das kriegt meinen Namen, und das, das ich gemacht habe, hat den Namen Hirsch.

    D – Wie, und das, was du nicht selber gemacht hast, was ist das fürn Kind?

    K – Von schwarzer Frau aus Afrika, man kann auch sagen: Frau aus Afrika. Blumengeschäft. Zwischendurch Wäschegeschäft, aber wieder zurückgeschaltet auf Blumengeschäft, das heißt, morgens um fünf Uhr aufstehen, eine Stunde später als der Bäcker, und macht da so Bouquets.

    D – In welcher Stadt?

    K – Hamburg. Hat n Kind gekriegt und heißt Kippenberger. Weil ich mit der verheiratet war halt. Ja, ich hab auch ein Kind, das so heißt wie ich. Frag mich nicht, ob es jetzt n Junge oder n Mädchen ist, aber …

    D – (lacht)

    K – … Jedenfalls hab ich da keine Probleme mit, weils nun mal nicht von mir ist.

    D – Hast du denn nicht Kontakt zu der Familie?

    K – Naja, die ganze Welt ist ja eine Familie.

    D – Ja, obs nun eine ist …

    K – Ja, ich mein, ich bin doch immer in Woodstock, ich bin doch gar nicht zurückgekommen, also, ich bin immer noch in Umarmungen, und äh im Schlamm rumsudeln und äh laß es regnen und laß es laut sein. Woodstock. Hört doch nicht auf. Und kommt auch wieder. Die Siebziger kommen wieder, müssen wir gar nicht groß telefonieren, kommt ganz von alleine wieder.

    D – Jaja.

    Teil 13.1

    K – Flying Wilburies und Wilson Philipps, toll meine drei ausgewählten Frauen. Die eine kann nicht singen und sieht Scheiße aus, tut aber auf oberhübsch. Die andere ist blond und hat n großen Busen. Und die andere ist fett und läßt den Arsch nicht sehen im Video. Eine Harmonie ist das zwischen denen – wo kommen die her?

    D – … das sind die Töchter von Brian Wilson und die Tochter von Michelle Philips … von den zwei Gruppen Mamas and Papas und Beach Boys.

    K – Mamas and Papas und von den Beach Boys. Ich war da, ich war bei der Vorstellung, in der ersten Reihe, dem besten Platz, bin demonstrativ aufgestanden, weil die waren nur die Vorgruppe, aber ich gleich gesehen, das sind sie. Bin aufgestanden danach und rausgegangen. Und vorne stand mein Wagen mit Chauffeur, raus, und den Kindern in die Augen geguckt. Meinen Kindern, die ich meine. Nachher kam Stalin oder Marx, oder wie heißt er? Sänger, n Sängerbruder, Marx irgendwas, muß sehr bekannt sein da, das war der Hauptgig.

    D – Stalin?

    K – Marx! Marx! Marx!

    D – Richard Marx, oder was. So einen gibts!

    K – Ganz, ganz, ganz oben ist der da, in Amerika.

    D – Kenn ich nur ganz vage.

    K – Ja gut, ganz oben da, so richtig Heiopei high Opi für die Szene. Bin aber aufgestanden, demonstrativ, die Vorgruppe wars, geh ja selbst wenig in Konzerte. Ja, Flying Wilburies sind die Spitzengruppe und beide, beide Videos, auch das, wo da nur noch die Girarre dasteht, von dem blinden Onkel Roy, und kurze Haare habe ich ja wahrscheinlich auch nur, weil meine Studenten … Tochter von Sean O’Connery (jault) „Nothing compares, nothing compares“ singen. Ich kanns jetzt selber. Mein Reden ist kleine Theorie für Fortgeschrittene. Und? Naja, ich bin auch nur n Verteiler.

    Ober bidde sehr.

    D – Ist der sehr flüssig?

    K – Ja sicher. Wenn das der Haken ist, häng ich mich dran auf (lacht). Es gehört daran? Naja, das war wieder die Thematik „Haken“. Wo waren wir stehengeblieben mit dem Essen? Ach so: Machs wie ich, und dann siehst du, ob das Essen gut ist. Essen ist doch was Normales, ne? Über das Leben! Also, man muß es eigenhändig schaffen. Jetzt geh mal durch diese Roulade, mit dem … So! Ja, hier durch, brauchst kein Messer! Ich fühl mich hingezogen zu Essen, was man einhändig essen kann. Das Messer hat man in der anderen Hand für gewisse Sachen. Ooch, da kommt einer, der so aussehn will wie ich. Denselben Hut, Schlips, Bart, Hemdchen, Mantel und ne alte Frau dabei. (Pause)

    Ohohohoh, man kann nicht sein Leben lang Förster sein, wenn der Wald schon gerodet ist. Oder! Tiroler Hut, ne? Steht mir sehr gut, aber nur, wenn er so gut steht. Nachpflanzen. Und sieht nicht aus wie Richard Widmark. Der hat Bonus, Mann, Mann, Mann, der hat n Bonus, Richard Widmark.

    D – Lebt der noch?

    K – Hä?

    D – Lebt der noch?

    K – Jaja! Richard lebt noch, und zu recht …

    D – (lacht)

    K – … wie heißn die Alkis, unsere Alkis von Hollywood: Richard und …

    D – Dean Martin?

    K – Neinnein, Western knallhart. Dean war ja nicht so, war ja mehr singi-sangi.

    D – Ach so, wer ist denn hart. Sind ja alle tot.

    K – Neinnein. Nein, keineswegs. Tony Curtis lebt noch, und der darf keinen Spitzbauch haben und ne rote Nase, der Tony Curtis.

    D – Der ist gut.

    K – Wer ist da noch … Na, der Beste, der ist na gut, einer der Besten, einer unserer Besten ist gestorben, ein Mann, der in der Wüste gelebt hat, mit m Swimming Pool.

    D – Steve McQueen?

    K – Steve McQueen ist überhaupt gar nix. Nie was gewesen, vielleicht nochmal ne gute Rolle erwischt, aber nie was gewesen selber. In der Wüste war unser Freund mit nem betrunkenen Freund, einem betrunkenen Pferd, wie heißt der?

    D – Ich weiß es nicht.

    K – Ach! Mit dem Film, wo das Pferd zusammenbricht mit dem Reiter, total besoffen, das Pferd und der Reiter auch!

    D – Tut mir leid …

    K – Ahhhei was born (singt) under a wandering …

    D – Lee Marvin!!!

    K – Yes! Na! Erkennungsmelodie hilft immer!

    D – Lee Marvin, klar!

    K – Und tollen Hit gelandet!

    D – Ja.

    K – Der Louis Amstrong der Wirklichkeit.

    (lachen beide laut)

    D – Beatles verdrängt.

    K – Was?

    D – Hat damals die Beatles in den Charts verdrängt.

    K – Ja sicher!

    D – Ja und sonst ist der andere, welches ist der, der noch lebt? Welchen meinst du damit? (längere Denkpause) Jack Lemon, Robert Mitchum …

    K – Robert Mitchum!

    D – Ach so, ja der!

    K – Robert Mitchum und Richard Widmark.

    D – Ja. Robert Mitchum ist Vorbild, das stimmt.

    K – Muß man sich immer vorhalten. Und wirds auch nie wieder geben. Manfred Krug isses nicht. Man muß sich so was nicht reinziehn wie Herrn Krug. Nicht. Also feine, feine Menschen halt.

    D – Also Mitchum auf jeden Fall.

    K – Widmark auch!! Menschen, die aus Fehlern bestehen, aus den wunder-barsten, und die du auch im Film sehen kannst. Menschen, die nich nur für dat Bungalow arbeiten, ne? Schon für, äh, … lebensprächtig, gute Vorbilder sein. Lieber Gott! Lee Marvin hats natürlich geschafft, weil er n Sänger war.

    D – Und wie findest du John Wayne?

    K – Ahhm man denkt immer so schlecht über den Menschen, ne?

    D – Ja, ich denke sehr gut über ihn. Ich halte echt sehr viel von ihm.

    K – Naja, John. Gut, die Menschen haben da keine Geschichte, die hatten ja vielleicht nur den JohnnyBoy, also wirklich ehrlich, und mit m Ballermann, er ist damit umgegangen und hat auch gesagt, ich setz ihn mir in Mund und lutsch dran rum, bis ich tot bin. So. Es war, also von der Identität eines Amerikaners her, ohne Verfälschung, ohne Ausreden, unser Mann also deren Mann, oder der Amerikaner. Das ist wie die Freiheitsglocke, die zum ersten Mal gebimmelt hat. So ist John Wayne! Auch der Gang und die schlechte Darstellung, Diese uninteressante Darstellung, total uninteressant.

    D – Jedoch im Alter ist er ja so gut geworden. Also, El Dorado zum Beispiel, kennst du den Film?

    K – Ja! Aber jetzt müßt man nochmal festhalten nur für den lieben, guten Text, wo Lee Marvin gelebt hat. Der hat in der Wüste gelebt mit einem Swimming Pool, hat daran gesessen. Da war auch keiner in der Nachbarschaft, der nur reingucken konnte in den Swimming Pool und welchen Reichtum er besitzt, oder wie Erfolg sich darstellt, dadurch, daß du ein Haus hast, ne Garage hast, und nen Swimming Pool. Er war da stockalleine und hat da am Swimming Pool gesessen, in der Wüste. Das sei mal festgehalten! Saubere Methode! Ganz, ganz saubere Methode von Wohnung, wirklich prima. Also, ich glaube sogar, daß Lee Marvin nicht mal wußte, was Krieg und Frieden ist. Oder Vorspeise, Nachspeise. Er gehört zu den Menschen, die einem nicht die Augen öffnen, aber was Offenes darstellen. Das war einer von denen. Onkel Lee. Wirklich, und der … das Lied, das er uns geschenkt hat … Vielleicht das einzige, das ich ganz auswendig singen kann.

    D – (singt) damdadamdadam (lacht)

    K – (röhrt) damdadamda, dadadadada, ahhh was boorn under a wandering star (normal) Jetzt gehts in die Höhe (Chorknabenstimume): Ahhh, ahhh, ich versuchs.

    D – (übernimmt den Part) was boorn …

    K – Wie der das geschafft hat!

    D – (säuselt weiter) … under a wandering star …

    K – Da gibt es keine B-Seite in seinem Leben! Ich hab es jetzt auch mal geschafft, eine Schallplatte rauszubringen mit „Wir ficken alles – Karneval“, mit m Albert. Da gibts natürlich keine B-Seite. Aber der könnte so eine Riesen-Quadratmetergroße B-Seite haben, hat der verdient. Wo nix drauf ist, eigentlich funktioniert das. Das ist nicht immer „New York, New York“.

    Teil 13.2

    D – Bist du katholisch oder evangelisch?

    K – Pfhh viel, viel, viel schlimmer: ich bin streng evangelisch. Also erzogen. Die Bibel dreimal durchgetaucht und die meisten Psalmen singen.

    D – Echt?

    K – Hmm. Aber das nur als Abwehr, als Notwehr. Weil ich sie singen konnte, durften sie mir nix tun, das war, das war wie n Schläger, da konnte mir niemand die Birne einhaun. Ich bin geschlagen worden, aber ich konnte früher ziemlich gut auf drei Tage was auswendig lernen, was ich sofort wieder vergessen hab. Aber ich habs gelernt, um zu strahlen im Vortrag. Und hab mal vom lieben Gott n Wink gekriegt, n absoluten Wink, da war ich neun oder zehn. Nachdem ich mal wieder verkloppt worden bin und stand da auf m auf dem Hang da bei der Schule, da kam n Blitz, und da hab ich gedacht: Kümmer dich nicht drum, du bist auserwählt, du bist du stehst über jemandem, über den ganzen Leuten, du bist der Auserwählte. Das war richtig mit Donnern gemacht. Schnaggeldienagg. Es war …

    D – Wie, du hast eine Stimme gehört, oder hast dus nur plötzlich so wahrgenommen?

    K – Innere Stimme, als es mir richtig scheiße ging, weil ich zusammengeschlagen worden bin. Und stand auf dem Hügel und dann – bin alleine da gewesen – und dann kam die Stimme in mir, sagte „Du bist auserwählt.“

    D – Diese Stimme, die dir fremd vorkam, das war nicht deine eigene?

    K – War nicht meine eigene. Es war die Stimme des Herrn, die gesagt hat, daß ich auserwählt bin, über diese Flauköpfe da zu herrschen …!

    D – (lacht heraus)

    K – … und zu denken.

    D – Wahnsinn!

    K – Ja. Das hat mich geprägt, das hat mich wirklich gemacht. Seitdem konnt ich locker umgehn mit allem, hab keine Probleme mit irgend nem Menschen, mit dem Die-Mutter-Ehren und überhaupt!

    D – Ist ja unglaublich!

    K – Ich kann ja noch fast den Quadratmeter herausfinden, wo es war. Aber richtig Dresche hatte ich gerade gekriegt, und da kommt sie, die Stimme!

    D – Und am nächsten Tag bist du in die Schule gegangen und standest über den Dingen?

    K – Seitdem stehe ich über den Dingen (Pause). Hört sich doof an, aber so ist es!

    D – Ja, ich meine, das erleben viele Leute in dem Alter, so was …

    K – Nun paß mal auf, jetzt kommt ja nochmal erschwerend hinzu, daß ich das durchschaut habe, irgendwo, ich habe das mitgespielt, mit der Religion da. Ich hab gemerkt, daß es vorn und hinten nicht stimmt. Und ich hab auch weitergewichst, obwohls nicht erlaubt war. Und die Betten haben sich geschüttelt, so hab ich gewichst. Obwohl der liebe Gott das nicht haben will, laut Bibel oder so. Und die andern verpetzen dich dafür, daß die Betten rasseln. Ich hab das immer schon durchschaut, daß das nicht die Bibel ist. Ich hab mitgespielt, aber ich habs nicht geglaubt, nie, aber alles mitgespielt, und ich war n Profi. Das kann ich sagen. Als Interpretation, also ich hab da ne richtige Show abgezogen auch, mit Interpretationen der Bibel und mich sofort melden, wenns mit der Frage noch offen war. Das war nie Gott, das war nie die Bibel, das war nicht die Religion, weil das war das Verlogenste, und das hab ich da schon gemerkt. Evangelische noch schlimmer als Katholische. Deswegen bin ich ja immer noch in der Kirche.

    D – Ja. Ich auch.

    K – Weil das ist ne Absegnung im Computerprogramm. (murmelmurmel, ahmt eintippen nach) Geben die deinen Namen ein und denken: Oh in der Kirche! Düdüdü haste schon, kannste sehn, kannst rübergehn. Falls du mal im Sinne der Öffentlichkeit kriminell bist, in der Form, im Denken, oder so bist religiös. Ensslin, Ensslin-Faktor! Da hast du dann Schmiergeld! Aber s ist nicht die Kirche, ist nicht Gott, ist nicht… Ich bins auch nicht. Is … pft! Naja, Glück gehabt, Was? (lachen beide) Oder, wie siehst du das von außen? Wie guckst du mich an, von außen? Guck mal, ich hab Erfolg, ich hab das und das geschafft mit einfachen Mitteln oder mit dddd-Mitteln, ich hab Geschwindigkeit gebracht. Und Leute, die das sehn, die haben es nicht in Kunsthochschulen gesehn, die standen um mich herum und waren um schöne Menschen. Und waren komischerweise alle Künstler, also Kollegen. Genau wie mein kleines Kindchen, auf hundert Meter Entfernung erkennt die n kleines Kind und grabscht an der Handtasche so rum und will Kind umarmen und so. So mach ich das auch. Ohne n Namen zu wissen, ohne Wissen, wer das ist. Zum Beispiel vor langer Zeit in Hamburg: Guck, da sind zwei schöne Menschen in die Stadt gekommen, guck dir sie an. Das sind schöne Menschen!, sagte ich. Das sind wer? Albert und Werner waren das, in dem Fall und eine Frau, die Frau heißt jetzt Frau Büttner.

    D – (lacht) Naja.

    K – Ne, es war so. Du äh hast ne natürliche Gabe, und ich weiß nicht woher. Ich weiß nicht, wer die ins Blut eingeflößt hat, wer so einen perfekten Körper gemacht hat. Und wenn es noch so Scheiße aussieht, daß der so einen perfekten Körper gebaut hat, den vom Menschen. Der – kennst du den Kollegen? Ich kenn ihn nicht.

    D – DNS.

    K – Was?

    D – DNS.

    K – Das ist die LSD …

    D – Desoxyribonukleinsäure, die Geninformation!

    K – Du weißt Bescheid oder was!

    D – (lacht) Ja. Ich meine, diese Erklärung zumindest hab ich.

    K – Was ist n das für ne Erklärung!

    D – Die Geninformationen, also frag mich jetzt nicht nach den naturwissenschaftlichen Begriffen, aber du hast doch in jeder Zelle einen doppeltgewundenen Strang. An diesem Strang hängen lauter kleine Punkte, und in jedem Chromosom hast du diese Zielrichtung, und die ist einzigartig. Und das ist jeweils eine Kombination von verschiedenen Informationen, die, also biologisch gespeicherte Informationen, die von deinen Eltern, bzw. auch noch älter teilweise, die deine Eltern auch schon weitergegeben haben.

    K – Und wieviel pro kriegst du ab?

    D – Du hast 76 Chromosomen, die in sich teilweise völlig normale Aufgaben erfüllen, die also jeder hat und …

    K – Gehen, laufen, trinken.

    D – Genau.

    K – Gut!

    D – … und teilweise – ahm – völlig einzigartig sind, also nur aus der Kombination zu erklären sind, aus den vielen Geschlechtern und was auch immer da zusammenkommt. Das ist das Ausgangsmaterial. Und dann wirst du in die Welt hinausgelassen und wächst unter bestimmten Bedingungen auf. Und dann werden halt bestimmte dieser Fähigkeiten gefördert und andere nicht, ne. Aber Anlagen sind dann da.

    K – Aber was würdest du sagen: wieviel pro ist dein Elternhaus?

    D – Ist schwer zu sagen, weil bei manchen Leuten ist es leider 100 pro …

    K – Nun jetzt mal bei einfachen Sachen.

    D – Ne, bei manchen ist es 100 pro, bei andern ist es 10 pro. Ich würde sagen, es ist nie 100 pro und es ist nie 0.

    K – Was würdest bei dir sagen.

    D – Bei mir isses …

    K – … schon viel, ne?

    D – … 50, ja. Bestimmt 50. Also mich interessiert immer an einem einzelnen Menschen, wieweit gelingt es ihm, davon wegzukommen, von dem Elternanteil …

    K – Warum die Anstrengung?

    D – Ja, weil er dadurch etwas …

    K – Anstrengung ist doch nicht so gut …

    D – Doch ganz einfach, weil er dadurch eine neue Information schafft. In dem Moment, wo einer was tut, was nicht vorgesehen ist, fügt er ja dem Vorgesehenen eine weitere Information hinzu, und das ist ne Leistung. Also das, äh, erhöht ja die Vielfalt und den Unterhaltungswert der Menschheit.

    K – Das Unterhaltungswerk okay. Das seh ich ein! Aber da war meine Familie nie schlecht drin. Deswegen kann ich das ruhig weiterbehalten, deren Geninformation!

    D – (lacht)

    K – Es geht nun nur drum, daß du dich nicht wehrst, sondern im Gegenteil, daß du dem zustimmst, und dadurch unheimlich viel Kraft sparst, also den Genen gehorchst, daß die sich frei entfalten können und wilder werden und Spaß machen.

    D – Klar, du meinst, man muß es steigern, das Potential?

    K – Ja. Ich hab zum Beispiel gesteigert: Meine Urgroßmutter war Meisterschülerin in Düsseldorf, meine Großmutter hat gemalt, mein Vater hat gemalt, und keiner hats professionell ausgeführt. Ich bin der Erste, ders professionell macht und richtig zum Tragen bringt als Begriff der Kunst Kippenberger. So. Das hab ich jetzt geschafft und muß jetzt damit aufhören, mit dem Quatsch, zumindest soweit, daß du sagen kannst, es war erfolgreich und es steht für die 80er Jahre, oder so. Und ich bin halt nicht geeignet zu einem Léger oder einem Chagall. Wobei beide mir sehr lieb sind.

    D – Chagall auch?

    K – Was?

    D – Chagall ist dir lieb?

    K – Beide, damit bin ich aufgewachsen. Mit Chagall bin ich aufgewachsen und ist nicht wegzudenken, und jetzt versteh ich Léger. Im Geschichten-Erzählen ist die Frau von Chagall natürlich sehr, sehr gut im Verkaufsprogramm und, und auch der Schnulzenfuzzi Duchamp oder solche Leute. Man versteht sie jetzt, aber das kanste nur dadurch, daß du gearbeitet hast über soundsoviele Jahre, und außerdem den Beweis erstellt hast, daß du international was darstellst. Was mich sehr wundert, daß es nicht mehr Leute gibt, die eigentlich was darstellen. Es ist sehr mindere Qualität. Und wenn noch irgendwas Gutes ist, dann sinds vielleicht Formulierungen, und da sind die Amerikaner wieder besser, weil die theoretisch sofort losplappern. Das haben die schon in der ersten Schulklasse! Bevor die Deutsch lernen oder die kennen ja nur Englisch lernen die gleich Formulierungen, bläbläbläp! Und machen gleich einen auf Erziehermaus. Das könn se ganz gut und so könn se vielleicht auch ganz gute Kunst machen, also über Kunst. Was ich eigentlich immer abgelehnt habe. Ich machs ja jetzt selber, ich benutze so viel Kunst in meinen eigenen Arbeiten, von anderen Leuten, oder daß andere Leute meine Bilder malen, das können die natürlich vom feinsten. Papalipap. Die wollten mich doch da auch in Pasadena haben, daß ich mal n Vortrag halte. Ich meine, mein Englisch ist erstmal gar nicht so gut, und ich hab mir eigentlich auch kaum theoretisch Gedanken über die Kunst gemacht. Ich halt das auch für affig.

    D – Naja. Kommt drauf an.

    K – Nö, ich hab ja jetzt ne neue Methode natürlich für mich rausgefunden, also, ich will ja auch nicht alleine im Kalten stehen. Weils mir jetzt egal ist von dieser moralischen Sicht, die einem eingetrichtert ist von Haus aus, ob der Künstler was will/wird, oder ob der Künstler was ist. Nein. Ich stehe da und sage: Damit kann ich was anfangen. Oder ich seh n Künstler und die und die Arbeiten und versuche, was rauszufinden, was n Teil meiner Arbeit sein könnte. Können auch ruhig namhafte Künstler sein. Ich hab jetzt bei Willi Wegman, dem Kalenderkünstler was gefunden. Also, hab ich mir das zusammengestellt und mir das gekauft. War natürlich nur dadurch möglich, daß ich wiederum zwei Bilder verkauft habe. Und das stell ich erstmal innerhalb meiner eigenen Arbeiten aus, in meiner eigenen Programmsammlung, Illustrationen zu meinen Texten. Weils auch wirklich … weil ichs verstanden habe. So wie ich ne Sache sehe, ist ja visuell, da haben andere Leute was drauf, und ist ja egal, ob das doof ist und alles Mißverstandenheit der Künstler da bin ich ja nicht verantwortlich! Kann ich ja nicht sein! Das ist ja wie die Deutsche Speisewagengesellschaft.

    D – Aber du willst doch nicht fürderhin nur noch Kurator oder Sammler sein?

    K – Ne, ich hör auf zu sammeln.

    D – Du hörst auf zu sammeln!?

    K – Ganz auf. Ernsthaft.

    D – Aber du willst nicht die bisherige Sammlung verkaufen, oder?

    K – Nein. Ich muß doch selbst vor den größten Fehlern stehn. Im Grunde genommen sollte man zu allen Sachen stehn, weils wirklich ne Riesen-anstrengung war, auch daran zu kommen. Ich möchte das alles jetzt gebrauchen für meine Arbeit. Verkaufen will ich nix. Der einzige Fehler, den ich gemacht habe, war halt als Jungscher, daß ich doch nicht meine eigenen Arbeiten oder Serien behalten habe. Ich hab keine Serie von mir. Das ist so ein Manko bei mir. Weil, ich seh mich ja zwischen den anderen. Ich hab mich ja nicht alleine gesehen, im Wüstensand, hab ich einfach nicht, da muß ich dann wie Baselitz arbeiten, wenn ich die Zeit dazu habe, was ich wahrscheinlich nicht haben werde. Der Baselitz macht ja weiter weiter weiter weiter, und er macht weiter Holzschnitte, und die werden noch n bißchen übermalt und … Gib ihm Deutsches! Dadurch kann der es sich leisten, Leuten, die mau sind, denen 30.000 so auf n Tisch zu knallen für frühe Arbeiten. Ich hab ja meine Vita. Und laß doch die alte Vita leben. Und ich mach mein Leben weiter. Vita heißt doch so, was gemacht wird.

    D – Das Leben heißt das.

    K – Naja, was du so gemacht hast, da da da. Das ist für den Punkt, wo die Zeile aufhört. Und dann hast du ja die Freiheit, anderes anzufangen.

    D – Ja aber, was willst du statt … was willst du denn machen?

    K – Bolero!

    D – Was heißt das?

    K – Ficken. Rock’n’Roll. Also, Rock’n’Roll heißt Ficken, Blues heißt Ficken, Bolero heißt Ficken, und wir meinen eigentlich Botero … d. h. aufgeblasen sein und drei Dinge pro Jahr rausgeben!

    D – Ist das nicht ein Traum, der deswegen nicht stimmt, weil du überhaupt nicht so bist, nicht so funktionierst wie Botero?

    K – Hm?

    D – Ich meine, du bist doch viel zu agil und …

    K – Nein, nein, das heißt ja nicht, daß ich aufhöre zu arbeiten.

    D – Hm. Das is jetzt also Marktpolitik …

    K – Nein, nein, nein, ich will mich da bedingt rausziehn aus dem Betrieb. Keine Galerien, Ausstellungseröffnungen oder so was mehr machen. Das ist mein erhobenes Ziel. Kannste nicht sagen: Mein gehobenes Ziel ist, ich mach keine Ausstellungen, deswegen mach ich ne Ausstellung. Das ist natürlich ne gute Behauptung, weil krieg ich nicht hin. Oswald Wiener hat – der hat eine Kritik abgeliefert an mir, also da war ich schon halb verschwommen, war schon milchig in meinem Gedankengut. Das ist natürlich auch, was du in die Wiege gelegt kriegst in Österreich, daß du mit Humor ganz anders umgehst, also daß du da die Sprache wirklich sprechen kannst, die vieles bedeuten kann.

    D – Was war das für ne Kritik?

    K – Die Deutschen sind ja nicht zu treffen, in irgendeiner Form, da gibts ja keinen Humor, in Deutschland gibts nicht mal irgendwo einen Nachtrag, oder wer den Humor erfunden hat, oder so. Gibts ja gar nicht!

    D – Aber was war das für eine Kritik?

    K – Ach so, daß ich mich zu sehr verschleuder, meine Schnelligkeit, auch zu sehr auf die schnellen Argumente, auf die schnellen Witze poche.

    D – Ja aber das ist doch Unsinn, weil das doch gerade die Qualität ist.

    K – Peinlichkeit, das ist meine Qualität, das ist meine …

    D – Nein, aber die Geschwindigkeit ist auch eine Qualität, und nicht …

    K – Ach, ne Qualität – aber er hats ganz gut formuliert, es war bei mir schon verschwommen, und ich hatte das Gefühl, er hätte recht, weil, erstmal die Feindschaft loben, daß es nur so kracht! Das hab ich durch Michael gelernt, der hat das drauf. Und der hats gelernt mit m Kurti, und das ist eine Sippe. Das ist natürlich wunderbar, daß du deine Feinde erstmal von vornherein zulobst, daß es nur so kracht. Also, Einstürzende Neubauten das, Altbauten. Daß du n bißchen feiner auch mit der Sprache umgehst, daß du nicht gleich hiebweise die Scherze verschenkst, sondern seit fünf Uhr morgens scherzen wir zurück! Also Krieg anzetteln, und dann scherzen wir zurück. Da ist n artifizielles Geschäft auch in der Sprache, im Sein. Ich mein, du kannst deine Baby-Geschichten immer erzählen, das ist doch langweilig. Du mußt schon das Tagtägliche auf einen Nenner bringen.

    D – Der hat halt nun genau dieses Programm, was du gerade beschrieben hast: er lobt und übt sarkastische Kritik, und lobt dann wieder, und man weiß ganz genau, daß dieses Lob natürlich auch ein Teil des Sarkasmus ist und trotzdem nett gemeint.

    K – Ich weiß nicht, inwieweit ein Mensch dazu in der Lage ist, Qualitäten sich selber zu erarbeiten, aber durch Kritiken aus der Umwelt … und du kennst über die Jahre nur die und die Typen, und da kommt wahrscheinlich auch nix neues mehr dazu!

    D – Na gut, in der Hinsicht ist er richtig, das stimmt, man hat auch was davon, nur darf man es nicht für bare Münze nehmen, also, man darf es nicht nehmen wie die Kritik, die einer ausspricht …

    K – Nö. Horoskop, ist das!

    D – Ja, das stimmt.

    K – Horoskop, und es ist ja auch immer wieder herzlich willkommen!

    D – Es ist halt die Kritik für alle Außenstehenden, das ist der Punkt.

    K – Wir machens ja nur für Außenstehende. Also, sagen wir mal, wir wären Intelligenz, hahaha, … und wir verteilen die Verwirrung. Aber im Grunde meinen wir gar nicht Verwirrung, sondern wir meinen schon die Wahrheit. Aber wir müssen sie für uns selber so verschlüsseln, weil wir nicht angreifbar sein dürfen, in keiner Form. Wir sind zu edle Menschen, und die andern sind keine edlen Menschen, so isses halt, ne? Größtenteils. Sonst würden wir die ja erkennen.

    D – Also ich mach diesen Unterschied nicht!

    K – Na gut!

    D – Aber egal, erzähl weiter, red weiter!

    K – Ich gehe auch runter nach Zürich, so wie du jetzt mit mir nach Frankfurt fährst und in einer Disco ein Musikprogramm machst, für natürlich nur Leute mit Abi.

    D – (Widerrede, Stimmengewirr) Für Leute, die tanzen. Aber ich will ja auch was von Leuten, die ich normalerweise nicht auf der Rechnung habe, deswegen ist mir die Unterteilung in edle und nichtedle Menschen … kann ich nichts mit anfangen. Weil, wenn ich was mit den edlen Menschen wollte, dann würd ich erstmal versuchen, selber einer zu werden.

    K – Ja klar!

    D – Damit hab ich aber nichts zu tun, ne!

    K – Na, doch doch doch doch! Also laß mal edlen Menschen stehn, so à la St. Martin, und …

    D – (lacht)

    K – … und den Rest machen wir dann. Wir haben schon eine Aufgabe. Wir geben uns so wahnsinnig viel Mühe. Also, wenn ich s jetzt verfolgen kann mit anderen Leuten, die auf m Arsch sitzen, mit irgendwelchen Argumenten, mit schlau erdachten Argumenten und Formulierungen nein, diese Kostprobe, immer und immer wieder … Also, was ich behaupte, wir wären nicht erwachsen … Die Kinder, die ziehn wir voll mit durch, mit den Erlebnissen, den Aktionen, auflachen. Meine Bilder, zum Beispiel, total verfehlter Beruf. Ich hab mit Bildern eigentlich, mit gemalten Bildern gar nichts zu tun. Deswegen ist die Lösung, daß ich die anderen Leute malen lasse, so wie ichs brauche, wie ichs richtig sehe und anerkenne … Hör mal, ich kann mir doch nicht jeden Tag n Ohr abschneiden, Van Gogh hier machen, oder Mozart hier machen, oder die Kugel da wälzen. Ist eh schon anstrengend genug! Fünf Finger hat der Herrgott einem gegeben, auf der Rechten. Du mußt s dir selber machen! Und dann sind wahrscheinlich fünf Finger im Hirn, im Grauhirn und im Rosahirn, oder? Oder nich? Seh ich da irgendwas falsch?

    D – Nö.

    K – Im Zug trinkt man viel zu wenig. Läuft der Apparat noch?

    D – Der läuft, jaja. Ja nochmal zurück: Du hast mich gefragt, wieviel Prozent Elternhaus, und ich hab gesagt 50. Wieviel Prozent Elternhaus ist es denn bei dir?

    K – Prrh massiv, massiv, massiv. Muß ich zugeben, das ist massiv.

    D – Vater und Mutter.

    K – Jaja, beide. Beide Extreme. Ich hab zum Beispiel nen Alkoholiker vor mir, auch noch nen schwulen Großonkel und zwei Kommunisten, aber Geschäftsfabrikant.

    D – Genau, in einem Buch von Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands, kommt ein bekannter Kommunist namens Kippenberger vor.

    K – Ja. Gut gemacht! Kann ich mal zeigen!


    Zug Köln – Frankfurt, 1991

  • Thesen zu Rassismus und Jugendkultur

    1

    Bezugnehmend auf die Fragen zu meinem Text „Das Ende der Jugendkultur“ (Spex, 11/92) stellte ich fest: Eine Kritik von Jugendkultur und ihren Erscheinungsformen kann sich nicht mehr auf das per se „Progressive“ oder „Emanzipatorische“, die Fragwürdigkeit dieser Begriffe mal beiseite geschoben, verlassen. Sie kann sich nicht auf die per se emanzipatorische Kraft von Zusammenbrüchen von Verhältnissen stützen, wie sie den jugendkulturellen Genres „Grenzüberschreitung“, „Tabubruch“, „Rave“, „Woodstock“, „Chaos“ etc. nachgesagt wird bzw. deren Selbstverständnis trägt.

    2

    Bezugnehmend auf die in letzter Zeit erschienenen begeisterten Artikel in der bürgerlichen Presse, die entweder ihrer Erleichterung über das Verschwinden dieses unliebsamen Phänomens Ausdruck verleihen oder etwas immer schon gewußt haben wollen (etwa M. Biller, Tempo oder K. Bruckmaier, Focus), was sie nachweislich bis heute nicht wissen, füge ich hinzu: Trotz aller Fragwürdigkeit einer Kategorie, die biologische Determinanten mit gesellschaftlichen vermischt (wie „Jugend“, darin „Rasse“ ähnlich)‚ kann man natürlich auf keine politische Subjektivität verzichten, die, in welchem Maße auch immer, „freiwillig“ oder „unfreiwillig“, außerhalb von Verhältnissen, die man für falsch hält, steht und daher deren Veränderung und Abschaffung eher denken und formulieren kann. Jugendliche sind aber nicht nur unabhängiger (und unbedarfter) in ihren Reaktionen und Urteilen, sie sind gesellschaftlichen und kulturellen Regeln, Maßnahmen und Tendenzen massiver ausgesetzt. Die Kriege, die in den Innenstädten der USA gegen Leute geführt werden, denen man eine Rasse zuschreibt, werden verschärft auch gegen Jugendliche geführt. (Bestimmte Überwachungsanlagen reagieren z. B. auf Sneakers.)

    3

    Eine Kritik muß die leeren Formalismen wie „Partikularismus“ oder „Universalismus“, mit denen man sich über Orientierungslosigkeit hinwegzuhelfen versucht, aufgeben und in pragmatischen kleinen Rahmen Urteile fällen, die sie in anderen Rahmen anders fällen würde (eine N.W.A.-Platte ist hier gut und dort schlecht, eigentlich sind nur Michael-Jackson-Platten überall gleich), und so auch ihre eigene Geprägtheit von Kaufempfehlungen, also der Warenförmigkeit ihrer Gegenstände, ablegen. Im CD-Zeitalter sind die Produkte/Resultate der Pop- und Jugendkultur zunehmend vernachlässigbar. Ihre Prozesse um so weniger.

    4

    Klassische Gemeinsamkeiten von Jugendkultur mit anderen gesellschaftlichen Bewegungen sind bedroht: Kollektivität, Internationalität, Prozessualität. Technologische Entwicklungen begünstigen und behindern Entwicklungen (Samplen rekontextualisiert und schafft eine Verbindung zum Archiv des Kollektivbesitzes Groove, begünstigt andererseits effektorientiertes, einsames Arbeiten). De- und Rekontextualisierungen sind das tägliche Geschäft einer Import/Export-Kultur, die rahmenbezogene Kritik kann in solche Kontextualisierungsprozesse eingreifen. Die universalistische oder partikularistische dagegen wird zu deren Opfer.

    5

    Am Grund der Popmusik liegt die Ambiguität des Begriffs „Jugend“, der eine anthropologische und eine historische Dimension von Revolte/Rebellion einklammert. Bei der notwendigen Anamnese der Genese der letzten (mindestens) zehn Jahre Popkultur (die schließlich auch die Formen zur Verfügung gestellt haben, derer sich heutige Nazi-Bands bedienen), ist es notwendig zu unterscheiden, wann bei wem welche Dimension dominierte. Dazu schlug ich Begriffe des unlängst verstorbenen Anti-Psychiaters und Anti-Kapitalisten Félix Guattari vor. So wie er den Jahren nach 1900 eine molekulare Revolution zuschreibt – molekular heißt: auf der Ebene von Verhaltenspartikeln und -molekülen Bedeutungen schaffen und bestimmen –‚ kann man für die Jahre nach ’77 (Stammheim/Punk) von einer molekularen Reaktion sprechen, die möglicherweise begann, um die molekulare Revolution zu retten. Die mindestens in zwei Richtungen wuchernden Stränge der molekularen Semantik der Pop-Kultur wären zu rekonstruieren.

    6

    Dieser Wohlfahrtsausschuß (und die anderen, die seinem Beispiel folgten, wie der in Köln) setzt sich zu einem großen Teil aus Leuten zusammen, die oft ein ganzes Jahrzehnt nicht mehr politisch aktiv waren. Es ist nötig, sich über die Re-Politisierung nicht nur atemlos zu freuen, sondern auch zu untersuchen, warum man sich, nicht nur aus schlechten Gründen, depolitisiert hat bzw. auch Strategien verfolgt und symbolische (und weniger symbolische) Territorien in den depolitisierten Jahren eingenommen hat, die man möglicherweise wieder verloren hat oder die heute umkämpft sind. Der Zusammenhang zwischen zerstörten, kaputtzivilisierten oder unbezahlbaren Innenstädten, billiger Technologie der elektronischen Einsamkeit, architektonischem und Verkehrs-Terror und der Defensivhaltung einer linken Boheme, die sich zögernd politisiert, muß deutlich werden und eingehender untersucht werden. Die „Boheme“, von der ich spreche, ist ein Segment des „neuen Kleinbürgertums“, das in sogenannten kreativen Berufen mehr oder weniger Geld verdient. Es lebt von seinem kulturellen Kapital (Geschmack, Ahnung, Wissen, Querköpfigkeit, gute Laune) und stemmt sich mit aller Kraft gegen eine Ent- und Umwertung dessen, was es angehäuft hat. Auch das spielt bei der Entstehung solcher Wohlfahrtsausschüsse eine Rolle. Schließlich ist bei aller Begeisterung für die Selbstreflexivität solcher Ansätze darauf zu achten, daß die Handlungsfähigkeit erhalten bleibt bzw. zustande kommt, die entsolidarisierten Kulturarbeitern nicht in den Schoß fällt. Die Betonung der Fähigkeit zu tanzen bei dieser und anderen Veranstaltungen, die Hans Nieswandt „Jam-cum-Symposium“ nannte, scheint mir fast überflüssig: Wenn sich aus diesen Wohlfahrtsausschüssen etwas entwickelt, dem man den komischen Namen „Bewegung“ besser nicht gibt, dann wird man diesen Leuten das Tanzen wahrscheinlich als einziges nicht mehr beibringen müssen. Ich halte es aber für entscheidend, daß sich niemand seines Hedonismus schämt und sich der hysterischen Repolitisierung und Remoralisierung unterwirft, die auch allenthalben zu beobachten ist (nicht nur bei Lichterketten) und natürlich als Politik nicht zu gebrauchen ist.

    Vorgetragen im Mekka in Hamburg Dezember 1992

  • Ist was Pop?

    „We came the long way / we came the wrong way / we play our songs much too loud / This is pop“

    XTC, „This is Pop“, 1978

    Im Zeit-Magazin heißt eine Rubrik für Kurzinterviews „Helden der Popkultur“. Darunter wird mit jeder und jedem, vom niedersächsischen Ministerpräsidenten bis zur Sex-Talk-Show-Moderatorin, irgendwie punktgenau poppig geplaudert. Ohne Verlust könnte man dabei den Begriff „Popkultur“ durch „Öffentlichkeit“ ersetzen. Aber das soll nicht. In der tageszeitung gab es eine längere Strategie-Diskussion zwischen LeserInnen und KolumnistInnen, ob Politik „popfähig“ sein müsse. Gemeint war je nach dem „verständlich“, „flott“, „bunt“ oder „sexy“. Aber es muß heute schon Pop sein. Im Spiegel und bei der Süddeutschen Zeitung und ihren diversen Kindern (SZ-Magazin, jetzt), wo „Pop“ am stärksten vertreten ist, gibt es gleichzeitig auch die Gegenbewegung: Im Spiegel verschafft sie sich über kulturpessimistische Gegenwartsdiagnosen à la „Die Deutschen – ein Volk von …“ Gehör, in der SZ etwa durch Partisanen der Hochkultur wie C. Bernd Sucher und dessen dezidierte Pop-Feindschaft. Neulich kam dort auch ein engagierter evangelischer Geistlicher zu Wort, der die Ursache für Entsolidarisierung und soziale Kälte in der „Pop-Kultur“ ausgemacht haben wollte. Seit der sogenannte Westerwelle Guildo Horn und Gerhard Schröder als Pop-Phänomene parallelisiert hat, geht selbst den gestandensten Intellektuellen beim Begriff „Pop“ völlig das Hirn auf Grundeis. Nun steht das Kurzwort meist für eine Abendland-verschlingende Verblendungsmelange, in der Horn, Helge Schneider, Harald Schmidt eh schon alle dasselbe sind.

    Ob als Zeichen für den allgemeinen Werteverfall oder für attraktiv-transparente neue gesellschaftliche Verhältnisse: Der Pop-Begriff scheint nicht nur endlos zuständig, sondern auch endlos dehnbar zu sein. Zwar gab es schon zu seinen Anfangszeiten in den frühen 60ern unterschiedliche Verwendungsweisen, und einige sind hinzugekommen. Doch heute scheint schier alles Pop zu sein. Oder will Pop sein – vom Theatertreffen bis zur Theorie, von der sozialdemokratischen Kandidatenkür bis zur Kulturkatastrophe.

    Damals stand Pop für den von Jugend- und Gegenkulturen ins Auge gefaßten Umbau der Welt, insbesondere für den von der herrschenden Wirtschaftsordnung verkraft- und verwertbaren Teil davon: sexuelle Befreiung, englischsprachige Internationalität, Zweifel an der protestantischen Arbeitsethik und den mit ihr verbundenen Disziplinarregimes, aber auch für Minoritäten und ihre Bürgerrechte und die Ablehnung von Institutionen, Hierarchien und Autoritäten. Dazu kam ein Begehren nach neuen Technologien und der von Andy Warhol besonders prominent inszenierte Kult um Berühmtheit an sich („Superstars“), wie er unter Bedingungen eines immer dichteren internationalen Mediennetzes möglich wurde. Dieses einigermaßen heterogene Sammelsurium aus inhaltlichen, medien- und technologiehistorischen sowie politischen Bestimmungen konnte immerhin eine Weile – als Formation – stabil bleiben. Zumal es in den 70ern dann gar nicht mal so populär war, pop zu sein oder Pop zu machen. Nach den Anfangs- und Einführungserfolgen setzten sich die Chefs und Eliten der 60er ein wenig ab. Und bald stand das englischstämmige Kurzwort fast schon eher für die Käuflichkeit gegenkultureller Ziele. Wer an sie in einem engagierten Sinne glaubte, wollte sich von deren warenförmiger Seite eher durch andere Etikette absetzen.

    In den frühen 80ern waren dann wieder einige von den eigenen politischen und künstlerischen Strategien enttäuschte Vertreter aus Politik, Theorie und Kunst bereit, gerade in den Pop zugeschriebenen Attributen wie Geschwindigkeit, Warenform, Flüchtigkeit, allerdings verbunden mit Jugend einerseits und Minderheitenkulturen andererseits, durchaus Dispositive gesellschaftlichen Fortschritts zu erkennen. Foucault tanzte im Berliner „Dschungel“, Deleuze pries Patti Smith, Pop-Bands wie Scritti Politti und Dexys Midnight Runners feierten abwechselnd den bewaffneten Kampf, Derrida und Gramsci, und zwar in einem Atemzug mit Motown-Soul, irischem Rebellentum und schwulem Camp. In den 90ern nun haben sich Pop-Verwendungen, aber auch -Phänomene so vermehrt, daß „Pop“ zum begrifflichen Passepartout einer unübersichtlichen Gesellschaft werden konnte. Seitdem ist Pop – als von verschiedenen Seiten unterschiedlich besetzter – zeitdiagnostischer Dummy-Term im Einsatz.

    Früher hätte man eine solche Entwicklung den üblichen Verschleppungen und Aufweichungen anderweitig präzise entwickelter Begriffe durch die schlamperte und korrupte Journaille zugerechnet. Schließlich kann man ohne allzu grobe Vereinfachungen behaupten, daß der deutsche Kulturjournalismus zwischen 1965 und 1990, mit den üblichen plusminus fünf Jahren für Schnell- oder Langsammerker, tatsächlich von Verfallsformen der einschlägigen Kategorien der Kritischen Theorie gelebt hat. Und nicht immer ganz schlecht. Wer aber danach nicht rechts oder wunderlich wurde, sondern sein Vokabular durch meist selbstgebastelte Bildungen und Semantiken von Pop ersetzte, hatte gar keine Theorie zur Verfügung, die unzulässig zu vereinfachen gewesen wäre: Keine Autoritäten hatten gesprochen. Bis heute müssen die Journalisten vorerst selber denken, auch weil das Phänomen ihre eigene Orientierung an Klassifizierungen wie „Feuilleton“, „Kulturjournalismus“, „Modernes Leben“ entlang mitbetrifft.

    Wie sie nun das, was sie wahrnehmen, über den einen Kamm des Pop scheren, ist einerseits tatsächlich die übliche betriebsblinde Vereinfachung kultureller Phänomene. Andererseits scheint gerade diese homogenisierende Subsumption unterschiedlichster Phänomene aus den Bereichen Kultur, Öffentlichkeit, Medien unter den Begriff Pop nicht allein auf der Ebene der Interpretation stattzufinden, sondern selbst Ausdruck einer Entwicklung zu sein, die man als die von Pop (60er bis 80er, spezifischer Pop) zu Pop II (90er, allgemeiner Pop) bezeichnen könnte.

    Pop I wurde meist als Gegenbegriff zu einem eher etablierten Kunstbegriff verwendet. Pop II steht dagegen neuerdings im Gegensatz zu Politik, auch wenn sicherlich Öffentlichkeit der produktivere Gegenbegriff wäre. Pop I war immer in grenzüberschreitende Bewegungen verwickelt, das Drama von Pop II besteht auf den ersten Blick darin, daß kein Terrain sich gegen seine Invasion mehr sperrt. Wollte Pop früher von der hohen Kunst zur Politik (Godard) oder von der Politik zur Kunst (Zappa) oder von der Massenkultur zur Gegenkultur (Marianne Rosenberg) oder von der Gegenkultur zur Massenkultur (T. Rex) oder von der Öffentlichkeit zur Gegenkultur und zurück (Horst Mahler) oder von der Kunst zur Öffentlichkeit und von da zur Gegenkultur und zurück (Otto Mühl), so bleiben heute all diese Bewegungen innerhalb eines neuen Feldes von Pop II bodenständig und überschreiten nichts mehr. Sie nehmen verteilte Rollen ein, wechseln diese und bleiben in einem neuartigen kulturellen Feld, das man im Unterschied zu seinen allerdings durchaus noch wirkungsmächtigen Vorläufern durch folgende neue Entwicklungen charakterisieren könnte:

    1.) Eine neue pluralisierte Öffentlichkeit: Die Fülle neuer Talk-Shows, in denen die individuelle Seite des ganz Alltäglichen und Normalen prämiert wird; die sowohl enthierarchisierende wie verblödende Edutainment-Inszenierung der Nachrichtensendungen und die tendenzielle Entmachtung des Interpretationsmonopols samt der verlautbarenden, an alle gerichteten Sprache („Gute Abend, meine Damen und Herren!“) der alten, autoritären bis sozialdemokratischen öffentlich-rechtlichen Fernsehkultur haben einen neuen, mit Pop verwandten Typus von Öffentlichkeit hervorgebracht, bei der scheinbar jede Stimme den Zugang zu Verstärkermedien hat.

    Nur ist es aber mitnichten so, daß nun, wo jeder bei Vera am Mittag über alles und jeden sprechen darf, die herrschenden Ideologien durch eine neue Form demokratischer Partizipation infrage gestellt würden. Das neue, alle einschließende Modell von Öffentlichkeit behauptet vielmehr täglich, wie sehr doch alle anderen normalen, authentischen Stimmchen von der Straße immer schon dasselbe denken, was vorher noch autoritär verhängt werden mußte. Die lockere Vielstimmigkeit artikuliert meistens die bekannte Ideologie, ja verstärkt diese meistens noch, wenn sich zunächst ganz weltoffene WiWi-Studenten-Yuppies bei Arabella in äußerst telegener Erregung über parasitäre Sozialhilfe-Schmarotzer in eine ebenso konsensfähige wie gemeingefährliche Weißglut steigern.

    Das heißt nicht, daß in diesen Sendungen nicht dennoch mitunter Effekte einer inspirierenden Irritation entstehen und tatsächlich jemand etwas sagt und auf eine Weise sagt, wie man es noch nie öffentlich gehört hat. Diese Momente sind auf jeden Fall häufiger zu finden als im alten öffentlich-rechtlichen TV. Dafür aber auch in einem Öffentlichkeitstypus, der der einzelnen Überschreitung eine weit geringere Resonanz zugesteht, so daß noch heute alle TV-Historiker von den Provokationen eines Prinz von Homburg (schwieg seinen Interviewpartner Günzler an) oder Fritz Teufel (schoß auf Minister Matthöfer mit Wasserpistole) schwärmen.

    2.) Verstärkte Durchlässigkeiten zwischen den Formen dieser neuen Öffentlichkeit und den Pop-Kulturen, wie wir sie kennen: Die kleinste Underground-Nischenkultur lebt von ihrer durch den Begriff und das Feld hergestellten Nachbarschaft zur Massenunterhaltung ebenso, wie die Massenunterhaltung wiederum von homöopathischen Underground-Spritzern profitiert. Die Grenze zwischen dem Erlaubten und der Provokation ist ebenso gefallen wie die zwischen den zumutbaren Genres und dem Underground. Auch ohne „verstanden“, entfaltet oder gewürdigt zu werden, schaffen es Phänomene, die eigentlich zur im alten Sinne oppositionellen Pop-Kultur gehören, in die neue Öffentlichkeit. Doch wenn die Goldenen Zitronen in einer Kinder-Popsendung Sympathien für linksradikale Militanz äußern oder Eric D. Clark von Whirlpool Productions in einer Mittags-Talk-Show Disco-Kultur erklären darf, repräsentieren sie dort nicht mehr (durch Style und Habitus), was sie inhaltlich vertreten (wie Pop es früher konnte).

    Da, wo sich die ideologische Einverstandenheit aller als Vielstimmigkeit äußert, wie in den Talk-Shows der neuen Öffentlichkeit, läuft nämlich auch die nichteinverstandene Stimme Gefahr, nur zu einer weiteren anderen Stimme, nicht zur Vertretung einer anderen Position zu werden. Diese Form von Nivellierung hat wenig mit dem zu tun, was von subkultureller Seite früher als „Vereinnahmung“ beklagt wurde: Bestimmte Zeichen für bestimmte Inhalte wurden marktfähig gemacht und so unbrauchbar. Heute werden differente Zeichen in eine universelle Differenz, die sich leicht als Uniformität erkennen läßt, so eingeführt, daß eine Verbindung zu Inhalten gar nicht mehr als Problem erkennbar ist. Sehr selten gibt es dabei Brüche.

    3.) Pluralisierung und Überlagerungen von Pop-Kulturen: Die Pop-Kulturen haben sich aus dem Zusammenhang von Pop I herausgelöst und vervielfältigt. Wie die neue Öffentlichkeit sind sie von einem formalen Gegensatz zum alten, für alle zuständigen Kulturtypus gekennzeichnet, der allerdings im Falle der neuen vervielfältigten Pop-Kulturen, anders als bei der neuen Öffentlichkeit, auch ein ideologischer sein kann. Die neuen Pop-Kulturen sind wie die alten von einer Dialektik aus Inklusion und Exklusion geprägt: Zum einen sind für die Teilnahme an Pop-Kulturen die klassischen bildungsbezogenen Voraussetzungen, im Gegensatz etwa zur elitären Künstlergruppe, gegenstandslos geworden, zum anderen zählen aber andere Voraussetzungen (Hipness), die sich auch oft aus der „Treue“ zum Gegenstand herleiten – sei es ein ästhetischer, politischer oder die für Pop-Kulturen so charakteristische Bestimmung moralischer über ästhetische Fähigkeiten. Pop-Bedeutungen lassen sich nicht mit klassischen hermeneutischen und kriminalistischen Verfahren, sondern nur durch Zugehörigkeit zur (oder über die Interpretation der) jeweils relevanten Gemeinschaft erschließen. Da sich immer mehr Gemeinschaften überlagern, ist nicht unbedingt klar, welche jeweils gemeint ist. Tatsächlich ist das Unklarlassen des Adressaten oft die Bedingung für größeren Erfolg wie gleichzeitig Verletzung der Regel Nummer eins, klare Zulassungsbeschränkungen zu erlassen (Vergleiche: „Crossover“ oder „Verrat“).

    In Pop I dominierte die nachvollziehbare Verpflichtung auf eine Gemeinschaft, in Pop II dominieren die Überlagerungen. Die generell zum Verständnis und zum Gebrauch von Pop-Bedeutungen notwendigen Gemeinschaften scheinen in jeder Hinsicht immer flüchtiger zu werden – so wie die Lebenspläne heute nicht mehr über feste Modelle von Biographie, sondern aus ständig wechselnden, Bohemien-artig unabgeschlossenen Modellen zusammengesetzt sind. Viele Möglichkeiten der Partizipation existieren nebeneinander. Um die verschiedenen Staffeln von Star Trek zu „verstehen“, gibt es sehr unterschiedliche Angebote, und es gibt sehr unterschiedliche Intensitätsgrade des „Verstehens“, bis hin zur Vollmitgliedschaft bei den Trekkies. Um sich mit subkulturellen Sub-Genres auszukennen, muß man eine Fülle von hochspezialisierten Habitus-Tests und -Verfeinerungen durchlaufen, die jeden Dandy grob aussehen lassen. Doch auch diese Kenntnisse und Fähigkeiten sind wesentlich davon geprägt, daß sie sich anschließen lassen müssen. Dies gilt ebenso, wenn sich beobachten läßt, daß die sich überlagernden flüchtigen Gemeinschaften von Pop II – eine solche Gemeinschaft kann drei Tage lang aus den Leuten bestehen, die einen bestimmten auf Platz 44 plazierten Hit mögen und anschließend vergessen – ein Komplement in den entgegengesetzten pathetischen oder auch politisierten Verpflichtungen zur Treue, zur Wahrheit, zur Kompromißlosigkeit haben.

    Phänomene wie der Easy-Listening-Kult von 1995 und die in deutschen Großstädten dazugehörige Kultur von Cocktail-Lounges in ehemaligen Animierbars, besucht von Flexibilisierungsgewinnern, die den klassisch-popkulturellen Zusammenhang zwischen ästhetischer Kennerschaft und ethischen Konsequenzen aufgekündigt haben, haben auch zu der Reaktion geführt, nun besonders trotzig an der kleinen, kontrollierbaren Gegenkultur und ihren Regeln über die Beziehungen zwischen politischen Inhalten und den dazugehörigen Zeichen festzuhalten. Mit diesem Festhalten an alten subkulturellen Zusammengehörigkeitsgefühlen und -regulierungen von Codes stellt dann die sich von Pop II zu Recht bedroht fühlende altsubkulturelle Szene eine strukturelle Gemeinsamkeit mit jenen Kulturkonsumenten her, die zur Flexibilisierung aus politisch ganz anderen, mitunter konservativen Gründen noch nicht finden konnten. Die so gefundene Gemeinsamkeit äußert sich mitunter im Festhalten an Ideen vom ganzen, echten Menschen, dem handgemachten Rock und anderen Elementen, die gerne von Werbespots mit Marcel Reif bedient werden – aber auch im Glauben, (nur) mit besonders brachialen und übersteuert sägenden Technotracks lasse sich die Unterscheidung von Schweinen und Menschen nochmal rekonstruieren.

    Beiden – trotziger Subkultur und Freunden handgemachter Rockmusik einerseits wie zynischen Flexibilisierungsgewinnern der Lounge-Kultur andererseits – stehen die exzentrischen Konformisten gegenüber, die aus dem vor ein paar Jahren noch exklusiven Trash-theoretischen Gedanken (größtmögliche Authentizität entstehe nicht im Beherrschen, sondern im Verfehlen eines gleichwohl begehrten kulturindustriellen Standards) die bekannte Guildo-Horn-Bewegung gemacht haben. Das Prinzip der Trash-Begeisterung diente einst dandyistischen Geschmack-Subkulturen zur nonkonformistischen Selbststilisierung. Sein Witz war, daß es ein Bekenntnis zu ungeschützter Emotionalität – von Schlagern, B-Movies, besonderen Outfits, daran hängenden Träumen – mit einer schützenden Geschmackskultur kurzschloß. Darüber hinaus spielte ein ähnliches Prinzip eine nicht unwesentliche Rolle für einen kulturpolitischen Aspekt schwuler Identitätspolitik. Dieses Prinzip ist nun massenfähig geworden und dient allem Möglichen: Wer gerade noch seinen Platz im Konkurrenzkampf behauptet hat, entledigt sich seiner psychischen und sentimentalen Investitionen in Verlierer-Kultur – repräsentiert durch den Schlager – in einer rituell-kollektiven Ironie-Orgie. Andere mögen gerade in der Verbindlichkeitserklärung des Unverbindlich-Ironischen oder des Scheiternden tatsächlich authentische Entlastungen erleben, die ausgelassene Feiern wert sind.

    Die Regeln von Pop II und neuer Öffentlichkeit sind selten formal beschrieben worden, weil das jeweils konkrete Treiben der Pop-Kulturen – Sicherheitsnadeln durch die Backe, freie Liebe, Avantgarde-Kunst, Techno tanzen, Piercen, Extremsport, Überraschungseier-Figuren sammeln – den Beobachtern (Soziologen, journalistischen Gegenwartsdiagnostikern) interessanter erschien als ihre Form oder Struktur. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Trotz aller Überbietungsversuche beim konkreten Inhalt – noch mehr Beats per minutes, noch länger Tanzen, noch mehr Hautflächen zutätowieren, sich beim Sammeln von Überraschungseier-Figuren spezialisieren und alle, die die Spezialisierung nicht mitvollziehen, „Faschisten“ nennen – ist „Pop-Kultur“ heute vor allem ein Begriff, an dem etwas über „uns“ oder die „Gesellschaft“ klarwerden soll. Das Gesamt-Territorium der Pop-Kulturen ist auffälliger als die einzelnen Ausprägungen, und von denen sind nur die relevant, die in ihrem pop-kulturellen Spezialtreiben das Gigantische und Massenhafte der Pop-Kultur an sich zum Ausdruck bringen, von der „Love Parade“ bis zur Guildomania. In dieser Größe kulminiert einerseits das Rätselhafte, Erklärungsbedürftige der Pop-Kultur, andererseits ist sie selbst die Basis für „Pop-Kultur“ als Begriff und Argument.

    So stellt sich nun seit knapp einem Jahrzehnt, in den letzten Jahren aber mit gewachsener Drastik, den lockeren wie den lebensüberdrüssigen Kulturkritikern die Frage, ob die Pop-Kultur nun schon alles bedecke und „wir“ in einer einzigen solchen Kultur oder Gesellschaft schlimmerweise leben. Oder ob – im Gegenteil – am Ende gar die „Ordnung der bürgerlichen Klasse zusammengebrochen“ sei, wie am optimistischen Ende des kulturdiagnostischen Spektrums verdächtig aufgekratzt behauptet wird, und dann wieder „wir“ gesiegt hätten?

    Dieses neue kulturelle Gebilde ist aber nicht eine einfach nur linear gewachsene Institution, die dann längst die Größe und die Funktion der einen großen Öffentlichkeit in der Tat überlagert hätte. Zum einen gibt es anstelle eines universalistischen Mainstreams die inklusive, aber über heterogenisierende Formen ideologisch homogenisierende neue Öffentlichkeit. Zum anderen sind aber auch die sich noch immer alternativ und gegenkulturell oder wenigstens spezifisch gerierenden Formen von Pop – im alten Sinne sozusagen – nicht mehr ein randständiges, minoritäres und subversives Gegenüber eines geschlossenen Mainstreams offizieller Werte und Institutionen. Vielmehr haben wir es, wie Tom Holert und Mark Terkessidis gezeigt haben, mit einem „Mainstream der Minderheiten“ zu tun.1

    Für diese Fülle von nebeneinander existierenden Pop-Kulturen, ist allerdings konstitutiv, daß jede einzelne noch so strukturiert ist, wie Pop-Kulturen immer schon strukturiert waren: Um käufliche Kulturgegenstände herum wird eine mehr oder weniger von diesen Gegenständen begünstigte Semantik errichtet, die eine Gruppe für verbindlich erklärt – diese Semantiken reichen natürlich heute, wo die Leitdifferenzen nicht mehr (wie früher links/rechts, jung/alt, neu/alt und langhaarig/kurzhaarig) untereinander kongruent sind, von reaktionär bis progressiv, von sexistisch und rassistisch bis zu emanzipativ. Ihre immanente Organisation kann im günstigen Fall von der hochkünstlerischen Komplexität des Janet-Jackson-Videos „Got ’til It’s Gone“ bis zur formal geschlossenen Eleganz einer repetitiven One-Note-Techno-Komposition eines Jeff Mills reichen. Daß es die Instanz des Mainstreams nicht mehr gibt, der früher die Codes der Pop-Kulturen assimilierte und zu allgemeinverständlichen Codes der herrschenden Untertanenkultur resignifizierte, sollte aber nicht zu den jeweils unsinnigen Extrem-Diagnosen verleiten, daß entweder „wir“ gesiegt hätten und ein neues Zeitalter von Demokratie ausgebrochen sei – oder aber gar nichts mehr ginge und Pop-Kultur selbst alle Formen von Untertanenkultur übernommen habe.

    Bei Pop-Kulturen geht/ging es immer – wie illusionär diese Selbsteinschätzung im Einzelfall auch sein mag – um die Durchsetzung der von den Beteiligten als „selbstentwickelte“, autochthone und angemessener empfundenen Sprechweisen. Diese scheinen heute in ihrer Vielfalt allgegenwärtig, werden aber als in letzter Instanz einverstandene Mehrheit in den vielen Sendungen inszeniert, wo Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Auf der künstlerischen Seite von Pop ist Authentizität schon länger bankrott: Mit vermeintlicher „Authentizität“ – Bluesrock, U2, R.E.M. – pflastern blöde Bürokraten und kranke Karrieristen ihre Innenausstattung; mit vermeintlich „synthetischen“ Produkten der Kulturindustrie – Tic Tac Toe, Disco – wird dagegen noch der eine oder andere begrüßenswerte Wertewandel, das eine oder andere schwule Coming Out oder ein berechtigter Bruch mit einem blöden Boyfriend angeschoben. Und schließlich gibt es immer noch professionelle subkulturelle Lebens- und Produktionszusammenhänge (klassische Musik-Subkulturen, heutzutage vor allem um neue elektronische Musikformen), die sich immer noch gegen die Verwertungslogik donquichotesk stemmen und etwa durch Anonymisierung, Verweigerung von Öffentlichkeit und „White Labels“ das alte Independent-Projekt des Punk-Rock fortzusetzen suchen.

    Der nächste Schritt, der Schritt zum Außen des Mikro-Projekts, wird jedoch immer schwieriger. Denn auch diesen Aktivitäten steht eine immer größere Abhängigkeit von einer immer blinderen, immer weniger lokale Produktivitäten langfristig hegenden, dafür punktuell toleranteren und inhaltlich komplett indifferenten Kulturindustrie gegenüber, welche die mitunter entstehenden Gemeinschaften zu einer gedächtnislosen Flüchtigkeit zwingt.

    Die Nachbarschaft von künstlerischen und politischen Strategien in Pop II ermöglicht jedoch auch im produktiven Sinne unklare Überlagerungen von künstlerischen und alltagssprachlichen Äußerungen. Pop-Kultur war noch nie eine Konkurrenz für individuelles Kunstwollen oder politische Organisation, sondern stellt den Rahmen her, in dem individuelle Absichten und Interessen Austausch und ein Gegenüber finden, die weder den künstlerischen Weg zum entwickelten altabendländischen Autor-Ego abwarten noch sich auf die politischen Strukturen des Parlamentarismus und seiner Verlangsamungen einlassen wollen.

    Pop II ist mittlerweile ein System, in dem diese Energien einerseits überhaupt erst Formen und Farben und Semantiken finden können, andererseits auch das System, das für die Grenzen ihrer Entfaltung, also für ihre Wirkung auf die gesellschaftliche Umgebung und auf echte Politik, immer stabilere Regeln und Hindernisse entwickelt hat. Während Pop-Kultur I unabhängig von ihren konkreten Inhalten immer einer oppositionellen Struktur folgte, als Komplement und Konkurrenz zur defizitären Repräsentationspolitik des Parlamentarismus und alter Herrschaftskulturen, bietet Pop II Matrizen für alles, innerhalb und außerhalb des normalen Spektrums. Das Gebiet, in dem Pop-Kulturen so viel Boden gut gemacht haben, ist das erfolgreiche Zusammenführen und Aufeinanderabbilden der Logiken unterschiedlicher kultureller Bereiche, von Hochkultur bis zu jenen kulturellen Notdürften, die wie der notorische Lore-Roman allenfalls kultursoziologischen Sozialarbeitern aufgefallen sind. Ihre Attraktivität liegt in der ständigen Möglichkeit zur Überschreitung von der einen Bedeutungsproduktionssparte zur anderen, wann immer ein Zeichen entleert wurde. Ihr Nachteil ist die Perfektion der Entleerung.

    Trotz einiger Ansatzpunkte ist übermäßiger Kulturoptimismus aus der Blödheit seines Gegenteils jedenfalls nicht abzuleiten. Pop-Kultur II – so könnte man zuspitzen – hat heute eine Funktion wie das ästhetische Erlebnis in Kants Philosophie: Sie verankert auf der jeweils höchst subjektiven Ebene des Kunsterlebnisses und des „authentischen“ Sprechens – ob im Drum’n’Bass-Pattern oder in der Jeder-darf-mitreden-Show von Kerner – den allgemeinen kulturellen Zusammenhalt.

    Daß ein solcher neuer Common Sense – der paradoxerweise aus lauter Partikularismen und Mini-Subkulturen besteht, die in der Vorstellung der Subjekte gerade nichts gemeinsam haben (außer nichts gemeinsam zu haben) – als Orgie der Differenz unsere Gegenwartskultur bestimmt, ist aber auch ein möglicherweise zu feuilletonistisch sauberes, zu totalen Optimismen oder Pessimismen verleitendes Zerrbild, wenn auch tendenziell triftig. Daß neben dessen neuen Formen die alten gesellschaftlichen Institutionen einerseits weiterbestehen, wie auch deren kulturelle Formen – „Hochkultur“, öffentlich-rechtliches Fernsehen – in vielen Punkten ungefährdet bleiben, um sich andererseits mit den neuen zu verketten und ideologische Formationen zu bilden, ergibt ein neues, dynamisches Verhältnis.

    Dabei kommt es gerade darauf an, wie und wo welche Differenzen, die von den alten Institutionen gesetzt werden (z.B. Inländer/Ausländer) mit welchen neuen korrespondieren und wo nicht: Differenzen sind nicht per se gut oder schlecht. Dieses Verhältnis bedarf einer Analyse, die noch aussteht.

    Die strukturell aus vielen Mini-Ein- und Ausschlüssen zusammengehaltene Pop-Kultur und die auf einer großen Inklusion basierende neue Öffentlichkeit stehen zwischen alter Repräsentationspolitik (eine Öffentlichkeit, eine Gesellschaft) und einer folgenlosen Pluralisierung zu flüchtigen Gemeinschaften. Letztere haben den Vorteil der Freizügigkeit um den Preis der Politikunfähigkeit, erstere den Nachteil der Langsamkeit und Totalisierung. Würde man die Gemeinschaften von Pop II stabilisieren, bestünde die Gefahr, „warme“ lebensweltliche Bindungen und Gemeinschaften auch reaktionär über „kalte“ Gesellschaften zu stellen, ohne die erwünschte Verbesserung von Oppositionalität zu erzielen.

    Was not tut, ist eine Art Wissenschaft, die von Fans betrieben wird, die prinzipiell für die Potentiale von Pop-Kultur empfänglich sind, aber frei genug, den gesellschaftlichen Zusammenhang nicht ausblenden zu müssen, in dem über und mit Pop Macht ausgeübt und Verhältnisse stabilisiert werden, die abzulehnen sind. Eine Wissenschaft, die freilegt und benennt, was passiert, wenn Pop produziert und konsumiert wird, die das eigene Fasziniertsein nicht ideologisch ausblendet, sondern heuristisch fruchtbar macht. Ich mache mir keine Illusion über die erwartbar gräßlichen Resultate, die entstehen würden, wenn man das Feld den klassischen Sozialwissenschaften überließe. Andererseits kann es nur besser werden. Der Ausgangspunkt der klassischen Birmingham School, „Cultural Studies“ als die durchaus sympathisierende Beobachtung von Massen-, Minderheiten- und Subkulturen, könnte heute in einer ebenso prinzipiell sympathisierenden Beobachtung von Pop II eine Fortsetzung finden. Pop befindet sich in Konkurrenz zu und ist durchlässig für einerseits (neue) Kunst und andererseits (Repräsentations-)Politik, ohne mit einem dieser klassischen Felder identisch zu sein. Als solches ist Pop II weder gut noch schlecht, aber gerade weil es für jeden zu haben ist, der damit Geld machen, die Stimme erheben oder im Falschen richtig leben will, sollten auch die vom Staat bezahlten Wissenschaften sich damit beschäftigen.

    Ist es also berechtigt gewesen, alles Pop zu nennen, war dies tatsächlich die große Neuheit? Zwar ist Pop als Pop II in alle öffentlichen Kommunikationsformen eingedrungen, aber noch immer in der Form der Tendenz, nicht als neue Totalität. Es gilt, sich mit dieser Tendenz in ihrem Verhältnis zu Pop I und der alten Öffentlichkeit auseinanderzusetzen und auf dieser neuen Ebene oppositionelle Effekte zu studieren und zu stärken. Allerdings geht das kaum von außerhalb. Was bleibt, ist wohl eh nur die Mitarbeit an Pop II: Nie war Bedeutungsproduktion so wichtig, als Rohstoff des Marktes wie als Ferment des Gesellschaftlichen – und damit im Prinzip auch einer neuen Politisierung zugänglich. Nie war sie gleichzeitig so unwichtig, so ersetzbar, so flüchtig, so resonanzlos.

    Unter Pop läuft neuerdings aber auch die Reduktion auf die vermeintlichen Fakten, das Postulat der Bild-Zeitung, wer etwas zu sagen habe, sage es in kurzen Sätzen – mit anderen Worten, die rechte Propaganda. Auch das leiht sich von früheren Pop-Modellen die Frechdachsigkeit, die fiese Frische und den Kommando-Ton. Dabei kann man natürlich nicht mitarbeiten.

    1. Tom Holert/Mark Terkessidis (Hg.), Mainstream der Minderheiten, Edition ID-Archiv, Berlin/Amsterdam 1996 ↩︎